Talking Heads – Psychedelic Punk oder Funk?


‚Und sie dreht sich doch!“ (Brecht, Galilei) – die Rock’n’Roll-Erde – möchte man ausrufen, wenn man die Entwicklung der Talking Heads verfolgt hat. Hochgelobt, von Kritikern wie von Fans haben sie in den letzten Monaten einen Stilwandel vollzogen, der aufhorchen läßt. David Byrne hat für sich und die Heads den Soul, den Funk (wieder)entdeckt, doch dabei seine Großstadtpsychose behalten. Der Auftritt in der ZDF-Rocknacht war, gemessen an den anderen Gruppen, sehr erfrischend, auch wenn stilistisch noch einiges auseinanderfiel. Ingeborg Schober hat sich beim Münchner Konzert lange mit Byrne unterhalten.

Frisch gebadet, müde und nicht eben gesprächig, gab sich David Byrne zunächst einmal ziemlich wortkarg. Schade, daß wir uns nicht nach dem Konzept unterhalten konnten, denn die Band war, zumindest bei ihrem Münchener Konzert, auf ihrem Cross-Over-Pfad arg in einen stilistischen Zickzackkurs geraten. Und so standen manche von Byrnes Aussagen kraß im Gegensatz zum späteren Bühnengeschehen. Wunsch und Realität klafften bisweilen gefährlich weit auseinander, wie folgende Positiv Negativ-Bilanz beweist.

Wie sich während des Gesprächs und anschließend auf der Bühne herausstellte, war es vor allem Byrnes Entscheidung, das Konzept zu ändern: „Ich wollte eine andere Art von Musik spielen und die verlangte nach einer großen Band auf der Bühne, so groß, wie wir es uns leisten konnten. Und das haben wir jetzt versucht.“ Auf der Platte gelang diese mächtige Verbindung von Großstadtneurotik und archiaischer Musik auch hervorragend. Wie es dazu kommt, daß etwas im Studio funktioniert, was auf der Bühne manchmal an den Rand einer Katastprophe führt, begründete sogar David Byrne selbst, ohne Absicht natürlich. „Wir haben auf der Platte das meiste selbst gespielt, Stück für Stück. Außer dem Gitarristen Adrian Below, der auch mit auf diese Tournee ging, und dem Gesang, bei dem wir Unterstüzung hatten, stammt alles von den Mitgliedern der Talking Heads. Weil wir aber auf der Bühne diese Arrangements nicht selbst spielen können, mußten wir ein paar Leute finden, die vielleicht verstehen würden, was wir vorhatten. Und ich glaube, das ist uns gelungen. (Die Talking Heads wurden begleitet von: Dollette McDonald, voc; Buster Cherry Jones, bs; Bernie Worrell, keys und Steven Scales, perc. Vergl. auch ME 2/81).

Hatte man jedoch während der Produktion die volle Kontrolle über die Dosierung der einzelnen Stilmittel, die im richtigen Verhältnis gegeneinanderliefen und somit interessante Reibungen ergaben, bestimmten während dieses Konzerts die schwarzen Musiker voll das Geschehen. Je länger die Band spielte, desto mehr kamen sie in Fahrt und desto weniger war von den vier Talking Heads zu hören. Das Ergebnis glich musikalisch oft einer Funk-Session im Stile von Osibisa oder War. Dabei geriet das ursprüngliche Konzept völlig ins Hintertreffen. Vor allem Byrnes Gesang und Tina

Weymouths Basspiel klangen mehrmals reichlich deplaziert. Es schien, als könne man die Geister, die man gerufen hatte, nicht mehr abschütteln.

