Radiohead & ihre vielen Gesichter: Alben und Soloplatten im Ranking
Ein Blick auf die erweiterte Radiohead-Diskografie: Von „Amnesiac“ über Thom Yorkes Solo-Höhepunkt „The Eraser“ bis zu The Smile.
Zugegeben: Mit 24 neu besprochenen Studioalben und einem Soundtrack-Überblick ist die erweiterte Radiohead-Diskografie längst nicht abgedeckt. In Form von Live-Alben, B-Seiten-EPs und diversen Non-Album-Tracks reicht allein der Radiohead-Output weit darüber hinaus. Versammelt ist hier hingegen so etwas wie die künstlerische Essenz der Band und ihrer Mitglieder – zu Recht bedacht mit einem wahren Sternenhagel.
Pablo Honey (22. Februar 1993)
Kaum zu glauben, aber wahr: Auch Radiohead waren mal eine Band unter vielen. Zwischen griffigen Alternative-Rock- und raueren Grunge-Vibes ist dieses grundsolide Debüt mit einem Thom Yorke im Emo-Modus so sehr Ausdruck und Produkt seiner Zeit, dass es heute vor allem als musikalisch konventionelles Kuriosum in der Diskografie heraussticht. Was mit „Creep“ natürlich trotzdem bleibt, ist ein Schmacht- und Selbstgeißelungs-Hit für alle Ewigkeit, der die Band lange Zeit wie ein Fluch verfolgt – mittels seiner zwingenden Dramatik und Jonny Greenwoods ikonischer Gitarrenschredderei jedoch auch ein künstlerisches Potenzial andeutet, das sich bereits zwei Jahre später im großen Stil entfalten wird.
Drei Sterne
The Bends (13. März 1995)
Geht man von den Radiohead-Konzerten der jüngst absolvierten Tour aus, so beginnt ihre künstlerische Erfolgsgeschichte genau hier. (Gespielte PABLO-HONEY-Songs, Stand 12. Dezember: Null.) THE BENDS, das ist im Kern zwar immer noch hymnischer Alternative-Rock. Der Sprung jedoch, den Yorke dabei als Songwriter und die Band in der Komplexität ihres Zusammenspiels machen, ist ein gewaltiger. „Planet Telex“, das direkt gravitätisch ins Stellare strebt, „Fake Plastic Trees“ als hymnischer Abgesang auf Oberflächlichkeit und Konsumismus oder „Street Spirit (Fade Out)“ als nachtschwarze Endlichkeitsreflexion – Radiohead haben hier musikalisch und inhaltlich spürbar ihre gewaltige Flughöhe erreicht.
Fünf Sterne
OK Computer (21. Mai 1997)
Meisterwerke sind zeitloser Natur. OK COMPUTER darf man dahingehend als prototypisch bezeichnen, denn der Art Rock, mit dem Radiohead darauf das Unwohlsein in einer von rasendem technologischen Fortschritt bestimmten Welt vertonen, ist ebenso visionär wie brillant: Paranoia und innere Unruhe als Sprit für kathartischen Druckablass („Paranoid Android“), in reinste Schönheit gegossene Entfremdungsgefühle („Let Down“) oder das berührend zart geäußerte Bedürfnis, dass endlich mal Ruhe im Karton ist („No Surprises“) – alles, was Radiohead hier umkreisen, trifft heute, wo man am liebsten täglich die „Karma Police“ rufen würde, derart zielgenau ins Schwarze, dass man es fast mit der Angst bekommt.
Sechs Sterne
Kid A (2. Oktober 2000)
Was tun, wenn man in Erfolgs- und Erwartungsdimensionen katapultiert wurde, in denen man sich eher unwohl fühlt? Nun, eine gründliche musikalische Metamorphose unter Inspiration durch Aphex Twin und die gesammelten Werke des Elektronik-Labels Warp ist sicher eine Möglichkeit. Mögen andere gern den anschlussfähigen U2-Weg gehen – Radiohead zweigen auf KID A zwischen Ambient-Instrumentals („Treefingers“), ätherisch verwehten Streichern („How To Disappear Completely“) und freejazzigen Bläsern („The National Anthem“) mit einer Kompromisslosigkeit in ihren ureigenen Abstraktionskosmos ab, für die man ihnen nur Respekt zollen kann. Damals für viele Fans gewöhnungsbedürftig, heute ein Klassiker.
