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Kritik

„Spuk in Bly Manor” (Staffel 2) bei Netflix: Atmosphärische Geisterbahn nach bekanntem Schema

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Wabernde Nebelschwaden hüllen das hochherrschaftliche englische Gemäuer „Bly Manor“ ein. Zur Betreuung seiner Nichte Flora (Amelie Bea Smith) und seines Neffen Miles (Benjamin Evan Ainsworth) engagiert Hausherr Henry Wingrave (Henry Thomas) das amerikanische Kindermädchen Dani (Victoria Pedretti). Seit dem vorzeitigen Tod der leiblichen Eltern liegt das Sorgerecht von Miles und Flora in den Händen Henrys, dem die Fürsorge jedoch sichtlich schwerfällt. Der Aufenthalt auf Bly Manor ist ihm nicht geheuer und er vertraut lieber auf das dort lebende Personal, welches sich aufopfernd um Flora und Miles kümmert. Die ungewöhnliche Konstellation lässt Dani schnell erkennen, dass hinter den dicken Mauern etwas Seltsames vorgeht.

Gruselgeschichte nach Handbuch

Ein altes Haus, eine schaurige Vergangenheit und ein ahnungsloses Mädchen: Die Ausgangsbasis für „Spuk in Bly Manor“ könnte klassischer nicht sein. Angesiedelt in den 1980er-Jahren Großbritanniens kreiert Showrunner Mike Flanagan eine weitere Spukgeschichte, die sich der Tradition atmosphärischer Gruselfilme verschrieben hat. Quietschende Dielen, erdrückende Stille und plötzlich auftauchende Geister gehören zum Standardrepertoire, die das Anwesen mit schauderhaftem Leben erfüllen.

Die Zuschauer*innen betreten mit Kindermädchen Dani das Szenario, das ab der ersten Folge für einen stimmungsvollen Auftakt sorgt. Allerdings verlassen sich die kreativen Köpfe zu sehr auf die Wirkung des detailliert ausgestatteten Settings und setzen in Schockeffekten auf Wiederholungen. Spannung erzeugt dies in jedem Fall, doch nutzen sich die Spielarten aus der verstaubten Gruselkiste mit der Zeit etwas ab.

Wohliges Schaudern statt blanker Angst

Während sich im Vorgänger „Spuk in Hill House“ der Schrecken zum Großteil auch außerhalb des Anwesens abspielte, setzt Flanagan im zweiten Teil seiner Anthologie-Serie auf die volle Wirkung des Hauses. Kindermädchen Dani stößt auf immer neue Ungereimtheiten, die sie an den ungewöhnlichen Vorfällen zweifeln lassen. Das Personal um Koch Owen (Rahul Kohli) und Hausdame Mrs. Grose (T’Nia Miller) trägt seinen Teil dazu bei: Ihr mysteriöses Verhalten treibt auch den Zuschauer*innen permanent Sorgenfalten auf die Stirn.

Den unerwarteten Terror aus dem Jenseits, der „Spuk in Hill House“ auszeichnete, und den Neustart im vergangenen Jahr zu einem echten Überraschungshit auf Netflix machte, sucht man in den langen Fluren vergebens. Deutlich mehr Geduld und Ausdauer sind notwendig, um hinter das Geheimnis von Bly Manor zu blicken. Nicht selten werden dabei Erinnerungen an den Mystery-Thriller „The Others“ von Alejandro Amenábar wach, in welchem sich Nicole Kidman als alleinerziehende Mutter 1945 auf ihrem Landsitz in Jersey mit geisterhaften Erscheinungen herumschlagen musste.

Liebe steckt im Detail

Ja, es ist nicht zu übersehen: In „Bly Manor“ laufen die Dinge anders als in „Hill House“. Statt dramatischer Familiengeschichte warten mehr Emotionen und unerfüllte Liebe in den Räumen des Hauses, die vor allem Gothic-Fans in Verzückung versetzen dürften. Mehr sollte aber zu der Entwicklung der insgesamt neun Folgen nicht erwähnt werden.

Ähnlich wie Ryan Murphy in seiner Anthologie-Reihe „American Horror Story“ platziert auch Mike Flanegan Teile seines Cast aus „Hill House“ in der neuen Staffel. Victoria Pedretti war zuvor als traumatisierte Nell zu sehen und übernimmt nun die Rolle des Kindermädchens. Henry Thomas, der in Bly Manor den Hausherren gibt, zeigte sich in der ersten Staffel als junger Hugh Craine. Dem Zufall wurde bei dieser Produktion augenscheinlich nichts überlassen: Bewährte Crew und sichere Stilmittel schaffen den sicheren Rahmen für die unterhaltsame Geisterstunde. Etwas mehr Mut hätte der Serie sicherlich nicht geschadet, um an den nachhallenden Effekt von „Hill House“ heranzukommen. Den Ausflug in das ruhelose Landhaus sollten Freunde des gepflegten Grusels dennoch unternehmen.

Staffel 2 von „Spuk in Bly Manor“ ist seit dem 09. Oktober 2020 bei Netflix verfügbar. Über die Produktion weiterer Staffeln ist noch nichts bekannt.


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