Zusammenfassung

Wankende Welten: Ein Rückblick auf die 1. Staffel von „Game of Thrones“

Im Film spielt der erste Eindruck eine wichtige Rolle für das, was den Zuschauer im Folgdenen erwartet. Bei Serien übernimmt der Vorspann als wiederkehrendes Element die Aufgabe, die groben Verhältnisse der dargestellten Welt anzudeuten – so auch bei „Game of Thrones“: Auf und ab, hell und dunkel, das Drehen der Rädchen, Wachsen und Entwachsen, Blühen und Verblühen, ja selbst das Laut und Leise, Sanft und Heftig, Pauken und Geigen der Titelmelodie.  All das darf als exemplarisch für eine Serie angesehen werden, die besonders von einer Entwicklung lebt: Der Veränderung der Verhältnisse, dem titelgebenden Spiel diverser Königshäuser um den Eisernen Thron.

Pure Überforderung

Die Unzuverlässigkeit der Ereignisse trifft den Betrachter bereits in der Pilotfolge: Die Weißen Wanderer tauchen als Antagonisten auf und markieren das Reich nördlich der Mauer als unwirtlichsten aller Räume in der dargestellten Welt, der unbedingt zu meiden ist. Wer den Titel von George R.R. Martins Buchvorlage („Das Lied von Eis und Feuer“) ernst nimmt, dürfte bereits zu Beginn ahnen, woher der zombieartig untote Endgegner kommen wird.

Doch noch sind die Sympathien nicht verteilt, noch steht den Antagonisten kein Protagonist gegenüber. Stattdessen setzt eine Überforderung angesichts der unzähligen Figuren, Häuser, Schauplätze und Bündnisse ein: Da ist die dunkel inszenierte Familie mit dem sprechenden Namen Stark aus dem nicht minder bedeutungsschwanger klingenden Winterfell – die zwar ein Herz für Findelwölfe hat, einen sachgemäß von der Gefahr im Norden berichtenden Boten aber enthaupten lässt sowie den Bastardsohn Jon Snow zur Nachtwache, der schützenden Söldnerarmee an der Mauer, zwingt. Da ist König Robert Baratheon – dessen engster Berater ermordet wurde, weshalb Stark-Vater Eddard nachrücken soll. Da sind die sonnenerleuchtet schönen Geschwister Jaime und Cersei Lannister –, die nach Entdeckung ihres Verhältnisses durch den Stark-Sohn Bran selbigen herzlos in die Tiefe stoßen. Und da sind die weißhaarigen Geschwister Viserys und Daenerys Targaryen, die im entfernten Exil lebenden, in einem erst unabhängigen Handlungsstrang auftretenden Kinder des „irren Königs“, der das Reich lange Zeit beherrschte. Wölfe, Hirsche, Löwen und Drachen – obgleich noch Bündnisse (Baratheon und Stark) und Freundschaften geschlossen werden (zum Beispiel Jon Snow und Tyrion Lannister), beginnt das Spiel der konkurrierenden Rivalen.

Kooperation

Eine Welt gerät ins Wanken

Die Pilotfolge verdeutlicht auch, dass die bekannte Welt ins Wanken gerät: Das Haus Targaryen, das fast 300 Jahre lang über Westeros herrschte, fristet ein entmachtetes Dasein im Exil. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung, um persönliche Interessen durchzusetzen. Dazu droht der mittelalterlich inszenierten, aber nach eigenen Jahreszeiten funktionierenden Welt nach vielen guten Jahren der tödliche Winter. Und das Spiel der Jahreszeiten wird um eine Fantasy-Komponente erweitert: Jenseits der Mauer ereignen sich unglaubwürdige Dinge, die nicht zum Erfahrungsschatz der Figuren zählen, also ein Novum für die dargestellte Welt bedeuten: „Winter Is Coming“, der Titel der Pilotfolge, wird nicht nur zum Vorboten einer sich verändernden Welt, sondern zum Leitspruch der gesamten Serie. Dass die vier Parteien einander nicht trauen können, zeigen die folgenden Episoden: Vom gemeinsamen Startpunkt Winterfell aus reisen die Starks, Baratheons und Lannisters in verschiedene Richtungen, um individuelle Missionen zu erfüllen. Zwischen den Kindern Baratheon und Stark entbrennt ein Streit, während in Winterfell ein Attentat auf den verletzten Bran Stark verhindert wird. Die Targaryen-Geschwister gewinnen durch Daenarys’ Hochzeit mit Khal Drogo, dem Führer des Reitervolks Dothraki, an Einfluss und werden in den Konkurrenzkampf der Häuser eingebunden, da König Robert Baratheon die Ermordung Daenerys’ befiehlt.

