Highlight: Die 100 besten Stimmen der Musikgeschichte

The Gumbo Is Cooking Again

Phil Frazier schaut nicht so aus wie ein Mensch, der den Großteil seines Lebens mit einem 20 Kilo schweren Instrument auf den Schultern verbracht hat: Fast wirkt es als ob der kleine Mann in den Turnschuhen und der halblangen Jeans angesichts der Wucht seiner eigenen Bassläufe über die Bühne schwankt. Der zerbeulte Schalltrichter seiner Tuba – sie stammt aus einer Post-Katrina-Spendenaktion für die Musiker aus New Orleans – beschreibt wilde Kreise, während sich die physische Anstrengung auf seiner Stirn abzeichnet: Boom ba ba boom bop! Hauptsache der Druck stimmt! Denn eine Brassband wird von der Rhythmussektion getrieben und die Rhythmussektion wiederum lastet auf den Schultern des Mannes mit dem größten Instrument: Phil Frazier. Seine dunkel vibrierenden Funkläufe unterfüttern das riffende Crescendo der Saxophone und Posaunen, befeuern eine plötzlich explodierende Trompete, halten den Rhythmus, wenn alle anderen in einer wilden Schlacht über- und nebeneinander herblasen. Dann fallen plötzlich alle in den selben Beat: „Do watcha wanna/ dance on the corner….!“ Ein dissonanter Chant aus einem Dutzend Männerkehlen. Während eine junge Dame im hautengen Strass-Kleid, ihr Tamburin über dem Kopf schlägt, sich nach vorne beugt und suggestiv ihren Hintern kreisen lässt. „Rebirth is New Orleans/ New Orleans is Rebirth“, rapt der MC Chuck Perkins im „House Of Blues“ in New Orleans ins Mikro. Keine Übertreibung: Füllt doch heute die Rebirth Brass Band den Platz aus, den bis zu den 90er Jahren die Neville Brothers inne hatten: Als Fahnenträger der örtlichen schwarzen Traditionen – so können Fraziers Jungs Sonntags auf einer Parade durch die Sozialblocks marschieren, am Montag auf einer Bar-Eröffnung spielen, Dienstags ihren wöchentlichen Gig im Glasshouse geben und den Rest der Woche überraschend bei der einen oder anderen Party auftauchen…„Man kann Häuser und Wohnblocks zerstören“, hatte Phil Frazier vor einer tausendköpfigen meist weißen Zuschauermenge verkündet. „Aber man kann die Musik in uns nicht auslöschen“. Nach ihm fegen die Soulveteranin Irma Thomas, R’nB-Sänger John Boutté und Mardi Gras Indians verschiedener örtlicher Tribes über die Bühne, rufen sie allesamt die Toten und die Überlebenden an, die hier zusammen gekommen sind um fünf Jahre nach Kathrina die musikalische Wiedergeburt ihrer Stadt zu feiern. Brad Pitt lässt eine Grußbotschaft von der Bühne verlesen – die Einnahmen sollen seiner Wiederaufbau-Initiative im zerstörten lower 9th ward zugute kommen. Und auch der neugewählte weiße Bürgermeister Mitch Landrieu verpasst die Chance nicht, ein besseres, von Mord und Totschlag geläutertes New Orleans zu propagieren. Es ist von reparierten Deichen die Rede, von abgerissenen und renovierten Sozialwohnungsblocks, von der Säuberung der korrupten Polizei und von Millionen, die die Stadt in ihre Fremdenverkehrsindustrie pumpt. Am Ende aber wissen alle, das all diese Bemühungen nichts wert wären – würden nicht die jungen Musiker aus den schwarzen Vierteln, Typen wie Phil Frazier oder Trombone Shorty, Shamarr Allen oder Kid Chocolate Brown unaufhörlich neues Jazz-Blut in die Adern der Stadt pumpen und mit einem Enthusiasmus ohnegleichen das Erbe von Louis Armstrong in die Gegenwart katapultieren. „Wir haben hier in den letzten Jahren mehr junge Brassbands entstehen, und mehr junge Talente ihren Weg gehen sehen als je zuvor“, sagt Phil Frazier. „The gumbo is cooking again“. Die mythenumrankte Eintopf-Küche brodelt wieder.Wie so viele Musiker der Stadt hatte Fraziers Rebirth Brass Band nie aufgehört