Sechs Sterne
Amnesiac (30. Mai 2001)
Als eine Art Zwillingsalbum von KID A, das auch noch denselben Aufnahmesessions entstammt, steht diese nicht minder experimentelle Platte gefühlt ein wenig im Schatten ihres Vorgängers. Während KID A im Zusammenwirken der miteinander verflochtenen Songs ein wunderbar rundes Gesamtbild ergibt, liegt der Zauber von AMNESIAC vielmehr in seinen Kontrasten. Elektronische Tüfteleien wie das rückwärts eingesungene und dann umgekehrte „Like Spinning Plates“ oder sumpfiger New-Orleans-Jazz („Life In A Glass House“) prallen hier auf großes Songhandwerk wie die wohl größte Radiohead-Ballade „Pyramid Song“, die politisch aufgeladene Grandezza von „You And Whose Army?“ oder das sinister verklingelte „Knives Out“.
Fünfeinhalb Sterne
Hail to the Thief (9. Juni 2003)
Die politische Dimension dieser hochenergetischen Platte lässt sich bereits ihrem Titel entnehmen. Ist HAIL TO THE THIEF doch eine zynische Verballhornung der amerikanischen Präsidentenhymne „Hail to the Chief“, gerichtet an George W. Bush, der 2000 nur per Gerichtsurteil ins Amt kam, um nach 9/11 zum Krieg gegen den Terror zu blasen. Ordentlich Reibungsfläche also, um in Songs wie dem Orwell’schen „2 + 2 = 5“ zur wütenden Rockband zu werden. Allerdings zu einer mit elektronischem Unterbau, die mit dem traumschönen „Sail To The Moon“, der wuchtig vertrommelten Düsternis von „There There“ oder der Erfindung des Rappers Thom Yorke in „A Wolf At The Door“ ein enorm vielschichtiges Album vorlegt.
Fünf Sterne
In Rainbows (10. Oktober 2007)
Vier Jahre nach Ende ihres monströsen Vertrags mit EMI legt die Band einen geradezu revolutionären Veröffentlichungscoup hin. So erscheint IN RAINBOWS zuerst als Download samt „Pay what you want“-Modell im Netz, bevor zwei Monate später auch ein physischer Release via XL Recordings folgt. Noch bemerkenswerter sind freilich die zehn Songs der Platte (sowie die acht zusätzlichen auf IN RAINBOWS DISK 2), auf denen Radiohead zu einer neuen Form harmonischer Zugänglichkeit finden. Das trippig-süße „Weird Fishes / Arpeggi“, das schwer verliebte „All I Need“, das von Yorkes Falsett in ätherischste Sphären getragene „Reckoner“ – nie klangen diese Meister der Dunkelheit heller, filigraner und bezirzender.
Sechs Sterne
The King of Limbs (18. Februar 2011)
Mit 37 Minuten ist das achte Radiohead-Album zum einen das kürzeste, zum anderen aber auch jenes, das man am ehesten als Durchhänger auf höchstem Niveau bezeichnen darf. Dabei liegt den acht Songs dieser nach einer Uralt-Eiche benannten Platte eine rhythmische Komplexität zugrunde, die wie geschaffen scheint für ein Remix-Album, das mit TKOL RMX 1234567 auch alsbald folgte. Zwischen der polyrhythmischen Verschachtelung von „Bloom“ und der Leichtfüßigkeit von „Separator“ eröffnet die Band hier ein Forschungslabor, in dem sie mal an groovigen Orientalismen („Little By Little“), mal an elektrifizierter Funkyness („Lotus Flower“), mal an der Zukunft des Lagerfeuersongs („Give Up The Ghost“) arbeitet.
