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Modecodes Teil 1: Verschwende deine Jugend

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Früher war es einfach. Der Sinnspruch lautete: Zeige mir dein Outfit — und ich sage dir, wer du bist. Obwohl, vielleicht spreche ich auch nicht mit dir, weil ich dich und deine komischen Freunde ablehne, man erkennt das ja sofort, was du für einer bist. Vielleicht verprügle ich dich auch einfach, das wäre doch was! Mods vs. Rocker. Tekker vs. HipHopper. Punks vs. Skins. Punks vs. Popper. Ach, alle gegen alle! Früher waren die Fronten im Zusammenspiel der Jugendbewegungen und damit einhergehenden Moden ziemlich genau abgesteckt. Das ist vorbei, woran das liegt, ist unklar. Vielleicht am Internet, eigentlich liegt alles stets am Internet. Vielleicht aber auch daran, dass sorgsam entwickelte Codes und Abgrenzungsmechanismen bereits in den 80er-Jahren von MTV neu kontextualisiert wurden. Womöglich entstehen die klaren Linien aber auch erst in der Rückschau. Fakt ist: Heute haben wir es mit weichen Grenzen zu tun. Die It-Kids der Gegenwart sind Eklektiker. Sie haben kein Problem damit, das Baseball-Cap zum Anzug zu tragen. Sie kombinieren die Baggy Jeans mit Wildlederschuhen und Parka. In ihrem Schrank hängt die Bomberjacke neben der Schlaghose. Wenn es ein Spotify für Bekleidung gäbe, sie würden sofort ein Abo abschließen. Eigentlich ist das eine ziemlich gute Entwicklung. Sie geht zwar zulasten der Übersichtlichkeit, aber Übersichtlichkeit ist ohnehin langweilig. Die unbedingte Individualität unserer Tage, die, wenn man sie geschickt spielt, ziemlich gut aussehen kann, ist kein Problem, sondern eine Lösung. Dennoch: Auf den folgenden Seiten verdrücken wir ein paar Tränchen. Früher war es schließlich einfach.

 

emo

Der Emo

Nein, nicht das australische Tier! Der Emo entstand in den 80er-Jahren als Abwandlung des Hardcore-Hörers

Mit den jungen Menschen, die seit fünf bis zehn Jahren unter diesem Begriff einsortiert werden — Sie wissen schon, tieffliegende Seitenscheitel in Dunkeltönung, Piercings an Stellen, an denen das schmerzhaft erscheint, Kleidung von Schrei-Ketten wie Hot Topic und Musik von wirklich fürchterlichen Bands — hat der ursprüngliche Emo nichts zu tun. Der Begriff stammt vom ausschließlich musikalisch verwendeten Wort Emocore. Er entstand Ende der 80er-Jahre aus dem Punk, war quasi die gefühlvolle Variante des Hardcore-Hörers und bezeichnete Bands wie Fugazi oder Rites Of Spring. Die Get Up Kids und Jimmy Eat World gaben der Bewegung ein poppiges Update – und einen Look, der an den des Slackers erinnerte, aber eigene Codes besaß. Mit Chris Carrabbas Dashboard Confessional schaffte es sogar eine Emo-Band zum legendären „MTV Unplugged“. Emokids trugen Playmobil-Frisuren, enge Shirts von Bands mit umständlichen Namen (Planes Mistaken For Stars, Further Seems Forever) und hatten Sternchentattoos, bevor deine Friseurin sie hatte. Sie waren politisch aktiv und gerne vegan. Eigentlich ziemlich gute Typen. 

hippie

Der Hippie

Flowers im Hair, aber auch auf der Klamotte, dazu Haare, Haare: Der Hippie liebte es eklektisch-bunt

Es ist schwierig, die Ursprüge der Hippie-Mode auszumachen. Spuren führen nach Haight-Ashbury, jenem Stadtteil von San Francisco, den Jerry Garcia, Alan Ginsberg, Janis Joplin und Grace Slick ihre Heimat nannten. Der Stil, den sie lebten, definierte sich vor allem durch Abgrenzung zum damals gegenwärtigen american way of life. Das betraf nicht nur aktiven Widerstand gegen die Wertevorstellungen und Politik der amerikanischen Gesellschaft, sondern auch gegen die gerade in den ländlichen USA recht rigiden optischen Codes, die sich seit den 40er-Jahren nicht groß verändert hatten. Bedeutet:
Second-Hand-Mode mit Bezügen bis in die 20er- und 30er-Jahre (Zylinder! Amish-Kleider! Fransenjacken!) traf auf Ethno-Looks mit nahöstlichen und südamerikanischem Hintergrund, dazu kam der großflächige Gebrauch von Alloverprints und völlige Freiheit, was Haar- und Bartmode betraf. Mit schöner Regelmäßigkeit suppt der Hippie-Look in aktuelle modische Trends, zu nennen ist etwa der sogenannte und natürlich total fürchterliche Boho-Style, dem vor einigen Jahren die Olsen Twins und Sienna Miller nachhingen.  

waverDer Waver

Dunkler als im Wave wird’s nicht: Der Schwarzkittel ist mehr als nur ein Wildschwein mit Kajak

