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Von Can bis Ultimate Painting: 15 von The Velvet Underground & Nico inspirierte Alben

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THE VELVET UNDERGROUND & NICO ist inhaltlich ein einziger Tabubruch. An mehreren Stellen hantiert das Album mit bis dahin für den Pop kaum relevanten Zitaten aus der Literatur: „Venus In Furs“ bildet Szenen aus der Novelle „Venus In Pelz“ des österreichischen Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch aus dem Jahr 1870 ab. Die in diesem Buch beschriebene Erotik der Unterwerfung sollte später den psychiatrischen Begriff „Masochismus“ begründen. „I’m Waiting For The Man“ kokettiert wiederum mit den Beschreibungen eines Drogenkranken aus dem Roman „Junkie“ des amerikanischen Beat-Literaten William S. Burroughs.

Mit dieser Platte verwandelt sich Rockmusik von einem jugendlichen Ventil zu einer ernsten und radikalen und bis heute validen Spielwiese der Gegenkultur, der Libertären, der Verweigerer. Brian Eno erzählte 1982 einmal in einem Interview von einem Gespräch mit Lou Reed. Da habe der behauptet: Jeder der 30.000 Käufer von THE VELVET UNDERGROUND & NICO habe im Anschluss eine Band gegründet. Etwas Schöneres kann man über eine Platte eigentlich nicht sagen.

Can – TAGO MANGO (1971)

Vor allem im Ausland gelten Can als die archetypische Krautrock-Band. Dabei waren die Kölner weder Kraut noch Rock, wie ihr Meisterwerk TAGO MAGO belegt. Was Sänger Damo Suzuki, Bassist Holger Czukay, Gitarrist Michael Karoli, Keyboarder Irmin Schmidt und der kürzlich verstorbene Schlagzeuger Jaki Liebezeit in drei Monaten auf Schloss Nörvenich bei Köln aufgenommen haben, zeigte Anfang der 70er-Jahre, was alles möglich war für eine Band – wenn sie sich nicht durch Konventionen beschränken ließ und das beste aus allen Welten synthetisierte: Avantgarde, Jazz, zeitgenössische klassische Musik und advanced Rock.

Can hatten den Willen, das Alte einzureißen, um Neues entstehen zu lassen. Das Doppelalbum ist mit seinen 74 Minuten Spielzeit keine Sekunde zu lang mit seinen ausgedehnten instrumentalen Jams, Proto-Funk-Grooves und den freiformalen Experimenten. Und es ist ein Bekenntnis zum Minimalismus.

The Modern Lovers – THE MODERN LOVERS (1976)

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Der junge Jonathan Richman war besessen von The Velvet Underground. Er stellte der Truppe nach, als sie in seiner Heimatstadt Boston spielte, übersiedelte nach New York, um der Factory nahe zu sein. Dabei interessierte sich Richman vor allem für Lou Reeds Rock’n’Roll-Poesie und den Minimalismus der rockigen Stücke. „Roadrunner“ von den Modern Lovers klingt wie der cleane und besser gelaunte Cousin von „I’m Waiting For The Man“: Während Lou Reed auf den Dealer wartet, lässt Richman seinen Helden auf der Route 128 durch die Nacht fahren.

Den Boogie-Woogie von „Run Run Run“ nimmt Richman bei „Astral Plane“ auf. Mit „Pablo Picasso“ dockt er schließlich an „Pablo Picasso“ dockt er schließlich an „Pablo Picasso“ die Kunstwelt an. Wer Mädchen aufreißen will, müsse damit rechnen, als Arschloch bezeichnet zu werden, hingegen: „This never happened to Pablo Picasso. He could walk down your street and girls could not resist his stare.

Suicide – Suicide (1977)

Suicide klangen auf ihrem Debütalbum wie keine andere zeitgenössische Band, nicht einmal wie die zeitgenössischen Punk-Bands, mit denen sie damals (wir schreiben das Jahr 1977) in eine Schublade gesteckt wurden. Was Alan Vega und Martin Rev allerdings mit allen großen bilderstürmenden genredefinierenden Bands verband, war die vor Selbstbewusstsein strotzende Haltung gegenüber ihren Mitbewerbern. Sie waren anders als die anderen, sogar anders als die anderen, die sich schon als anders definierten.

Der minimalistische Elektro-Punk mit der billigen Drum Machine, dem Synth-Bass, den flirrenden Effekten und Alan Vegas vom Rock’n’Roll inspiriertem Gesang ließ Suicide für einen Moment die beste Band aller Zeiten werden. Alan Vega erzählte kleine, dreckige Geschichten aus dem Großstadtdschungel, die Welt ist mehrheitlich grau und schwarz, kein geschöntes, pastelliges Instagram-Foto.

