POPKOLUMNE, FOLGE 94

Es kann nur eine geben: Bro’sis oder No Angels? – Volkmanns Popwoche im Überblick

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LOGBUCH KALENDERWOCHE 49/2020

Wenn nicht der trotteligste Dad Joke überhaupt rausgekommen wäre, hätte ich mich gern diese Woche bei der Erderwärmung für den peinlichen Schnee auf den Straßen beschwert. Oder besser noch: gleich bei Greta Thunberg, die ich im Text natürlich „Gretel Thunfisch“ genannt hätte. #totalwitzig. Aber ich bin ja nicht Dieter Nuhr und Dad Jokes, wenn man nicht mal Dad ist, sind ja noch mehr creepy als eh schon. Schnee in der Stadt macht mich trotzdem fertig. Ich mein‘, bevor man sich im pulvrigen Weiß lustvoll wälzen könnte, ist eh alles schwarz, schmierig und eins geworden mit den Hunde-Urin getränkten Ecken – und die alten Leute im Viertel rutschen aus, man muss sie über die Schulter wuchten und einen nach dem anderen wieder und wieder ins Krankenhaus tragen. Was das auf den Rücken geht! Von der verfickten Dunkelheit zwischen 16 Uhr nachmittags und 8 Uhr morgens ist da noch nicht mal geredet.

Aussageabsicht: Wohin bloß mit all dem Hass auf Winter?!

Blick aus dem Fenster im Zorn

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: LINUS GIESE

Obviously war es wohl sehr naheliegend, dass ich auf diesen Mann aufmerksam wurde. Immerhin wedelt er sehr offensiv mit dem gleichen Vornamen herum, der auch mir anhaftet. „Ich bin Linus Giese“ heißt das Buch, das dieses Jahr bei Rowohlt erschien. Wir begleiten darin Linus auf dem langen Marsch der Transition hinzu „dem Mann, der er immer schon war“. Ein ziemlicher Trip ist das, der sensibilisiert für das Leben von Trans-Personen, der aber vor allem auch Linus Giese ins Herz schließen lässt. Ich freue mich sehr, dass er die Zeit gefunden hat, für diesen kleinen exklusiven Interview-Spot in meiner beliebten Familien-Kolumne hier.

Von Linus zu Linus: Wie ist gerade aktuell so die Stimmung bei dir im zweiten Lockdown?

LINUS GIESE: Sehr wechselhaft! Die letzten Wochen waren anstrengend, aber jetzt freue ich mich schon sehr auf die Eröffnung des Buchladens „She Said“, in dem ich als Buchhändler arbeiten werde – es ist für mich toll, eine Perspektive in dieser schwierigen Zeit zu haben.

Dein Buch beschreibt den nicht gerade barrierefreien Weg, den du gegangen bist, sehr offen. War es dir das auch unheimlich, so transparent zu werden oder war es eher eine Befreiung davon, alles immer mit sich selbst ausmachen zu müssen?

LINUS GIESE: Beides, das Schreiben war auf jeden Fall eine Art therapeutischer Prozess für mich, gleichzeitig hatte ich das Gefühl, meine Geschichte nicht anders erzählen zu können – ich habe beim Schreiben versucht wenig darüber nachzudenken, dass andere Menschen dieses Buch irgendwann lesen und dann viel mehr Sachen über mich wissen, als ich über sie.

Die Geschichte deiner Linus-Werdung hat nun ihre Erfüllung gefunden, heißt das, das war’s schon mit der Autorenkarriere? Oder wie geht es demnächst weiter bei dir?

LINUS GIESE: Jetzt bin ich erst mal wieder Buchhändler und freue mich darauf schon sehr. Aber im Hinterkopf habe ich noch ganz viele Schreibideen. Ich würde irgendwann gerne auch mal ein Kinderbuch schreiben oder vielleicht einem Roman. Ich möchte als nächstes auf jeden Fall etwas Fiktives schreiben, Autobiografien sind ganz schön anstrengend!

„Ich bin Linus Giese“ (Rowohlt, 2020)

STREAMING-HIGHLIGHT DER WOCHE: POPSTARS-BANDS AUF SPOTIFY

Es ist tiefste Nacht: das Telefon klingelt. Am Apparat habe ich die Schriftstellerin und Satirikerin Paula Irmschler aus Dresden. Erst halte ich es für ein versehentlich getätigten Anruf aus der Hosentasche, dann aber schält sich aus dem Gurgeln und Jubelschreien eine Melodie heraus… „I wanne be daylight“ … und ich weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat. „Sing no more, Paula!“, sage ich. Sie verstummt kurz. „Nicht wahr, die Bands aus der Castingshow ‚Popstars‘ von ProSieben sind endlich zum Streamen erhältlich?“ Pause. Vermutlich nickt sie gerade. Dann beginnen wir beide zu weinen.

Einmal auf der Straße Faiz von Bro’Sis treffen. Check! PS: Einige der anderen Personen auf dem Bild sind übrigens Paula Irmschler. Aber da liegen die Bildrechte mittlerweile bei Shutterstock oder so. Lieber mal unkenntlich machen, ein weiterer Rechtsstreit würde unsere die Beziehung nur zerrütten.