Kein Style war in den letzten Jahren so intensiven Interpretationen ausgesetzt wie der Wave-Look. Da gab es das kurzlebige Phänomen der „Health Goths“, das uns alles zum Thema Mikro-Genres sagte, was es da zu sagen gibt. Auch der sogenannte Fledermaus-Look, der vor allem in den Clubs der Bundeshauptstadt einen Sommer lang gefeiert wurde — schwarze Schichten, viele schwarze Schichten, dazu die vornehme Blässe, die man nur erreicht, wenn man sämtliche sozialen Interaktionen in die Nacht verlegt — bezog sich auf die Schwarzkittel der 80er-Jahre, die wiederum ihre Haupteinflüsse aus dem Punk und Wave der Frühachtziger zogen, sich modisch aber auch noch aus anderen Quellen speisten, etwa der viktorianischen Zeit oder dem Mittelalter. Beziehungsweise: dem, was man sich unter dem Mittelalter eben so vorstellte. Wichtig war und ist: die Farbe Schwarz. Und Schminke. Dass Dark Wave lebt, — in Deutschland bezeichnete man die Anhänger in vergangenen Jugendsprach-Varianten liebevoll als Gruftis — kann man jedes Jahr in Leipzig feststellen, wenn die Szene zum Wave Gothic Treffen lädt. Optische Vorurteile sollten einen aber nicht abschrecken, sich mit der zugehörigen Musik zu beschäftigen.

punk

Der Punk

Schon Shakespeare verwendete den Begriff „Punk“. Dosenbier und Doc Martens hatte er vermutlich nicht im Sinn

Wir lassen Patrick Stump was sagen. Richtig, den Sänger der Band Fall Out Boy. Auch richtig, zu Punk. Weil der Satz einfach stimmt. „Punk, das bedeutet nicht Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln. Punk, das bedeutet sich nicht anzupassen.“ Womit wir beim Ursprung der Jugendbewegung wären. Der Begriff tauchte zunächst in den USA der frühen 70er-Jahre auf und wurde als Etikett für komplett neu klingende Bands wie New York Dolls, Suicide, Devo oder Pere Ubu verwendet. Ein gewisser Malcolm McLaren war vor allem vom kaputten Richard Hell angetan — und importierte den Look nach England, wo er bereits seit drei Jahren eine Boutique mit Vivienne Westwood betrieb. Die Optik der ersten Punks war eklektisch und wurde nicht nur von einer Liebe zur Dekonstruktion, sondern auch durch die Verwendung von Prints, Patterns, Claims und der Zweckentfremdung anderer Items (Arbeiterstiefel von Doc Martens, Hundehalsbänder) geprägt. Die Uniform der heutigen Punks, die man vor allem Dosenbier trinkend in den Fußgängerzonen deutscher Mittelstädte beobachten kann, entwickelte sich in den 80er-Jahren. Und, da kommt wieder Patrick Stump ins Spiel: Punk-Bands sehen selten so aus, wie man sich Punks vorstellt.

popper

Der Popper

Lacoste die Welt? Der Popper erhob die gepflegte Oberflächlichkeit zu seinem Lebensprinzip

Der schönste Artikel über Popper erschien 1980 im „Zeit Magazin“. „Viel feiern, teuer kleiden und schön unter sich bleiben“, schrieben die Kollegen und ordneten die Popper als Gegenbewegung zu „Punkern und Langhaarigen“ ein. Man habe, so erinnerten sich die Protagonisten später, das Leben von 40-jährigen Wohlhabenden geführt. Es handelte sich also um eine Jugendrebellion gegen damals schon etablierte Jugendrebellionen, um „kostspielig Konformitäte“ („Der Spiegel“) mit Kashmirschal, Lacoste-Polo, kunstvoll um die Schultern drapiertem V-Ausschnitt-Pulli, sowie Segelschuhen oder Loafers. Nun machen reiche Jugendliche noch keine Jugendkultur und existierten weltweit. Es gab die ähnlich gekleideten Preppies im englischsprachigen Raum, ihr Look erfuhr nicht zuletzt dank der Band Vampire Weekend vor einigen Jahren eine Renaissance, in Italien walteten die von den Pet Shop Boys besungenen Paninero. Den Poppern eigen war indes eher Behauptungsreichtum und unbedingter Abgrenzungswille zu den „Asis“ und „Prolos“, den es so wohl nur in Deutschland gab. Die spielten erfreut mit: Im Mai 1980 stürmte eine Horde Punker das Hamburger Popperviertel Pöseldorf.   

mod

Der Mod

„Clean Living Under Difficult Circumstances“ — so fasste The-Who-Manager Peter Meaden die Mod-Bewegung zusammen

Man sagt, die Schneidersöhne der Saville Row wären die ersten gewesen. Sie hätten 1958 angefangen, ihre proletarische Herkunft zu verbergen, indem sie jenen Zwirn trugen, der für die Kunden bestimmt war. Ob diese Schnurre nun stimmt oder nicht: Das Mod-Movement, das ab Anfang der 60er-Jahre von London aus Großbritannien eroberte, zeichnete sich nicht nur durch Wurzeln in der Arbeiterklasse, sondern auch durch ein Stilbewustsein aus, das bisweilen ins Besessene changierte. Designer wie John Stephens gaben den Weg vor: Der Anzug als Alltagskleidung, dazu chromblitzende Roller, sorgfältig gestaltete Frisuren und die schwarze Musik Amerikas. Was gediegen klingt, wurde so abgewandelt, dass es auch widrigen Umständen standhielt: Elementares Teil war der Parka, der gerne mit zahlreichen Aufnähern veredelt wurde und auch bei der Klopperei mit den Rockern keinen Schaden nahm. Mitte der 60er-Jahre wurde aus der Jugend- eine Massenbewegung, der britische Pop-Mainstream übernahm die optischen Codes. Seitdem gab es zahlreiche Revivals, etwa Ende der 70er-Jahre oder als Rand-erscheinung des Britpops der 90er-Jahre.  

Dieser Artikel erschien zuerst am 1.Mai 2016.

Naja Conrad-Hansen
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