Roy Orbison: Mystery Man


Wie so oft: Erst mit dem Tod kam der Erfolg zurück. Doch obwohl Ihn das Schicksal arg beutelte, kamen nie Klagen über seine Lippen. Teddy Hoersch traf den Meister der Melancholie kurz vor seinem Tod.

Da hatte er sich gerade berappelt, hatte die lange unterbrochene LP-Karriere wieder aufgenommen, hatte mit den Traveling Wilburies ein Album-Highlight gesetzt und wurde von Zeitgenossen wie Springsteen in den höchsten Tönen gelobt. Und just in diesem Moment machte ihm der Sensemann einen endgültigen Strich durch die Rechnung: Roy Kelton Orbison erlag am 6. Dezember 1988, gerade 52 Jahre alt, einem Herzversagen.

Fast typisch. Denn Fortuna hat es nie sonderlich gut gemeint mit diesem Einzelgänger. Sein privates Schicksal war genauso dunkel wie die Brillengläser, die er trug. Seine erste Frau Claudette kam 1966 bei einem Motorradunfall ums Leben. Zwei seiner Söhne starben 1968 in den Flammen, als Orbison Haus in Nashville abbrandte. Obwohl in zweiter Ehe glücklich verheiratet mit seiner deutschstämmigen Frau Barbara, entwickelte sich eine erschreckende Deckungsgleichheit zwischen den privaten Schicksalsschlägen und seinen düsteren Songs.

Beim Interview wirkt er so sanft und bescheiden, wie man es von ihm erwartet. Da sind die dunklen Brillengläser, die schwarze Montur. Die einst gelgefestigte Tolle hat einem rabenschwarzen Haarteil Platz machen müssen. Orbison spricht mit leiser, sanfter Stimme, die den schleppenden Südstaaten-Akzent nicht verheimlicht. Zitate, die seine legendäre Rolle im Rock’n’Roll beschreiben („Orbison stood head and shoulders above his contemporaries…“), verunsichern ihn. Er lacht, fast gequält. „Das ist sehr nett. Sehr gewagt… Wenn das wirklich wahr ist, dann bin ich gesegnet mit Talent.“

Ein großer Selbstdarsteller war er nie. Auf Verehrung und Bewunderung reagierte er wie eine Schildkröte auf Berührung: Er zog sich zurück. Daß Springsteen ihn in seiner Rede zur Aufnahme in die „Hall Of Fame“ über den Klee lobte, ihm auf Born To Run seine Referenz erwies, verdreht er gleich wieder ins Gegenteil: Er bedankt sich für das Lob des „größten lebenden Rock-Entertainers“.

Blenden wir zurück ins Jahr 1956. Zwei Orbison-Freunde – Johnny Cash und Pat Boone – verhelfen dem 20jährigen zum Karrierestart bei Sun Records, wo auch König Elvis seine ersten Meriten verbuchte. Sun Records-Chef Sam Phillips hört „Ooby Dooby“, eine für Orbison untypisch flotte Nummer, und verpflichtet den aus dem Country-Lager kommenden Jungen.

Eine kluge Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Denn Anfang der 60er sang sich Roy mit romantisch-paranoiden Songs wie „Only the Lonely“, „Running Scared“ und „Crying“ in die Liga der Hit-Klassiker. Im Gegensatz zu optimistischeren Zeitgenossen war Orbison der Barde der Einsamkeit, zu dessen operettenhaften Balladen man sich genüßlich die Liebeswunden lecken konnte. „Seine Songs“ – so Springsteen – „waren immer am besten, wenn man allein in der Dunkelheit war“.

Daß er mit seinen traurigen Minnegesängen immer an der Knautschzone des Kitsches vorbeikam, verdankt er einer teuer bezahlten Tatsache: Es war echter Schmerz, der sein Falsett hoch- und die dramatischen Songfinale antrieb.

Daß er jedoch nur mit Trauerflor in der begabten Stimme hinters Mikrofon trat und den Faltenwurf des sentimentalen Gefühls perfektionierte, hält Orbison für eine Verkürzung. „Okay, es fing mit ‚Only The Lonely‘ so richtig an, aber ich habe auch positive Themen behandelt. Ich glaube, es hielt sich die Waage: die eine Hälfte traurig-melancholische, die andere gutgelaunte Songs.. .“

Bedingt durch die privaten Tragödien erlebte Orbison in den späten 60ern einen Karriereknick. Mit seinem konservativen Rock-Verständnis und der Weigerung, trendabhängige Experimente durchzuführen, wurde er zu einer lebenden Legende. „Meine Karriere“, sagt er, „lief immer auf drei Schienen: Bühne, Studio, Songwriting. Gut, in punkto Studio gab es eine fast fünfjährige Pause. Aber mit Hilfe von Steve Cropper und T-Bone Burnett bin ich wieder auf dem besten Weg, ein gutes Album aufzunehmen.“

Wie man inzwischen weiß, wurde dem Grandseigneur der Rock-Romantik noch mehr illustre Hilfe zuteil: Bono steuerte „She’s A Mystery To Me“ bei, und Elvis Costello lieferte „Comedian“ ab. Die Wilburys Jeff Lynne und Tom Petty halfen ebenfalls beim Comeback. Orbison genoß seinen zweiten Frühling: „Als ich mit 24 meinen ersten Hit hatte, galt ich als alt. Dabei war ich ein Jahr jünger als Elvis Presley! Es gibt immer weniger Kollegen, die von Anfang an dabei waren. Daß man heute mit 51 noch Rock’n’Roll singen kann, beweist, daß die Musik gut genug ist zu überdauern. „