Vic Vergat – Heavy Metal wider Willen


Als „Valentino des Heavy Metal“ wird er bereits gepriesen. Mit aller Macht soll der 28jährige Italiener zum neuen Superstar aufgebaut werden. Ob das aber wohl gut geht…?

Dieser italienische Weltenbummler, der englisch und französisch spricht (Deutsch? Fehlanzeige) ist im Umgang mit dem Wort schnell, hektisch, fast nervös. Er spricht distinguiert und überlegt. Wenn Vic Vergat sagt, „Heavy Metal ist eine arme Musik“, dann kann man das getrost als schärfste Form der Mißbilligung verstehen.

„Die meisten Heavy-Metal-Bands können überhaupt keine Songs und richtigen Melodien schreiben. Das Wunderliche ist überhaupt, daß Heavy Metal als Begriff ins Spiel gebracht wurde. Vor Jahren schon spielten Led Zeppelin und Cream eine Musik, die wirklich heavy war. Einige Zeit später pappten Firmen das Label Heavy Metal auf die gleiche Musik – vielleicht weil die Unternehmen mit einem neuen Markenzeichen den Absatz beleben wollten. Die früheren Alben von Led Zeppelin und Deep Purple zum Beispiel waren mit Songs bestückt, von denen jeder einzelne großartig war. Bei den HM-Gruppen von heute stellt man fest: Da sind überhaupt keine Songs drauf.“ 28 Jahre alt ist der Gitarrist, der sich so äußert, der vor zehn Jahren im Milka-Ländle eine Nummer eins mit der Gruppe Toad hatte und beinahe glaubte, er sei der Größte. Beim Blick über die hohen Berge fiel ihm auf, daß es auch noch andere Länder gibt Und in denen kannte ihn keiner. Vic Vergat, geboren als Vittorio Vergeat, wurde ehrgeizig: „Ich habe mir gesagt – ich will es auf der ganzen Welt packen.“ Heute weiß er, daß Ehrgeiz nicht schlecht ist. Nur: Viel wichtiger ist sich selbst und sein Können realistisch einzuschätzen. So hat er zum Beispiel die Offerte von Rick Wakeman abgelehnt, zusammen mit ihm und Carl Palmer in einer neuen Band zu spielen, weil er inzwischen nicht mehr geil auf solche Form der Anerkennung ist. Er weiß, daß er sehr gut Gitarre spielt. Und er weiß auch, daß er bei seinem Selbstbewußtsein besser klar kommt, wenn er nicht die zweite Geige spielen muß. Die einzige Ausnahme: Wenn ein Platz bei den Rolling Stones frei wäre, würde er schon mittun. Das wäre eine Auszeichnung für ihn, bei der „größten lebenden Rock-Legende“ bei Jagger und Richards im dritten Glied zu stehen. „Tobe gifted“ – das ist für Vergat ein Schlüssel zum Verständnis von Rockmusik. Wer das hat, überzeugt das Publikum. Das haben seiner Meinung nach die Stones aber Heavy-Metal-Gruppen haben es nicht. Jon Lord bei Whitesnake hat es immer noch, sagt Vergat, während die Who es nicht mehr haben und damit ihren ganzen früheren Kredit verspielen.

Man braucht Vic Vergat nicht zu fragen, ob er glaubt, „gifted“ zu sein. Das kann man schon in den Augen lesen, deren Pupillen schnell und heftig kreisen. „Begabung“, meint er, kann man schlecht messen. Halb scherzhaft probiert er es im Vergleich zwischen Jagger und Ron Wood. „Wenn Wood 1 0 Pfund hat dann hat Jagger ungefähr 300 Pfund“ Die Rolling Stones allerdings sind keine musikalischen Vorbilder für den Mann, der sich zuletzt mit Sessionarbeit über Wasser hielt. An den Beatles und Jimi Hendrix hatte er sich orientiert an den Fab Four wegen ihrer Melodie- und Texteinfälle und an Hendrix wegen seines Gitarrespiels. Denn die hohe Kunst, sechs Saiten so zum Schwingen zu bringen, daß der Zuhörer das Gefühl hat, da redet jemand mit ihm aus tiefer Seele, ist keine rein handwerkliche Sache. Und Hendrix beherrschte diese Kunst unbestritten.

Unbestritten ist aber auch, daß man sich in der Etage irrt, wenn man die Namen Hendrix und Vergat in einem Atemzug erwähnt. Von Charisma ist im Zusammenhang mit dem Newcomer viel die Rede. Man muß jedoch nicht mal im Lexikon nachschlagen, um herauszufinden, daß da der Promotionapparat seiner Plattenfirma dem Künstler unangemessen unter die Arme greift.

o etwas hat er eigentlich auch gar nicht nötig. Seine erste Tournee wird beweisen, ob er Ausstrahlungskraft genug für ein Publikum besitzt, das gerade Rockmusik mag. Eine Band hat er inzwischen gefunden. Wenn alles gut läuft, will er eine große Europa-Tour und eine Reihe von Auftritten in den USA anhängen. Besonders die Staaten reizen ihn. Während er sein Debüt-Album DOWN TO THE BONE aufnahm, mußte er schon schweren Herzens eine Vier-Monate-Tour durch die USA absagen. „Das Land, aus dem die gute Musik kommt, das heute zum Zentrum aller unterschiedlichen Musikkulturen geworden ist“ soll ihm das Gefühl geben, daß er verstanden und geliebt wird – je größer das Publikum, umso besser.

Vergat schwärmt vom Leben in Los Angeles. „Das ist eine außergewöhnliche Stadt. Alle haben dort in irgendeiner Form mit Musik zu tun, alle wollen irgendwie den Durchbruch schaffen. Alle sind ein bißchen verrückt und alle träumen von der Zukunft.“ Von der Zukunft im gelobten (amerikanischen) Land indes kann Vergat vorerst wirklich nur träumen. Zunächt einmal steht Deutschland auf dem Programm. Und hier muß Vergat zuallererst einmal klären, in welche Richtung der Zug abgehen soll. Der als „Valentino des Heavy Metal“ Gepriesene nämlich bemerkt trocken: „Auch wenn das vom Image her so aussehen mag – wir sind kein Heavy-Metal-Band“.