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Warum das Argument „Geschmackssache“ das Ende des Diskurses bedeutet

„Piste oder Ski-Hütte, Josef Winkler?“ blökt mich eine E-Mail von „einem großen Online-Auktionshaus“ an. Ich möchte gern zurückschreiben a) „Fuck you very much!“ und dass ich b) die Frage nicht verstehe, aber es ist wohl zwecklos. Früher, als ich meine ersten, noch ungelenk formulierten Kundenfeedbackbriefe abfasste, da wäre der Herr Ebay noch selber da gesessen in seinem Kontor, hätte den Federkiel eingetaucht und persönlich geantwortet. Heute: Alles nur noch Bots. (Übrigens: Wenn Sie bei Bots an „Aufstehn“ denken, sind Sie schief und zugleich absolut richtig gewickelt!)

„Geschmackssache“ – das ist das Ende des Diskurses, der Hechtsprung in die Barbarei!

Apropos Kundenfeedback: Da fällt mir die E-Mail des Lesers Christian aus Saarbrücken ein, die vor einiger Zeit in Reaktion auf eine Ausgabe dieser Kolumne eintraf und über die ich jetzt wieder gestolpert bin, nur um festzustellen, dass ich noch keinerlei Senf dazugegeben habe, unhaltbarer Zustand! Es ging damals um das Unwesen des „Sound Of Silence“- Covers der Band Disturbed, die in angemessen harten Worten zu verurteilen ich mich in der Verantwortung gesehen hatte. Christian aus S. pflichtete meiner Expertise bei, stieß aber in der Folge bei seinen wackeren Versuchen, sein offenbar in Teilen fehlgeleitetes Umfeld kraft meiner zündenden Argumente und feurigen Sottisen eines Besseren zu belehren, auf bockbeinigen Eigensinn sowie jene toxische Vokabel, auf die sich ein redlicher Popfreund nimmermehr einlassen darf: „Geschmackssache“!

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Geschmackssache – merken Sie, wie schon bei zweimaliger Nennung dieses Wortes ein kalter Hauch durch die Bude pfeift, wie das Nichts an diesen Seiten zerrt, um uns alle hinabzureißen in einen Mahlstrom aus Scheißegal? „Geschmackssache“ – das ist das Ende des Diskurses, der Hechtsprung in die Barbarei! Darum gilt bei uns Popcheckern, vom Prakti bis zur gehobenen Redakteursposition, von jeher der Grundsatz: Geschmack ist Chefsache! Aber ach, profunde Verunsicherung spricht aus Christians Zeilen. Ob denn die Bedeutung der Mona Lisa und von PET SOUNDS eine Frage des Geschmacks seien? Und ob wir, die guten Geschmacks sind, den „Distinktionsgewinn“ bräuchten, um uns gut zu fühlen? Ich sage: Nein, man hüte sich vielmehr vor denjenigen, die Distinktion zu gewinnen trachten, indem sie alternative Fakten über empirisch gesicherte Tatsachen in Umlauf bringen („die Beatles sind überbewertet“).

„Warum tanze ich leicht betrunken zu Modern Talking?“ Nun, weil du wahrscheinlich eher SEHR betrunken warst, Christian. Merkt man ja oft nicht so. „Was ist eigentlich so schlimm an Unheilig?“ Du Spaßvogel. Alles natürlich, aber die haben sich ja gottlob in Wohlgefallen aufgelö… BING! Eine Promo-E-Mail kommt rein. „Im Frühjahr 2018 werden die Unheilig-Band und The Dark Tenor auf gemeinsame Tournee gehen! Somit wird ein großer Wunsch des Grafen wahr, dass seine Musik auch ohne seine Bühnenpräsenz weiterlebt.“ Ja leck. Äh. Ich glaube, ich nehme b) „Ski-Hütte“.


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