Aber von all dem ahnte ich noch nichts, oder fast nichts, als ich mit David Byrne sprach. Nur der englische Melody Maker hatte sich schon irritiert über das Londoner Konzert geäußert. David Byrne: „Das Publikum hatte damit überhaupt keine Probleme, das stand wirklich drauf. Nur ein paar Kritiker scheinen nicht damit klar zu kommen, was ich allerdings nicht verstehe. Denn die meisten Konzerte mit dieser Besetzung waren, wie ich es sehe, sehr erfolgreich. Sie scheinen den alten Stil zu vermissen, diese Intensität. Aber diese Musik ist anders und besitzt andere Qualitäten, was diese Kritiker nicht verstanden haben.“

Nun, auf Platte habe ich, wie ich glaube, verstanden, was Byrnes Absicht war, aber die Vorgänge im Konzert waren mir teilweise auch schleierhaft. Was mich an REMAIN IN LIGHT so überraschte, war der resolute Schritt in Richtung ethnische Musik. Und da aus Byrnes Hotelzimmer schon von weitem afrikanische Folklore zu hören war, lag der Schluß wohl nahe, daß dieser Einfluß von ihm stammt. „Ja, ich höre die ganze Zeit über solche Musik; ich, wie auch Brian Eno. Ich habe durch das Anhören ethnischer Musik eine Menge Ideen bekommen, sowohl für die Texte, als auch für die Klänge, die ich verwenden wollte.“ Daß die Kombination aus ethnischem Gefühl und intellektueller Härte etwas Schizophrenes an sich habe, gibt Byrne zu: „Ein bißchen schon, ja. Ich habe versucht, den Stil meiner Texte so weit wie möglich zu ändern. Und das war sehr schwierig. Ich glaube, daß zum Beispiel durch die bewußte Wahl der Worte die Texte nicht mehr so nervös wie früher klingen. Für mich sind sie optimistischer. Und dann habe ich versucht, mehr all gemeine Themen zu behandeln und nicht die speziellen Probleme, die ich habe. Für mich besitzen die Texte dieses Albums auch eine eher mystische und spirituelle Qualität. Früher waren sie sehr Ich-bezogen. Und diese Änderung ist mir sehr schwer gefallen. Ich hoffe aber, daß mir das in Zukunft besser gelingen wird.“

Nicht nur Musik und Text haben sich verändert, sondern auch der Gesangsstil Byrnes und zwar auch bei den alten Songs, wie das Konzert später zeigen sollte: „Natürlich, die Musik verlangt nach einer anderen Ausführung, es wäre doch albern, da den gleichen Stil anzuwenden. Und für eine derart große Band mußte auch das alte Material zwangsläufig für die Konzerte umarrangiert werden.“

Zweifelsohne stand da eine potente Gruppe auf der Bühne, aber instrumental wie beim Gesang gewannen die Session-Leute die Oberhand und das nahm, meiner Meinung nach, viel von dem Reiz der Talking Heads. Bei den ersten drei Nummern klappte es hervorragend und verhieß einen vielversprechenden Abend. Vor allem das ohnehin stark Funk-inspirierte „I Zimba“ geriet auf faszinierende Weise zur manischen Klangorgie. Merkwürdigerweise sackte diese Ausstrahlung bei den neuen, eigens auf ein erweitertes Sound-Konzept zugeschnitten, Stücken merklich ab.

Auf dem Album folgen die Songs, wie es scheint, fast einem strikten Konzept. Von „Born Under Punches“ bis „The Overload“ hat man das Gefühl, eine Reise durch die Entwicklung der Schwarzen Musik zu machen, vom ernergiegelandenen Ritual über lebendigen Soul bis hin zur blutleeren Düsternis, die in kalter Elektronik erstarrt. Das erzeugt eine permanent steigende Spannung. War dies von vornherein beabsichtigt? „Nein, die Anordnung der Songs erfolgte erst nach Fertigstellung der Bänder,“ meint David, „aber es schien dann ganz natürlich, alles langsam absinken zu lassen und nicht bis zum Schluß aufzubauen. Und beim Anhören afrikanischer Musik erkannte ich auch die Verbindung zur Schwarzen Musik. Einmal war es logisch, beide Elemente zu benutzen, denn vieles davon ist identisch.“

