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Interview

Teesy im Interview: „Schwermut war immer ein Teil von mir“

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Teesy hat seine Träume verloren. In seinem aktuellen Song „Ich hab meine Träume verloren“ besingt der Sänger und Rapper einen Zustand der Desillusionierung. Die Leichtigkeit, die sein musikalisches Schaffen und sein Lebensgefühl in seinen 20ern begleitete, scheint verflogen. Stattdessen wuchsen mit dem zunehmenden Alter die persönlichen Krisen und der Druck von außen. Anfang 2020 besuchte Teesy seinen Kumpel Cro, um sich eine kleine Auszeit zu gönnen und unbeschwert zu Musizieren. Dann folgte die Corona-Pandemie und Teesys Gedanken wurden in gänzlich andere Bahnen gelenkt. Alles stand still und er konnte sich inmitten dieses Ausnahmezustands plötzlich entspannen, reflektieren, durchatmen. Im Interview sprachen wir mit ihm über das Erwachsenwerden, sozialen Druck sowie über Träume, die verloren gehen, und andere, die neu formuliert werden müssen.

Musikexpress.de: Dein vorheriges Studioalbum TONES wirkte im Vergleich zu den Tönen, die Du aktuell anschlägst, locker, unaufgeregt und tanzbar. Warum plötzlich so schwermütig?

Teesy: Der Schwermut war tatsächlich schon irgendwie immer Teil von mir. Ich habe ihn in Vergangenheit noch nicht so nach außen tragen können. 2020 war überraschenderweise ein befreiendes Jahr für mich. Da war viel Zeit und Platz, um ungeschönt zu fühlen und zu schreiben.

In „Ich hab meine Träume verloren“ singst Du davon, dass Dir Deine Leichtigkeit abhanden gekommen ist. Wie ist es dazu gekommen?

Ja tatsächlich, da hat sich in den Jahren viel in meinen Kopf eingeschlichen. Von Mitte zwanzig bis dreißig hab ich mich fast durchgängig gefühlt, als wäre ich von Emotionen aus der Vergangenheit gesteuert und als hätte ich nicht wirklich Zugang zu meinen jetzigen Gefühlen. Nach Leichtigkeit hat sich das nicht angefühlt. Es war eher zäh und aufreibend. Aber wichtig auf jeden Fall. Ich glaube, da ist viel „Wunsch“- Toni vom tatsächlichen Toni abgefallen und das war oft unangenehm. Deshalb eher Schwere als Leichtigkeit.

Teesy und Buket stimmen in „Ich hab meine Träume verloren“ schwermütige Töne an:

„Es gab echt einige Träume, bei denen es Zeit wurde, dass sie verloren gehen.“

Besingst Du zusammen mit Buket in dem Song die berüchtigte „Midlife Crisis“ oder wäre das zu einfach?

Vielleicht ist es das, ja. Ich weiß ja nicht, in welcher Phase ich mich befinde, ich bin ja mittendrin. Mein Künstler-Ego sagt aber natürlich: „Ja klar, das wäre zu einfach“, meine Songs sind hochkomplexe Gebilde, die sich nicht einfach auf Klischees heruntertitulieren lassen (lacht). Das war ironisch. Vielleicht besingen wir einfach ungefiltert unsere jeweiligen Lebenssituationen, die höchst zufälligerweise verblüffende Parallelen zu handelsüblichen Midlife-Krisen haben. Wobei ich enttäuscht wäre, wenn das schon die Mitte meines Lebens wäre.

Ist es prinzipiell negativ, seine Träume zu verlieren? Träume können schließlich auch Illusionen sein.

Guter Punkt. Teilweise ist das sogar ziemlich befreiend. Es gab echt einige Träume, bei denen es Zeit wurde, dass sie verloren gehen. Wiederum andere waren es wert, wiederentdeckt zu werden. Solang meine Träume kleine magische Wesen am Ende des Horizonts sind, die mir hier und da einen kleinen Glimpse in die Zukunft geben, find ich das richtig gut, muss ich sagen.

In dem Song geht es nicht nur um Deine eigenen Träume, sondern auch um die Vorstellung der Eltern bezüglich der eigenen Lebensführung. Das Thema greifst Du auch an einer anderen Stelle auf Deiner EP auf. Ist Dir sehr wichtig, was Deine Eltern von Dir denken?

Irgendwie fällt es mir schwer, mich davon zu lösen. Es ist mir nicht egal, nein. Ich weiß nicht, ob es irgendwann mal so sein wird. Ich weiß auch gerade nicht mehr so richtig, was ich über das Thema denken soll, weil der Song auf der EP zu dem Thema ziemlich viel aufgewühlt hat, das ich vielleicht erstmal wieder ordnen muss.

„Manchmal hätte mir ein guter Rat aus meiner heutigen Perspektive sicher gut getan.“

Das Problem, nicht den „richtigen“ Partner fürs Leben zu finden, ist ein Problem, das sehr viele junge Menschen teilen. Woran liegt das?

Ungeduld und sozialer Druck könnte ich mir vorstellen. Ich glaube nicht unbedingt, dass wir beziehungsunfähig sind oder zu viel Auswahl haben. Dafür erlebe ich in meinem Freundeskreis viel zu viele positive Beispiele für schöne gesunde Beziehungen. Ich glaube, es sieht nur so aus, als wären wir unfähig, weil der soziale Druck und die Idealvorstellung vom Liebesleben so festsitzen, dass man vor lauter Ungeduld versucht, etwas vorschnell heraufzubeschwören, was vielleicht gar nicht da ist. So war es jedenfalls oft in meinem Fall. Sieht von außen aus, als wäre ich nicht fähig, eine Beziehung führen – aber eigentlich war ich nur zu ungeduldig, auf jemanden zu warten, bei dem es wirklich funkt. Macht das Sinn?

