Tom DeLonge im Interview: „Cancel Culture? Punks kümmern sich nicht um diesen Scheiß“

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Rockstar auf „Akte X“-Territorium: Tom DeLonge will das Bewusstsein der Menschen für die Idee öffnen, dass wir nicht alleine im Universum seien. Um sein Interesse für Ufos und andere paranormale Phänomene zu verfolgen, hat der 45-Jährige mit der „To the Stars… Academy of Arts & Sciences“ eine Plattform für seine vielfältigen Aktivitäten mitgegründet. Die Veröffentlichung von Musik, Filmen und Büchern gehört ebenso dazu wie die Förderung von Forschung zu den „äußeren Rändern der Wissenschaft“. „Aliens Exist“ also, wie seine frühere Band blink-182 einst feststellte?

Bis das bewiesen ist, bleibt er auf seiner Mission. Mit LIFEFORMS ist am 24. September das sechste Studioalbum seiner Band Angels & Airwaves erschienen.

Hier im Stream hören:

Dies sei Teil eines Kunstprojekts, um „einige große Ideen und Konzepte“ darüber voranzubringen, „wer wir sind und wo wir hingehen“, erklärt Tom DeLonge. Wir sprechen mit ihm, während er mit dem Auto und zu Fuß in seiner kalifornischen Heimatstadt San Diego unterwegs ist.

MUSIKEXPRESS: Tom, LIFEFORMS setzt sich stärker mit Problemen der Gegenwart auseinander als eure früheren Alben. „Losing My Mind“ etwa ist eine Reaktion auf die Pandemie und Rassismus. Zeilen wie „the world is on fire“, „there‘s idiots abound“ und „we’re all gonna die“ sind untypisch für dich. Wie nimmst du die Welt zurzeit wahr?

Tom DeLonge: Das sind keine Dinge, über die ich normalerweise singen würde. Aber als Amerikaner, der sieht, was alles in seinem Land vor sich geht, hatte ich das Gefühl: Ich würde es bereuen, wenn ich nichts sage. Daher war es mir wichtig, das ein bisschen zu tun – unsere schlechtesten Seiten offenzulegen, zumindest in diesem Land. Angels & Airwaves geht es immer darum, sich stärker seiner selbst bewusst zu werden, statt zu denken, man ist besser als andere – egal, ob es um deine Hautfarbe, dein Einkommen oder dein Glaubenssystem geht.

„No More Guns“ ist ein explizit politischer Song. Warum wirst du hier so direkt?

Tom DeLonge: Viele Leute in unserem Land sehen den Besitz von Schusswaffen als Grundrecht – das ist es ja auch. Aber das löst nicht das Problem, dass damals, als es in unsere Verfassung geschrieben wurde, nicht darüber nachgedacht wurde, dass eines Tages große Fabriken halbautomatische und automatische Gewehre herstellen würden, die in die Hände von rassistischen Deppen und Kindern fallen. Ich hasse die Idee hinter Schusswaffen: Sie werden hergestellt, um zu töten. Ich sehe mich auf der Seite derjenigen, die das Leben beschützen wollen. Und ich mag Leute nicht, die dafür streiten, Waffen haben zu dürfen.

Musikalisch ist LIFEFORMS Rock-lastiger und weniger bombastisch inszeniert als eure anderen Alben. Hast du deine Wurzeln wiederentdeckt?

Tom DeLonge: Absolut. Es war mir wichtig, einige der Sachen, die ich als Heranwachsender gehört habe, zu würdigen. „Spellbound“ dient dem Zweck, meine Liebe für Depeche Mode zu zeigen. „Automatic“ soll meine Liebe für The Cure zeigen. „No More Guns“ soll meine Liebe für The Who zeigen. „Timebomb“ soll meine Liebe für Pop-Punk und Progressive Punk zeigen – ich kann darin fast hören, was blink heute tun könnten…

Du hast auch einen Film gedreht.

Tom DeLonge: Das Album hängt mit meinem Film „Monsters of California“ zusammen. Er handelt von drei Skateboardern und ihrer Neugier auf das Paranormale. Es ist ein Blick in die Welt meiner Kindheit: So viel von den Dialogen und Witzen kommt aus dem Freundeskreis, aus dem blink entstand. Ich hoffe, dass die Leute die Gesamtheit dessen erkennen können, was mich ausmacht.

Wie war es, zum ersten Mal Regie bei einem Spielfilm zu führen?

