5 Fragen an Olli Schulz


Der Wahlberliner über seine alte Heimat, die Freunde vom Ex-Label, Politik, Humor und sein Nebenprojekt Bibi McBenson.

1 Du bist vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Fehlt dir Hamburg?

Ehrlich gesagt: überhaupt nicht. Ich habe diese Stadt ausgenutzt, zermürbt, verbrannt hinterlassen und bin froh, dass ich in Berlin bin. Ich wohne ein bisschen außerhalb, in Lichterfelde Ost, das ist das Uncoolste, wo du in Berlin wohnen kannst. Ich hab‘ einen Hund und eine Katze, es ist alles sehr grün, ich fühl mich da sehr wohl. Ich hab‘ meine wilde Phase in Hamburg hinter mir. Irgendwie ekelt mich die Stadt sogar ein bisschen an, obwohl es meine Heimat ist. Ich liebe Hamburg, aber wenn ich momentan an Hamburg denke, denke ich immer an ungute Sachen.

2 Die Clique um dein Ex-Label Grand Hotel van Cleef wird immer als ganz enger Freundeskreis wahrgenommen. Wie hat man sich die Beziehung tatsächlich vorzustellen?

Es ist natürlich nicht so, wie man sich das vorstellt, dass man sich nachts anruft und gegenseitig Songs vorspielt oder so. Es ist ein sehr enger Freundeskreis, es sind gute Menschen, die man sehr mag. Das war für mich eine große Bereicherung, wir sind auch immer noch gut in Kontakt und verstehen uns super. Das ist einfach eine sympathische Truppe an Alkoholikern. Ich merke den Unterschied zu anderen Plattenfirmen natürlich deutlich. Ich bin aber auch ganz froh darüber, dass es bei meinem jetzigen Label so ein reines Arbeitsverhältnis ist. Ich bin nicht immer leicht, ich schrei auch mal Leute an, und das ist immer ätzend, wenn du das bei Freunden machst, dann musst du dich hinterher wieder entschuldigen, und bei denen muss man das nicht machen.

3 Bei neuen Songs wie „In jede Richtung spürt man *-J ein gewisses politisches Bewusstsein für den Stand der Dinge in unserer Gesellschaft. Was willst du mit solchen Texten vermitteln?

Der Text klingt im ersten Augenblick so, hatte aber eigentlich eine ganz andere Bedeutung. Ich bin nachts mit dem Auto zu meiner Wohnung gefahren, es hat in Strömen geregnet, und neben mir fuhr die ganze Zeit ein kleiner Mofafahrer, der mich an jeder Ampel eingeholt hat. Ich dachte: Nurein kleiner Mensch, doch wie sehr er kämpft – dadurch diese Textzeile. Dann bin ich nach Hause und hab „Darwin’s Nightmare“ gesehen, eine Dokumentation über Globalisierungsthemen. Da hab‘ ich gedacht: Noch nie war es so offensichtlich, dass die Welt ausgebeutet wird, dass überall korrupte Arschlöcher an der Macht sind. So offensichtlich, dass so viel falsch läuft, war es noch nie, aber die Menschen waren noch nie so still. „In jede Richtung“ soll sagen: Ey, es ist vielleicht uncool, aber irgendwann musst du mal dein Maul aufreißen, sonst darfst du dich nicht beschweren, wie du in deiner Welt rumgeschubst wirst.

4 Man kennt dich als lustigen Entertainer – hältst du dich selbst für einen witzigen Menschen, oder gibt es einfach viele witzige Dinge in der Welt, und du bist nur ein guter Beobachter?

Ein Beobachter bin ich auf alle Fälle. Als Musiker hab‘ ich ein bisschen mehr Zeit als Leute, die von 9 bis 18 Uhr arbeiten müssen, was meinem Leben die Möglichkeit gibt, Sachen zu beobachten. Ich glaube, dass ich privat eher nicht so witzig bin, das ist auch immer enttäuschend für Leute, die mich kennenlernen. Die denken immer: Der Olli Schulz, der muss ja bestimmt rund um die Uhr nur Gags reißen, und dann steh‘ ich da im Backstage und brüll‘ cholerisch rura, weil mich irgendwas nervt. Das heißt nicht, dass ich ein bierernster Mensch bin, ich bring‘ auch gerne meine Freundin zum Lachen, aber ich bin privat nicht so albern, wie man sich das vorstellt.

5 Dein neues Album ist wesentlich ernster als seine Vorgänger lebst du deinen Humor jetzt eher in deiner Kunstfigur Bibi McBenson aus?

Das wird noch mal eine Nummer härter, das ist die totale Anarchie. Wir haben letzte Woche unseren ersten Deutschland-Auftritt gespielt-in Wien! Das war ein riesiger Skandal. Am Anfang waren 44 zahlende Zuschauer da, am Ende noch acht, die anderen konnten einfach nicht begreifen, was da passiert, wie man auch so frech sein kann, in Wien „Hallo Deutschland!“ zu sagen. Nach dem Konzert hab‘ ich mitbekommen, wie die Leute reden: Das war nicht Olli Schulz, der würde nie so asozial auf der Bühne sein! Und da hab‘ ich gesehen: Ich hab‘ meine Mission erfüllt.