MEINE DREI PERSÖNLICHEN POPSTARS-MOMENTE

  • 01. Bro’Sis

Vor der Internet-Ära besaß ich noch Reflexe wie eine Cobra – hinsichtlich Popkultur war ich aber dennoch auch damals schon ein Late Adopter. Die Schildkröte einer wendigen Szene. No Angels und damit die erste Staffel „Popstars“ ging völlig an mir vorbei, dementsprechend abschätzig sah ich auf das erste große Phänomen dieser Gamechanger-Reihe hinab. Zum Glück aber hatte ich das gesamte Jahr 2001 keine Termine und konnte der Bro’Sis-Werdung von Faiz, Shaham, Giovanni, Indira, Ross und Hila beiwohnen. Was eine Verheißung das damals war! Die Konstellation, die Musik, das Getanze, alles! Die rotgrüne Republik unter Schröder plante gerade die Erosion des Sozialstaats mit ihrer Agenda 2010, doch Bro’Sis repräsentierten noch einmal ungebrochen die Utopie von einer gerechteren Multikulti-BRD.

Lieblingsszene für mich, als Juror Alex Christensen (#U96) dem späteren Bandmitglied Hila sagt, sie wäre zu Ameisen-mäßig unterwegs und möge mehr auffallen. Als Hila von der Jury weggehen will, ruft Christensen ihr noch mal hinterher: „Und arbeite, öh, an deinem Ameisen-Style!“ Keine Ahnung warum, aber diesen Ausspruch werde ich noch bis zu meinem Totenbett erinnern. „Arbeite an deinem Ameisen-Style.“ Epochal!

  • 02. Nu Pagadi

Castingshows sind knallhartes Business, bei dem die gekürten „Stars“ eher die Esel des medienkapitalistischen Königreichs darstellen? Das wusste ich eigentlich schon, aber dennoch las ich gern das naive Enthüllungsbuch „Sex, Drugs und Casting-Shows“, das Markus Grimm von Nu Pagadi zusammen mit Martin Kesici (dem „legendären“ „Kinnteufel“) verfasste. Unironisch geil allerdings für mich der einzige Nu-Pagadi-Hit: „Sweetest Poison“.

  • 03. Queensberry

Unvergessen der Moment, als ich meinen Ikea-Schrank auseinanderbaute und das Poster von Queensberry, das über Jahre an der Tür hing, zerriss. Das Ende meiner Jugend. Ich war doch gerade mal Mitte 50! „Adieu, beste Girlband aller Zeiten“, sagte ich damals. Umstehende dagegen dachten eher: „Und der Typ ist wirklich Musikjournalist?“

Klare Antwort: Ja!

RAP DER WOCHE: MARIYBU

Ich kam wegen des „PMS“-Shirts in Mariybus Merch – doch ich blieb wegen des guten Sounds. Skelettierte Beats, darüber eine sehr markante Stimme, gern auch mal Double-Time-Rap und der Mittelfinger im Profilbild. Allgemeine Stimmung bei Mariybu: offensiv. Rap muss nicht diskriminierend sein, um total krass zu sein. Mariybu ist der unterhaltsame Beweis.

„Du sagst, Du bist ein Feminist
Du holst mich auf die Bühne, Mann?
Ich sag, Du bist ein kleiner Wicht
Und sollst nicht so viel lügen
Du bist Tourist in meinem Biz
Ich kenne solche Typen
Nimmst mir die Sicht, geh aus dem Licht
Man sollte dich verbieten.“

(Aus „Unter Wert“, Mariybu)

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90s EDITION, PT 20.): NATALIE IMBRUGLIA

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 20: Natalie Imbruglia 

HERKUNFT: Sydney
GENRE: Pop
DISKOGRAPHIE:
5 Studioalben
ERFOLGE: Weder in den USA, noch England oder Deutschland, ja, nicht mal in Australien schafft ihr Super-Hit „Torn“ von 1997 die Eins in den Singlecharts. Das ist aber auch das Einzige, was dem Stück verwehrt bleibt. In Großbritannien beispielsweise kommt er bei den Verkäufen auf Doppel-Platin, das Album dazu, LEFT OF THE MIDDLE, verbleibt dort sogar 101 Woche in den Charts und erreicht Dreifach-Platin, in Imbruglias Heimat Australien stehen Fünffach-Platin zu Buche.
TRIVIA In dem Film „Johnny English” sieht man Natalie Imbruglia an der Seite von Rowan Atkinson als Schauspielerin. Gar nicht so abwegig, bedenkt man, dass ihre Karriere Jahre vor „Torn“ schon als Darstellerin der Soap-Opera „Neighbours“ begann.

PRO
Immer wieder rätselhaft, sich vorzustellen, dass der Pop-Universalschlüssel „Torn“, durch den Natalie Imbruglia weltweit alle Tore aufsprangen, vorher schon von diversen Interpreten veröffentlicht worden war. Und zwar ohne Erfolg. „Torn“ und sein knuffeliges Video haben Imbruglia einen Platz in den Annalen des Pops gesichert, wenn dessen unwiederholbarer Erfolg natürlich auch eine Karriere danach verbaute. Trotz diverser Versuche…

CONTRA
Selbst Männer, die sonst Crossover, Metal oder DJ Ötzi hörten, bekamen plötzlich feuchte Augen. Das schutzbedürftige Reh Imbruglia weckte globale Beschützerinstinkte. Diese unbedrohliche, zerrissene Elfe, auf die konnten sich alle Macker der Stadt einigen. Gespräche über diese Künstlerin wurden immer irgendwann creepy. Der Gipfel dessen ist sicher der Debüt-Roman von John Niven „Kill your friends“, dessen Hauptfigur den Fickwunsch hinsichtlich Imbruglia in deutliche Worte packt. Nothing’s fine, I’m torn.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Die 11 objektiv besten Songs des Jahres 2020 (laut Linus Volkmanns neuer Popwoche)
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