Top 5: Neue Musik aus Montreal (und Umgebung)

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Wer nach Montreal kommt, merkt schnell, dass Musik hier hoch im Kurs steht. Schon vom Tourie-Hot-Spot, der Aussichtsplattform auf dem Mont Royal, sieht man den Songwriter-Heiligen Leonard Cohen mit mildem Blick über die Stadt und seine Musiker*innen wachen. Das hochhaushohe Mural in der Crescent Street kann man von dort oben deutlich erkennen. Aber auch der noch lebende Teil der Musikszene hat Spuren hinterlassen: Das Haitianische Restaurant Agrikol, bei dem Win Butler und Régine Chassagne von Arcade Fire involviert sind, ist zwar pandemiebedingt bis auf weiteres geschlossen seit Dezember 2020, aber Chefkoch Paul Toussaint schrieb auf Instagram, es sei kein „Goodbye“, sondern vielmehr ein „See you soon!“ Das Casa del Popolo auf dem Saint Laurent Boulevard wiederum hat noch geöffnet – die Kombination aus Bar, Bistro, Print-Shop und Musik Venue, die von Mauro Pezzente von Godspeed You! Black Emperor mitbegründet wurde, ist unbedingt einen Besuch wert.

 

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Ende November lud das Showcase Festival M For Montreal zum ersten Mal seit Pandemie-Beginn Journalist*innen, Labelmenschen und Booker*innen in die Stadt – nicht um die alten Held*innen zu feiern, sondern um der neuen Generation von Musiker*innen aus Montreal und Rest-Kanada eine Bühne zu bieten. Diese fünf fanden wir am spannendsten.

Anachnid

Die Sängerin und Künstlerin Anachnid spielte auf einem Showcase des International Indigenous Music Summit. Wer nach Kanada reist, sollte sich generell mal etwas genauer mit der Landesgeschichte und dem Umgang mit den First Nations (den indigenen Einwohner*innen) befassen – dieses Kaptiel ist nämlich alles andere als sympathisch und war in diesem Jahr durch die Enthüllungen um die „Residential Schools“ und die dort gefundenen Kinderleichen präsenter denn je. Aber das ist ein anderes Thema. Anachnid ist eine Künstlerin, die in ihrer dunklen Musik auch die Wut auf diese Vergangenheit verarbeitet. Ihr Stil-Mix aus Electro-Pop, Trap, Indie, Soul und HipHop ist dabei zugleich ultra-modern und dabei von der Philosophie, Tradition und Sprache ihrer Vorfahren durchzogen. Anachnid, die den Oji-Cree angehört und die Spinne als ihr Spirit Animal nennt, wirkt dabei auf der Bühne wie eine Gothic-Diva, die die Tänze ihrer Großeltern auf MDMA nachtanzt. Ihr Debütalbum „DREAMWEAVER“ erschien im vergangenen Jahr.

Backxwash

Eine visuelle und musikalische Überforderung – was als Kompliment gemeint ist – liefert Backxwash mit ihrem Frontalausgriff aus Gothic-Ästhetik, Industrial-Sounds, Screamo-Parts und wütendem Rap, bei dem sie schon mal Black Sabbath oder Godspeed You! Black Emperor sampled. Angekündigt wurde ihre Musik beim M For Montreal als „Queer Horrorcore“, was die Sache auch sehr gut trifft. Die 1991 in Sambia geborene und in Montreal lebende Ashanti Mutinta, die sich hinter diesem Moniker verbirgt, gewann für ihr Debüt aus dem letzten Jahr „GOD HAS NOTHING TO DO WITH THIS LEAVE HIM OUT OF IT“ den renommierten Polaris Music Price und legte schon in diesem Jahr das, wieder grandios betitelte, Album „I LIE HERE BURIED WITH MY RINGS AND MY DRESSES“ nach. Diese Launch-Show dazu zeigt recht deutlich, was euch auf einem Backxwash-Konzert erwartet:

Corridor

Die hotteste Show in Town war leider nicht offiziell mit dem Festival verbunden: Corridor – die mit ihrem aktuellen, dritten, von uns ziemlich gefeierten Album „JUNIOR“ übrigens die erste französisch-sprachige Band auf Sub Pop sind – luden ins schnell ausverkaufte Théâtre Fairmount im hippen District Mile End. Wie uns Drummer Julien Bakvis nach dem Gig erzählte, habe man, als man die Show gebucht hatte, noch nicht gewusst, dass das M For Montreal in der gleichen Woche stattfindet. Zum Glück hatten wir eine gute Management- bzw. Gästelisten-Connection und konnten noch Zeuge dieses furiosen Heimspiels werden. Songwriter Gus Englehorn (den wir weiter unten vorstellen) verriet uns schon vorher, Corridor seien live fantastisch – „like a strange machine“ sagte er. Das passt. Ihr Shoegaze auf Adrenalin, ihr krautig-tightes Rhythmus-Gefühl und das Charisma von Sänger und Bassist Dominic Berthiaume, der ironisch stilsicher im Nickleback-Shirt auf der Bühne stand, sorgten dafür, dass am Ende gar crowdsurfen angesagt war.

