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Rockstars, Entertainer, Sonnenschein: Hurricane 2013, Tag 3 – Nachbericht und Festival-Fotos vom Sonntag

Billy Corgan ist angepisst, heißt es. Der (Glatz-)Kopf der Smashing Pumpkins spielt nicht auf der Hauptbühne, der Green Stage, sondern auf der kleineren Blue Stage, und schlimmer noch: Seine Band wird im Line-Up erst in der dritten Reihe, nach den eigentlichen Headlinern, gelistet. Mehr Stress aber gab es kaum an einem sonst entspannten Sonntag in Scheeßel, dem dritten und finalen Tag des Hurricane, mit Auftritten von The Gaslight Anthem, Macklemore, Tyler, The Creator, Paul Kalkbrenner, den Queens Of The Stone Age, der Sonne und dem Vollmond.

Dass der Sonntag ein entspannter Finaltag mit lauter Entertainern werden würde, ahnt man spätestens beim Mittagsauftritt von „iGod“ Prinz Pi auf der roten Bühne. Macklemore legt danach auf der blauen Bühne den Auftritt des Festivals hin – sagt zumindest unser Fotograf Gerrit Stacewski. Dass Folkpunk-Poet Frank Turner wiederum auch ohne seine Band The Sleeping Souls ein toller Alleinunterhalter wäre, beweist er bei seinem „Auftritt Nummer 1412“. Der dauertourende Songwriter aus Südengland hat das Publikum sofort auf seiner Seite – mit Handclaps, Singalongs, Dancealongs, einer knuffig deutsch gesungenen Version von „Eulogy“, Hampelmännern im Refrain seiner Single „Recovery“ und der stets mitschwingenden Versicherung, dass dieses Konzert hier das beste ist, was Turner sich für sein Leben in diesem Moment vorstellen könnte. Bis zur nächsten Show.

Der harmonische Psych-Pop von Alt-J bietet im Direktvergleich ein Höchstmaß an Zurückhaltung, kraftvoll sind die Songs ihres letztjährigen Albums und eine Coverversion dennoch. Jimmy Eat World präsentieren auf der grünen großen Bühne ihr neues Album DAMAGED und neben „Lucky Denver Mint“ zu wenige Songs aus ihrer CLARITY-Zeit in den späten Neunzigern – der Zeit, die sie zu Szenehelden des Emo machte, bevor der Begriff ein Schimpfwort wurde und Jimmy Eat World mit BLEED AMERICAN den Powerpoprock endgültig für sich entdeckten. Die anschließenden Punkrock-Legenden NOFX hingegen haben von alten Hits wie „Don’t Call Me White“ und Fat Mikes Sprüchen genug auf Lager – ein gewohnt souveräner Auftritt wie eine Bank und eine Zeitreise. Fans des Two Door Cinema Club aber müssen wie fast jeder Zuschauer, der an diesem Wochenende bei Auftritten auf der blauen Bühne nicht in den ersten Reihen stand, mit Verständnisproblemen zu kämpfen – der Sound ist einfach zu leise und vom Winde verweht.

Kooperation

Wie gut, dass Billy Corgan davon hinter den Monitoren nichts mitzukriegen scheint – dreimal fällt während des Sets der Smashing Pumpkins der Sound komplett aus. Jeweils nur für rund 20 Sekunden, aber das wäre, so scheint es, genug gewesen, den guten Billy vollends in Rage zu bringen. Auf den Leinwänden sieht man, wie er zu seiner neuen Bassistin Worte sagt, die auf seinen Lippen wie „That sucks“ aussehen. Er hätte damit tatsächlich die Größe des Publikums meinen können, von der andere Bands noch immer nur träumen können, die an die Erfolge der Pumpkins in den Neunzigern aber nicht mehr rankommt. Dass gute Rockmusik zeitlos ist, beweisen er und seine neue Band – außer Egozentriker Corgan selbst ist von den Gründungsmitgliedern der Pumpkins längst keiner mehr übrig geblieben – dennoch. Von ihrer Strahlkraft haben Hits wie „Tonight, Tonight“, „Disarm“ und „Bullet With Butterfly Wings“ nichts verloren. Das scheint auch Corgan zu merken, der sich während Zeilen wie „despite all my rage I am still just a rat in a cage“ und „god is empty, just like me“ ein Grinsen nicht verkneifen kann – vielleicht freut er sich aber bloß über den doppelten Regenbogen am Horizont. Dann intoniert er „Space Oddity“ von David Bowie, lässt seine Profi-Musiker das ein oder andere Profi-Soli spielen und verabschiedet sich salutierend mit den Worten: „Bless you, and bless America“.

Auf der grünen Bühne spielen derweil The Gaslight Anthem gutgelaunt ihren Stiefel runter, Hits haben die Punkbluesrocker aus New Jersey (die dort mutmaßlich zwischen Springsteen und Bon Jovi wohnen) ja vier Alben lang genug geschrieben. Paul Kalkbrenner wiederum hat mit Rockmusik ja denkbar wenig am Hut – umso erstaunlicher, wie gut sein Set auf einem Festival wie dem Hurricane 2013 funktioniert. Das Publikum suhlt sich nicht mehr im Schlamm, sondern Feierabend-Trance, und selbst die Securities geben sich so ausgelassen, wie sie es auf anderen Festivals selten sind.  Und auch Josh Homme genießt den Sonntagabend.

„Ein Typ hinter der Bühne warnte mich: Es ist Sonntagabend, Ihr seid alle müde und wollt nach Hause. ‚Fuck you‘, sagte ich, ’sehen wir mal was passiert'“, erzählt Josh Homme, während er sich längst sicher sein kann, dass der Headliner-Auftritt seiner Queens Of The Stone Age ein guter werden würde. Homme hat zwar keinen der Gaststars des neuen Albums …LIKE CLOCKWORK im Schlepptau, dafür aber neben neuen Songs, den dazugehörigen blutigen Comicvideos, Testosteron und Sexappeal („I’d fuck every last one of you!“) viele alte Rockhits wie „Feel God Hit Of The Summer“, „No One Knows“ und „Little Sister“. Deren Zeitlosigkeit ist in ihrer Darbietung noch beeindruckender als die der Kompositionen Billy Corgans, und die Akzeptanz des Publikums entsprechend auch. „Hey, Security! Die Lady darf auf den Schultern sitzen. Jeder darf das!“, weist Homme das Sicherheitspersonal an, die sich dem Headliner-Hünen lieber nicht widersetzen „Let’s tear this place up“, ruft Homme hinterher, und alle Dämme brechen, Crowdsurfing inklusive. Das war bis hierhin während sämtlichen Shows auf dem Hurricane Festival 2013 verboten, bei Mißachtung wäre man 24 Stunden des Bühnengeländes verwiesen worden. Aber wen interessiert das schon noch Sonntagabend. Homme und seine Männer genießen die Nacht („Look at that fuckin‘ moon. What a night.“). Und soviel Euphorie hätte Billy Corgan bestimmt auch gefallen.

„Auf Wiedersehen“ wünscht die Gemeinde Scheeßel ihren Besuchern bei der Ortsausfahrt. Dieses Jahr waren es rund 100.000 Menschen – eine Großstadt zu Besuch in Niedersachsen. Auf Wiedersehen: beim Hurricane 2014.


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