Popkolumne, Folge 95

Was kommt als nächstes, Münchener Freiheit? – Paulas Popwoche im Überblick

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Es gibt verschiedene Dinge für die ich mich versuche zu interessieren, weil sie wohl wichtig sind. So zum Beispiel das mit den Rundfunkgebühren oder mal wieder was mit Lisa Eckhart. Tue ich aber nicht, es tut mir sehr leid. Aber glücklicherweise gibt es genug Leute da draußen an den Geräten, die es tun und deswegen lebt die Debatte. Cool. Ich habe mich hier mittlerweile eh komplett eingepuppt, zwischen meinen Füßen wachsen (?) Spinnweben und aus mehreren Haaren ist jetzt ein dickes geworden. Ist doch auch mal was. Außerdem hab ich meinen Rauchkonsum auf zwei Kippen am Tag eingeschränkt wegen dieser fiesen Pandemie, die ja noch immer da draußen rumläuft und man muss ja ab und an mal einkaufen. Seit ich mir an meinem Becken wegen Dummsitzens einen Nerv eingeklemmt hatte und dann das Bein taub wurde … ach, lassen wir das, seitdem habe ich mir jedenfalls eine Schreibmöglichkeit zum Stehen eingerichtet und zusätzlich noch so ein Bettschreibtisch und da entstehen nun eben die folgenden Zeilen. So kann ich also mal wieder kaum mithalten im Trubel des Netzes das nicht mein eigenes im Hirn ist, aber es geht ja auch alles wieder schnell vorbei, also das Interesse an Verschiedenem. Doch es gibt auch Dinge, die bleiben. Rituale. Traditionen. Stichwort Weihnachten.

Bells sind am Ringen

2001 muss es gewesen sein, so verrät es das Booklet, da erschien „8 Days of Christmas” von meiner Lieblingsband Destiny’s Child. Ich hatte mir gerade aus dem Wreesmann für paar Mark einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik gekauft und ihn fortan jedes Jahr entdrahtet, so dass die Zweige irgendwie abstehen konnten und dann mit Lametta und sonstwas behangen. War irgendwann nur noch traurig, weil der Draht schnell ausgelatscht war, aber ich hörte dazu jedes Jahr dieses Album und das blieb stets frisch. Heute mache ich das immer noch, es ist gut gealtert und Vieles funktioniert auch so einfach als guter Pop jenseits der komischen Weihnachtszeit, die mich im Laufe der vergangenen 19 Jahre immer weniger bis mittlerweile kaum noch interessiert. Hört doch mal rein, aber ihr kennt es vermutlich eh.

Vor drei Jahren gesellte sich dann noch Sias „Everyday is Christmas” zu meiner weihnachtlichen Traditionshörerei dazu, auf dem eigentlich jeder Song ein Hit ist, allen voran das traurigschöne „Snowman”:

Eben mal bei Wikipedia recherchiert was in den USA so die bestverkauften Weihnachtsalben der vergangenen Jahre waren und die Liste ist genial, poetisch nahezu:

“The best-selling Holiday album of 2014 was ‘That’s Christmas to Me’, by Pentatonix.
The best-selling Holiday album of 2015 was ‘That’s Christmas to Me’, by Pentatonix.
The best-selling Holiday album of 2016 was ‘A Pentatonix Christmas’, by Pentatonix.
The best-selling Holiday album of 2017 was ‘A Pentatonix Christmas’, by Pentatonix.
The best-selling Holiday album of 2018 was ‘Christmas Is Here!’, by Pentatonix.
The best-selling Holiday album of 2019 was ‘The Best of Pentatonix Christmas’, by Pentatonix.”

Was an Weihnachtsliedern bissl nervt, ist dass man wegen des Gebimmels ständig denkt, es klingelt an der Tür und das kann etwas stressig werden. Deswegen sei das hier noch als Warnung dazugeschrieben.

Das beste Weihnachtslied bleibt ja eh das von Mariah Carey, ist doch glasklar.

Hier noch die Meinung eines Mannes zum bisher Geschriebenen:

Und was war noch 2001? Genau: Bro’Sis.

