Southside Festival 2013, Tag 1 – nur Fliegen ist schöner

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„Crowdsurfen = 24 Stunden keine Bands“, geben die Southside-Veranstalter über die Info-Screens beim Festival bekannt. Am Freitag wollte noch niemand diese Sanktion in Kauf nehmen, zumal sich die Fans den Adrenalin-Kick auch neben den Bühnen entweder beim Bungee-Jumping holen konnten oder am Promo-Stand eines Möbelhauses sogar ohne Seil aus schwindelnden Höhen in die Tiefe werfen.

Außerdem wäre es an diesem Tag auch wirklich jammerschade um die Bands gewesen. Schließlich standen wirklich großartige Acts auf dem Time-Table, der die Zuschauer oft vor schwierige Entscheidungen stellte. Alt-J oder Archive? Queens Of The Stone Age oder The Smashing Pumpkins? Allein beim Planen kriegt man Stress-Pusteln.  Doch eins nach dem anderen:

Bei der Eröffnung der Red Stage gibt es mit der ME-Radar-Band Peace ein Ramone-Déjà-vu. Die Haare klatschen Harry „Harrison“ Koisser und Konsorten ins Gesicht und bleiben trotz Schweinehitze auf und vor der Zeltbühne auch da kleben. Samuel Koisser gibt den Johnny Ramone – oder Joey Ramone. Insgesamt geht alles aber mehr in Richtung Luke Pritchard’scher Gesangskunst, nicht zuletzt wegen der charmant-britischen Attitüde.

Als wäre die Menge nicht ob der angestauen Luft nicht schon genug angeheizt, hilft das Rock-Röhren-Duo um Deap Vally mit rougher Vintage-Seele und reichlich nackter Haut nebenan im White Tent noch einmal nach. Der recht simple Rockentwurf mit haufenweisen schreddernden Powerchords funktioniert, wenn es dann seitens Lindysey Troy in „Baby, I Call Hell“ die Frage „Baby, Do You Love me“  schrillt, sind sich nicht nur die Herren der Schöpfung sicher: Ja, tun wir. Baby.

Gediegender, aber dennoch rebellisch ging es dann bei Frank Turner und seinem Mitbringsel The Sleeping Souls zu. So kann der Zuhörer gerne mal den blasphemischen Super-Typen mimen, wenn „Glory Halleluja“ zum von der Akustik-Klampfe getragenen Anti-Bibel-Kreis lädt: „There is no God, so clap your hands together“. Tun wir alle. Und weil das so lustig ist, verzeihen wir auch mal die ausgelutschte In-Die-Knie-Gehen-Nummer, um dann auf Kommando hochzuspringen.

Bei Alt-J hüpfen die verzückten, meist weiblichen Fans auch ohne Sänger-Anweisungen. „Mathilda“ und „Fitzpleasure“ wechseln sich sowieso seit geraumer Zeit in der Top-Ten-Liste eigener Dauerohrwürmer und Lieblingssongs ab. Es ist mehr als spannend, sich das fantastische Gemenge aus Elektro-Gedöns, A-Capella-Gesängen und Indie-Pop mal live anzusehen. Denn irgendwie erwartet man bei Joe Newmanns näselndem Gesang, der sich so schön mit den inakkuraten Bassgewummer beißt, einen Brille tragenden Geek, der sich hinter seinem Klangcomputer vergräbt und dessen Sound nur auf CD funktioniert. Weit gefehlt. Der muskelbepackte Newmann steht mit süffisantem Grinsen in der Mitte der Bühne und bläst die Menge mit Interpretation von Synth-Pop um.

Das Southside war nun also in Tanzlaune, und so haben es Two Door Cinema Club, The Gaslight Anthem und FM Belfast nicht mehr allzu schwer. Mit rotem Schopf und grünem Sacko sieht Alex Trimble von Two Door Cinema Club aus wie eine äußerst vornehme Variante eines Kobolds. Die sind ja bekanntlich ziemlich gut drauf, und so hat er sämtliche Anwesenden in der Sekunde in seinen Bann gezogen, in der er „Undercover Martyn“ anstimmt.

Im Anschluss entschuldigt sich Passenger vorsichtshalber, dass er die Party-Stimmung mit seinem „depressiven Folk-Rock“ wieder etwas nach unten ziehen müsse. Ein Großteil der Gäste lässt sich aber von seinen traurigen Klängen nicht beeindrucken, zumal sie das Set mangels Platz im Zelt ohnehin draußen bei Sonnenschein und „Public Viewing“ mitverfolgen.

Zum Ende hin erweist sich das Lineup als kleines Miststück. Gegen 23 Uhr überschneiden sich The Smashing Pumpkins und Queens Of The Stone Age.
Zum Glück fangen Billy Corgan und seine Bandkollegen ein wenig früher an. Und da steht der Sänger, dessen T-Shirt ein wenig über seinem beachtliches Bäuchlein spannt, blickt mit geneigtem Kopf und kühler Miene von der Bühne und es passiert – nichts. Nun gut, sie spielen „Tarantula“, aber auch die harsche Gitarre will den Funken einfach nicht ins Publikum schleudern. Im Hintergrund werden Retro-Kreisel eingeblendet, die die Menge paralyisert. Und während ein paar Vereinzelte schon zu den Queens schauen, um am Ende das Fazit abzugeben, dass der Auftritt der Smashing Pumpkins ein wenig angestaubt war, hauen diese auf einmal das volle Programm raus: Exzessive Gitarren- und Schlagzeugsoli begleitet von dem zu gleich elektrisierenden und schockierenden Metall-artigen Gekreische von dem Altmeister himself.

Kaum zu glauben, dass es bei Queens Of The Stone Age danach sogar ein wenig ruhiger zugeht. Nach kunstvoll eingespieltem Zerbrechen einer Fensterscheibe auf dem LED-Panel im Hintergrund, betritt ein in einen schwarzen und bodenlagen Mantel gehüllter Josh Homme die Bühne. Auch hier wird nicht gelächelt. Das würde aber auch den Effekt versauen. Den Auftakt gibt die Hommage an sämtliche Drogen dieser Welt: „Medication“. Und weil das ein Festival-Gig ist, wird er zu einem Best Of der Band. Weder „No One Knows“, noch „Little Sister“ oder “Songs For The Dead” fehlen, Letzterer schlicht von Homme mit dem Satz „I love you till death“ eingeleitet. Ein paar neue Sachen aus „…Like Clockwork” haben die Queens auch im Gepäck.

Bei „The Vampyre Of Time And Memory” begibt sich Homme höchstpersönlich ans Piano und deprimiert gekonnt dahin. Aber auch die Horrorshow im Hintergrund, die allerlei Geschichten über Mumien, mordende Krähen und dergleichen Gruseliges zeigt, täuscht irgendwie nicht darüber hinweg, dass die Königinnen ein Problem mit der Soundanlage haben. Statt der geliebten Ecken und Kanten in den Titeln wird ein gleichförmiges Gemenge aus Gitarre, Drums und Hommes eigentlich einzigartig markanter Stimme serviert.

Zum Abschluss steht dann noch der nimmermüde Paul Kalkbrenner auf der Bühne. Aufgekratzt wie meistens und mit Unterstützung der Visual-Großmeister von der Pfadfinderei schließt er den Abend ab und zaubert auch dem letzten, müden Gast noch ein glückseliges Lächeln auf die Lippen – wobei, das könnte auch am exzessiven Bierkonsum gelegen haben. Wir werden heute sehen, ob die Gäste immer noch verzückt oder doch eher verkatert zum Flugplatz in Neuhausen ob Eck kommen.

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