zu spielen. Nur Wochen nach Katrina versammelten sich die über ganz Nordamerika verstreuten Bandmitglieder in Houston, wo sie für eine zu Tränen gerührte Flüchtlingsgemeinde „that ole N’awlins feel“ wiedererweckten. Und während noch eine nächtliche Ausgangssperre über New Orleans hing, nahm die Truppe um Phil Frazier ihre wöchentlichen Gigs im Katastrophengebiet wieder auf. Vor 27 Jahren hatte er mit seinem Basstrommel spielenden Bruder Keith und Trompeter Kermit Ruffins die Rebirth Brass Band aus der Taufe gehoben. Damals wickelten fast nur noch ältere Herren die Jazz Funerals ab. Doch die jungen Spieler der Rebirth Brass Band brachten die Energie des HipHop mit dem losen Spiel des Jazz zusammen, klauten bei Funk- und Reggaenummern und spielten jahrelang für ein paar Touristen-Dollars auf den Bürgersteigen des French Quarters. Heute sind sie selbst schon Veteranen. Und mit dafür verantwortlich, dass Ghetto-Typen mit goldverblendeten Zähnen jede Zeile von Louis Armstrong zitieren können, Jelly Roll Morton genauso populär ist wie Lil‘ Wayne und in New Orleans keine Demo, keine Bareröffnung und keine Releaseparty eines Bounce-Rappers ohne einen Haufen wilder Bläser über die Bühne geht: „Feel Like Funkin‘ It Up!“ Die Hymne der Rebirth Brass Band inspirierte Dutzende Nachwuchs- Bands wie die Soul Rebels, der New Birth, der Lil Rascals oder der Hot 8 Brassband. „In einer Brassband zu sein,“ erklärt Phil Frazier backstage während ihm der Schweiß unter dem Baseballkäppi herabrinnt, „das ist für die Jugendlichen aus den Projects oft die einzige Alternative zu einer Karriere im Drogenhandel“. Eine Lebensversicherung allerdings ist es noch lange nicht: Die Rebirth Brass Band habe im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder durch Schießereien verloren, andere wanderten ins Gefängnis. In der als „murder capital“ Amerikas geltenden Stadt gehöre es für die Rebirth Brass Band fast schon zum Alltag Beerdigungen für gleichaltrige und jüngere Mordopfer zu spielen. „Wir leben vom Sterben der Anderen“, so hatte es ein Brassbandspieler einmal formuliert. Als Gangster-Rap-Legende Soulja Slim vor acht Jahren vor dem Haus seines Schwiegervaters Phil Frazier niedergeschossen wurde, marschierten sie ihn zusammen mit Tausenden HipHop-Fans zum Grab, das Portrait des Verstorbenen auf der Brust. In New Orleans sieht man kaum eine Parade ohne diese tragbaren Grabsteine: T-Shirts mit einem aufgedruckten jungen Gesicht und zwei Daten die euphemistisch als „Sunrise“ und „Sundown“ titeln.„Ich habe mal einen Abend lang versucht“, sagt Chuck Perkins, „alle die Freunde und Bekannten aufzuschreiben, die eines gewaltsamen Todes gestorben bin. Bei Nummer 80 habe ich die Liste weggelegt…“ Der glatzköpfige Rapper, dessen Spoken Poetry Vorträge meist unangekündigt stattfinden und der mal Jazzmusiker, mal eine Truppe Mardi Gras Indians in vollem Federkostüm oder auch einen Bounce-Rapper mit sich auf die Bühne bringt, sitzt an der Bar des „Candlelight Dinner“. Der Name trügt: Die Einrichttung besteht aus einem Dutzend Plastiktischen und Stühlen, einer langen Theke und ein paar Ketten mit bunten Glühbirnen, die den niedrigen Raum notdürftig beleuchten. Von den mobilen Barbecueständen vor der Tür weht ab und zu der Geruch brutzelnder Spareribs herein. Dienstag abend spielt die Treme Brass Band im letzten noch funktionierenden Live-Lokal des Treme-Viertel. Es gibt weder Bühne noch Beleuchtung. Doch wenn die Musiker sich mit ihren Instrumenten in das Eck zwischen Jukebox und Bar drängen und das Eröffnungsriff von „I Got A Big Fat Woman.