Tom DeLonge: So eine Herausforderung. So viel Arbeit. Ich musste mich noch nie so konzentrieren. Aber es ist auch sehr bereichernd. Ich bin besessen von Dingen, die ich nicht weiß: Was kann alles schiefgehen? Wie lerne ich so viele Fähigkeiten in so kurzer Zeit? Beleuchtung, Sound-Design, wie sich eine Kamera durch einen dreidimensionalen Raum bewegt. Wie kann man die Emotionalität einer Szene mithilfe solcher Werkzeuge spiegeln? Ich hatte so viel Spaß bei dieser Erfahrung, dass ich jetzt an rund 15 weiteren Filmen arbeite. Ich stecke jetzt tief drin.

Du bist zuletzt auch verstärkt zum klassischen Tom-DeLonge-Humor zurückgekehrt…

Tom DeLonge: Oh-oh.

… etwa im „Tom’s Cut“ zum „Losing My Mind“-Musikvideo. Oder mit deinem Rat, wie man schnelles Gitarre-Spielen lernt: Masturbation. Wir haben diesen Tom lange nicht gesehen – ist er zurück?

Tom DeLonge: Ich denke schon. Heute fühle ich mich wohler in meiner Haut als jemals zuvor. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wer ich bin und wer ich sein will. Bei blink dachte ich, ich wüsste es: ein rebellischer Punkrocker. Fuck you, fuck you, fuck you – wir tun, was wir wollen, haben Spaß und machen uns über alle lustig. Aber dann wird man älter. Wenn man etwas Geld verdient hat, etwas Erfolg hatte, eine Familie hat, fühlt man sich so, als ob man nur noch so tut, als ob man sich um nichts groß kümmert. Natürlich ist das noch in einem drin, aber so zu tun, als wäre das alles, ist nicht authentisch. In einer Rockband muss man das aber sein.

Du bist immer noch Mitglied in einer Rockband.

Daher wollte ich mit Angels & Airwaves ernsthafter werden, mich mehr mit den esoterischen Sachen beschäftigen, die mir wichtig sind. Aber dann – nach all der Arbeit mit meiner Firma (To the Stars – Anm. d. Red.) und nachdem alle erkannt hatten, dass ich nicht verrückt bin – begann ich, mich richtig wohlzufühlen. Und die Witze begannen wieder einzusickern. Angels & Airwaves ist ein gutes Abbild dessen, was ich heute bin: Ich mache mir große Sorgen um die Menschheit; ich weiß viel über Ufos; ich arbeite mit Leuten in der Regierung. Aber das heißt nicht, dass ich keine guten Penis-Witze mag. (lacht)

Leute scheinen heute viel schneller beleidigt, wenn man einen kruden Witz macht, als das vor 20 Jahren der Fall war. Einige der Witze auf blinks THE MARK, TOM, AND TRAVIS SHOW würden heute wohl in manchen Kreisen ziemlich schlecht ankommen…

Tom DeLonge (lacht): Da sind wir einer Meinung.

Beschäftigt dich die sogenannte Cancel Culture?

Tom DeLonge: Ich habe immer Leute um mich herum, die mir sagen: Du musst vorsichtig sein, sonst wirst du gecancelt. Aber ich sage dann: Ich bin ein Punker. Punker kümmern sich nicht um diesen Scheiß. Würde ich mir Sorgen darum machen, gecancelt zu werden, würde es alles auslöschen, was ich als Teenager getan habe, wirklich verrückten, dummen Scheiß. Jetzt soll ich mich plötzlich darum kümmern, was andere Leute denken? Aber: Ich will auch kein Arschloch sein. Ich will andere Menschen nicht verletzen. Früher haben wir uns über andere Leute lustig gemacht, weil wir es verdammt lustig fanden. Aber heute will ich nicht, dass sich Leute meinetwegen schlecht fühlen. Angels & Airwaves geht es auch darum, dass es fucking cool ist, ein guter Mensch zu sein. Es ist fucking cool, sich um andere zu kümmern. Es ist fucking cool, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das heißt aber nicht, dass man nicht wild sein und sich über alles Mögliche lustig machen kann.

2020 veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium drei Videos von unidentifizierten Flugobjekten. To the Stars hatte diese Aufnahmen von Piloten der US-Marine bereits 2017 und 2018 publik gemacht. Das Pentagon gründete zudem eine Task-Force, um solche Phänomene zu untersuchen. Was bedeutet dir diese Entwicklung – und machte es dir etwas aus, als dich viele Leute als Spinner und Verschwörungserzähler abstempelten?