The Feelies – CRAZY RHYTHMS (1980)

„Wir haben nicht besonders viel geprobt, als wir dieses Album aufnahmen – deshalb bestand zwischen uns keine wirkliche Verbindung“, sagt Bill Million über CRAZY RHYTHMS. Nimmt man die Vorliebe der Band für so eine Art nervöse Wiederholung immergleicher Motive in einem Song hinzu, ganz so, als wäre sie froh, doch endlich eine Art gemeinsamen Nenner für ihr Spiel gefunden zu haben, entstehen Popsongs, die sich dem Hörer gleichzeitig andienen und rüde entziehen.

Es ist eine Art Ennui-getriebener Gegenpop, was vielleicht zu einer ebenso wichtigen Parallele zu THE VELVET UNDERGOUND & NICO hinführt wie eben erwähnte musikalische Ähnlichkeiten: Auch die Musik der Feelies ist Reaktion auf Stillstand in der Musik der anderen. Das wiederum führte dazu, dass auch sie zu einer sehr einflussreichen Gruppe wurden: Bands wie R.E.M. würden ohne sie grundanders klingen.

The 39 Clocks – PAIN IT DARK (1981)

„Die deutschen Velvet Undergound“. Das ist ein Scheiß-Etikett, bei aller Liebe. Natürlich haben sich Jürgen Gleue und Christian Henjes distanziert. Das Duo aus Hannover kopierte aber das Leitmotiv der frühen VU in die beginnenden 80er. Was die 39 Clocks veranstalteten, war ein radikales Statement gegen die Zeit. LSD, Kreissägen-Konzerte, Improvisation, Sound-Terror.

Vom Punk abgewandt spielten die 39 Clocks sich in einen dunklen Halluzinationsraum, aus dem dieses kalte Gebrabbel dröhnte. Monotone Beats allüberall, oder eine Beatbox, mit blechernem Sound. „Twisted & Shouts“ klingt als hätten Velvet Underground sich eine Aufnahmepause für ihr Debüt gegönnt und „Louie Louie“ (die Kinks-Version) im Heroinfieber zerstört. Und einen Track wie „39 Explosion Heats“ hat Lou Reed vergessen zu schreiben, er hätte perfekt zwischen „The Black Angel’s Death Song“ und „European Son“ gepasst.

Sonic Youth – BAD MOON RISING (1985)

So wie John Cale sich von der Avantgarde her ans Songwriting heranwagte und dieses gemeinsam mit Lou Reed weiterentwickelte, so tasteten sich auch Sonic Youth zu einer Musik vor, die sogar Pop werden konnte. Als es 1990 so weit war, auf GOO, posten sie dazu in upgedateter „Factory“-Kulisse. Schon als Begleiter des Post-Minimalisten Glenn Branca hatten Lee Ranaldo und Thurston Moore gelernt, Gewohnheitsmustern des Blues zu misstrauen.

Auf ihrem zweiten Album wurden sie von einer Experimental- zu einer Band, die Songs etwas erählen lassen wollte. Vom Glauben abgefallene, entfesselte, irre gewordene Ichs sprechen hier von Wahnsinn, Wrackwerdung und Totschlag auf der dunklen Seite des Reagan Age, mit deutlichem Hinweis auf die Zeit, als die letzte große Utopie blutige Bäche hinunterging („Death Valley 69“). Sonic Youth operierten so von der anderen Seite der Zeit auf denselben toten Punkt zu wie Velvet Underground.

Nick Cave & The Bad Seeds – YOUR FUNERAL…MY TRIAL (1986)

Auf der Coverplatte KICKING AGAINST THE PRICKS, erschienen ebenfalls 1986, hatte Nick Cave mit seinen Bad Seeds „All Tomorrow’s Parties“ gecovert, mit YOUR FUNERAL… MY TRIAL steigt er tiefer ins Thema ein. Bei „Sad Waters“ tauscht er den Südstaatenblues, der die Musik der Bad Sees bis dato am deutlichsten geprägt hatte, gegen die urbane Variante ein: Blixa Bargelds Gitarre schrammelt gekonnt, Barry Adamsons Bass spielt hohe Töne, Thomas Wydler übt sich im Moe-Tucker-Style. Die Melodie dagegen strahlt eine ungeahnte Wärme aus. Im Verlauf der Platte irrt „Stranger Than Kindness“ wie „Venus In Furs“ und versucht sich Cave bei „Hard On For Love“ an der Art der sexualisierten Poesie, die er bei Lou Reed bewunderte. Wer Caves Liebe zu „Heroin“ nachverfolgen möchte, muss hingegen das Bad-Seeds-Debüt FROM HER TO ETERNITY hören, insbesondere „Wings O Flies“ und „Saint Huck“.

