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Kritik

„The Trial of the Chicago 7“ auf Netflix: Wer hat angefangen?

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Chicago im Jahr 1968: Die Proteste gegen den Vietnamkrieg im Rahmen der National Convention der Demokratischen Partei kulminieren in heftigen Ausschreitungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Erst einige Monate später werden die titelgebenden „Chicago 7“ des neuen Films „The Trial of the Chicago 7“, also Anti-Kriegs-Aktivisten, die an der Demonstration federführend teilnahmen, angeklagt – wegen Anstiftung zum Volksaufstand und Verschwörung. Es kommt zum Gerichtsprozess, der im Zentrum des Werks von Drehbuchautor und Regisseur Aaron Sorkin steht. Die Hauptfrage, die in seiner zweiten Regiearbeit als Leitmotiv dient, lautet: Wer hat den Krawall angefangen? Die Suche nach einer Antwort prägen Film und – natürlich – den Prozess. Doch anhand ihr eröffnet sich auch ein Sittengemälde der USA in den späten 60ern und frühen 70ern, das sich anzuschauen lohnt.

Dass Aaron Sorkin sich sowohl mit Gerichtsdramen, als auch mit Stoffen aus dem Kosmos der US-Politik auskennt, muss man niemandem mehr erklären. Er schuf mit „The West Wing“ die einschlägige Serie über das Weiße Haus und schrieb das Drehbuch zum Gerichtsdrama „Eine Frage der Ehre“, in dem er Jack Nicholson mit „You can’t handle the truth“ einen der legendärsten Sätze der Filmgeschichte in den Mund legte.

Die Suche nach der Wahrheit

Die Suche nach der „truth“ treibt Sorkin nun auch wieder in „The Trial of the Chicago 7“ um. Der Film basiert konkret auf einem historischen Gerichtsprozess aus den Jahren 1969/1970, der in die US-Geschichte einging. In Folge der Proteste aus dem Jahr 1968 werden mehrere Angeklagte vorgeladen, unter ihnen sind der Anti-Kriegs-Aktivist David Dellinger (John Caroll Lynch), Tom Hayden (Eddie Redmayne), der Vorstand einer demokratischen Studentenbewegung sowie Abbie Hoffman (grandios gespielt von Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) von der anarcho-kommunistischen Youth International Party. Insgesamt sind – entgegen dem Titel „Chicago 7“ – acht Leute vorgeladen; der achte im Bunde ist Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Vorsitzender der Black Panthers, der vor Gericht steht, obwohl er nicht an der Organisation der Demo beteiligt war.

Minutiös führt Sorkin, der für sein Drehbuch zu „The Social Network“ einen Oscar erhielt, durch den Prozess, fängt die Stimmung rund um die Verhandlung nachvollziehbar ein: Der Tod von Martin Luther King, genau wie der von Bobby Kennedy liegt noch nicht allzu lange zurück. Der Republikaner Richard Nixon wurde erst vor Kurzem als Präsident der USA und somit als Nachfolger des Demokratischen Lyndon B. Johnson gewählt und vereidigt. Der historische Kontext spielt im Film eine wichtige Rolle, ist 1969 doch ein Schlüsseljahr für die USA, forciert sie doch gerade eine Mobilisierung im Vietnamkrieg, nicht nur personell, sondern auch hinsichtlich des Waffeneinsatzes.

Kritische Stimmen, wie die der „Chicago 7“, werden da eher ungern gehört. Der Vorsitzende im Gerichtssaal ist passenderweise ein greiser, weißer Richter namens Julius Hoffman (Frank Langella), der dem Prozess nur so viel Aufmerksamkeit wie nötig schenkt, unliebsame Befragungen unterbinden oder streichen möchte und sich nicht mal die Mühe macht, sich die Namen mancher Angeklagter korrekt zu merken. So nennt er den Angeklagten Dellinger erst Dillinger, wie den berühmten Gangster, dann Derringer, wie eine bekannte Pistole und als er dann ein vergleichbares Problem noch mit dem Namen eines Verteidigers der Angeklagten hat, da fragt man sich schon: Meint er das ernst?

