Spliff


Politik-Rock führte sie in eine Sackgasse. Die Zusammenarbeit mit Nina Hagen endete im Streit und auch die amerikanisch gestylte "Radio Show" bescherte nicht den erhofften Haupttreffer. Erst die Umstellung auf "Konzeptlosigkeit" brachte das große Los: 85555.

Guten Abend, meine verehrten Damen und Herren! Hallo, liebe Kinder! Wir geben nun die Glückszahl der diesjährigen Ziehung des Neue-Deutsche-Welle-Lottos bekannt Der Hauptgewinn fällt auf die Zahlenkombination acht, fünf, fünf, fünf, fünf. Ich wiederhole: 85555. Die Durchsage erfolgt diesmal mit Gewähr!“

Gewähr kann bei diesem fiktiven Spiel ausnahmsweise gegeben werden. Ein Blick auf die Hitlisten genügt um die tatsächlichen Gewinner auszumachen. Seit Wochen tummelt sich das Album der Berliner Band mit dem Titel, der zugleich Bestellnummer ist, an der Spitze. Mit den Verkaufszahlen von 85 555, z. Zt. etwa 400000 Stück, ist Spliff in die luftigen Höhen des LP-Marktes vorgedrungen, die aus der neudeutschen Musikszene bislang nur die Spider Murphy Gang, Ideal und Trio im Alleingang erklimmen konnten.

Im Gegensatz zur richtigen Bergsteigerei, wo es in erster Linie auf Erfahrung, wirkliches Können und persönlichen Mut ankommt, braucht man zum Erstürmen der Rock-Höhen auch eine gehörige Portion Glück. Das weiß man spätestens wieder, seit sich bei Ideal sämtliche Marktstrategen geirrt hatten. Wieviel von den wirklichen Tugenden der Gipfelstürmer bei Spliff vorhanden sind und inwieweit Spliff dadurch ihres eigenen Glückes Schmied sind, soll im folgenden Gespräch eruiert werden.

Anruf in der „Fabrik Rakete“, zu deren .Rock-Stall“ neben Prima Klima, Interzone und anderen als Hauptattraktion Spliff gehören Gaby, die „Fabrik“-Sekretärin, z. Zt. fast nur mit Papierkram von Spliff beschäftigt – das Finanzamt sitzt der Band im Nacken – gibt mir die Adresse des bandeigenen Studios im Berliner Norden.

Ich gehe über einen Autohof, bis ich vor einer ehemaligen LKW-Werkstatt stehe, die jedoch vom größten Berliner licht- und Ton-Verleih in eine Lagerhalle umfunktioniert wurde. An Bergen von Lautsprecherboxen und Equipment-Kästen vorbei bewege ich mich auf eine offensichtlich schallisolierte Tür zu. Das Rot einer überdimensionierten Rot/ Grün-Ampel hält mich jedoch noch vom Eintreten ab. Da die Farbe nicht wechselt, öffne ich vorsichtig die Tür und erblicke in einem engen, mit Geräten vollgestopften Raum die vier Spliff-Musiker und ihren Toningenieur.

Kurze Begrüßung. Ich setze mich auf die Sperrmüll-Couch und wir hören uns gemeinsam ein winziges Stück aus der aktuellen Produktion an. Noch ohne Text erkenne ich in der Musik die übliche Spliff-Mixtur; Zu Beginn eine sirenenartige Keyboard-Eskapade von Reinhold Heil, dann der Einsatz von Gitarrist Bernhard „Potsch“ Potschka mit einem Hard Rock-Riff. Als Basis Herwig Mittereggers ökonomisches Getrommle und der funky gespielte Bass von Manfred Praeker.

Leider darf ich nicht mehr hören. Angeblich sind die neuen Stücke zumeist erst halb fertig. Man hüllt sich in Geheimnisse. Da man eh eine Arbeits- und Essenspause einlegen muß, fahren wir zu einer nahegelegenen Pizzeria.

Ich denke an „Carbonara“, das Spaghetti-Gericht, das dank Spliff von der Speisekarte in die Hitparade gelangt ist. Und prompt wird es von Manne bestellt Die Italiener lieben das Stück, erzählt er beim. Kauen, und spielen es sogar in Supermärkten. Man habe nur einen Fehler gemacht und ein „ä“ mit einem „o“ verwechselt, ansonsten sei der Text völlig okay.