Tom DeLonge: Nein, das hat mich nie gekümmert. Alle fragen mich: Fühlst du dich jetzt bestätigt? Und ich antworte: Nein, weil ich wusste, dass ich recht behalten würde. Als die Leute dachten, ich sei verrückt, war meine Haltung: Ein Schritt nach dem anderen – die Leute werden es bald herausfinden, und dann werden sie wohl nicht sehr gut schlafen. (lacht) Wir wussten genau, was wir taten. Wir hatten hart an der Strategie gearbeitet, um die richtigen Treffen mit dem US-Kongress und dem Weißen Haus in die Wege zu leiten. Wir haben dazu beigetragen, die Task-Force zu initiieren. Ich dachte mir also: Wartet ab und kapiert, dass ich kein Idiot bin. Und so in etwa ist es geschehen.

Ist es für dich seltsam, einerseits ein Rockstar zu sein – andererseits aber auch in einer ganz anderen Szene unterwegs zu sein, in der du dich mit Wissenschaftlern und Geheimdienstlern austauschst?

Tom DeLonge: Yeah, ich denke, in den vergangenen paar Jahren steckte ich da etwas zu tief drin. Ich begann, etwas den Typen zu vergessen, den du hier gerade siehst. Ich bin etwas zu tief auf diese andere Seite gegangen, statt mich mehr mit dem zu beschäftigen, worum ich mich eigentlich kümmern soll: die künstlerische Seite. Aber ich musste das tun! Das Pendel ist aus gutem Grund in diese Richtung geschwungen. Und jetzt schwingt es zurück, und ich kann mich wieder auf das konzentrieren, weshalb ich wahrscheinlich auf dieser Erde bin: die Leute über meine Kunst wachrütteln. Aber das könnte ich nicht, wenn wir nicht die Dinge getan hätten, die wir in den letzten drei, vier Jahren geschafft haben.

Du bist viel mit Mark Hoppus in Kontakt, der zurzeit gegen Krebs kämpft. Wie geht es ihm?

Tom DeLonge: Seine Chemotherapie scheint wundervoll funktioniert zu haben. Sie scheint den ganzen Krebs weggefressen zu haben. Er ist gerade zu Hause und guter Dinge. Natürlich springt er nicht vor lauter Freude in der Gegend herum. Ein Tag nach dem anderen, es stehen weitere Tests an. Aber ich denke, er ist überwältigt davon, dass die Therapie funktioniert hat. Ich freue mich sehr für ihn und will einfach für ihn da sein, was auch immer er braucht.

Du, Mark und Travis Barker versteht euch offenbar wieder ausgezeichnet. Eine zweite blink-182-Reunion mit euch als Trio scheint eher eine Frage des Wann als des Ob.

Tom DeLonge: Ich glaube, wir alle wollen wieder miteinander Musik machen. Wenn wir es tun, müssen wir blink zur Priorität machen, weil wir ja alle andere Sachen am Laufen haben. Wir müssen es hinbekommen, dass sich am Ende alle gegenseitig respektiert fühlen. Es ist eine laufende Konversation.

Du hast musikalisch und thematisch viel mehr experimentiert als blink-182 mit ihrem aktuellen Line-up. Denkst du, ihr könntet kreativ wieder einen gemeinsamen Nenner finden?

Tom DeLonge: Ich denke schon, yeah. Es ist lustig: Ich habe in den vergangenen Jahren mit Angels mit so vielen Stilen experimentiert, dass etwas Einfacheres und Punkigeres sich für mich erfrischend anfühlen würde. (lacht) Wenn ich auf ENEMA OF THE STATE zurückblicke, denke ich mir: Wow, es könnte wirklich Spaß machen, zu versuchen, progressive Punk-Songs zu schreiben – aber nicht auf die Weise, wie ich es bei Angels tue, mit dem ganzen elektronischen Zeug. Man könnte wirklich explosive Dinge machen. In der Zeit zurückgehen, sozusagen, aber dabei die Songwriter-Fähigkeiten anwenden, die ich über die Jahre entwickelt habe. So, als ob du sagst: Bau ein Haus mit diesen drei Werkzeugen. Und ich sage: Das ist wirklich schwierig, und es wird viel mehr Fokus und Gedanken brauchen. Aber ich wette, ich kann das. Ich mag Herausforderungen.

Das einzige Album von Box Car Racer feiert nächstes Jahr sein 20. Jubiläum. Du und Travis habt über eine mögliche Reunion-Tour gesprochen. Könnte es auch ein neues Album geben?

Tom DeLonge: Es gibt ein unveröffentlichtes Lied von Box Car Racer. Wir diskutieren, wann und wie wir es veröffentlichen. Das ist alles! (lacht)

Das neue Album LIFEFORMS von Angels & Airwaves ist am 24. September 2021 erschienen.


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