Über den Einfluß Brian Enos, der bei den Talking Heads von LP zu LP zugenommen hat, braucht man wohl nicht mehr zu diskutieren. Wie sieht es dann in Zukunft aus? „Ich weiß nicht, ob die ganze Band mit ihm weiter zusammenarbeiten wird, aber ich werde es auf jeden Fall.“ Wer’s noch nicht weiß, David Byrne ist mit seiner Führungsrolle bei den Talking Heads längst nicht ausgelastet und hat zusammen mit Eno ein Soloalbum eingespielt. „Wir wollten es eigentlich vor der neuen Talking Heads-LP veröffentlichen. Aber da gab es Probleme mit dem Gesang einer Frau, einer Evangelistin, die starb, bevor die Verträge abgeschlossen waren. Und ihr Nachlaßverwalter wollte uns die Stimme nicht überlassen. Weil wir den Gesang neu aufnehmen mußten, kam es zur Verzögerung. Und dabei haben wir dann gleich drei

neue Songs gemacht und andere Sachen rausgeschmissen. Aber das Konzept ist gleich geblieben.“ Wieso überhaupt ein Solo-Album? Fühlt sich Byrne, trotz seiner Führungsrolle in der Band, nicht genug beachtet? „Nein, das hat überhaupt nichts mit den Talking Heads zu tun. Und all diese Gerüchte von unserer Auflösung sind aus der Luft gegriffen. Brian Eno und ich haben lange Zeit über verschiedene Ideen diskutiert ohne festen Plan, sie zu realisieren. Wir haben dann freie Studiozeit genutzt und probiert und waren von den Ergebnissen angenehm überrascht. Also haben wir weitergemacht, bis daraus ein Album entstand. Und es wäre auch sehr schwierig gewesen, diese Art zu arbeiten mit der ganzen Band auszuprobieren. Anschließend aber konnten wir die Erfahrungen auch für die Talking Heads anwenden.“ Ob wir allerdings davon jemals etwas auf der Bühne hören werden ist zu bezweifeln, denn Byrne, inzwischen leicht aufgetaut, gibt lächelnd zu: „Ich habe es der Band vorgespielt, aber ich glaube, es hat sie nicht sonderlich interessiert. Aber das ist o.k.“

Da stellt sich die Frage ein, ob es nicht für einen Mann wie David Byrne, der offensichtlich radikale Veränderungen durchlebt, schwerfällt, den persönlichen Bezug zu alten Songs zu behalten. Setzt da auf der Bühne Routine ein? „Nein, weißt du was passiert? Diese Frage beinhaltet ja, daß der Sänger oder Performer eine Rolle für jeden Song spielen muß und das passiert eben nicht. Für mich ist es genau das Gegenteil. Der Song gibt dem Sänger erst jenes Gefühl, welches dann rüberkommt. Wenn ich mit dem Gefühl auf die Bühne komme, oh Gort, dieses Lied hängt mir zum Halse ‚raus, nimmt es von mir Besitz, sobald wir anfangen zu spielen. Wenn der Song richtig zugeschnitten ist, bekommt man ihn selten über. Manchmal verändern wir natürlich einiges, damit es interessant bleibt. Aber sogar ganz alte Songs machen immer wieder Spaß.“ Aber was, wenn sich deine persönliche Einstellung so stark verändert, daß du den Inhalt nicht mehr akzeptieren kannst? „Ja, das passiert. Es gibt da einige Songs, die ich nicht mehr singe, weil ich tatsächlich mit den Texten Probleme habe. Das gebe ich zu.“ Und was, wenn so ein Song ein Hit werden sollte, rein theoretisch gefragt? Da lacht David Byrne zum ersten Mal: „Wir müssen gar nichts machen, verstehst du. Wir müssen nicht mal auf Tournee gehen. Wir machen es nur, weil es uns gefällt. Mit der ursprünglichen Besetzung wäre ich nicht mehr auf Tournee gegangen. Aber das hier hat unheimlich gereizt. Wir haben das Glück, daß unsere Plattenfirma volles Vertrauen hat und wir gute Verträge.“ O.K., weil wir schon gerade bei den profanen Dingen des Lebens gelandet sind, was hältst du denn von der heutigen Musikszene? David: „Es ist völlig anders als vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Nehmen wir mal die Zeit der Beatles. Da gab es eine Art Unschuld, als sie starteten. Keine Rockpresse, keine Musikgeschichte, das einzige, was zählte, war, für ein Publikum zu spielen. Man hat sich nicht darum gekümmert, was eine Zeitung dazu schreiben würde. Man mußte nicht nachdenken, ob jemand sagen würde, der Song klingt viel zu sehr nach dem oder dem. Es war nur Spaß und Publikum. Das ist heute ganz anders.“ Bedauerst du das? „Nein, denn man muß das einfach akzeptieren. Es scheint oft so, als ob alles schon mal dagewesen ist und es kaum möglich ist, etwas wirklich Neues zu machen. Aber ich glaube, die meisten Musiker denken zuviel darüber nach, was die Leute mögen könnten. Oft ist es aber so, daß, wenn ein Musiker seinem eigenen Instinkt folgt, eine sehr originelle und auch originäre Sache entsteht.“ Und wie ist das bei dir und den Talking Heads?