Neugieriger bin ich natürlich auf die kommende Produktion. Reinhold, der sich sogleich als der Vorwitzigste unter den Vieren erweist, legt los: ,Die nächste Platte soll der 85555 nicht ähnlich werden. Aber sie wird in der gleichen Arbeitsweise hergestellt, dh. jeder von uns schreibt Songs, jeder textet und komponiert. Es kann aber auch vorkommen, daß einer die Musik macht und ein anderer den Text dazu schreibt. Das passiert manchmal zufällig: Da legt einer eine Musik vor, die einen anderen so antörnt, daß ihm dazu passende Worte einfallen. Oder umgekehrt. Im Moment hat der Herwig schon viele Texte, aber noch ohne Musik.“

Und Herwig, der sich neben Reinhold als weiterer Wortführer herausstellt, ergänzt: „Wir sind vier verschiedene Typen mit vier verschiedenen Charakteren mit vier verschiedenen Musikrichtungen, und das wollen wir auch zeigen. Die Frage lautet dann: Wo liegt der gemeinsame Nenner? Den zu finden, dauert bei uns natürlich etwas länger als bei Leuten, die einen Sänger haben, der gleichzeitig die Musik vorschreibt So wie bei uns, ist es zwar schwieriger, aber auch geiler!

Da die Spliff-Leute nichts weiter über ihr nächstes Album erzählen wollen und nur noch bekannt geben, daß es voraussichtlich im November, vielleicht auch erst im Februar des nächsten Jahres erscheinen wird, plaudern wir über verschiedene Musikstile, über alte und neue Wellen, Reinhold hatte, bevor er sich

mit den drei ehemaligen Lokomotive Kreuzberg-Leuten zur Nina Hagen Band zusammenschloß, bei der Jazz-Rock-Band Bakmak die Tasten gedrückt. Heute ist er der Experimentierfreudigste bei Spliff. Zu seiner Vergangenheit meint er: „Früher habe ich immer Fingerübungen gemacht als Tastenvirtuose. Heute lasse ich lieber meine Maschinen spielen.“

Bevor sich daraus ein weiteres Gespräch ergibt, fällt Herwig mit einem interessanten Statement ein: „Ich finde es – ehrlich gesagt – langweilig, über Musik zu reden. Ich finde, Musik von den Texten zu trennen, ist einfach das Letzte. Wenn wir das machen, sind wir sowieso alle in der falschen Branche. Dann würde ich abstrakte Musik machen, Neutönerei. Ich weiß genau, daß Musik alleine die Leute kaum interessiert. In Verbindung mit einem Text wird die Musik auf einmal interessant. Wenn das Gefühl, das der Text hat, auch in der Musik drin ist und die Musik das Gefühl unterstützt und fördert. Das hört sich vielleicht akademisch an, aber so ist das nun mal.“

Ich hake mit der Frage nach, warum Spliff dann bei ihrer Radio-Show hierzulande schwer zu verstehende englische Texte gemacht haben?

Herwig: „Das ist doch eine menschlich ganz einfach zu verstehende Angelegenheit Wenn man sowas wie die Hagen-Band durchzieht mit zwei Schallplatten und dann kurz mal eben ans Licht geschossen wird und sogar Europatourneen macht, wo man vorher gerade mal nach Castrop-Rauxel gekommen ist, dann laßt man sich, wenn das alles so mies endet, über das Business aus, so wie es funktioniert, wenn man damit weiter zu tun haben will. Das war für uns ein Reinigungsprozeß, weil wir ja nicht nur davon enttäuscht waren, daß sich Frau Hagen so komisch entwickelt hat, sondern da gab es noch andere diverse Begleiterscheinungen, z. B. das Verhalten der Plattenfirma, die total opportunistisch natürlich der Frau Hagen nachgelaufen ist.

Manne, der vom Weggang der Nina Hagen auch ganz persönlich betroffen war, fügt hinzu:

„Schließlich ist so ein Band-Splitting mit all seinen Begleiterscheinungen schon Hunderten von Bands passiert. Da braucht man nur mal in die Geschichte der Rock-Musik zu schauen. Das ist ein internationales Phänomen. Das muß man deshalb auch nicht in deutsch abhandeln. Das kann man zwar machen, aber wir wollten das nicht.

