Unglücklich ist einfach


Seine unzähligen Songskizzen kriegt Matthew Caws einfach nicht sortiert, aber in seinem Leben rückte der Sänger von Nada Surf einiges zurecht. Ein Gespräch über die Sektenjahre seines Vaters, Besuche beim Therapeuten und wie man dazu kommt, sein Album einfach lucky zu nennen.

Die Welt soll schweigen und für immer einsam sein: Es gibt ein neues Album von Nada Surf. Wer an Nada Surf denkt und die Entwicklung des magischen Trios seit high/low verfolgt, hat sofort das gütige, jungenhafte Gesicht von Matthew Caws vor Augen. Caws wurde vor ein paar Monaten 40 Jahre alt, sieht aber immer noch aus wie 28, es ist unglaublich. Seit Jahren gilt Caws als unangefochten nettester Mensch im alles verschlingenden Rockbusiness: einer, der bei Konzerten nur selten gespielte Lieder auf Zuruf anstimmt, sich Namen und Gesichter über Jahre merkt und Probleme anderer jederzeit so ernst nimmt, als seien es die eigenen.

Ich erinnere mich daran, wie ich eines Nachts vor dem Bowery Ballroom in New York stand, ohne jede Hoffnung auf ein Ticket für eines der beiden seit vielen Wochen ausverkauften Heimspiele von Nada Surf. Genau 20 Minuten vor dem Auftritt kommt Matthew samt Gitarrenkoffer um die Ecke gebogen und fragt konziliant: „Du und wie viele von deinen Freunden? Drei? Vier?… Viel Spaß!“ Die zweite Nada-Surf-Erinnerung betrifft eine geisterhafte Autofahrt von Trier nach Heidelberg, ein Trip zwischen Traum und Wachzustand wie aus Christian Petzolds Film „Yella“. Um mich nicht komplett in Luft aufzulösen, lasse ich zwei Mal „Paper Boats“ laufen, das schönste Stück, das Matthew Caws jemals geschrieben hat. Der Sänger und Gitarrist von Nada Surf bestreitet das nicht, als er gänzlich entspannt in einem sehr kleinen Raum in Berlin auf seinem Schemel sitzt und über das fünfte Nada-Surf-Album Lucky reden soll, das eine geraume Zeit „Appetite For Construction“ heißen sollte.

Caws lacht, als ich ihn darauf hinweise, was aiie auch dieses Mal wieder sagen werden: schöne Platte, aber nicht so gnadenlos gutwie let go. Doch warum überhaupt lucky? Da könnte ja gleich James Blunt kommen und seine neue Platte lucky nennen, so affirmativ und unzweideutig ist dieser Titel. „Der Albumtitel ist eher eine Art Erinnerung daran, dass ich versuchen sollte, mich glücklich zu fühlen. Eine Selbstvergewisserung“, sagt Caws. „Es ist sehr einfach für mich, unglücklich zu sein. Ich hatte eine harte Zeit in den letzten paar Jahren. Mein Privatleben war äußerst kompliziert. Ich hatte keine Lust mehr darauf, mich dauernd schlecht zu fühlen, und beschloss, die guten Dinge wieder wertzuschätzen. In dem Song ,From Now On’gibt es die Zeile: ,I’m just a lucky mess‘, und so ist es: Ich bin seit Ewigkeiten wieder in einer richtigen Beziehung. Klar, ich hatte diese kurze Beziehung, aus der mein Kind entstand, aber diesmal fühlt es sich richtig an. Beim Texteschreiben fragte ich mich also: Soll ich etwa an traurige Dinge denken und über traurige Dinge schreiben, nur weil wir auf den bisherigen Platten unzählige traurige Stücke hatten? Ich habe mich dagegen entschieden.“

So wie etwa die Dandy Warhols sind auch Nada Surf vor allem durch die zwei Songs bekannt, durch die sie nicht bekannt sein sollten, weil sie den Gelegenheitshörer vollkommen in die Irre führen: Den How-to-survive-Highschool-Leitfaden „Populär“ und „The Blankest Year“ – „das Lied aus der Autowerbung“. Dabei sollte die relative Berühmtheit der alten Freunde Ira Elliot, Daniel Lorca und Matthew Caws doch bitteschön auf „80 Windows“ beruhen, auf der Melancholie von „Blizzard Of’77“. „Troublemaker“ oder „Your Legs Grow“. Auf Zeilen wie dieser: „Everyone’s right and no-one is sorry / That’s the Start and the end of the story.“ Diese Worte stammen aus „See These Bones“, dem besten Song auf lucky. Von welchen Knochen ist hier eigentlich die Rede? Matthew Caws besuchte vor einigen Jahren ein Kapuziner-Grabgewölbe unter der Kirche Santa Maria della Concezione dei Cappuccini in Rom, dessen Wände und Decken mit den Knochen von 4000 Mönchen ausgeschmückt sind. Auf den Gedenktafeln am Boden standen Sachen wie ,What you are, we once were‘ oder ,What we are now, you will be.‘ Ich war noch nie zuvor an einem solchen Ort: morbide und feierlich.“

Auch „Ice On The Wing“, kurz und ungeheuer erhebend, behandelt keines der typischen Popthemen, sondern erzählt die unglaubliche Geschichte von Matthews Großvater mütterlicherseits, der Flieger im Ersten Weltkrieg war, Krankenwagenfahrer im Zweiten und Testpilot dazwischen. Als freiwilliger Kämpfer für sechs Dollar pro Monat erhielt er 1919 den höchsten Militärorden Polens. Mit eingeflochten in „Ice On the Wing“: das Schicksal von Matthews Vater, der in England als Mitglied der Plymouthbrüder, einer christlich-fundamentalistischen Sekte, aufwuchs und sich erst von ihr abwenden konnte, als er dank Stipendium zum Studieren in die USA übersiedelte.

