Highlight: Platz 3 der „700 besten Songs aller Zeiten“: The Beatles – „A Day In The Life“

10 Alben über die Liebe – mit Marvin Gaye, Kanye West und Fleetwood Mac

Es gibt Millionen Liebeslieder, doch selten lassen sich Künstler darauf ein, ein ganzes Album mit dem Lieblingsthema des Pop auszugestalten. Die meisten dieser Alben sind zudem Break-up-Werke, künstlerische Schmerzverarbeitung quasi. Aber es gibt auch andere Ansätze, wie unsere Auswahl zeigt: praktische Hilfestellungen, Fantasy-Erzählungen und richtige Manifeste.

Frank Sinatra – IN THE WEE SMALL HOURS (1955)

In den Vierzigern zum ersten großen Popstar aufgestiegen, hatten sich eine Dekade später Sinatra und das große Publikum auseinandergelebt. Er verlor Plattenvertrag und TV-Show, seine Ehe mit Ava Gardner zerbrach. Natürlich wissen wir, dass Frank dieses Tief überwinden konnte, nicht zuletzt durch dieses Album. Statt Zeitgeist oder zurückliegenden glory days hinterherzujagen, nahm er in fünf Nächten ein Konzeptalbum (noch bevor es diesen Begriff gab) auf, das sich am Themenfeld Trennung, Einsamkeit, Sehnsucht, Depression, enttäuschte Liebe, Katerstimmung abarbeitet. Sinatra brachte sich als reiner Interpret dieser Sammlung von erhabenen Downern (die Jazz- und Broadway-Stücke unter anderem von Leuten wie Cole Porter und Duke Ellington waren allesamt schon ein paar Jahre alt) nicht als Autor ein, dafür aber die gesamte Schwere seiner Niederlagen: „My mental state is all a-jumble, I sit around and sadly mumble … I’m so unhappy, but oh, so glad!“ („Glad To Be Unhappy“). Prompt verliebte sich das Publikum erneut in den traurigen Frankie. (Björn Sonnenberg)

Marvin Gaye – LET’S GET IT ON (1973)

Let’s talk about sex (aber triff den verführerischen Ton): Zwei Jahre zuvor hatte Marvin Gaye in dem epochalen Meisterwerk WHAT’S GOING ON gesellschaftspolitisch kritische Fragen gestellt, hier avanciert er nun zum Womanizer, zur Sex-Ikone. Der unwiderstehliche Sänger und Songwriter hatte gerade eine Schreibblockade und die Trennung von seiner Frau hinter sich, die er in „Just To Keep You Satisfied“ unter Schmerzen abarbeitet. Aber berauscht von der frischen Liebe zu seiner zukünftigen Ehepartnerin Janis Hunter, die bei den Aufnahmen 1973 gerade einmal 16 Jahre ist, lässt Marvin Gaye, 33, seinen Gefühlen freien Lauf. Im Hintergrund legen Musiker aus den Reihen der legendären Funk Brothers einen unwiderstehlichen Smooth- Soul-Teppich. Die herzergreifende Platte ist die pure Erotik, aber der Sex wirkt nicht lüstern, sondern wie etwas Magisches. Auf der anderen Seite klingen die ewigen Zweifel eines Mannes durch, der schwer unter seinem streng religiösen, gewalttätigen Vater litt. (Sven Niechziol)

Fleetwood Mac – RUMOURS (1977)

Ein Album als Versuchsanordnung über die Liebe: Was passiert, wenn eine Band plötzlich das Geld für alle Drogen der Welt hat, die beiden gruppeninternen Beziehungen kaputtgehen und eine neue aufgenommen wird, von der die anderen nichts wissen? Wo bleibt eigentlich das große Hollywood-Drama über RUMOURS? Die Platte, die aus dem Chaos heraus entstand, lief ab Februar 1977 in Millionen Wohnzimmern, die Lieder beschallten amerikanische und europäische Jugendzimmer, aber auch viele Ehen, sezierten die Gefühle, brachten weitere Trennungen. Stevie Nicks gibt sich in „Dreams“ tolerant: „You say you want your freedom, well who am I to keep you down?“ Schöne Worte aus der Perspektive der Siegerin: Sie hatte nach der Trennung von Lindsey Buckingham mit Mick Fleetwood angebandelt – worauf Buckingham ihr sein trotzig-trauriges „Go Your Own Way“ hinterherschickte. Dies und noch mehr, zu finden auf RUMOURS, dieser ungeheuren Schlüssellochplatte. (André Boße)