Gus Englehorn

Das Setting hätte nicht passender sein können: Der in Montreal lebende Songwriter Gus Englehorn spielte (wie auch die letzte Band in dieser Liste) bei einem Showcase, das im Café Cléopâtre stattfand – eine seit den 70ern existierende Strip Bar, in der eine Etage zur Konzert-Location umfunktioniert wurde. Gus spielte dann mit seiner Ehefrau Este an den Drums einen Sound, der irgendwo zwischen den White Stripes und Daniel Johnston zu verorten ist. Garagige, pointierte Songs, eine faszinierende, sehr eigene Stimme und dadaistische Texte von Tod und Teufel. Schon sein erstes Album aus dem Vorjahr trägt den Titel „DEATH & TRANSFIGURATION“. „The Gate“, die erste Vorabsingle aus seinem nächsten Album, beginnt dann auch gleich wieder mit einer (Nah-)Tod-Erfahrung. Wir waren so begeistert von seiner Musik, dass wir Gus in Begleitung von Este am Tag drauf zum Interview trafen. Die erste Überraschung dabei: Dieser so abgründig musizierende Herr ist ein wahnsinnig amüsanter, lustiger Gesprächspartner. Zweite Überraschung: Bevor er und Este sich auf Musik (und in ihrem Fall auch auf Kunst und die Filmerei) konzentrierten, waren beide Teil der professionellen amerikanischen und kanadischen Snowboard-Szene. Gus als Fahrer, Este als Filmerin, die zahlreiche Action-Clips und zum Beispiel eine Dokumentation über Snowboarderinnen drehte. Hier schon mal ein kleiner Auszug des Gesprächs:

Gus, deine Texte sind zwar – ebenso wie deine Songs – sehr kompakt, aber du schaffst es immer mit sehr wenigen Worten sehr weite Felder und bizarre Bilder aufzumachen. Wo kommt das her?
Gus: Das werde ich oft gefragt. Ich weiß gar nicht, wo das herkommt. Dieser ganze kreative Prozess ist noch immer ein Mysterium für mich. Ich versuche oft, Dada mit Storytelling zu vermischen. Was im Grunde ein ziemlich weirder Mix ist, weil Dadaismus Nonsens ist und Storytelling ja eine Handlung braucht. Irgendwie versuche ich wohl, das zu versöhnen.
Este: Ich schaue manchmal auch etwas verwirrt auf die Teile, mit denen er da arbeitet, aber wenn Gus dann den Song fertig hat, funktioniert er immer sehr gut für mich. Dann zeigt sich die Kraft einer guten Collage, bei der man fast eine Story erkennen kann. Man muss die Lücken dann mit der eigenen Fantasie füllen und das macht es wiederum spannend.

Voll. Ich glaube, deshalb wirken die Songs auch so abgründig. Apropos: Hätte ich bei deinem Gig jedes Mal einen Schnaps getrunken, wenn du über den Tod singst, wäre ich jetzt noch ziemlich betrunken. Wo kommt das her?
Gus: Mich fasziniert einfach, dass der Tod immer dieser Elefant im Raume ist. Jeder weiß, dass er da ist, aber keiner redet drüber. Und ich glaube: Je mehr du dein Leben liebst, desto größer ist die Angst vor dem Tod. Ich habe eigentlich ein sehr schönes Leben: Ich lebe mit einer Frau zusammen, die ich über alles liebe, ich verbringe meine Tage momentan fast ausschließlich damit, Musik zu machen – viel mehr brauch ich eigentlich nicht. Als viele dieser Songs entstanden, lebten wir beide allerdings für ein paar Monate in einer Art Holzhütte mitten im Wald, in der Nähe eines sehr, sehr kleinen Dorfes. Diese Isolation hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich mich mit den großen Themen der Menschheit auseinandersetzen wollte – und das größte Thema ist eben der Tod.

In einigen deiner Songs nimmst du die Perspektive deines autistischen Bruders ein bzw. versuchst dich in seine Weltsicht einzufühlen. Was kannst du uns darüber erzählen?
Mein Bruder ist ein sehr faszinierender und inspirierender Mensch, den ich sehr liebe. Ich glaube, ich schreibe diese Lieder, um ihn ein wenig besser zu verstehen. Oder um mir einzubilden, es zu können. Diese Zeilen sind oft mit realen Geschehnissen verbunden, die mich beschäftigen. In „My Own Paradise“ singe ich zum Beispiel: „All those years in the belly of the seven / and you brought me back again.“ Das bezieht sich darauf, dass mein Bruder die ersten sieben Jahre seines Lebens kein Wort gesagt hat. Mit sieben hatte er dann einen Unfall und wurde von einem Auto angefahren. Als er im Krankenhaus lag, hat er dann die erste Worte gesprochen: „Ich will noch nicht sterben.“ Wenn ich das so erzähle, klingt das schon fast wie ein Song von mir.

Wares

Wer das sehr gut produzierte Album „SURVIVAL“ der Band aus Edmonton hört, ahnt nicht unbedingt, was einen erwartet, wenn Wares live eine Bühne bespielen. Dann werden die punkig-poppigen Songs auf einmal noch lärmender, müssen sich die eingängigen Melodien erst aus dem Feedback rausschleifen, wirft die Energie der Performance von Cassia Hardy und ihrer Band erst einmal jegliche Konzentrationsfähigkeit über den Haufen. Wares sind ein weiterer Beweis für unsere schon vor Monaten aufgestellte These, dass Pop-Punk wieder „a thing“ ist – vor allem, seitdem er diverser und queerer geworden ist. Auch Wares sehen sich als Musiker*innen und Aktivist*innen. Ihr Album ist „decolonial activists, anti-fascist agitators, [and] prairie queers fighting for community and a better life“ gewidmet. Hardy selbst war Edmontons erste Transgener-Musikerin und hat die Erfahrungen ihrer Transition in den frühen 2010er-Jahren in kämpferische und sehr persönliche Songs verwandelt, die manchmal pop-punkig daher kommen und manchmal eher auf sphärische Slowdive-Gitarren setzen wie in diesem Song:


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