“ anblasen, dann zieht es die Menge aus der schwülen Nachtluft nach drinnen, und einige Frauen fangen an zu tanzen, während ein alter Mann rhythmisch sein Handtuch über den Kopf schwenkt. „Das Viertel wurde doppelt und dreifach getroffen“, erzählt Chuck Perkins und deutet auf die Grasfläche neben der Eingangstür auf der ein handgemaltes Schild „Tuba Fats‘ Place“ deklariert. „Zuerst starb 2004 Tuba Fats, der legendäre Tubaspieler, von dem fast alle der Jugendlichen hier auf die ein oder andere Weise Straßenunterricht erhielten – er war gerade mal 54 Jahre alt. Dann ließ Katrina Dutzende der alten Holzhäuser hier zusammenklappen. Und schließlich wurde auch noch Father Ledoux, der alte schwarze Pater, der die Jazzmusiker sonntags in die Kirche holte und den Widerstand im Viertel gegen die Immobilienhaie inspirierte, zwangsversetzt.“ Tatsächlich besteht New Orleans‘ Treme-Bezirk nur aus ein paar Dutzend Querstraßen: Sie verbinden den Congo Square, wo bis Mitte des 19.Jahrhunderts die Sklaven tanzten und die Rhythmen des Jazz geboren wurden, mit den Reihen weißgekalkter Grabhäusern des historischen Cemetery Number One und St. Augustine, der ältesten schwarzen Kirche Amerikas. Von hier stammen die meisten Jazzmusiker der Stadt, hier enden die meisten Brass Band Paraden in der einen oder anderen improvisierten Nachbarschafts-Bar. Dennoch finden nur wenig Touristen hierher – eilt doch dem Treme-Viertel ein Jahrhundert nach dem Abriss der Rotlicht-Kaschemmen von Storyville immer noch der Ruf eines gefährlichen Pflasters voraus. Heute abend allerdings brummt der Laden: Troy Andrewas alias Trombone Shorty ist zurück in der Stadt! Ehrensache, dass er im weißblau gestreiften Camaro in der alten Nachbarschaft vorfährt. Hi Fives für die Musikerkollegen, Küsschen für die Damen – und ein Ohr für den alten Mann, der den jungen Popstar zur Seite nimmt: „Hey my man Shorty, erinnerst du dich, wie ich dich beschützt habe, als dich noch niemand kannte? Ohne Towntaker wärst du nirgendwo…“ Troy Andrews reicht dem alten Mann schließlich genug Kleingeld für ein paar Bier. Towntaker, erklärt er, habe aufgepasst, dass die Drogendealer ihre Geschäfte nicht vor dem Jungen abwickeln. Damals als Shorty wie die anderen Kinder im Viertel begann, auf der Straße zu musizieren: „Mein Freund trommelte auf einem Bierkasten, und ich hielt einen Fahrradreifen als Fantasie-Tuba vor mich während ich den Basslauf des letzten Hits der Rebirth Brass Band prustete.“ Später sollte ein Onkel Trombone Shorty eine verbeulte Posaune geben , so dass er die alten Melodien mit frischen Funk-Riffs unterfüttern konnte. Ob bei Second Line Paraden, auf Jazz Funerals oder Club Gigs in den ständig wechselnden Eckbars. Trombone Shorty war immer mit von der Partie. „Da hatte meine Tante ihren Club“, sagt er und zeigt auf eine vermodernde Holzhütte „Eintritt ab 21 Jahren – ich war das einzige Kind dort. Manchmal haben sie mich sogar nachts aus dem Bett geholt: Shorty, wir brauchen deine Posaune“. Der 24-jährige lacht sein lautes Jungs-Lachen. Andrews ist nicht nur der jüngste Shooting Star aus New Orleans. Er gehört zu einer jungen Szene von Musikern, die heimische Traditionen in neuen unerhörten Fusionen aufkochen, und sowohl der Disneyfizierung ihrer Stadt wie die der konservativen Vorgänger-Generation um Wynton Marsalis kräftig den Marsch blasen. Ihre Botschaft ist klar: New Orleans hat den Schock von Katrina als Weckruf verstanden, seine Musik jedenfalls blüht wie lange nicht mehr. Lesen Sie die vollständige Reportage im aktuellen

MUSIKEXPRESS

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Kooperation

Jonathan Fischer – 01.12.2010


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