The Divine Comedy – A SHORT ALBUM ABOUT LOVE (1997)

Ein Jahr zuvor hatte sich Neil Hannon spöttisch an der CASANOVA-Rolle abgearbeitet. Mit größerem Budget im Rücken machte sich der Ire sofort an die Arbeit, eine Platte mit gewaltigen Liebesliedern aufzunehmen. Das Panorama der Gefühle ist gewaltig, Hannon orientiert sich an den Arrangements von Scott Walkers Alben 1 bis 4, ein 30 Musiker starkes Orchester sorgt für das notwendige Pathos. Was diese sieben Songs so besonders macht, ist vor allem die liebenswerte Ironie: Hannon erkennt, dass sich Liebende immer auch lächerlich machen. Erst wissen in „Everybody Knows (Except You)“ alle vom Verliebtsein des Sängers – bis auf die Angebetete selbst, später croont Hannon „If I Were You (I’d Be Through With Me)“. Letztlich aber liegt die Rettung der Welt dann doch in den Händen der Liebenden: „Hey, don’t be surprised if millions die in plague and murder. True happiness lies beyond your fries and happy burger.“ (André Boße)

The Decemberists – THE HAZARDS OF LOVE (2009)

Eine eher selten gewählte Variante, um auf Pop-Platten von der Liebe zu erzählen, ist die des Fantasy-Storytellings. Seine tragische Geschichte von der holden Jungfrau Margaret, die dem im Wald lebenden Mischwesen William verfällt, wollte Colin Meloy ursprünglich sogar als Musical aufführen. Stattdessen wurde THE HAZARDS OF LOVE aber „nur“ die fünfte Platte seiner Prog-Folkband aus Portland, Oregon. Meloy singt in den 17 Stücken verwirrenderweise mehrere Rollen – den Erzähler, William sowie den bitterbösen Witwer, der Margaret entführt. Die hervorragende Gastsängerinnen Becky Stark und Shara Worden übernehmen Margarets Part und den einer eifersüchtigen Waldkönigin als weiteren Liebeszerstörer. Um die Geschichte zu verstehen, muss man ihr mit aufgeschlagenem Booklet folgen. Die großzügig gesäten Led-Zep-Gedächtnisriffs stören ein wenig den Flow der Platte, aber die Songs, die die Gefühle von Margaret und William füreinander thematisieren, sind trotz mystisch-mittelalterlicher Kulisse ergreifend. (Matthias Scherer)

ABC – THE LEXICON OF LOVE (1982)

In golden schimmernde Anzüge zu steigen und in verschiedenen Aufzügen wie auf der Musicalbühne über den Herzschmerz zu singen, mit einer solchen Idee stand Martin Fry im UK-Pop Anfang der 80er-Jahre noch als Außenseiter da. Denn drum herum war der Postpunk noch munter dabei, sich die Kanten abzuschlagen. Fry aber hatte ein ganz bestimmtes Konzept und den passenden Sound im Kopf für das größenwahnsinnige Debüt seiner Band ABC – sein Album über die Liebe sollte mit Streichern, die nach Chic klangen, aufgenommen werden und den Soul von Earth, Wind & Fire imitieren. Produzent Trevor Horn sorgte für die Filmmusik-artige Atmosphäre durch üppige, panoramahafte Arrangements. Frys tief emotionale Texte kannten, obwohl er sie unverblümt schmachtete, keinen Kitsch. Denn sie bedienen gleich mehrere Lesarten – Liebe trifft oft eben nicht mitten ins Herz, dafür ist sie umso öfter bittersüß, manchmal ungerecht. THE LEXICON OF LOVE, das ist der Sound, wenn der Himmel voller Geigen hängt, aber zwei nicht immer im selben Takt schwingen. (Daniel-C. Schmidt)

The Magnetic Fields – 69 LOVE SONGS

Alben, die sich monothematisch über drei CDs und fast drei Stunden ziehen, sind eigentlich eine Zumutung. Aber weniger ging für Stephin Merritt nicht: „40 Lovesongs wären albern – 69 dagegen sind grandios!“, sagte er damals, ohne weiter auf die offensichtliche Verbindung zur gleichnamigen Sexposition einzugehen. Ein Jahr brauchte der Multiinstrumentalist aus Boston unter Mithilfe seiner Band The Magnetic Fields, um dieses ehrgeizige Projekt zu realisieren. 69 LOVE SONGS wurde mit ungefähr doppelt so vielen Instrumenten eingespielt und baut gewaltige wie elegante Brücken, die von Folk-Miniaturen über barocke Sounds bis hin zu Synthie-Pop reichen. In diesem bunten musikalischen Treiben gelingt Merritt obendrein das Kunststück, sich dem Thema Liebe tatsächlich fast von 69 unterschiedlichen Seiten zu nähern, von offensichtlichst bis hintergründig. Mal poetisch, ausschweifend oder in Vierzeilern, mal als Romantiker oder Misanthrop, mal mit Humor, dann wieder desillusioniert. Mehr ging echt nicht. (Sven Niechziol)