Viereinhalb Sterne
A Moon Shaped Pool (8. Mai 2016)
„Broken hearts, make it rain“ – was Thom Yorke in „Identikit“ als Mantra wiederholt, steht hier repräsentativ für ein Album, auf dem sich die Band zugleich von ihrer fragilsten und ihrer opulentesten Seite zeigt. Ersteres hat in Yorkes Fall auch persönliche Gründe, die er künstlerisch zu verarbeiten sucht, was dieser Platte mit all ihren Streichern und Chören eine tausend Tränen tiefe Schönheit beschert. Für politische Solidarisierungsaufrufe („The Numbers“) ist dabei ebenso noch Platz wie für einen Breakup-Song mit Banger-Qualitäten („Ful Stop“) und eine unverhoffte Albumversion des ewigen Fan-Favoriten „True Love Waits“.
Fünfeinhalb Sterne
Thom Yorke – The Eraser (10. Juli 2006)
Als rein elektronisches Projekt in diversen Tour-Hotelzimmern begonnen, brauchte es der Ermutigung und Unterstützung von Radiohead-Produzent Nigel Godrich, um aus den Soundskizzen auf Thom Yorkes Laptop neun Songs herauszuschälen. Thanks Nigel also, denn was hier auf elektronischer Basis zusammengebaut und -geloopt wurde, gehört bis heute zum Größten, was Yorke unter seinem eigenen Namen geschaffen hat. Der krisp verpluckerte Titelsong, die nachtschwarze Ballade „Analyse“, das arabesk kreiselnde „The Clock“, das basselastisch groovende „Black Swan“, das gänsehautfördernde „Cymbal Rush“ – Thom Yorkes apokalyptisch gestimmtes Debüt ist zugleich der Höhepunkt seines bisherigen Soloschaffens.
Fünf Sterne
Thom Yorke – Tomorrow’s Modern Boxes (26. September 2014)
Wer die Streaminganbieter dieser Welt wie Thom Yorke als „letzten Furz einer Leiche namens Musikindustrie“ sieht, sucht nach Wegen, um diese zu umgehen. Und so erscheint TOMORROW’S MODERN BOXES zuerst einmal als selbstveröffentlichtes BitTorrent-Bundle, was die Veröffentlichung letztlich spannender macht als das Album selbst. Das enthält als nahezu rein elektronische Platte zwar astrale Spitzensongs wie das bassmassiert verklackerte „Guess Again!“, die vitale Breakbeatnummer „The Mother Lode“ oder die weihevoll ausklingenden Drones der fantastischen Ermutigungselectronica „Nose Grows Some“. Der sperrige Rest will bei allem erkennbaren Innovationswillen jedoch nicht so recht hängen bleiben.
Drei Sterne
Thom Yorke – Anima (27. Juni 2019)
Nach der Heimstudio-Machart der beiden Vorgängerplatten kommt ANIMA nicht nur im Hinblick auf die Produktion ungleich ambitionierter daher – einen viertelstündigen Album-Begleitfilm von Paul Thomas Anderson hatten sich bisher ja nicht einmal Radiohead geleistet. Und warum auch nicht, wenn die dystopischen Bilder des Films so wunderbar mit den dystopisch geprägten Songs korrespondieren, die Yorke hier im bewährten Verbund mit Nigel Godrich schafft. Songs übrigens, die zwischen dem wabernden Drive des Openers „Traffic“ und dem ins Futuristische strebenden Wüstenbluesgitarren-Twang des finalen „Runwayaway“ eine Tanzbarkeit entfalten, die man von Yorke bis dato nur als Teil der Atoms For Peace kannte.
Fünf Sterne
Mark Pritchard & Thom Yorke – Tall Tales (9. Mai 2025)
Als Ergebnis eines jahrelangen digitalen Austauschs ging TALL TALES in der einsetzenden Antizipation einer möglichen Radiohead-Tour womöglich ein bisschen unter. Wirklich schade ist das trotzdem nicht, denn auch wenn es der ebenso kühnen wie kühlen Electronica Pritchards gewiss nicht an Experimentiergeist mangelt, so doch an der Fähigkeit, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Wirklichen Spirit verströmen hier letztlich nur das seelenwärmende „The Spirit“ und die erhebende Spoken-Word-Harmonium-Nummer „The Men Who Dance in Stag’s Heads“, was bei einer Spielzeit von einer Stunde dann doch ein bisschen wenig ist.