Die Serie lenkt nun die Sympathien auf die Häuser Stark und (Daenerys) Targaryen und zeigt Baratheons wie Lannisters als egoistische, skrupellose Machthungrige. Zugleich etablieren sich neue Spieler und Schauplätze: In King’s Landing intrigiert Lord Petyr Baelish als „Master of Coin“, während der Lannister-Patriarch Tywin Krieg anzettelt. An der Mauer im Norden beginnt Jon Snow seine Ausbildung im Dienst der Nachtwache und trifft auf Langzeitbegleiter Samwell Tarly. Im anderen Teil der dargestellten Welt spitzt sich die Situation zwischen der schwangeren Daenerys und dem machthungrigen Viserys zu, bis letzterer von Khal Drogo ermordet wird. Zwischen Baratheons und Starks kommt es indes zum Eklat; zugleich nimmt Eddards Frau Catelyn Stark Tyrion Lannister gefangen, um ihn für den mutmaßlichen Anschlag auf Bran verurteilen zu lassen, wodurch sich die Häuser weiter entzweien.

Jason Momoa hat die erste Staffel nicht überlebt.

Eine Schlüsselrolle kommt der sechsten Episode „A Golden Crown“ zu: Eddard Stark findet nach mühsamer Recherche heraus, dass König Robert Baratheon nicht der Vater von Cerseis Kindern sein kann. Die Verhältnisse ändern sich genau zu der Zeit, als der König bei einem Jagdunfall ums Leben kommt und ein Nachfolger bestimmt werden muss. Einen Anspruch auf den Thron formulieren sowohl des Königs Bruder Renly, der jedoch fliehen muss, als auch Roberts minderjähriger (und nach Starks Erkenntnissen unehelicher) Sohn Joffrey. Roberts Testament zufolge soll Eddard Stark als Hand des Königs herrschen, bis „der rechtmäßige Erbe“ volljährig ist.


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Während die Heere der Lannisters und Starks aufeinanderprallen und die Lage für den Zuschauer unübersichtlich wird, zeigt „Game Of Thrones“ schließlich das Undenkbare: Der sadistische Jungkönig Joffrey lässt den letzten aufrechten Verteidiger der Wahrheit, Eddard Stark, vor den Augen seiner Kinder enthaupten. Die Serie etabliert damit ihr über alle Staffeln fortdauerndes, meist in der vorletzten Episode einer Staffel auf die Spitze getriebenes Muster, auf das bereits der Vorspann hinweist: Der Zuschauer verliert unerwartet Sympathieträger und Identifikationsfigur und hängt orientierungslos in der Luft, während sich die Machtverhältnisse ändern, neue Figuren emporsteigen und in das Spiel der Throne eingreifen. In diesem Fall Daenerys Targaryen, die auf der entfernten Insel zwar sowohl Kind als auch Ehemann verliert, aber als Mutter der mit Feuer zum Leben erweckten Drachen unversehrt den Flammen entsteigt, damit ihren Machtanspruch formuliert und andeutet, wer im Lied von Eis und Feuer den Weißen Wanderern Parole bieten könnte.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man sich in „Game Of Thrones“ nur darauf verlassen kann, dass man sich auf nichts verlassen kann.

 

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