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Staffel 3 von „Twin Peaks” erklärt: Eine Serie als bester Film des Jahrzehnts?

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Wenn zwei der einflussreichsten Filmmagazine der Welt – „Sight & Sound” und „Cahiers du cinéma” – eine Serie zum zweitbesten beziehungsweise besten Film des Jahres 2017 küren, dann hinterlässt das einen gewissen Eindruck. Geschafft hat das die dritte Staffel von David Lynchs „Twin Peaks”, auch unter dem Titel „The Return” bekannt. Der endgültige Ritterschlag kam ein paar Jahre später, dann erneut von „Cahiers du cinéma”, die die 18 Episoden umfassende Fortsetzung der Kultserie aus den 1990ern gleich zum besten Film des Jahrzehnts krönte. Unabhängig davon, ob „The Return” nun eigentlich eine Serie oder ein fernsehgerecht gestückelter Film ist, sagt diese Würdigung viel über die künstlerische Wucht aus, mit der David Lynch zurück nach Twin Peaks kehrte.

Doch der Handlung von „The Return” zu folgen – sofern es überhaupt eine gibt – ist alles andere als leicht. Denn Lynch verabschiedet sich in der dritten Staffel nahezu komplett von gewohnten Erzählmustern und arbeitet vor allem mit metaphorisch eingesetzten Montagen, die nahezu nichts erklären, sondern auf Gefühlsebene verlaufen. Alle 18 Episoden sind Kunst für die Sinne, die beim Versuch einer rationalen Erklärung drohen, in sich zusammenzubrechen. Und genau diese Ambivalenz ist es, die „The Return” zu einem großartigen Heimkino-Rausch macht.

25 Jahre nach dem Ende der zweiten Staffel, in der Agent Cooper (Kyle MacLachlan) in der Schwarzen Hütte gefangen wurde, setzt „The Return” ein. Cooper versucht immer noch, der Hütte zu entkommen, während sein finsterer Doppelgänger Mr. C in der echten Welt Unheil stiftet.

So wie wir die Essenz der ersten beiden Staffeln anhand mehrerer Momente erklärten, wollen wir hier auch in die neuesten Episoden eintauchen.

Mr. C  und Dougie Jones


Episoden 1 & 3: „Mein Holzscheit hat eine Nachricht für dich” & „Ruf um Hilfe”

Mr. C ist Agent Coopers Doppelgänger, ein böser Geist, der Coopers Platz in der echten Welt eingenommen hat, während der weiterhin in der Schwarzen Hütte festgehalten wird. Doch dann gibt es noch Dougie Jones, die Verkörperung einer Zukunft, wie sie für Cooper hätte sein können – verheiratet, ein Kind und mit einem wenig aufregenden Job als Versicherungskaufmann.

Agent Cooper ist in Staffel 3 also regelrecht in zwei Hälften geteilt worden – jede das Ergebnis eines Kampfes zwischen den Mächten des Guten und des Bösen. Das entbehrt selbst im „Twin Peaks”-Universum fast jeglicher Logik, macht aber deutlich, worum es David Lynch geht: sich auf ja keine Konvention mehr einzulassen.

Die Weiterentwicklung des Arms / Der sprechende Baum


Episode 2: „Die Sterne rotieren. Und die Zeit repräsentiert sich selbst”

Dass Lynch die ersten beiden Staffeln offenbar zu konventionell waren, wird spätestens in Episode 2 deutlich. Darin zaubert er einen Arm hervor, den sich Coopers alter Partner vor 25 Jahren selbst abtrennte. Doch der ist eigentlich nicht mehr wiederzuerkennen, weil er in der Zwischenzeit zu einem in Rätseln sprechenden Baum herangewachsen ist. Klar, logisch.

In der Schwarzen Hütte erteilt er Cooper Ratschläge. Doch auf der Metaebene kann der Arm-Baum auch als Kritik an einer übermäßig selbstreferenziellen Erzählweise anderer Vertreter der Serienlandschaft verstanden werden. Allerdings tappt auch David Lynch selbst oft in diese Falle. Die Frage ist jedoch: Tut er das, um die Zuschauer*innen auf die falsche Fährte zu locken, sich über seine Kolleg*innen in Hollywood lustig zu machen oder um Selbstkritik zu üben? Die Antwort bleibt jedem selbst überlassen…

Die Atombombe


Episode 8: „Hast du Feuer?”

 Für alle Industrial-Fans: In der achten Episode haben Nine Inch Nails einen Auftritt. Besonders im Gedächtnis bleibt die Folge jedoch aus einem ganz anderen Grund – wegen der knapp fünfminütigen Sequenz, in der die Kamera ins Herz des weltweit ersten Atombombentests am 16. Juli 1945 vordringt.

Das ist einer der wenigen explizit politischen Momente im Gesamtwerk „Twin Peaks”. Denn Lynch sieht in diesem Augenblick die Quellen alles Bösen – auf jeden Fall für sein Serienuniversum, aber unmissverständlich auch teilweise für unsere Welt.

Der Traum von Monica Bellucci


Episode 14: „Wir sind wie der Träumer”

Von Monica Bellucci haben mit Sicherheit schon viele Frauen und Männer mal geträumt. Doch wenn die schöne Italienerin in einem Traum von FBI-Agent Gordon Cole (gespielt von David Lynch selbst), Coopers Mentor, auftaucht, dann steckt mehr dahinter. „Wir sind wie der Träumer, der träumt und dann in diesem Traum lebt”, flüstert ihm Bellucci zu. Das klingt nicht nur nach Christopher Nolans „Inception”, es ist auch ein bisschen so – und nimmt Bezug zum „Twin Peaks”-Film „Fire walk with me”, in dem Cooper Gordon von seinem eigenen Traum vom roten Raum in der Schwarzen Hütte erzählt.

Lynch nutzt diese scheinbar wahllos eingestreute Szene, um die zerfaserte dritte Staffel im letzten Drittel zu verdichten und die übernatürliche Theorie von den zwei Coopers ins Zentrum der Ermittlungen des FBIs zu rücken.

Die Rettung der Laura Palmer


Episode 17: „Die Vergangenheit diktiert die Zukunft”

Es ist das Finale vor dem Finale: Die Fesseln der Schwarzen Hütte um Agent Cooper beginnen, sich immer mehr zu lösen. Dadurch gelingt es ihm, zurück ins Jahr 1989 zu reisen, um der dort noch lebenden Laura Palmer die rettende Hand zu reichen und sie dem Tod wortwörtlich aus den Fingern zu reißen. Laura lebt, all der Horror der vergangenen 25 Jahre ist plötzlich ungeschehen. Doch zu welchem Preis?

Die dritte Staffel von „Twin Peaks” gibt es derzeit bei Sky Ticket zu sehen.


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