„Man kann ja keine Menschen schlagen“: Sleaford Mods im ME-Gespräch
Wenn Frontmann Jason Williamson aufdreht, wird es heftig. Seine Wut trifft diesmal MAGA, Social Media, Andrew Tate.
Ende 2023 erlebten Sleaford Mods nach einem Auftritt in Madrid unerwartete Ablehnung. Für Frontmann Jason Williamson war es der Schlüsselmoment, an dem Selbstzweifel und Wut herausbrachen. Knapp zwei Jahre später veröffentlicht das Duo aus Nottingham sein dreizehntes Album, THE DEMISE OF PLANET X. Nachdem auf dem Vorgänger UK GRIM mit Großbritannien abgerechnet worden war, ist jetzt die ganze Welt dran: MAGA, Social Media, Andrew Tate, zimmergleich klingende Postpunkbands. Und vor allem: der gnadenlos kritische Blick gegen sich selbst und die eigenen Schwächen.
Es ist einer dieser sonnigen Spätherbsttage in Berlin, in denen die Stadt so tut, als würde sie nicht für die nächsten Monate in einem endlosen Grau versinken. Jason Williamson sitzt im T-Shirt in einem riesigen, stylish-seelenlosen Apartment in Mitte, an einem weißen Tisch in einer lichtdurchfluteten Wohnküche, die nicht so recht zu seinem Midlands-Akzent und seinen volltätowierten Armen passen will, sondern eher zu glatt polierter Kosmetikwerbung. Aber vielleicht gibt es in dieser postmodernen Welt auch keinen Unterschied mehr zwischen dem einen und dem anderen. Würden vielleicht seine Kritiker:innen so unterschreiben – um die es in unserem Gespräch immer wieder gehen wird.
Na, wie geht es dir vor der Veröffentlichung eures dreizehnten (!) Albums?
JASON WILLIAMSON: Gut. Sehr gut. Ich kann’s nicht ganz glauben.
Was ist daran unglaublich? Habt ihr mittlerweile keine Routine, nach dreizehn Alben?
Ja, doch, haben wir. Aber ich glaube immer, dass es schiefgeht oder nicht funktioniert. Dass ich keine Ideen mehr habe. Und bis zum letzten Moment hast du dich selbst davon überzeugt, dass du gar keine Einfälle mehr hast. Und dann kommen sie.
Spricht da etwa das Imposter-Syndrom?
Insbesondere im Punk kann man das Gefühl bekommen, nicht mehr relevant zu sein.
Oh je, fühlst du dich irrelevant?
Jeden Tag. Und ich ignoriere es. Weil ich offensichtlich noch relevant bin. Ich denke an nichts anderes als an das, was ich mache, ich ziehe daraus meine Energie. Und ich denke konstant darüber nach, was für Regeln ich brechen kann, wie ich Kritik ignorieren kann.
Du möchtest also Menschen wie mich ignorieren. Okay, kann ich nachvollziehen. Aber ihr habt diesmal etwas anders am Album gearbeitet als früher, stimmt das?
(lacht) Ja, tatsächlich war es eine große Veränderung. Zuerst einmal: Wir hatten ein ganzes Jahr länger Zeit, um am Album zu arbeiten. Es war diesmal nicht so einfach, weil ich mein Selbstvertrauen verloren hatte. Und ich habe angefangen, mich selbst zu hinterfragen. Meine Rolle in der Musiklandschaft, von der ich mich abgelehnt gefühlt habe. Im Punk, aufgrund von Kritik darüber, woran wir glauben und woran wir nicht glauben, wo wir stehen und wie erfolgreich wir sind.
Ihr könnt keine Punks sein, weil ihr mittlerweile davon leben könnt. Das gehört sich ja nicht.
Ja, all das. Und wie wir auf das Weltgeschehen reagiert haben. Das hat mir ein wenig mein Selbstvertrauen genommen. Ich habe mich deplatziert gefühlt und von meiner eigenen Community ignoriert.