Planningtorock – ALL LOVE‘S LEGAL (2014)

Der Titel gibt es vor: Das dritte Album von Planningtorock ist keine Abhandlung über das Wesen der Liebe, sondern ein politisches Manifest. Jeder Song tut im Kern nichts anderes, als diese unbedingte, universale These zu untermauern: ALL LOVE’S LEGAL. Erweitert wird diese mit besonderer Betonung um den Aspekt der „ Degenderisierung“, den Janine Rostron dadurch unterstreicht, dass sie sich den neuen, „neutralen“ Vornamen Jam gegeben hat und sich mit verfremdeter Stimme auch hier der Geschlechterspezifizierung entzieht. Ja, diese Musik, die deutlich dem Sequenzer huldigt und dabei nicht von ungefähr an The Knife erinnert, mit denen Jam wiederholt zusammengearbeitet hat, ist seltsam süß und gleichzeitig fremd und kalt. Doch Jam Rostrons Gesang ist das nicht. Die Worte fordern, aber diese Stimme fleht und sehnt. „Jede Liebe ist legal. Du kannst Liebe nicht legalisieren. Liebe ist das eine Geschenk, das dem Leben seinen Sinn gibt“, heißt es übersetzt im Titelstück. Stopp mal, wer hat da eigentlich behauptet, diese Platte würde nichts vom Wesen der Liebe erzählen? Unfug! (Oliver Götz)

Die Lassie Singers – DIE LASSIE SINGERS HELFEN DIR (1991)

„Jungs sind undurchsichtig, feige und verquer“: Diese Eingangsthese des hervorragend scheppernden Debütalbums der Semi-Band-Legende um Christiane Rösinger und Almut Klotz deutet an: Die Liebe, mit der uns die Lassie Singers hier kommen, ist eine, die an einen alten Dachboden erinnert – interessant und verheißungsvoll, aber eben auch zugerümpelt, ein Hindernisparcours, Gefahrengebiet. Doch wie das bei Gefahrengebieten nun mal so ist: Am souveränsten durchquert man sie, wenn man alle Risiken kennt. Deshalb sind Songs wie „Die Pärchenlüge“ mit dem Schlachtruf „Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“ wichtiges Informationsmaterial auf dem Weg zum ewigen Glück. Und wer da jetzt fehlende Hoffnung bemängelt, der sollte einfach ganz genau hinhören, was die Band im letzten Stück des Albums („Die große Liebe“) postuliert. Dass jenes nicht nur von der Liebe handelt, sondern auch von Freundschaft, von der Band und einmal gar von drei Schnapssorten, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. (Jochen Overbeck)

Kanye West – 808S & HEARTBREAK (2008)

Ein zweifelhafter Ruf, dennoch ein bahnbrechendes Werk: Dieser Platte haben wir die Popularisierung von Auto-Tune zu verdanken – und den nackten Kanye West. Nackt rein emotional. Der wenig auf Bescheidenheit getrimmte Rapper nannte 808S & HEARTBREAK in einem Interview ein therapeutisches Album, denn: „An der Spitze lebt es sich einsam.“ Wests seelischer Offenbarung waren der unerwartete Tod seiner Mutter und die aufgehobene Verlobung mit seiner damaligen Freundin vorangegangen. Also eine (weitere) Trennungsplatte, auch ganz im übertragenen Sinne, auf der sich der außerirdische Popstar am allzu menschlichen Schmerz reibt: Als wäre enttäuschte Liebe nicht schon hart genug auszuhalten, muss er zudem das Ende der Mutterliebe wegstecken. Der bis dahin rappende West zeigte ungewohnte Crooner-Qualitäten auf Songs wie „ Bad News“ und „Heartless“, diesen durch Studiosoftware artifiziell klingenden, mit Selbstzweifeln durchsetzten Klageliedern. (Daniel-C. Schmidt)

 


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