Drei Sterne
Krysztof Penderecki & Jonny Greenwood – Threnody for the Victims of Hiroshima … (9. März 2012)
Für Jonny Greenwood ging mit der Zusammenarbeit mit dem großen Krzysztof Penderecki nichts weniger als ein Traum in Erfüllung – zählt der 2020 verstorbene polnische Komponist der Neuen Musik doch zu seinen größten Einflüssen. Für Aficionados der (gerne auch mal dissonanten) Avantgarde dürfte diese Neueinspielung von Pendereckis bekannten Kompositionen „Threnody For The Victims Of Hiroshima“ und „Polymorphia“ sowie Greenwoods daran angelehnte Kompositionen „Popcorn Superhet Receiver“ und „48 Responses To Polymorphia“ durch das renommierte polnische AUKSO Kammerorchester durchaus von musikalischem Reiz sein – für Menschen ohne Zugang zur Klassik stellt sie hingegen eher eine Herausforderung dar.
Ohne Wertung
Shye Ben Tzur, Jonny Greenwood & The Rajasthan Express – Junun (20. November 2015)
Versenkt man sich noch einmal in diese perkussiv groovende Platte, so erscheint einem der BDS-Shitstorm, der sich speziell an Jonny Greenwood entzündet, noch idiotischer als ohnehin. Ist doch gerade dieses Album, das in Zusammenarbeit mit dem Israeli Shye Ben Tzur und indischen Musiker:innen in Rajasthan entstand, als Projekt der interkulturellen Verständigung angelegt. Während Ben Tzur die Songs schrieb und die Musiker:innen aus Rajasthan hier klar im Zentrum stehen, agiert Greenwood als Multiinstrumentalist primär im Hintergrund. Ziel sei es gewesen, den ungeschliffenen Charakter der indischen Musik einzufangen, erklärt Greenwood in Paul Thomas Andersons Doku – und genau das gelingt hier mit Bravour.
Vier Sterne
Dudu Tassa & Jonny Greenwood – Jarak Qaribak (9. Juni 2023)
Neun klassische Liebeslieder aus dem Mittleren Osten, interpretiert von Sänger:innen aus dem Irak, Ägypten, Syrien, Tunesien und Palästina – kann man künstlerisch noch verbindender agieren, als es Jonny Greenwood und der israelische Musiker Dudu Tassa hier unter dem Titel „Dein Nachbar ist dein Freund“ tun? Nun, Drohungen, die auch zur Absage zweier Konzerte führten, blieben dennoch nicht aus. Nicht wegboykottieren lässt sich indes ein Album, das laut Greenwood als „Imagination einer Kraftwerk-Platte aus dem Kairo der Siebziger“ zwischen Drumcomputer-Pluckern und arabischem Instrumentarium einen Appeal entfaltet, der Tradition und Moderne mit spielerischer Leichtigkeit zusammenführt.
Viereinhalb Sterne
The Smile – A Light for Attracting Attention (13. Mai 2022)
Die beiden fraglos zentralen Radioköpfe Thom Yorke und Jonny Greenwood im Trio-Verbund mit dem famosen Jazzdrummer Tom Skinner – was für eine Konstellation! Geboren als kreatives Lockdown-Projekt, versammeln The Smile auf ihrem fantastischen Debüt einen ebenso erlesenen wie bunten Songstrauß: Mahnende Überwältigungselectronica („The Same“), punkige Knüppeleien („You Will Never Work In Television Again“), entgrenzender Krautrock („A Hairdryer“), Balladen auf cremigster Smooth-Jazz-Basis („Skrting On The Surface“) – nichts, was auf diesem Album nicht möglich wäre.
Fünfeinhalb Sterne
The Smile – Wall of Eyes (26. Januar 2024)
Angesichts eines Arbeitsprozesses, der etwa fünf Mal so schnell wie jener der notorisch perfektionistischen Hauptband vonstattengeht und auch spontanes Songwriting auf Tour miteinschließt, braucht man sich nicht zu wundern, dass zwischen ALFAA und WALL OF EYES gerade mal gute anderthalb Jahre vergingen. Ebenso wenig darüber, dass sich The Smile hier erneut mit einem kreativen Elan austoben, der ein unwahrscheinliches Songpaket zwischen smoothen Bossa-Nova-Reminiszenzen („Wall Of Eyes“), progrockiger Trippigkeit („Under Our Pillows“), beatleesken Spottliedern auf die Spezlwirtschaft („Friend Of A Friend“) oder der irren Dynamik des achtminütigen Autounfall-Epos „Bending Hectic“ möglich macht.