Für ein aktuelles Video hast Du Dich mit Buket zusammengesetzt und noch einmal über Euren gemeinsamen Song philosophiert. Welchen Stellenwert haben Therapie und Selbstreflexion in Deinem Leben?

Einen sehr großen. Ich habe viel Therapie gemacht, viel ausprobiert und bin eigentlich in konstantem Austausch mit mir selber. Ob es nun Journaling ist oder Meditation oder Songs schreiben. Das ist ein fester Bestandteil im Alltag. Gott sei Dank. Ich habe viele nützliche Tools gelernt, um ein Gefühl für mich zu kriegen und festzustellen, was ich will und was nicht.

Teesy und Buket philosophieren über ihren gemeinsamen Song:

Du hast kürzlich einen Brief verfasst an Dein 26-jähriges Ich. Wünschst Du Dir manchmal, dass Du an bestimmte Punkte in Deinem Leben zurückreisen könntest? Falls ja, was würdest Du ändern?

Ja, hier und da mal würde ich gerne in meine Kindheit zurückreisen, um mit den Erkenntnissen, die ich heute habe, manche Situationen nochmal zu leben. Das fände ich spannend. Ich wusste früher oft nicht mit gewissen Dingen umzugehen. Hatte immer riesige Mengen an Gefühlen in mir, von denen ich nicht wusste, wohin mit ihnen. Da hätte mir ein guter Rat aus meiner heutigen Perspektive sicher gut getan.

„Ich hatte mehr oder weniger 2020 komplett meine Ruhe.“

Teesy schreibt einen Brief an den 2016er Toni:

 

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Anfang des vergangenen Jahres hast Du Cro auf Bali besucht, um ein wenig Auszeit zu nehmen. Kurz darauf brach die Corona-Pandemie über die Welt herein und Du musstest Deine Quarantäne dort verbringen. Was ging Dir in dieser Zeit durch den Kopf?

Alles mögliche. Ich weiß noch, wie spannend ich es fand hin und her zu überlegen, was das weltpolitisch heißt und wie alle damit umgehen und ob da nicht vielleicht etwas Größeres dahintersteckt. Ich hatte hier und da ein wenig Angst davor mich anzustecken, habe mich bei jedem kleinen Husten gefragt, ob ich’s jetzt habe, weil es ja zu dem Zeitpunkt noch schwer einzuschätzen war, wie die Krankheit aussieht. Aber ich weiß noch, ich konnte mich nicht damit zufrieden geben, den Sommer auf Bali zu verbringen, ich bin nach zwei Wochen zurück ins Lockdown-Berlin, um das mitzuerleben und ich fand die leere Stadt tatsächlich wunderbar.

Welchen Einfluss hatte diese Zeit auf die Produktion Deiner aktuellen EP?

Oh, sehr großen Einfluss. So ein lockeres Musizieren habe ich lang nicht mehr erlebt. Es war, als wenn durch das Stehenbleiben der Wirtschaft – und ja großenteils auch der Musik- und Veranstaltungsbranche – Druck abgefallen ist. Vielleicht klingt das komisch, weil es ja für viele andersherum war und der finanzielle Druck größer wurde. Aber bei mir war es halt so. Da fiel mir mal auf, wieviel ich vorher immer so nach links und rechts guckte und wie es mich heimlich schon kirre machte, wenn um mich rum jeder auf Tour war und ich nicht. Oder wenn im Sommer gefühlt jeder auf 100 Festivals spielte und ich nur auf fünf. Das fiel alles weg. Alles blieb stehen. Genauso wie mein Druck. Ich hab das als sehr entschleunigend und entspannend wahrgenommen und hatte dadurch irgendwie besseren Zugang zu deeperen Gefühlen, die ich so vorher noch nicht rausgelassen habe. Noch dazu war auch die Situation beim Label sehr entspannt. Niemand hat was verlangt. Ich hatte mehr oder weniger 2020 komplett meine Ruhe. So ähnlich haben das, glaube ich, auch viele andere Künstler erlebt, dass da nach all den Jahren in diesem riesigen Musikhamsterrad mal Zeit zum Verschnaufen, Ordnen und Neudefinieren war.

Wie denkst Du heute über Deinen Song „Home“ nach einem Jahr Pandemie? Wie würde eine neue Strophe klingen?

Ich finde ihn schön. Nach wie vor. Mit „Stay home“ hab ich so meine Problemchen. Die Zeile könnte man ändern. Ist aber vielleicht auch eher so ein Satz, der in diesem Moment aktuell war und an den man sich erinnert. Ich mag die neue Version auf der EP mit den Streichern. Eine neue Strophe wäre vielleicht nicht mehr so versöhnlich und pathetisch.

Du hast Dich während Deiner Karriere sowohl musikalisch, als auch äußerlich immer wieder neu erfunden. Bei Deinen aktuellen Songs und Deinem Auftreten hat man das Gefühl, dass Du nun sehr nah bei Dir selbst bist. Siehst Du das genau so?

Ja voll, das fühlt sich alles richtig angenehm an. Die Texte sind nah bei mir, das heißt ich kann Promo dafür machen im Einklang mit meinem Leben, ohne mir eine Story zu einem Song ausdenken zu müssen. Die Songs spannen in sich so schöne Themenlandschaften auf, die sehr in mein Leben verwoben sind, weil ich mir auch nicht viel Mühe gegeben habe, um den heißen Brei herum zu reden.

Teesys EP HALLO TONI erscheint am 23. April 2021.


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