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Warum man den Vergleich von Festivals und Flüchtlingscamps wagen muss

Es ist ja nicht so, dass der Gedanke allzu abwegig wäre. Er wird nur gern beiseite geschoben. Aber fast jeder Mensch, der jemals ein Open-Air-Festival besucht hat, wird insgeheim schon einmal darüber nachgedacht haben…

Wenn einem der dritte Joint die Augen öffnet, wenn mal wieder ein DIXI-Klo umgekippt ist, wenn der Staub in kleinen Wirbelwinden zwischen den Zelten steht, wenn der Regen diesen Staub in knietiefen Matsch verwandelt, wenn der Helikopter über dem Gelände steht und hinter Zäunen das Rote Kreuz Transfusionen legt, dann wird manchen Festivalbesucher der geheime Gedanke beschlichen haben: Verdammt, hier sieht’s aus wie in einem Flüchtlingslager! Die Folgen der Gewitterstürme, die dazu geführt haben, dass viele Besucher der großen Festivals Rock am Ring und Southside im vergangenen Sommer sich selbst für einige Stunden ziemlich bedroht fühlen durften und diese Veranstaltungen schließlich ganz abgebrochen werden mussten, verstärkten diesen Eindruck noch.

Land unter bei Rock am Ring 2016
Land unter bei Rock am Ring 2016

Interessanterweise ist das ein Gedanke, der sich scheinbar von selbst verbietet, und der Abwehrreflex ist rechtschaffen. Was bitteschön haben denn Zeltlager auf Open-Air-Konzerten mit Zeltreihen in Flüchtlingslagern zu tun? Mehr vielleicht, als man denkt. Spätestens seit der jüngsten Flüchtlingskrise liegt der Vergleich so nahe, dass man ihn bemühen muss.

Ausnahmesituation bleibt Ausnahmesituation, und die mögliche Katastrophe lauert gleich um die Ecke

Zunächst ist ein Zeltlager ein Zeltlager. Ganz gleich ob es in Idomeni oder Wacken, Glastonbury oder Calais, auf einem ehemaligen Militärflugplatz in der Osteifel oder auf Lesbos in der Ägäis errichtet worden ist. Beides sind vorübergehende Endpunkte von Fluchten. In die einen Lager fliehen Menschen unfreiwillig vor Unsicherheit, in die anderen fliehen sie freiwillig vor der allzu langweiligen Sicherheit im Alltag. Strukturell handelt es sich aber in beiden Fällen um Lager.

In beiden Lagern – sowohl an der Peripherie als auch im Zentrum der westlichen Welt – finden sich zu viele Menschen auf zu engem Raum, zudem unter prekären hygienischen Bedingungen. Daher die Aggressivität der Verzweifelten in den Flüchtlingslagern. Daher aber auch das gebetsmühlenartige Beschwören von „Friedlichkeit“ und „Vernunft“ bei den Durchsagen auf einem Open Air. Ausnahmesituation bleibt Ausnahmesituation, und die mögliche Katastrophe lauert gleich um die Ecke – sei es Feuer an brennbarem Material, sei es das Gedränge auf Hauptwegen und Sammelpunkten oder eben auch Blitzschlag und Sturm.

Thomas Porwol


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