Kritik

„Was wir wollten“: Schleppende Schwermut im Netflix-Film mit Elyas M‘Barek

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Alice und Niklas wirken auf den ersten Blick perfekt. Zu Karriere und Haus fehlen nur noch die Kinder. Doch genau das scheint nicht klappen zu wollen. Von einer gescheiterten In-Vitro-Behandlung zur nächsten, entsteht ein immer größerer Riss in der Beziehung des Wiener Vorzeigepaares. Zwischen Hausbaustress und Ausschabungen retten sie sich letztlich nostalgisch nach Sardinien. Genau dort hatten sie in jungen Jahren Camping-Urlaub gemacht. Jetzt schleppen sie nicht nur Badehose und Sonnencreme ins Flugzeug, sondern vor allem Schmerz, Vorwürfe und die Bruchstücke ihrer bröckelnden Beziehung. Da fehlte es also nur noch, dass ausgerechnet eine lebhafte Kleinfamilie nebenan Ferien macht. Zwischen Antasten und Anfreunden, zwischen Neid und Verlust, gipfelt der Urlaub der beiden ungleichen Konstellationen in Konfrontation und Katastrophe.

Krise statt Kinder

Von Anfang an taucht „Was wir wollten“ in ein Meer aus Schwermut, da ist der Inselurlaub des Paares nicht einmal gebucht. Alice (Lavinia Wilson) steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Dass dies kein Grund zur Freude ist, stellt gleich ihre behandelnde Ärztin fest. Da nun mehrere künstliche Befruchtungen fehlgeschlagen sind, gibt es bald keine Zuschüsse von der Krankenkasse zu der sowieso schon sehr kostspieligen In-Vitro-Behandlung. Für Alice und ihren Mann Niklas (Elyas M’Barek) ein Dilemma. Die EC-Karte wird in der Praxis abgelehnt, das Geld immer knapper.

Die Stimmung auf dem Rückweg liegt zwischen unterdrückter Wut und lähmender Angst. Längst traurige Routine für das Paar. Das mitten im Bau steckende Einfamilienhaus im Wiener Vorstadtgebiet bietet nur weiteren Zündstoff und so überrascht Niklas seine Frau mit einem Luxusurlaub auf Sardinien – in der Nähe des Ortes, an dem sie früher einmal frischverliebt campen waren. Doch aus der Pause wird nichts. Im Ferienhaus steht ein Kinderbett bereit. Für Alice ein rotes Tuch, Niklas versucht die romantische Urlaubsharmonie mit einem Witz wieder wett zu machen: „Konfrontationstherapie!“. Keiner lacht.

Konfrontationstherapie

Diese „Therapie“ beginnt wirklich, als sich nebenan eine Tiroler Kleinfamilie bemerkbar macht. Bestehend aus Christel (Anna Unterberger), der leidenschaftlichen Hobby-Astrologin und ihrem kontaktfreudigen Mann Romed (Lukas Spisser), der fünfjährigen Tochter Denise (Iva Höppberger) und dem missmutigen Teenie David. Zusammen spiegeln sie Alice genau das, was sie sich so sehnlichst wünscht: das Idyll einer Kleinfamilie. Abgelenkt wird mit Laptop, Arbeit und Telefonaten mit der Baufirma in Wien. Alles wirkt schwerfällig, sogar im Urlaub. Auch Niklas’ Versuche, in die romantische Stimmung von damals abzutauchen, scheitern.

Es passiert wenig und noch weniger wird miteinander gesprochen. Die zwei Charaktere wirken wie das Liebespaar, das sich aneinander festhält, um nicht alleine zu sein. In melodramatischen, verschwommenen und lichtreflektierenden Bildern zeigt Regisseurin Ulrike Kofler, dass hier eines vorherrscht: unterdrückte Verzweiflung. Doch bekommt das alles mit der Zeit einen faden Beigeschmack, Langeweile macht sich breit. Bisher haben Alice und Niklas noch nicht viel von ihrem Innenleben preisgegeben. Nur, dass sie gefangen sind in ihrer Routine, ihrem Schmerz, ihrer Sehnsucht. Das wird oft genug betont.

Frischen Wind bringt von nebenan die kleine Denise in das Geschehen, die ein unergründliches Interesse an Alice hegt. Sie stellt Alice tiefere Fragen als ihr Ehemann und wirkt dabei ein wenig unglaubwürdig. Das Motiv des Films hingegen ist klar: Die niedliche Denise spiegelt Alice ihre Einsamkeit. Ihr Schutz mit all dem umzugehen, bleibt ihr Alleinsein. Dagegen hat sich Niklas mittlerweile mit Denise’ Vater Romed angefreundet. Seine Strategie: neue Blickwinkel. Es wird mit Romed geklettert und abends spontan gegrillt.

Erst später kriecht Alice aus ihrer Melancholie heraus und setzt sich mit in den Garten. Christl trifft sogleich die falschen Töne, als sie vom Tabuthema Kinderlosigkeit anfängt. Für Alice endet der Abend in den Armen einer Hotelangestellten, bei der sie ihr Herz ausschütten kann. Das erste Mal taucht der Film nun auf aus melancholischen Dunst. Alice zeigt Einblicke in ihre bittertraurige Gefühlswelt. Endlich!

Dann eben ein Panoramafenster

Es bleibt bittertraurig. So wie beim Löschen eines Feuers manchmal nur ein Gegenfeuer hilft, löst sich hier die Verzweiflung erst durch eine andere. Wieder spiegelt hier die Tiroler Kleinfamilie dem Paar seine Situation. Und die ist plötzlich gar nicht mehr so verzweifelnd, wenn man das Leid anderer Familien begreift und so das Thema Kinderwunsch einmal beiseite schiebt. Und hey, so bleibt ja schließlich noch Geld für ein Panoramafenster im neugebauten Haus in Wien!

Dieser Ausblick klingt dann doch sarkastischer als vielleicht gewollt. In der Zuspitzung zeigt sich, dass dem Film eine Kurzgeschichte zugrunde liegt. „Der Lauf der Dinge“ heißt die vielgelobte Geschichte von Peter Stamm, auf der Koflers Film beruht. Für seine Kunst, das Nichtsagbare, die lähmende Trauer in seinen Sätzen sichtbar zu machen. Vielleicht fehlt dem Medium Film hier also genau das, was die Literatur schafft. Denn auch wenn die Thematik „Kinderlosigkeit“ im Film unbedingt erzählt werden muss, so scheint es manchmal schwer nicht im Strudel von Lethargie und Depression zu versinken. So versinkt das Publikum ebenfalls darin.

Ob der neue Netflix-Film „Was wir wollten“ als österreichische Entsendung für den Auslandsoscar mit anderen Kalibern dieser Awardgröße mithalten kann, bleibt fraglich. Doch mit Schauspielgrößen wie Elyas M’Barek („Fack Ju Göhte“) und Lavinia Wilson (gerade zu sehen im Amazon Original „Deutschland 89“) wird der Film auf jeden Fall in Deutschland und Österreich ein Publikum für sich gewinnen. Wer jedoch nur nach dem Filmplakat auswählt, wird enttäuscht werden. Keine Romcom, sondern ausschließlich Melodram. Leider jedoch eher schleppend, als anrührend.

Der Film „Was wir wollten“ mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barek startet am 11.11.2020 bei Netflix. Er dauert 100 Minuten.

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