Kritik „Sing meinen Song“: Gefühligkeit und Freundschaftsschwüre im Finale der achten Staffel


Die achte Staffel von „Sing meinen Song — Das Tauschkonzert“ feierte am Dienstag mit einem Duett-Abend ihr großes Finale. Wir haben uns den krönenden Abschluss angesehen und bewerten die Auftritte

Die Laune der Kandidat*innen ist gut, die Stimmung gleichermaßen sentimental wie ausgelassen: Es gilt schließlich, die achte Staffel der VOX-Show „Sing meinen Song“ zu einem würdigen Ende kommen zu lassen. Pandemiebedingt wurde diesmal nicht an begehrten Langstreckenflug-Urlaubsdestinationen Orten wie Südafrika gedreht, sondern ganz rustikal an der deutschen Ostsee — wenngleich in einem durchaus ansehnlichen Schlossgut. Zu Beginn des Abends der Duette beschwört man noch einmal die entstandenen Freundschaften, zeigt sich gefühlig, gerät ins Schwärmen. „Wir hatten krass viele Freiheiten“, blickt Rapperin Nura auf die Staffel zurück, Eurotrash-Titan DJ BoBo erklärt, eine Träne im Knopfloch parat zu haben und Stefanie Heinzmann erwartet laut eigenen Angaben sogar eine emotionale Leere und Depression nach der Party. Nach ein paar weiteren emotionalen Statements geht es schließlich mit den Duetten los, zwischendurch gibt es immer wieder Rückblenden vergangener Performances zu sehen.

Duett 1: DJ BoBo & Stefanie Heinzmann „Love Is All Around“

Dass die „Sing meinen Song“-Hausband von Swing-Sound über Rock und Pop bis zum Disco-Beat alles drauf hat, hat sie im Laufe der Staffel immer wieder bewiesen. Bei DJ BoBos „Love Is All Around“ steht die Disco-Option mit Synthesizern, etwas Funk-Bass und einem Tanzbeat auf dem Programm. Darüber rappt DJ BoBo, wie er schon immer gerappt hat: fröhlich,  freilich etwas hölzern und ungelenk, unverfänglich, der künstlerische Anspruch endet beim Anspruch guter Laune. Stefanie Heinzmann zeigt sich beim Chorus hingegen stimmgewaltig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es alle Kolleg*innen klatschend von der Couch reißt, eine obligatorische Reaktion bei „Sing meinen Song“. Alle tanzen, Mighty-Oaks-Frontmann Ian Hooper nippt freudig an seinem Bier. Auch Bobo und Heinzmann haben Spaß: „Es war pure Lebensfreude, ich durfte in ihr Augen sehen und sehen, dass sie zutiefst glücklich ist“, zeigt sich DJ BoBo von der Glückseligkeit seiner Gesangspartnerin überzeugt.

Duett 2: Ian Hooper & Nura „Auf der Suche“

Dann ist ein Song von Nura dran, und im Vorfeld gibt’s erstmal ordentlich Props von den Kollegen. „Man nimmt’s dir halt mega ab, jede Line, die du singst, kommt aus tiefstem Herzen“, schwärmt Gentleman. Am meisten freut sich aber Ian Hooper, denn der darf mit der Rapperin ein Duett singen. „Auf der Suche“ wird zur Gitarrenballade, Hoopers Gesang ist von Effekten verstärkt, jede Menge Hall liegt auf seiner Stimme. Textlich wird es etwas tiefgründiger als beim vorherigen Duett. „Alles ist besser als die Scheiße, die ich erlebt hab’“, singen die beiden darin — da gilt es für die Kollegen natürlich andächtig zu lauschen und nicht wieder auf die Eins und die Drei zu klatschen. Die Kombination Hooper & Nura funktioniert gut, die Band hält sich nobel zurück, ab und an unterstreichen Bläser dramaturgisch die Dringlichkeit des Songs. Bei diesem Duett ist Hoopers betont raue Stimme definitiv der dominierende Part, die beiden Stimmen harmonieren mühelos.

Nura und Ian Hooper (Bild: TVNow/Markus Hertrich)

Duett 3: Nura & DJ BoBo „On Fleek“

Dann gleich nochmal Nura — diesmal mit dem Song „On Fleek“ und DJ BoBo als Gesangspartner. Dass diese Gruppierung anders wird als das emotionale Duett mit Ian Hooper, ist wenig überraschend: DJ BoBo macht den Anheizer und klingt dabei wie ein Rummelplatz-Ansager. „Alle Hoes kriegen Highfive“, singt Nura — die anderen Teilnehmer*innen auf der Couch tanzen, ihr Kollege Bobo wirkt ausgelassen in seinem Glitzersakko. Die Gesangsstelle mit den Hoes singt er dann aber lieber doch nicht mit, der Veteran der guten Laune. Aber ja, stimmt schon: alles on fleek, Digger!