 Klar dachte Volkmann, er könnte mir das Thema wegschnappen, aber klar sage ich noch was dazu. Ich hab früher gedacht, ich würde irgendwann auch mal zu „Popstars“ gehen. Natürlich Quatsch, um da durchzukommen, muss man schon relativ normschön sein und sich als Frau unterwürfig auf dem Boden wälzen. Also wäre vielleicht doch eine der anderen Castingshows besser gewesen, wo auch mal „außergewöhnliche Typen” eine Chance hatten. Aber das wusste ich, Anfang der 2000er gerade ins zweistellige Alter gekommen, noch nicht und da war „Popstars“ der Hoffnungsschimmer, weil ich mir damals nur vorstellen konnte, Teil der Popwelt zu sein, indem man selbst singt und nicht weil man zum Beispiel auch darüber schreiben kann. Aber nicht nur für mich war das Ganze eine Option, sondern es war vor allem auch Repräsentationsplattform für nichtweiße und nichtheterosexuelle Menschen. Denn, das fällt auch heute noch schnell auf: Die „Popstars“-Gewinner:innen waren diverser, als alles was man sonst so kredenzt bekam, diverser als die meisten Pop-, Rock-, Indie- oder Britpopgruppen dieser und späterer Zeit und auch diverser als Vieles was in der ach so progressiven linken Subkultur so zu sehen war/ist. Der Journalist und selbst ehemaliger „Popstars“-Teilnehmer Malcolm Ohanwe hat Anfang des Jahres in einem Vice-Artikel davon erzählt, wie diese Repräsentation ihm während seiner Kindheit geholfen hat.

Man sollte dennoch nicht unter den Tisch fallen lassen, was für ein Scheißsystem diese Castingshows im Kern waren. Ultimative Vermarktbarkeit stand natürlich im Zentrum von allem, es wurden rührselige Geschichten aus den Teilnehmenden rausgepresst, sie wurden gegeneinander ausgespielt, in Konfrontationen und emotionale Ausnahmezustände gebracht, möglichst schnell durch die Branche gezerrt und fix fallen gelassen. Der Fall von No-Angel Nadja Benaissa, die Ende der 2000er von Medien im Rahmen eines Gerichtsprozesses misogyn fertig gemacht wurde, ist vielleicht das fieseste Beispiel. Vor kurzem hat sie im Podcast “Realitäter:innen” davon erzählt und diese Zeit reflektiert.

Es ist schon gut, dass es vorbei ist. Wer noch mal in Erinnerungen schwelgen will, ich hab hier diese teilweise sehr grausige Playlist erstellt mit allem, was es bis 2008 bei „Popstars“ gab, ja, auch eure Lieblinge von Nu Pagadi sind dabei. Das beste Album ist aber wirklich das von Bro’Sis, Anspieltipps „What’s Going On” und „A Day in November”:

Ich hoffe, Hila und allen anderen geht es gut.

Podcast der Woche: „DRINNIES”

Es gibt diesen Moment: Man steht an der Kasse eines Supermarktes, hat die Waren aufs Band gelegt, die kassierende Person ist schnell, weil sie das sein muss, man selbst hat schon gelernt, wie man die Waren so positioniert, dass man ebenso schnell ebenjenes einpacken kann, was gerade gepiept hat, unten das Schwere, oben das was kaputtgehen kann usw., aber es reicht nicht, es reicht einfach nicht! Panik macht sich breit, man kann es nicht aushalten, man will nichts aufhalten, man will nicht da sein, keine Umstände machen, ist überfordert, irgendwas geht vielleicht auch noch schief. Der Rucksack ist zu klein, die EC-Karte fällt auch noch runter, als man sie jetzt schnell reinstecken oder dranhalten soll, oh Gott! Währenddessen kommt die nächste Person, die bezahlen will, epidemisch unklug viel zu nah, Schweiß perlt ab, jetzt schnell hier alles noch irgendwie über die Bühne bringen, die Hälfte irgendwie unter Arme oder in Hände verstauen und raus, raus, raus und ganz schnell nach Hause, Serie an, Eispackung auf: durchatmen. Für solche Leute ist der Podcast „DRINNIES” der Autor/innen Giulia Becker und Chris Sommer, den es seit dieser Woche auf allen Streamingplattformen gibt und von dem es jetzt jeden Dienstag Nachschub geben soll. Für Leute, die gern drin sind, innerlich oder auch als ganzer Körper oder beides, für Introvertierte halt. Ich bin das nur Teilzeit, aber kann trotzdem ganz gut relaten. Es ist zudem auch sauwitzig und die beiden wahnsinnig süß.