Ich nehme an, du spielst auf die Situation mit der palästinensischen Fahne bei einem Konzert in Madrid Ende 2023 an, die jemand aus dem Publikum immer wieder auf die Bühne geworfen hat. Ihr seid nach einem Statement gegen Krieg von der Bühne gegangen, weil eurer Aussage nach die Störungen weiter anhielten. Ihr wurdet danach allerdings kritisiert.
Das, und alles, was daraufhin folgte. Ich habe gesehen, wie Menschen die gleichen Strategien anwandten wie wir vor zehn Jahren, indem man andere kritisiert, ihnen vorwirft, nicht so Punk zu sein wie man selbst. Ich habe mich für dieses Verhalten geschämt und begriffen, dass ich nicht der große kritische Theoretiker und Philosoph war, für den ich mich hielt.
Du warst einfach nur jung und arrogant, wie wir es alle irgendwann mal waren.
Das waren all diese Dinge, die mir mein Ego geflüstert hat. Na ja, jedenfalls reißt man sich dann wieder zusammen irgendwann und denkt darüber nach. Irgendwann habe ich wieder angefangen, an mich zu glauben und war wieder begeistert von der Musik und nicht vom ganzen Lärm um mich herum.
Wie hast du das hinbekommen?
Mich daran zu erinnern, warum wir das überhaupt gemacht haben. Und wir haben im Januar allein zwanzig Songs aufgenommen. Fünf von den Demos haben wir für das Album genommen, der Rest war nicht so richtig gut. Und ich habe Andrew gesagt, dass wir zusammen aufnehmen müssen, dass er mit mir gemeinsam produzieren muss. Mein eigenes Skillset ist limitiert. Ich habe ihm manchmal einfach nur krude Sprachnachrichten geschickt mit aufgenommener Akustikgitarre und er hat die Skizze in etwas völlig anderes verwandelt. Es hat mich an Northern Soul erinnert, an Wu-Tang Clan, ich habe angefangen, alte Ska-Platten zu hören, das zweite Specials-Album, so etwas. Und damit ist die zweite Runde Demos entstanden, in den Abbey Road Studios …
Die legendären in London, wo auch schon die Beatles aufnahmen …
Und ich habe die Aufnahmen jede Nacht ins Hotel mitgenommen und habe dazu im Hotelzimmer getanzt. Es hat sich richtig angefühlt, es hat sich so angefühlt, als ob das wirklich funktionieren könnte. Und es hat mich und Andrew noch näher zusammengebracht. Wir hatten das ganze Jahr über nur zwei Auftritte, einer für einen guten Zweck, für die Organisation „War Child“, und der andere auf einem Festival. Da hat er sich betrunken und gesagt, dass er glaubt, dass wir wirklich etwas Neues erreichen können mit dieser Art zusammenzuarbeiten. Das war fantastisch – ich weiß, dass das Album funktioniert. Aber zu hören, wie er es sagt, war wirklich wichtig für mich. Ich weiß jetzt, dass wir da auf der gleichen Seite stehen.
Ein richtiges Klischee aber, ein Mann, der sich betrinken muss, um etwas Emotionales zu sagen.
Weißt du, er redet halt nicht. Nie.
Also ist das nicht nur eure Bühnenperformance, dass er hinter dem Computer steht, still bleibt und sich ein paar Bier reinzieht?
Nein! Er zeigt seine Emotionen nicht so oft.
Ihr wart zum ersten Mal in einem anderen Studio, und dann gleich in den Abbey Road Studios.
Nicht zum ersten Mal, aber wir haben nie viel gebraucht. Und wir waren an dem Punkt angelangt, dass wir woanders als in Nottingham sein mussten. Auch wenn wir das meiste, was da rumstand, gar nicht gebraucht haben. Es ging uns nur darum, woanders aufzumachen. Alles drumherum, Abbey Road, diese poshe Gegend, in der das liegt.
So posh. Aber Veränderung ist ja immer gut, um herauszufinden, wer man selbst ist. Also: Was bleibt von Sleaford Mods, wenn sie sich verändern?
Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Das Album ist manchmal für mich fast schon unangenehm zu hören. Weil es vielleicht ein bisschen zu sehr in andere Richtungen wächst? Beim Song „Flood The Zone“, ist das zu viel? Hätte ich mehr Vocals von unserem Featuregast Liam Bailey benutzen sollen? Ist es zu unfertig? Ist es zu klischeehaft, über MAGA zu schreiben? Habe ich es geschafft, darüber auf eine nicht so klischeehafte Art zu schreiben? All diese Sachen beschäftigen mich, aber gleichzeitig höre ich es mir wieder an und finde es richtig gut. Und das restliche Album … einiges klingt für mich poppig, fast schon zu glatt, wie der Song „Don Draper“. Die Musik ist furchtbar, aber es funktioniert. Genauso „Double Diamond“.
Ich würde es jetzt nicht furchtbar nennen, aber es klingt glatter. Was zu den Texten passt – die Figur Don Draper war ja auch ein aalglatter Typ in der Serie „Mad Men“. In dem Song machst du dich auch ein bisschen über andere Musiker:innen lustig, oder?
Ich war es leid, den immer gleichen Sound von all diesen Postpunk-Bands zu hören. Es ist dauernd dasselbe, oder?
Auf dem letzten Album ging es direkt um die politische Situation in Großbritannien. Diesmal, schon allein im Titel THE DEMISE OF PLANET X, aber auch mit den Texten über die USA zum Beispiel, geht es direkt um die ganze Welt. Woher kommt das? Glaubst du wirklich, dass alles vor die Hunde geht und wir verloren sind? Oder hat das eher mit euren Erfahrungen nach der Sache in Madrid vor zwei Jahren zu tun?
Eine Kombination aus beidem. Diese Erfahrung vor zwei Jahren … Ich will uns da nicht in den Mittelpunkt stellen. Es ist riesig und schlimm. Wenn uns heute jemand danach fragt, würde ich sagen: „Schau dir an, was wir danach gemacht haben.“ Wir haben versucht zu helfen, Spenden zu sammeln. Versucht zu verstehen. Und währenddessen Leute, die sich streiten, obwohl sie alle die gleichen Überzeugungen haben. Es ist kein Streit zwischen links und rechts, es ist ein Streit der Linken untereinander, und die Rechten gehen einfach weg und polieren ihr Auto. Und dann gibt es so was wie MAGA – es ist nicht so, dass ich Donald Trump hasse. Und wenn man ihn über Weltpolitik reden hört, ist es, als würde man seinem Vater zuhören, wie er über das Weihnachtsgeschenk spricht, das er gerade ausgepackt hat.
Also ist das der Soundtrack für uns alle, während wir auf die Apokalypse zutanzen?
Oh nein, die Apokalypse hat längst stattgefunden. Das war COVID, das war der Beginn eines weiteren globalen Kriegs mit der Invasion der Ukraine und dem 7. Oktober und all die Zerstörung, die seither passiert ist. Wir bewegen uns durch diese kaputte Welt, nur sieht es so aus, als ob sich nicht viel verändert hat. Vielleicht, weil der Westen noch halbwegs geschützt ist vor den Konsequenzen. Außer Polen. Und ihr hier in Berlin. Ihr seid sehr nah an der Gefechtszone dran.
Ja, darüber denkt man nicht so nach.
Es ist, als würden wir parallel dazu leben, aber eben nicht ganz entspannt. Wir erleben einen Krieg, aber auch nicht wirklich. Es fühlt sich an, als ob wir das Ende erleben, sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr. Und „Planet X“ ist eine Verschwörungstheorie, dass ein anderer Planet in den Orbit der Erde käme und zwar nicht einschlage, aber nah genug kommen würde, um massiv unsere Atmosphäre zu stören. Und manchmal fühlt es sich an, als ob das schon passiert sein könnte. Es ist ein kleines Spielchen mit diesem Verschwörungsglauben. Ich bin noch nicht ganz durchgestiegen, was ich damit meine. Und „Demise of Planet X“ war eine Zeile im Song „Chop Chop Chop“ von 2009. Das zu benutzen, hat sich für mich passend angefühlt, weil ich mich so redundant gefühlt habe, so voller Hass und Ablehnung.
