So war’s im Konfetti-Regen bei Arcade Fire in Berlin


Die Antwort ist Energie. Die Antwort auf die Frage, warum Arcade Fire momentan die wohl größte Indie-Rock-Band der Gegenwart sind. In einer Spiegelkabinett-Gala ließen sie am Mittwochabend die Berliner Wuhlheide mit offenem Mund zurück.

Arcade Fire sind der Zirkus Roncalli unter den Rockbands, und das nicht nur dank gezielter optischer Effekte: Frontmann Win Butler, der von Show zu Show mehr zum Charismatiker aufsteigt, bekreuzigt sich schon nach dem Opener „Reflektor“. Mit unvergleichlicher Energie und Lust preschen sie anschließend durch die Perlen ihrer vier Alben. Die Hits von FUNERAL und NEON BIBLE gleichzeitig schwermütig und lebensbejahend, sind die wenigen Momente, auf denen Glitzerstaub fehlt, entwickeln aber trotzdem eine stille Sogkraft.

Was jedoch früh auffällt: „Neighborhood #3“ und „Rebellion (Lies)“, ewige Klassiker und oft Herzstücke ekstatischer Arcade-Fire-Shows, werden zu Überbrückern degradiert. Vielleicht gar nicht so falsch, denn die Melancholie des frühen Materials lässt sich nicht einfach auf die „neue“ Glam-Band transferieren, dementsprechend fungieren die neuen Songs auch als frühe Höhepunkte: „Joan of Arc“ mit kakophonischem Intro und Régine Chassagnes Bridge in Französisch oder ausgerechnet „Flashbulb Eyes“ – auf dem Album gern übersehener Lückenfüller, live jedoch eine Wucht. Während Butler „What if the camera really do take your soul?“ singt, schießt er noch lässig ein Selfie mit Publikum, auf das die sozialen Netzwerke gewartet haben.

Der Arcade-Fire’sche Budenzauber macht was her: Win Butler ist arty mit Gesichtsbemalung, Régine im Sinus-Kosinus-Saturnringkleid, die anderen Bandmitglieder in Glitzerfummelblusen – Stil ist nebensächlich, Hauptsache, es schimmert. So ergeht es auch der Performance: kaum ein Song ohne Gimmick. Der Hintergrund ist ein Kaleidoskop, mal eine psychedelische Regenbogenleinwand, mal ein Vorgang aus Spiegelscherben am Schnürchen. Gerade die zweite Mini-Bühne in der Mitte der Wuhlheide wird zur Kirmes umfunktioniert. Bei „It’s Never Over (Hey Orpheus)“ schmachtet Régine Chassagne dort als Eurydike mit Glitzerkopfhörern ihrem fernen Orpheus a.k.a. Win Butler an, bei „Supersymmetry“ hantiert sie bedeutungsschwer mit zwei Spiegeln, bei „We Exist“ schlängelt eine Tanztruppe in Skelett-Suits ihre Körper. Ein fleischgewordener Reflektor im Astronautenanzug mit Spiegelbesatz, der die kanadische Kapelle willkommen hieß, taucht später noch einmal zum geheimnisvollen Ausdruckstanz auf.

„Here Comes The Night Time“ singen Arcade Fire auf ihrem aktuellen Album REFLEKTOR, doch die ließ sich am gestrigen Abend Zeit: Selbst bei den letzten Tönen von „Wake Up“ schien noch immer die Abendsonne, was der Voodoo-Disco-Gala etwas das Mystische nahm. Trotzdem: Sie glänzen in dem, was sie tun und das wissen sie auch. Ob sie ihrem Spiegelbild verfallen?

Die Zugabe gibt die Band als „The Reflektors“ mit inzwischen legendären Bobblehead-Köpfen (diesmal ohne Papst): „Komm, gib mir deine Hand“, eine der beiden deutschsprachigen Beatles-Singles. Aber Arcade Fire lassen sich nicht von maskierten Beatles ausstechen. Win spielt den Erzürnten und kämpft mit „Normal Person“ dagegen an: ein Triumph. Finale. Bei „Here Comes The Night Time“ ist die Welt ein bunter Regen aus Luftschlangen und Konfettistreifen.