Außerdem: die englische Sprache törnt uns auch an – nach wie vor.“

Ist das der Grund, warum 85 555 nun auch in einer „International Version“ erschienen ist?

Reinhold: „Beide Versionen sind gleichzeitig entstanden. In der Musik weichen sie keinen Deut voneinander ab. Es war nämlich so, daß etwa die Hälfte der Stücke ursprünglich in englischer Fassung vorlag. Aber wir wollten keine gemischtsprachige LP, weil ich so ein Hin und Her gefühlsmäßig für bekloppt halte. Daß die internationale Version viel später erschienen ist, hat eigentlich nur Marketing-Gründe. Nun können sich die Ausländer entscheiden, ob sie uns lieber in deutsch oder englisch hören wollen.“

Wir kommen direkt auf die Radio-Show zu sprechen. Dabei stellt sich heraus, daß die Band weiterhin voll hinter dem Konzept steht, ihr jedoch – trotz fast 100000 verkaufter Platten – die kommerzielle Auswertung Sorgen bereitet hatte. So waren für die zweite Radio-Show-Tournee Hallen für 3000 Leute gebucht worden, aber nur 300 kamen. Und immer wieder bohrten Fans und Kritiker: Warum macht ihr das nicht in deutsch?

Reinhold: “ Wir haben damals erst einmal dagestanden als Musikspezialisten ohne Textschreiber, ohne Sänger, also irgendwie ohne Gesicht. Und das findet sich natürlich in der Radio-Show wieder. Das ist der Grund dafür, daß wir andere Leute dazugenommen haben, denn wir hätten auch ein Konzept entwickeln können, das ganz anders funktioniert. Wir hätten in deutsch machen können, wir hätten zu viert machen können. Bloß wir haben uns effektiv nicht danach gefühlt.“

Herwig: „Ehrlich gesagt, waren wir auch textmäßig noch langst nicht soweit, wie vor einem Jahr mit der 85 555. Es sollte schon irgendwie einen Stil haben, eine Eigenständigkeit. Da kommt man eigentlich sehr spät zu. Das braucht schon ein paar Jahre.“

Apropos Stil. Mich interessiert, welchen deutschen Bands von Spliff Stil zugesprochen wird. Als erstes werden Fehlfarben genannt. Schließlich auch Ideal. Ich weiß noch, daß Spliff im Mai 1980 im Berliner Kant-Kino an drei ausverkauften Tagen ihr Radio-Show-Debüt abzogen, während an einem dieser Tage, parallel zu Spliff, in der alten TU-Mensa eine kaum bekannte, selbsternannte Tanz-Combo namens Ideal vor höchstens 200 Leuten ihre erste öffentliche Vorstellung gab.

Schon ein Jahr später kannte halb Deutschland Ideal, während Spliff durch halbleere Hallen tourte… Ob sie das geärgert hat?

Potsch: „Also mich hat das nicht gewurmt. Ich fand es prima, daß mal endlich jemand nach oben gekommen ist, den ich gut finde, wo ich die Musik gut finde und wo ich was sehe.“

Reinhold weist süffisant darauf hin, daß er für einen gewissen Eff Jott Krüger während seines Tonmeisterstudiums im Hochschulstudio die Knöpfe bedient hatte und daß er vor Urzeiten mit dem Trommler Hans Behrend mehrmals sessionmäßig Jazz-Rock gespielt hatte. So dicht liegt in Berlin die Konkurrenz beieinander.

Doch dann wird das Gespräch wieder ernst, denn die Frage nach dem „Anhängen an die neue deutsche Welle“ ist gefallen.

