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Ein Besuch bei The National: Tut uns leid, Michael Stipe!

Vor einigen Jahren krachten eines Abends in einer Bar irgendwo in der nördlichen Hemisphäre derart viele Eiswürfel in eine Reihe schwerer Kristallgläser, dass die Erinnerung an diese Begegnung für die betei­ligten Protagonisten in etwa so trübe ist wie der Whiskey, in dem die Eiswürfel damals ertranken. Die Details? War es die Bar in Bonos eigenem Hotel in Dublin? Oder saß die Runde irgendwo in ­Nordamerika und Bono bloß mit am Tisch? Matt Berninger weiß nur noch, dass irgendwann Michael Stipe, damals noch Sänger von R.E.M., ihn an den Arm gefasst und gefragt habe: „Warum schreibt ihr nicht einfach mal einen Popsong?“

‚Für ihre Fans klingt es nach einer offensichtlichen Frage, für die Band könnte sie kaum egaler sein: Warum sind The National eigentlich keine Weltstars? Weil sie sich nicht für Popsongs interessieren. Sie arbeiten lieber daran, ihre Musik für sich selbst interessant zu halten. So auch auf ihrer neuen, hervorragenden Platte SLEEP WELL BEAST.

Ein Besuch bei der Albumpremiere im Haus der ehemaligen Bassistin von Hole. Weit draußen vor New York. Dort, wo die Sterne leuchten. Im Manhattan der Gegenwart kennt die Geschäftstüchtigkeit keine Ruhe. Dort weicht Pop oft einer teuren Spießigkeit, um den Trubel erträglicher zu machen. Wenn der gestresste New Yorker einmal nicht am Rad drehen will, nimmt er den Zug.

Kooperation

Raus aufs Land, um mal die Nase in den Wind zu halten. Einer dieser vielen Vorstadt­züge schleicht sich einmal am Tag am Hudson River entlang Richtung Norden, vorbei an den Chappaqua Woods, wo Hillary Clinton nach ihrer Wahlniederlage tagelang spazieren ging, durch Kleinstädte wie Tarrytown, Poughkeepsie, Rhinecliff, bis er zweieinhalb Stunden später in der Gemeinde Hudson Halt macht.

Der englische Seefahrer und Namens­geber Henry Hudson machte hier 1610 Station auf der Suche nach einer Nordwestpassage von Grönland aus. Im 19. Jahrhundert siedelte sich die Walfangindustrie an. Mit ihr kamen Prostitution und illegale Glücksspiele in die Stadt mit den bunten Kolonial­stilhäusern. Doch immer wieder ließen sich auch Künstler nieder.

Der Komponist Philip Glass gehörte einst zu den Einwohnern, seit zehn Jahren hat das Marina Abramović Institute hier seinen Sitz. Heute leben noch 6 400 Menschen in Hudson, es waren mal doppelt so viele. Am Wochenende steigt die Zahl allerdings rapide, wenn reiche New Yorker hier rausfahren, um sich in der Warren Street in den rund 40 Boutiquen nach Vintage-Sesseln oder Art-Deco-Lampen umzuschauen.

Irgendwo im Nirgendwo

Die Haupteinkaufsstraße mit ihren süßen, teuren, hippen Geschäften sieht aus wie ein komplett für Instagram herausgeputztes Städtchen. Die Straßen sind sauber, im Eisladen werden die Kugeln in Schokoladenwaffeln serviert, im Park spuckt ein Springbrunnen in den Himmel. Die Menschen und Verkäufer: wahnsinnig nett, höflich und hilfsbereit. Fast ganz am Ende der Warren Street, in der „Rivertown Lodge“, einem ehemaligen Kino, das zu einem Motel umgebaut wurde, sitzen an einem verregneten Sommermorgen die ebenso netten und höflichen Zwillingsbrüder Aaron und Bryce Dessner.

Heute Abend wird ihre Band The National ihr neues, siebtes Album SLEEP WELL BEAST uraufführen in der „Basilica Hudson“, einer alten Fabrikhalle aus dem 18. Jahrhundert, die die Musikerin (Hole, The Smashing Pumpkins u.a.) und Fotografin Melissa Auf der Maur und ihr Mann, der Filmemacher Tony Stone, vor ein paar Jahren gekauft haben und in eine Kunst- und Konzertlocation umbauen ließen. Zuvor erzählen uns die Dessners aber erst einmal was über die Entstehungsgeschichte dieser Platte – und warum sie hier in Hudson gelandet sind.

„Vor drei, vier Jahren bin ich mit meiner Familie aus Brooklyn weggezogen“, sagt Aaron Dessner, der sehr leise und ruhig spricht, Satz an Satz reiht, ohne weiter seine Stimme zu variieren. „Ich habe mir ein altes Bauernhaus gekauft, 20 Minuten von hier, irgendwo im Nirgendwo.“ Wie der Rest der Band stammen die Dessners aus Cincinnati, Ohio. Mit Mitte 20 zogen die fünf Bandmitglieder nach New York, für die Karriere. Doch: „Wir sind als Kinder immer aufs Land gefahren, wir fühlen uns auf dem Land zu Hause. Und nach 15 Jahren in New York City habe ich mich gefragt, warum ich nachts dort nirgendwo die Sterne sehen kann.“


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