Beat Happening – JAMBOREE (1988)

Es ist zunächst ein Song, über den wir reden müssen: „Indian Summer“ ist eine Wucht von Pop. Drei Minuten auf zwei Akkorden, stoisch schlägt das Schlagzeug durch, dengelt die Gitarre, Calvin Johnson sprechsingt, zieht die Ays und die Is auseinander wie seit Stunden eingespeichelten Kaugummi. Death-Cab-Frontmann Ben Gibbard coverte das, aber auch die an anderer Stelle auftauchenden Luna. So wurden Beat Happening im gleichen Maße zur Ikone, wie sie auf ihrem zweiten Album bei jener abgriffen, um die es hier geht. Die Ähnlichkeiten zu THE VELVET UNDERGROUND & NICO liegen in der Symbiose aus Noise und Reduktion, aus Schmutz und Poesie, was allerdings mit so einer Art naiven Twee-Blues und dem Simple-Music-Approach der Shaggs verbunden wird. So entsteht eine insgesamt sehr eigene Klangsprache, die ihre ärgste Wucht im angemessen düsteren „Midnight A Go-Go“ entfaltet.

Spacemen 3 – PLAYING WITH FIRE (1989)

 

Wenn The Velvet Underground eines nicht waren, dann eine Psychedelic-Band. Wahrscheinlich hatten Lou Reed und John Cale in ihren Anfangstagen nur Verachtung übrig für ihre Zeitgenossen, die dem „Summer Of Love“ entsprungen waren. Wenn Spacemen 3 eines waren, dann eine Neo-Psychedelic-Band. Aber Peter Kember aka Sonic Boom und Jason Pierce hatten maßgeblichen Anteil daran, dass in der „Indie“-Welt der mittleren bis späten 80er-Jahre ein neues VU-Bewusstsein aufkam – wo es doch ein paar Jahre vorher noch für die Bilderstürmer der neuen Welle generell verboten war, sich auf Bands zu beziehen, die älter als ein Jahr waren. Auf ihrem dritten und vorletzten Studioalbum PLAYING WITH FIRE pflegten Spacemen 3 den sanften Drone, das Feedback, den antirockistischen Minimalismus (das Schlagzeug war kaum zu hören), die Leck-mich-am-Arsch-Haltung und die Bewusstseinserweiterung mittels der Anti-Hippie-Droge Heroin.

Mazzy Star – SO TONIGHT I MIGHT SEE (1993)

Erst in den 80ern hatte sich unter frischen Rockexistenzialisten so richtig herumgesprochen, welchen Wert das Dunkelgold der späten 60er hat. Da langte auch David Robacks Band Opal kräftig zu. Die klareren Bezüge auf Sound und 24/7-Sonnenbrille-Haltung der Bananen-Scheibe ließen sich auch zu deren einzigem Album, HAPPY NIGHTMARE BABY von 1987, herstellen. Doch dessen Veredelung durch Robacks Nachfolgeprojekt Mazzy Star ist viel interessanter, stellt eine späte Vermählung von San Francisco und New York City dar. Als wären Reed & Co. auf ihrem Weg an die Westküste in der Wüste verloren gegangen: Americana Underground. Mit Hope Sandoval in der Rolle der Nico, die viel besser Bescheid weiß um die Sinnlichkeit ihrer Stimme. Und überhaupt von der Musik, die sie umgibt. Mit einer anderen Inszenierung, klar. Aber der Geist! Die Anmut! Diese Unmöglichkeit, Staub anzusetzen.

Luna – BEWITCHED (1994)

„Als Sterling anfing zu spielen, sind wir von den Stühlen gefallen“, berichtete Dean Wareham dem „Spin“-Magazin nach den Aufnahmen zu BEWITCHED. Warehams Band Luna war zum Opening Act für einige Shows der Velvet-Undergound-Reunion-Tour 1993 bestellt worden und lernte Sterling Morrison kennen. Der VU-Lead- und Rhythm-Gitarrist begleitete Luna später auf zwei Album-Tracks. „Friendly Advice“ erinnert an das königliche Geschrabbel und die eleganten Gitarrenlinien, die Lou Reed und Sterling Morrison dem VU-Debüt verpassten und geht mit einem Bah-baba-Bah von Refrain darüber hinaus herrlich in die Vollen. „Great Jones Street“ verbindet die Melancholie von „Sunday Morning“ und den Folk Noir von „Femme Fatale“ in einer Art Dream Pop. Luna featuring Sterling Morrison, das war die begeisterndste Ode an Velvet Underground 1967, die die 1990er zu bieten hatten.