Und wie bist du all diesen Hass losgeworden?
Durch Therapie. Es sind jetzt zwölf Jahre. Aber es zeigen sich immer wieder neue Herausforderungen. Zum Beispiel Kritik und warum sie mich so beschäftigt.
Hat die Musik dabei geholfen, loszulassen?
Na ja, ja. Es hat geholfen. Man kann ja keine Menschen schlagen, man wird verhaftet. Also musste ich darüber hinwegkommen. Weil, meine Antwort früher auf Kritik war es, die Person zu schlagen. Und was passiert dann? Wahrscheinlich schlägt die Person noch härter zurück. Und wenn nicht, dann ist sie sauer. Und irgendwann rächt sich das, in einem Monat, in zwei Jahren, irgendwann. Daran muss man denken. Und auch öffentliches Kritisieren anderer Leute. Warum habe ich das gemacht? Ich habe einen eigenen kleinen Geschmack davon bekommen, wie sich das anfühlt und das hat mir die Augen geöffnet. Also lerne ich jetzt, Menschen zu kritisieren, aber auch zu wissen, wann Schluss ist.
Oha. Ein „changed man“ also.
Nein … Also, vielleicht ein bisschen. Ich musste erwachsen werden. Ich musste. Ich konnte nicht weiter dieser Mensch sein, denn es hat mich wirklich verletzt, als andere genau das taten, was ich immer getan habe. Es war wohl ein Schluck von meiner eigenen Medizin.
Ich glaube ja, mehr Leute sollten mal einen Moment des Ego-Tods erleben. Bisschen Demut lernen.
Oh, das lerne ich jetzt erst. Ich habe eine Weile gebraucht, meinen Ego-Tod zu akzeptieren. Und Demut ist auch eine völlig neue Erfahrung. Und glücklich zu sein, sich nicht mehr für seinen eigenen Erfolg schuldig fühlen.
Hast du dich schuldig gefühlt über euren Erfolg?
Ja, lange. Aber jetzt nicht mehr. Ich kann es annehmen und glaube nicht mehr, dass da irgendetwas dran verkehrt ist. Man kann demütig sein und trotzdem einen Porsche fahren.
Fährst du jetzt etwa Porsche?
Ja. Ich liebe es. Wasche ihn einmal im Monat.
Wie bleibt man denn in einem Porsche demütig?
Es hat dreißig Jahre gedauert. Dreißig Jahre Hölle und dreißig Jahre, in denen ich mir gesagt habe, dass ich nie ein prätentiöser Idiot werden möchte, wenn ich es endlich schaffe. Und jetzt glaube ich nicht, dass ich es geworden bin. Also vielleicht manchmal, aber das ist okay.
Straight outta Nottingham: Mehr über Sleaford Mods
Seit 2007 gibt es schon die Sleaford Mods, bis 2012 stand Jason Williamson noch mit Simon Parfrement auf der Bühne, seit 2012 besteht das Duo aus Williamson und Andrew Fearn. Mindestens alle zwei Jahre erschienen seitdem Alben, teilweise sogar jährlich. Der Stil: unverwechselbar. Lo-Fi-Drumbeats und hämmernder Bass, darüber rappt, jault, deklamiert Williamson extrem wütende, desillusionierte Texte über Austerität, Verwahrlosung und die allgemeine Beschissenheit der Dinge. 2017 erschien der Dokumentarfilm „Bunch of Kunst“ über die Band und ihren ehemaligen Manager, einen befreundeten Busfahrer. Darin sahen wir den Aufstieg der Band von absolutem DIY-Underground über ihren Durchbruch 2015 mit dem Album KEY MARKETS und ihren Wechsel zum Label Rough Trade. THE DEMISE OF PLANET X ist ihr dreizehntes Studioalbum, zahlreiche EPs, Compilations und ein Livealbum aus Berlin nicht miteingerechnet.