Duett 4: Gentleman & Joris „Im Schneckenhaus“

Danach ist ein Song von Joris an der Reihe — und der Singer/Songwriter freut sich, seine Lieder mit solchen „Weltstars“ (O-Ton Joris) wie den Kollegen geteilt zu haben. Als Duettpartner hat Gentleman die Ehre. Die Band macht aus dem Stück „Im Schneckenhaus“ einen atmosphärisch-wehmütigen Reggae (mit Saxophon-Solo!) und viel Deutsche-Popcharts-Appeal— das passt zu Joris‘ Stimme und Song gleichermaßen, wie auch zum wohl bekanntesten deutschen Reggae-Sänger. Musikalisch eines der stimmigsten Duette des Abends.

V.l.: Ian Hooper, Johannes Oerding, Stefanie Heinzmann, DJ BoBo, Nura, Joris, Gentleman (Bild: TVNOW/Markus Hertrich)

Duett 5: Johannes Oerding & Stefanie Heinzmann „Diggin In The Dirt“

Die E-Gitarre über den Rücken baumelnd, gibt Johannes Oerding bei „Diggin In The Dirt“ den Rock-Balladensänger — das kennt man von internationalen Kollegen wie Jon Bon Jovi (die baumelnde Akustikgitarre im Video von „Blaze of Glory“!). Der Song, „Diggin In The Dirt“ stammt von seiner Duettpartnerin Stefanie Heinzmann. Eine Midtempo-Rockballade, die zunächst mehr auf Atmosphäre als auf große Dramaturgie setzt und sich zum Refrain hin ein wenig steigert. Der Drumbeat bleibt stoisch, eine Delay-Gitarre treibt leise vor sich hin. Plötzlich fährt alles hoch, Oerding nimmt die Gitarre in die Hand und spielt ein Solo: kurz, simpel, aber durchaus effektiv. Nach wenigen Takten geht die Dynamik wieder ganz runter, zu Klavierakkorden bringen Heinzmann und Oerding die Ballade in die Zielgerade. Solide Performance.

Duett 6: DJ BoBo & Ian Hooper „Storm“

Und schon wieder DJ BoBo, diesmal mit Ian Hooper und dessen Stück „Storm“. Die Oszillatoren wummern, der Synth klingt nach den 1980ern — und BoBo gibt diesmal nicht den Animateur singt den Refrain tatsächlich mit einem Hauch angedeuteter Dramatik und Nachdruck. „Can you hear me cry“ singt er, traurig klingt er dabei trotzdem nicht. Ian Hooper trägt den Song mit seine rauen Stimme, die Kolleg*innen brüllen vor Begeisterung. Dann kommt bei BoBo doch nochmal der Animateur durch: „Heeeeeere weeee goooo“, schreit er – und setzt dann sogar nochmal zum Rap an. Was den Song natürlich etwas alberner macht, als er es bis dahin gewesen war.

Duett 7: Johannes Oerding & Gentleman „Time Out“

Gentleman (l.) und Johannes Oerding (Bild: TVNOW/Markus Hertrich)

Das Duett von Gentleman und Johannes Oerding klingt genauso, wie man sich ein Duett von Gentleman in seiner deutschsprachigen Phase und Johannes Oerding erwartet: Gefühlvoller Konsens-Pop, wie er in den deutschen Charts zigfach zu finden ist, dazu eine kleine englische Reggae-Einlage von Gentleman. Auch wenn die Kolleg*innen mit „Hammer“ kommentieren: „Time Out“ erweist sich eher als eines der vernachlässigbaren Duette des Abends.

Duett 8: Joris & Johannes Oerding „An guten Tagen“

Dann wird es nochmal richtig sentimental. Alle stehen im Kreis, Joris und Oerding stimmen den Oerding-Song „An guten Tagen“ an: Carpe-Diem-Pop mit eingängiger Hook, Bläsern, treibendem Chorus. Nura macht das Herzsymbol mit den Fingern, die Bassdrum spielt die Vierteln wie im ehrwürdigsten Mumford-and-Sons-Song, die Trompeten treiben alles dynamisch nach oben. Am Ende liegen sich alle in den Armen, hüpfen zu der Viertel-Bassdrum, singen „oh-oh-ohs“. Umarmungen, Euphorie, ein letzter Chorus, ein geseufztes „Das darf nicht zu Ende sein!“

Irgendwann soll es für die Teilnehmer der Staffel gemeinsam auf Tour gehen — noch lässt die Covid-19-Pandemie solche Planung nicht wirklich zu. Eins steht aber jetzt schon fest: 2022 geht es mit „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ weiter, das wurde bereits offiziell bestätigt. Dann ja vielleicht wieder fernab der Ostsee, ganz ohne Corona-Beschränkungen, aber bestimmt wieder mit jeder Menge Kollegenliebe, einer Mischung aus jüngeren, unbekannteren Künstlern, ein, zwei Mainstream-Pop-Acts und einem Szene-Urgestein aus Schlager oder Dance … und natürlich ganz viel Over-the-Top-Emotionalität.

+++Dieser Artikel erschien zuerst auf rollingstone.de+++