Herwig: „Einige Medienleute unterstellen häufig gerade uns eine besondere Cleverness. Wir müßten hingehen und sagen: Heh, wir machen neue deutsche Welle, das geht gerade so gut ab und verkauft sich auch so gut. Nur dazu sind wir wahrscheinlich zu clever. Im Herbst erscheinen über 100 ndW-Platten, womit wahrscheinlich der Ausverkauf beginnt. Danach wird nix mehr passieren.“

Reinhold ergänzt: „Die Welle hat ja nur eine Pseudobedeutung. Ich frage mich, was die über 100 neuen Platten damit noch zu tun haben werden. Wahrscheinlich gar nix. Ich finde, daß zwischen MONARCHIE UND ALLTAG von Fehlfarben und Markus zum Beispiel nicht nur Welten liegen, sondern sogar Universen! Nein, Galaxien! Und darauf den gleichen Stempel zu hauen, ist einfach eine Unverschämtheit!!“

Reinhold holt weiter aus: “ Es ist eine auch politisch nicht zu unterschätzende Geschichte, wenn es Leute gibt, die den Menschen nicht-verblödendes Entertainment anbieten. Das ist ungeheuer wichtig. Wenn du dir nämlich anguckst, in welchen Massen verblödendes Entertainment angeboten wird ist das wirklich demoralisierend“

Da für mich Dieter Thomas Heck mit leichtem Vorsprung vor Manfred Sexauer die Speerspitze der Demoralisierer-Reige bildet, beschließe ich, daraus die Gretchenfrage zu formulieren: Wie hält Spliff es mit der ZDF-Hitparade?

Potsch, spontan: „Lehnen wir ab!“

Reinhold, diplomatisch: „Also wir hatten das Angebot, aber wir haben es nicht brüsk abgelehnt. Wir waren zufällig auf Tournee und haben dem Heck das mitteilen lassen. Wenn wir ein weiteres Mal gefragt werden, müssen wir uns etwas einfallen lassen.“

Als ich immer weiter nach einer konkreten Antwort bohre, lenkt auch Reinhold endlich ein:

„Definitiv: Nein, bei Dieter Thomas Heck!“

Man wird sehen. Schließlich hat auch der „Kreativheimer“ (Reinhold) Jim Rakete da noch ein Wörtchen mitzureden und der fand es auf den Punkt gebracht, was der Sänger von Trio gemacht hat. Der hat sich nämlich neben den Heck gestellt und ihm ins Ohr gesungen „Ich lieb‘ dich nicht, Du liebst mich nicht“ – und danach ist der Single-Verkauf auf über eine Million angestiegen. So sehen also die raffinierten Winkelzüge nicht-verblödender Entertainer aus. Neue deutsche Logik.

Daß die vier Spliffer nicht nur klug mit ihrer eigenen Musik umgehen, sondern dies auch mit der Musik anderer machen können, haben sie in jüngster Zeit reichlich bewiesen. Herwig produziert seit einiger Zeit die Platten von Ulla Meinecke. Zuletzt auch Sternhagel und den Liedermacher Maurenbrecher. Eine Platte übrigens, auf der die ganze Spliff-Mannschaft mitspielt. Potsch hat Prima Klima produziert. Und Manne und Reinhold werden als Produzenten demnächst die Ex-Stripes-Sängerin Nena aus Hagen im eigenen Studio betreuen.

Ich frage, ob es nicht zu teuer für die Band ist, ein eigenes Studio zu betreiben? Herwig: „Du hast recht, das ist ein Luxus, den sich nur wenige Bands leisten können. Es ging uns nicht darum, Studio-Besitzer zu werden, um das Ding zu vermieten, sondern wir benutzen es vor allem für uns selber, um genug Zeit zu haben, wirklich gute Platten zu machen. Und damit es nicht doch zu teuer wird, sitzen wir jetzt für sechs bis acht Wochen bis zu zehn Stunden am Tag in diesem Loch, schwitzen wie die Schweine und laufen Gefahr, einen Kreislaufkollaps zu kriegen.“

Letzte Frage: Was erwartet ihr von der neuen LP?

„Du mußt dir das so vorstellen“, antwortet Reinhold, „wir sind viel zu lange im Geschäft, um uns noch überraschen zu lassen, von dem, was da passiert. Klar, wenn eine LP so erfolgreich ist wie unsere letzte, dann wird die Nachfolge-LP bestimmte Umsatzzahlen erreichen – ganz automatisch. Aber glaubst du, beim letzten Mal hätte einer von uns damit gerechnet, daß so ein Erfolg kommt?“