Zum deutschen Fernsehjahr 2014: „It’s the end of TV (as we know it)“

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Eines gar nicht mal so fernen Tages werden wir unseren Kindern erklären müssen, was „das Fernsehen“ gewesen ist – und dass wir dabei gewesen sind, als es 2014 den Kampf gegen das Internet endgültig aufgegeben hat. Fernsehen war etwas, das jahrzehntelang Jung und Alt, Dumm und Doof in Eintracht vor sich versammeln konnte. Kam ja für jeden was. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass das Fernsehen in Deutschland seine größte Herausforderung allzu lange ignoriert hatte – die Digitalisierung.

Die Plattenindustrie hat das Netz so lange gefürchtet und bekämpft, bis es von ihr nicht mehr als moderner Vertriebsweg befahren werden konnte. Heute gibt es nur noch wenige echte Geschäftsmodelle, die im Schatten der unbefugten Selbstbedienung existieren können. Das Fernsehen aber wird von den neuen Technologien auf gleich mehreren Fronten ange- griffen. Fernsehen ist alt, hierarchisch, zentral. Das Internet ist jung, anarchisch und dezentral.

Kein Zufall also, dass 2014 auch die vielleicht bizarrste Blüte der deutschen Fernsehkultur eingegangen ist. Eigentlich sollte Allzweckwaffe Markus Lanz das ZDF-Flaggschiff „Wetten, dass..?“ in die Zukunft steuern. Stattdessen fuhr er das ohnehin kaum mehr lenkbare Unterhaltungsvehikel auf ein Riff. Kritiker bemäkelten die hüftsteife Geckenhaftigkeit des Moderators, aber die Zuschauer vermissten einfach gute Unterhaltung. Die Quote sprach eine klare Sprache. Das Programm selbst hatte sich überlebt und damit auch die Idee, mit einem familienfreundlichen Varieté so etwas wie das „Herdfeuer“ zu sein, um das die Nation sitzen und worüber sie anderntags reden würde. Geredet oder wenigstens gelacht wurde über dieses seltsame „Wetten, dass..?“ zuletzt nur noch in US-Talkshows.

Dem ZDF kam 2014 aber nicht nur ein ehemaliges Kronjuwel abhanden, sondern auch das wichtigste Gut – die Glaubwürdigkeit. Im Juli noch protzte der Sender mit der ohnehin fragwürdigen Show „Deutschlands Beste!“, eine von Johannes B. Kerner moderierte Gala für irgendwie prominente Landsleute. Kurze Zeit später stellte sich heraus: Das Ranking war intern manipuliert worden, um bestimmte Leute in die Show einladen zu können. So etwa Claus Kleber („heute journal“), der sich per Tweet bei einem Kollegen entschuldigte: „Hier fliegen gerade die Fetzen. ZDF-Ranking-Show DeutschlandsBeste hat manipuliert. Mogelte mich weit vor Klöppel. Idioten! Sorry, Peter!“

Ebenfalls kein Zufall, dass dieser Tweet in Erinnerung geblieben ist. Twitter mauserte sich 2014 endgültig von einem TV-Begleitmedium zu einem Forum, in dem die eigentliche Musik spielt. Kaum ein Großereignis im Fernsehen, das dort nicht mehr oder weniger kritisch begleitet würde. Vor allem der „Tatort“, dieses andere Reptil der Fernsehunterhaltung, wird unter dem Hashtag #Tatort zum Gegenstand einer Schwarmkritik in Echtzeit. Geguckt wird mit dem Klapp- oder Tafelrechner auf den Knien, jede Wendung im Plot und jedes Detail der Ausstattung erfährt eine Kommentierung.

Jan Böhmermanns NEO MAGAZIN lockt im Netz längst mehr Zuschauer als vor den Fernseher

„Second Screen“ ist der verharmlosende Fachbegriff für das Abwandern gerade jüngerer Zuschauer ins Netz. Tatsächlich macht dieser „Second Screen“ den ersten Bildschirm überflüssig. Und was dort verpasst wird, lässt sich jederzeit in der Mediathek nachholen. Längst haben die innovativsten Formate im Netz mehr Zugriffe als sie an Zuschauern vor den Fernseher locken könnten. Bestes Beispiel dafür ist Jan Böhmermann, dessen „Neo Magazin“ in seiner öffentlich-rechtlichen Jugend- und Digitalsparte so erfolgreich war, dass das ZDF ihn nun ins Hauptprogramm geholt hat – irgendwann um Mitternacht, versteht sich.

Was ein Sender wie die ARD unter „Zukunftsfähigkeit“ versteht, erschöpfte sich in einem neuen Design und neuer Titelmelodie für die „Tagesschau“. Dort sind die Bilder nun bildschirmfüllend, was auf dem Plasma-Flachbildschirm irritierend wirkt, aber ein Eingeständnis an veränderte Sehgewohnheiten ist. Bei der WM ließen sich gerade in Kneipen oder Büros arbeitende Menschen beobachten, die Spiele auf ihrem Smartphone schauten statt als Übertragung auf die große Leinwand.

Klanglos aus dem Dienst geschieden ist in diesem Jahr übrigens Harald Schmidt. Der einst vor allem von den Feuilletons gefeierte Doyen der intelligenten TV-Unterhaltung machte seine letzten Späße irgendwo beim Bezahlsender Sky. Vorbei, verweht. Neue Impulse, wenn man so will, kamen höchstens von den Klassikern und den Neulingen an der anarchischen Front. Stefan Raab ist da mit seinem Spektakelfernsehen (Turmspringen, Autofußball etc.) nach wie vor Marktführer. Aber Moderatoren wie Joko und Klaas folgen ihm auf den Fersen, unterstützt von Spaßtalenten wie Olli Schulz, der in einem früheren Leben einmal ein leidlich akzeptabler Musiker gewesen sein muss.

Während die wenigen echten Erfolge noch mit importierten Formaten gefeiert werden („Bauer sucht Frau“, „Dschungelcamp“, „heute show“), importierte sich 2014 mit Netflix selbst nach Deutschland, was das „gesendete Fernsehen“ eines Tages ganz ablösen könnte. Klar, Watchever, Maxdome, T-Entertain usw. waren schon vorher hier und das Angebots-Wirrwarr der verschiedenen Streaming-Dienstleister ist noch schwer zu durchschauen. Doch demnächst will Netflix auch für den deutschen Markt erfolgreiche Serien produzieren. In den USA hat es das Unternehmen unter anderem mit „House Of Cards“ bereits vorgemacht.

In der Evolution wäre das ein Sprung wie der vom Dinosaurier zum Säugetier. Die schwerfällige, aufgeblähte Spezies wird abgelöst durch eine weit wendigere. Dass die Zukunft auch intelligenter wird, können wir nur hoffen. Damit wir uns eines nicht allzu fernen Tages nicht bei unseren Kindern entschuldigen müssen.


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