Ein Indikator dafür, dass man vor diesem Gericht gerne mal ein Auge zudrückt (also nur in eine Richtung) ist das dann aber schon: Eine ordentliche Portion Willkür ist vorhanden, genauso wie ein Desinteresse an einer tatsächlichen Aufklärung. Dabei ist vieles eigentlich glasklar, deutete sich ein derartiger Konflikt, also ein Clash zwischen Polizei und Protestierenden, schon vor dem Parteitag der Demokraten an.

Ist das ein politischer Prozess?

Am Spannendsten zu beobachten sind neben den Angeklagten – unter denen sich immer wieder Meinungsverschiedenheiten eröffnen, entstammen sie doch per se verschiedenen Gruppierungen – vor allem William Kunstler (Mark Rylance), ein weiterer Verteidiger der Angeklagtenseite sowie Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt), der zuständige Staatsanwalt. Wir lernen Schultz schon vor dem Prozess kennen und selbst da lässt er Unsicherheit durchsickern, ob die Klage gerechtfertigt ist  und ob sie nicht zu sehr die Redefreiheit einschränken würde.

Neben der Frage, wer den gewaltsamen Protest angefangen hat – sprich: wer in alter Hollywood-Manier „gut“ und wer „böse“ ist – hat der Film noch eine weitere wichtige Frage, nämlich: Ist das ein politischer Prozess?

Noch im ersten Drittel des Films verneint der bereits erwähnte Anwalt der Angeklagten, William Kunstler, eine Aussage von einem der „Chicago 7“, Abbie Hoffman, dass es sich um einen politischen Prozess handle mit den Worten: „Es gibt Zivilprozesse und es gibt Strafprozesse. Aber es gibt keine politischen Prozesse“. Doch später scheint auch ihm zu dämmern, dass diese Anklage durchaus politisch motiviert ist – und eine Hauptrolle hierfür spielt der bereits erwähnte politische Kontext.

So gesehen darf „The Trial of the Chicago 7“ auch gerne aus heutiger Sicht als zeitgeistig gesehen werden, ist es doch das konservative Amerika, das hier Bürgerprotest sprichwörtlich verurteilt. Als sinnbildlich für das fehlende Interesse an einer tatsächlichen Aufklärung steht der kurze Auftritt von Ramsey Clark (Michael Keaton), dem ehemaligen Attorney General unter Lyndon B. Johnson, der unmittelbar nach dem Machtwechsel im Weißen Haus in seinem Amt ersetzt wurde. Er wurde von der Angeklagtenseite als Zeuge geladen – aber der Richter Hoffman verwehrte ihm, vor Gericht auszusagen. Soviel zum Thema Interesse an Aufklärung.

Starbesetzter Cast

Sorkin legt mit „The Trial of the Chicago 7“ einen überaus authentischen Film vor, der die Zeit nachvollziehbar einfängt. Vor allem der Machtwechsel zu Nixon, der den Vietnam-Krieg zwar nur von seinen Vorgängern erbte, aber eine maßgebliche Offensive initiierte, ist anschaulich dargelegt. Grandios ist zudem der starbesetzte Cast mit den Oscar-Preisträgern Eddie Redmayne und Mark Rylance sowie bekannten Gesichten wie Joseph Gordon-Levitt, Michael Keaton und Sasha Baron Cohen, der hier mal wieder in einer ernsthaften Rolle zu sehen ist und sich damit die ein oder andere Preis-Nominierung erspielt haben dürfte. Von dieser Seite gibt es jedenfalls keinen Einspruch.

Dem historischen Prozess – er gilt als einer der berüchtigtsten in der US-Geschichte – tut Sorkin mit seiner zweiten Regiearbeit nach „Molly’s Game“ aus dem Jahr 2017 allemal recht. Zum authentischen Bild trägt auch gelegentlich gebrauchtes Archiv-Material aus der Zeit bei. Seine Regiearbeit bleibt abseits dessen zwar größtenteils konventionell und hebt sich nicht sonderlich von der Inszenierung anderer Gerichtsdramen ab. Die an sich sperrige Handlung schafft er dennoch, vor allem durch das tolle Drehbuch, in eine spannende Erzählung zu verwandeln: Messerscharfe Dialoge und klug gesetzte Zeitsprünge machen „The Trial of the Chicago 7“ zu einem unterhaltenden Film, zu einem Drama über Recht und Unrecht, das auch noch einige Wahrheiten für die Jetztzeit mitliefert.

„The Trial of the Chicago 7″ ist seit dem 16. Oktober 2020 auf Netflix zu sehen.


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