The Flaming Lips – CLOUDS TASTE METALLIC (1995)

Meistens werden die Flaming Lips in ihrer krachigen Verspielt- und Verspultheit eher als Sonderweg von Psychedelic Rock eingeordnet, weniger aber mit dem VU-Debüt assoziiert. Doch direkt nach ihrem kurzen Moment als weirde Grungeband (samt Gastauftritt bei „Beverly Hills, 90210“) und bevor sie sich mit THE SOFT BULLETIN noch mal als grellbunten Popzirkus neu erfanden, erschien mit CLOUDS das diese Phasen verbindende Album. Die Nähe zu Velvet Underground liegt in Sounddesign und Produktion: das Schlagzeug, zwar laut und treibend, dabei aber das Gegenteil von „fett“ und den Rock-Produktionen seiner Zeit, lässt sich in seiner Räumlichkeit und rauen Übersteuerung eindeutig auf Moe Tucker und frühe bis mittlere Velvets zurückführen, und die im Lärm eingewobenen Gitarrenmelodien, oft von Glockenspiel oder Celesta gedoppelt, klingen, als seien sie direkt aus „Sunday Morning“ eingeflogen.

Brian Jonestown Massacre – MY BLOODY UNDERGROUND (2008)

Wir wissen nicht, ob Anton Newcombes Erzeuger zu den kolportierten 30.000 Käufern des VU-Debüts 1967 zählten, wenn dem so gewesen sein sollte, dann haben sie ihrem Sohn diese Weisung auf den Weg gegeben: Gründe eine Band. Befördere das miese Störgeräusch, das tief im Herzen des Rock wohnt, wieder in die Welt! Auf dem 2008er-Album seiner Band hat Newcombe sich dafür die größtmögliche Verstärkung an Bord geholt: My Bloody Valentine und Velvet Underground. Wer einen sechseinhalb-minütigen Drone-Track wie „Bring Me The Head Of Paul McCartney On Heather Mill’s Wooden Peg (Dropping Bombs On The White House)“ schreibt, hat die Paranoia der frühen VU als Elixier der Kunst entdeckt. The Beat Goes On: Musiker aus Newcombes Durchlaufmassaker gründeten später vom BJM inspiriert neue Bands, unter anderem Black Rebel Motorcycle Club und die Warlocks.

Thee Oh Sees – HELP (2009)


Die Fleißigmänner aus San Francisco zeichnen trotz all der Wucht, die ihre Musik ausmacht, trotz des Garagenwalls of Sound, der ihre Songs prägt, ihre Melodielinien mit dem feinen Stift. Auf welcher ihrer Platten die Ideen von THE VELVET UNDERGROUND & NICO am stärksten durchscheinen? Schwer zu sagen, zumal die Band alle ihre Einflüsse so durch den Fleischwolf dreht, dass die Musik stets eigen bleibt. Man könnte sich auf „So Nice“ von PUTRIFIERS II einigen, das sich einiges von „Venus In Furs“ nimmt. Für das Album HELP sprechen das scheppernde „Can You See?“, bei dem Protopunk der Spätsechziger durch Wiederholung immer stärker und auf einen stoisch tuckernden Beat gelegt wird oder die Stücke, in denen Brigid Dawsons Vocals für Grandezza sorgen. Funfact: Für eine Compilation des Labels Castle France spielten sie vor fünf Jahren eine sehr schöne Coverversion von „European Son“ ein.

Ultimate Painting – ULTIMATE PAINTING (2014)


Seit Veronica-Falls-Gitarrist James Hoare und Jack Cooper 2014 die Band gründeten, erscheint jährlich ein neues Album von Ultimate Painting – jedes fast komplett zusammengesetzt aus von Velvet Underground bereitgestellten Bauteilen. Besonders beispielhaft im „Central Park Blues“. Das Ergründen existenzieller Schattenseiten, das Lou Reed auf dem Debüt so intensiv betrieb, tritt in Ultimate Paintings Lesart hinter die Melodieseligkeit zurück, der Reed sich erst auf LOADED so richtig hingab, die aber etwa in „All Tomorrow’s Parties“ oder „I’ll Be Your Mirror“ längst angelegt ist. Das Schlagzeug verzichtet ganz im Geiste Moe Tuckers fast vollständig auf den Einsatz von Becken, und es ist gespenstisch, wie extrem das Gitarrenspiel der beiden nach Lou Reed und Sterling Morrison klingt. Als hätten sie ein geheimes Archiv unveröffentlichter Velvet-Demos von 1966/67 gehoben.

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