The Fall


Braunschweig — eine Stadt, die so grau, öde und leer ist wie Manchester (Heimat der Fall); das Freizeitund Bildungszentrum (FBZ) mit seinem städtischen Mief ist ein Bau, der in seiner schlichten Nicht-Architektur noch aus den funktionellen 60er Jahren stammt. Alles andere also als ein zu Genuß animierender Ballroom; die karge Atmosphäre erinnert vielmehr an einen Veranstaltungsort für SenioDie ewig jungen Ingredenzien: Orgler Jon Lord und Brüller Ian Gillan

ren-Nachmittage oder Tischtennis-Turniere.

Doch es ist eine genußvolle Fall-Performance, die heute abend die Gemäuer erschüttert. Hart-schneidende Gitarren-Riffs, ruheloses Schlagwerkspiel, ein leichtes Orgel-Krächzen und dämonische Beschwörungen des Sängers Mark E. Smith füllen den Raum mit einem Sound, wie man ihn ansonsten von amerikanischen Garagenbands der 60er Jahre kennt.

Mark E. Smith steht die meiste Zeit still am Mikrophon und verzichtet auf jegliche Kaspereien, mit denen sich so viele Durchschnitts-Sänger peinlich ins Bild setzen; der hagere und immer britisch-kränkelnd-bleich aussehende Smith macht nicht viel auf der Bühne. „Ich singe nicht, ich rufe laut“, so hat er einmal seinen Gesangsstil charakterisiert. Bei Smith hat man den Eindruck, daß er sich fürchtet vor den geheimnisvollen Bildern, die er in seinen Songs entwirft; meist benutzt er die Wörter als Geräusche, die sich im Wirbelwind des Gruppensounds spannungsvoll verfangen.

Waren die Fall-Lieder früher sehr ernst (soziale Kommentare zum englischen Arbeiteralltag) und mit Wörtern vollgestopft, ja teilweise schon überladen, so klingen die Stücke heute fröhlicher, leichter und kommen mit weniger Text aus (wie das atmosphärische „LA.“ vom Album THIS NATION’S SAVING GRACE).

Das liegt vielleicht auch am Einfluß der blonden Gitarristin Brix Elise Smith (Marks Ehefrau), die den Fall in jüngster Zeit einen amerikanischen Rock ’n‘ Roll-Drive verleiht. Sie spielt eine frenetische Gitarre, die kleine Dame — man kennt sie ja auch als Sängerin ihrer eigenen Formation The Adult Net, doch heute abend singt sie nur ein Mal. zusammen mit der mysteriösen Synthesizer-Spielerin, die Mark seit neuestem in seiner Band hat.

Zu den rhythmischen Höhepunkten des Fall-Auftritts gehören die Songs von ihren letzten beiden Alben BEND S1N1STER und THIS NATION’S; darunter war eine ausgedehnte, hypnotisierende Version von J Am Damo Suzuki“ — ein Song, der immer wieder durch seine rhythmische Motorik besticht: und es gibt eine wilde Interpretation des Rockers „Gut Of The Quantifier“.

Die Fall gibt es nun seit zehn (!) Jahren — und Mark E. Smith, der noch als einziger von der Ur-Besetzung dabei ist. gehört sicherlich zu den bissigsten & lustigsten Dichtern in der englischen Rockmusik. Und das Konzert war ein visionäres Rock-Erlebnis.