An diesem Punkt hat es offenbar gefunkt. David Byrne wacht auf, plötzlich sind Vorsicht, Zurückhaltung und Versteckspiel über Bord. Geradezu lebhaft berichtet er über seine Erlebnisse mit Klängen. „Ja, also, ich höre irgendwelche Klänge und überlege, ob mir die Musik gefällt, die da kreiert wird. Ich erinnere mich, als wir‘ zum Beispiel in Paris mit unserem Bus einfuhren, dieser Verkehrslärm ! Plötzlich packte Jerry (Harrison) sein Mini-Piano aus, diese tranportablen Dinger, du weißt schon, und versuchte, exakt die Noten, die der Verkehr erzeugte, mitzuspielen. Das war toll. Ich habe eine ganze Kollektion von Klängen auf Tonbändern gespeichert, aber ich weiß noch nicht, ob und wie ich sie verwenden werde. Ich erinnere mich auch an eine andere Sache. Wir waren in Los Angeles in einem Park, da gab es unglaubliche Maschinen, eine Art von Kunstgegenständen. Ich wollte sie für ein Album verwenden, aber irgendwie hat es nicht funktioniert, aber das werde ich sicher irgendwann mal herausfinden. Sie haben ganz natürliche Töne erzeugt, das waren Skulpturen aus Ölfässern und solchen Dingen. Und durch den Wind erzeugten sie Töne in verschiedenen Geschwindigkeiten, und das ergab interessante Rhythmen..Vielleicht kann man einfach die Rhythmen übernehmen und auf anderen Instrumenten nachspielen. Denn ihr Eigenklang war einfach zu laut.“

Derartige Geständnisse haben mich überzeugt, trotz des enttäuschenden Konzerts hier in München, die Talking Heads auch weiterhin als eine der wichtigsten Gruppen für die 80er Jahre in mein Herz zu schließen. Als wir über die Gründertage der Gruppe gesprochen hatten, meinte David Byrne: „Wir hatten kein Konzept, alles was wir wußten war, daß wir auf gar keinen Fall eine Rockband von vielen sein wollten.“ Ich frage also, was bitte dann, wenn du heute zurückblickst? Und David: „Ich erzähl noch immer jedem, der es hören will, daß wir keine Rockband sind, aber was wir sind, das ist mir reichlich egal. Irgendwas sich wir sicher, klar. Wie wäre es denn mit Psychedelic Punk oder Funk?“