Internetnerv der Woche: Infantilisierung alter Menschen

 „Alte Menschen”, auch genannt „Omas” oder „Opas” oder „Rentner” (als wäre das eine Identität) bekommen viel zu oft die volle Pulle Ignoranz entgegengebrettert (auch etwas was man in Supermärkten erleben kann), es sei denn man kann sie irgendwie instrumentalisieren. Was ich aber auch beobachte, klar, auch bei mir selbst, ist wie sie oft infantilisiert bis entmenschlicht werden. Jetzt wo es gerade Richtung Weihnachten in Coronazeiten geht, wird mal wieder viel über sie statt mit ihnen gesprochen und sie nur als Verhandlungsmasse betrachtet. Ein eher neues Phänomen ist es aber wie wenig ernstgenommen sie werden, wenn sie sich äußern, denn neuerdings tun sie das eben auch verstärkt im Internet. Ein 89-Jähriger ging vergangene Woche viral, weil er seinen ersten Tweet absetzte und sich bei allen (!) Kommentierenden bedankte. Was anfangs noch einfach nur lieb war, wurde schnell zum Witz, die Leute fielen in Scharen auf sein Profil ein bis er dann von Journalisten behelligt wurde und in einem Interview sagte, er hoffe, dass das doch bald alles mal aufhören werde. Ein berühmteres Beispiel ist Dionne Warwick (wird am 12.Dezember 80), die in der letzten Zeit mehr getwittert hat. Ihr wurde unterstellt, sie würde nichts selbst posten – bis sie schließlich ein fantastisches Video gen all die Hater aufnahm:

Vielleicht können wir alle uns mal daran erinnern, dass alte Menschen nicht immer besonders niedlich oder doof sein müssen.

Geguckt die Woche:

Bei mir war die Woche das Thema Mutterschaft aufm Zettel. Eher unangenehm: „Bad Moms”, Teil 1 und 2. Ich wollte seicht reingehen. Eigentlich war es recht viel versprechend: Ein paar Mütter haben keinen Bock mehr auf diese übertriebenen Ansprüche ans Muttersein, vor allem im Schulkontext, also machen sie fortan öfter mal blau bei ihren Verpflichtungen, sagen den Kindern Bescheid, dass die sich auch selbst mal kümmern können oder nehmen gar den Vater in die Verpflichtung. Am Ende kommt dann aber trotzdem raus, dass Mütter eine Art übernatürlichen Instinkt haben und es schon immer irgendwie hinbekommen werden, denn so ist das eben. Klar wacht man noch immer geschminkt und frisiert auf und auf magische Weise renkt sich alles ein. Cool ist, dass man hier Frauen mal zusammen saufen sieht, ohne dass es nur traurig ist. Kann man sich mal an einem Sonntag Nachmittag ansehen, der ja momentan fast immer ist.

Bei „Private Life”, wo auch die eine aus „Bad Moms” mitspielt, geht es um ein Paar, das sich ein Kind wünscht. Das ist ein verdammt guter Film. Es geht um die unterschiedlichen Möglichkeiten, die die beiden zusammen ausloten, immer wieder neu verhandeln, an denen sie immer wieder scheitern und wie die Beziehung der beiden darunter leidet. Es ist zum Kotzen traurig alles. Wenn man ein Mensch ohne diesen ausgeprägten Kinderwunsch ist, denkt man sich vielleicht ab und an: Warum das alles nur? Aber es ist so gut erzählt und gespielt, dass man trotzdem verstehen und mitleiden kann. Absolute Mordsempfehlung. Flenn.

Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben „Terminator 2” geguckt, also bewusst. Sarah Connor ist ja wohl eine der ungewöhnlichsten Mutterfiguren ever, wie sie da rumfightet und so – und trotzdem voller Liebe und Beschützungsdrang. Bissl aufdringlich ist wie man ihrem Jungen einen Vaterkomplex andichten will, aber das ist trotzdem okay. Ich meine, ihr kennt im Gegensatz zu mir natürlich „Terminator”, also was soll ich euch da empfehlen. Einfach nur endgeil.

Aktion des Monats: #hotelsforhomeless

Es ist eigentlich eine unglaubliche Schweinerei, dass man sowas organisieren muss, dass nicht die momentan sowieso frei stehenden Hotelzimmer einfach so oder sehr viel günstiger Leuten zur Verfügung gestellt werden können, dass all die leerstehenden Wohnungen, die irgendwelche Arschgeigen besitzen, um damit irgendwann richtig viel Cash einzufahren nicht enteignet werden, um Wohnraum für alle zu schaffen, aber here we are, so ist es eben und man kann in diesem Scheißsystem manchmal nur reagieren, wenn die Uhr tickt. Und die tickt gerade besonders laut, weil es wird immer kälter und wohnungslose Menschen brauchen Schutz, aktuell noch mehr als sonst. Weil Hilfe schwieriger wird, weil die Ansteckungsgefahren höher werden, weil Unterkünfte unsicher sind, weil noch weniger Leute draußen unterwegs sind und Kleingeld da lassen. Deswegen hat ein Hamburger Kollektiv „Hotels for Homeless” gegründet, durch das Spenden gesammelt werden, mit dem wohnungslose Menschen Hotelzimmer organisiert werden. Schaut euch das mal an, sagt euren reichen Freund:innen Bescheid, vielleicht habt ihr selbst auch noch einen Zwanni übrig oder könnt den Hashtag teilen und eh schauen, wie ihr in euren Städten, Wohnungslosen helfen könnt. 

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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