„Vor ungefähr zehn Jahren besuchte ich meine Tante, die immer noch dieser Sekte angehört und die ich nie zuvor getroffen hatte“, erzählt Caws: „Es war mir eigentlich nicht erlaubt, Angehörige der Plymouthbrüder zu treffen, aber ich fuhr trotzdem hin. Nicht, um Stunk zu machen, sondern um die vielen Fragen, die ich hatte, für mich zu klären. Ich fuhr also nach Acton im Nordwesten von London. Weil ich sehr nervös war, erzählte ich der Taxifahrerin die ganze Geschichte und bat sie, zu warten, bis ich im Gebäude war. Plötzlich war alles wie in einem schlechten Film: Meine Tante öffnete die Tür. Ihr entglitten die Gesichtszüge, denn ich sehe meinem Vater sehr ähnlich, und den hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Dann stürmte auch noch die Taxifahrerin herbei – ich hatte noch nicht gezahlt – und zeigte meiner Tante ziemlich schonungslos, was sie von ihr hielt. Schließlich wurde ich trotzdem eingelassen und als Erstes gefragt, ob ich Jesus Christus als meinen Erretter anerkenne. Ich sagte natürlich ,Nein‘, trotzdem hatten wir danach eine Art Konversation, die fast zwei Stunden dauerte.“

Auf meine Nachfrage versichert Caws, dass es in jenen vier Wanden genau so aussah, wie man sich das als Agnostiker gemeinhin vorstellt. „Das Zuhause meiner Tante war ein sehr kalter Ort. Später kam noch mein Cousin dazu und verkündete ungerührt: ,Wir können kein Brot mit dir brechen, denn du lebst in Satans Welt ‚Meine Augen wurden spätestens da glasig, und als ich wieder im Taxi saß, begann ich zu heulen. Draußen winkten meine Tante und ihr Sohn mir zum Abschied, so als wollten sie sagen: ,Wir würden dich ja gern näher kennenlernen, aber wir stecken hier fest.‘ Das war eine unglaubliche Erfahrung, denn bis dahin kannte ich die Gepflogenheiten dieses Kultes ja nur aus Erzählungen meines Vaters, dessen Familie keine Zeitung las, kein Radio hörte und keinen Fernseher hatte.“

Sein Dad sei aufgrund dieser Erfahrungen im Kern im mer noch ein trauriger Mann, sagt Caws. ,Aber es war unheimlich tapfer von ihm, sich in so jungen Jahren gegen seine Familie zu wenden und in ein anderes Landzugehen.“ Seit der Musiker selbst Vater geworden ist, blättert er morgens beim Frühstück nicht mehr sofort den Kulturteil der Zeitung auf, sondern fängt mit dem Leitartikel auf Seite drei an: Er will genau wissen, was in der Welt passiert, und seinem Sohn einmal davon erzählen, wenn er ihn schon nicht davor beschützen kann. In den paar ruhigen Stunden, die ihm noch blieben, hat der Sänger letzthin eines der nerdigsten Dinge der Welt getan: Er hat seine Vinylsammlung nach Farben sortiert. Statt sich endlich mal um seine rund 80 Tapes mit angefangenen Songs, Fragmenten, Songideen und Einminütern zu kümmern: „Ich habe Berge von winzigen Songs rumliegen, es sind eigentlich gar keine richtigen Songs, man müsste sie wahrscheinlich irgendwie zusammenfügen, und davor scheue ich mich. Ich bin wie Daniel Johnston, mit dem Unterschied, dass Johnston ein ,Finisher‘ ist und beendet, was er angefangen hat. Ich lasse das Zeug einfach liegen.“ Dafür hatte er einige der Stücke von let go (2002), die den Autor Tom Weber zwei Jahre später zu einer Sammlung von Kurzgeschichten („Fruchtfliege“) inspirierten, in kürzester Zeit verfasst: „Gerade ,Fruit Fly‘ hat mich buchstäblich ein paar Minuten gekostet: Ich saß beim Essen, sah die Fruchtfliegen, schrieb den Song, kehrte an den Esstisch zurück und aß weiter.“

Während ihm der Antrieb fehlt, seine Ideen und Skizzen zusammenzusetzen, hat er die Zeit wenigstens anderweitig genutzt und den guten Rat aus „Amateur“ von the proximity effect („You said l should get professional help / It always makes me cry“) angenommen: Er hat einen Psychotherapeuten konsultiert. „Es begann vor vier Jahren. Ich ging aus Neugierde hin. Und plötzlich begriff ich, dass es eine gute Sache ist. Davor dachte ich immer: Ich lebe in New York. Ich habe jeden Woody-Allen-Film gesehen. Und ich war noch nie beim Therapeuten. Worauf warte ich eigentlich noch? Ich finde die Sitzungen manchmal sogar richtig komisch. Wenn ich zum Beispiel über Dinge geredet habe, die mich belasten, hat sich meine Therapeutin richtiggehend bei mir entschuldigt: ,Es tut mir leid, wieder darauf zurückzukommen, aber wir müssen wieder über ihre Mutter reden.‘ (lacht) Selbst sie weiß in diesem Moment, wie lächerlich es eigentlich ist, dass alles auf die Kindheit zurückgeht, und wie schwer es ist, dagegen anzuarbeiten. Wie auch immer: Sich dauerhaft schlecht zu fühlen, wäre furchtbar. Wenn mir jemand in bestimmten Situationen das Angebot gemacht hätte, mich anhaltend gut zu fühlen, dafür aber nie wieder Songs schreiben zu können: Ich hätte eingeschlagen.“

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