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T2 Trainspotting Regie: Danny Boyle


GB 2017, Kinostart: 16. Februar 2017

Zu Beginn von „T2 Trainspotting“ betritt Mark Renton erstmals seit 20 Jahren sein altes Kinderzimmer. Sein Vater ist ein kraftloser alter Mann. Seine Mutter ist gestorben. Mark selbst war all die Jahre in Amsterdam untergetaucht. Jetzt ist er zurück in Edinburgh, 46 Jahre alt, steht kurz vor der Scheidung, sein Job soll wegrationalisiert werden und er klagt über Herzrhythmusbeschwerden. Er steht also im Kinderzimmer. Er flippt durch seine Platten, legt eine Scheibe auf. Als man den ersten Akkord hört, hebt er die Nadel abrupt wieder hoch. So weit ist er noch nicht. Noch kann er seine Vergangenheit nicht einfach wegtanzen. Dabei ist die in „T2“ allgegenwärtig. In Rentons Erinnerung. In Spuds Erzählungen. In Begbies Wut. In Sick Boys Rachegedanken. Und in der Erwartungshaltung des Publikums, das sich wieder so ein mitreißendes Kinoerlebnis wünscht wie 1996, als „Trainspotting“ davon kündete, dass Pop künftig Bestandteil des britischen Kinos sein würde.

Und die Nostalgie steht im Mittelpunkt der Vermarktung dieses Sequels, das in groben Zügen auf Irvine Welshs Roman „Porno“ von 2002 basiert, in dem der schottische Schriftsteller selbst schon neun Jahre nach Veröffentlichung von „Trainspotting“ die Geschichte des einstigen Junkies Rent Boy weitererzählt hatte. „T2“ wird durch die Erinnerung an den ersten Film verkauft. Regisseur Danny Boyle ist ein kluger Kopf, er weiß das. Aber er fällt nicht darauf herein. Er wagt den Balanceakt, die bestehende Erwartungshaltung zu bedienen und seine Bilder mit dem richtigen Maß an Wiedererkennung zu füllen.

Gleichzeitig benutzt er diesen Rahmen als Trojanisches Pferd, um sich den Überlegungen zu widmen, die ihn wirklich umtreiben. So bekommen wir die poppigen Bilderfolgen und den musikalischen Mix aus Oldies und zeitgenössischem Pop, den wir mit „Trainspotting“ assoziieren. Wir treffen die alten Bekannten und bekommen die knalligen Bilder, absurden Situationen und einen neuen „Choose life“-Rant. Und doch ist es ein anderer Film, als wir erwartet haben. Weil – auch das weiß Danny Boyle – sich das Gefühl von damals nicht reproduzieren lässt.

Nichts ist mehr klar und eindeutig

„T2“ ist kein nostalgischer Film, wie ihm von der britischen Presse vorgeworfen wird. Es ist ein Film über Nostalgie. Wie sie unser Leben beherrscht, wie sie uns in einer selektiven Vergangenheit festhält. Es ist ein Film darüber, warum eine ganze Generation sich weigert, erwachsen zu werden. In einem Schlüsselsatz des Films sagt jemand zu Renton: „Du bist ein Tourist in deiner eigenen Jugend.“ Darum geht es. Lieder werden wiederholt mittendrin abgebrochen und man hört nur ihren Nachhall. Immer wieder sieht man die Reflexion der älter gewordenen Gesichter in immer kleineren Spiegeln. Der Film ist eine Echokammer ist ein Spiegelkabinett ist eine Zeitmaschine. Seine Bilder spiegeln auf uns zurück: Wenn Renton an seine Jugend denkt, lässt er sein Publikum dasselbe tun. Die Erinnerung an den ersten Film, die damit evozierten Gefühle und Erlebnisse ergeben eine endlose Rückkoppelung. Wir blicken wir auf Dinge zurück? Was blenden wir aus? Was behalten wir?

Ewan McGregor (l.) und Jonny Lee Miller in „Trainspotting 2“.

An „Trainspotting“ erinnert man sich als wilden Ritt mit geiler Musik und schrillem Humor, aber nicht als den zutiefst traurigen Film, der er auch ist, das Porträt von Menschen, die ihr Leben für ein kurzes High wegpissen. Wenn Renton nun also zurückkehrt nach Leith und Sick Boy und dessen blutjunger bulgarischer Freundin hilft, einen Massageclub zu eröffnen, während Begbie aus dem Knast ausbricht und Spud entdeckt, dass das Niederschreiben seiner Erinnerungen ihm hilft, die Drogen endlich hinter sich zu lassen, dann spiegelt sich im Narrativ immer, was 20 Jahre früher geschehen ist. Nur dass alles schwieriger geworden ist und weniger aufregend und längst nicht mehr so klar und eindeutig.

„Lust For Life“ ist noch immer da

Wenn im Soundtrack des ersten Films Songs aus den Seventies anklangen (Lou Reed, Iggy Pop), dann weil sie unmittelbar die Existenz der Protagonisten wiedergaben. Wenn es „T2“ nun ebenso macht (Blondie, The Clash), hat das eine auffällige Beliebigkeit, die beschreibt, wie wir im Zeitalter von Spotify mit der Vergangenheit umgehen: Für jeden Moment eine eigene Playlist. All das verhandelt Boyle in seinem vielschichtigen Film, während er Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle und Ewen Bremner in ihre gezeichneten Gesichter blickt.

Gezeichnet von der Zeit, die vergangen ist, und der Vergangenheit, die nicht verarbeitet wurde. Erst in der letzten Szene kann Mark Renton doch noch in seinem Kinderzimmer die Platte auflegen. Und tanzen. Weil „Lust For Life“ zwar etwas anderes bedeutet, wenn man auf die 50 zugeht. Aber sie ist immer noch da.


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