Viereinhalb Sterne
The Smile – Cutouts (4. Oktober 2024)
Anders, als es der Titel vermuten lässt, handelt es sich hier nicht um eine Resterampe der beiden vorangegangenen Alben, sondern vielmehr um den zweiten Songschwung der offenbar enorm fruchtbaren Aufnahmesessions zu WALL OF EYES. Der fällt mit zehn Songs im Vergleich zu den acht auf dem Vorgänger sogar noch ein bisschen länger aus – und fügt der Smile-Diskografie mit ausgeklügeltem Math-Rock („Zero Sum“), orientalischer Psychedelika („Colours Fly“), der heiß herbeigesehnten Albumversion des Afrobeat-Soundalikes „Eyes & Mouth“ oder dem orchestral wogenden Ausflug ins Neo-Klassik-Segment mit „Tiptoe“ weitere Soundnuancen hinzu.
Viereinhalb Sterne
Philip Selway – Familial (30. August 2010)
Müsste er seine Plattensammlung auf einen Künstler reduzieren, so würde er sich für Nick Drake entscheiden, erzählte Radiohead-Drummer Philip Selway einst dem amerikanischen Musikmagazin „Spin“. Das glaubt man ihm nur zu gern. Verströmt sein Solo-Debüt FAMILIAL doch einen ebenso sanft verhuschten wie melancholischen britischen Folk-Vibe, der in Songs wie „Beyond Reason“ so deutlich an Nick Drake erinnert, dass man fast schon von einer Hommage sprechen könnte. Unterstützt von Ausnahmekönnern wie Wilco-Drummer Glenn Kotche und Wilco-Gitarrist Pat Sansone blüht Selway als Sänger, Songwriter und Gitarrist dieser akustisch geprägten Platte in einer Rolle auf, die man bei ihm nicht wirklich kommen sah.
Vier Sterne
Philip Selway – Weatherhouse (6. Oktober 2014)
Stand sein Debüt noch klar im Zeichen folkiger Zurückhaltung, so geht Selway, der nun auch wieder als Drummer in Erscheinung tritt, die Sache auf seinem zweiten Soloalbum WEATHERHOUSE ungleich vielschichtiger und wuchtiger an. Zwischen plastischen elektronischen Grundierungen („Coming Up For Air“) und den erhebenden Streichern des britischen Elysian Quartets entfalten diese zehn opulent instrumentierten Songs eine süffige Form der Wehmut, die im Fall des bitterzarten „Don’t Go Now“ schon auch noch mal den Nick-Drake-Fan Selway erkennen lässt – vor allem aber einen Vollblutmusiker mit spürbarer Lust an komplex verklöppelten, edel streicherverhangenen und elektronisch unterfütterten Arrangements.
Fünf Sterne
Philip Selway – Strange Dance (24. Februar 2023)
Wie lange Radiohead bei der Entstehung dieses Albums schon außer Betrieb waren, ließ sich auch an Selways Begründung dafür ablesen, warum er auf STRANGE DANCE die Drumsticks lieber der italienischen Schlagzeugerin Valentina Magaletti überließ: Ihm fehlte es schlicht an der Praxis und am Mind-Set, erzählte er der britischen Straßenzeitung „The Big Issue“. Als Songwriter ist er hier hingegen durchaus in Form, wenn man von Songs wie der streicherbasierten Indietronic-Nummer „Picking Up Pieces“ oder dem feinen Folk von „Make It Go Away“ ausgeht. Aber auch nur dann, denn die balladeskeren Stücke auf dieser Platte ertrinken im Zweifelsfall eher in ihrem Bombast, als dass sie darin erstrahlen.
Drei Sterne
EOB – Earth (17. April 2020)
Es liegt schon eine gewisse Tragik darin, dass Ed O’Brien ganze acht Jahre brauchte, um mit seinem Solo-Debüt um die Ecke zu kommen – und dann erscheint das gute Stück pünktlich zu den Wirren einer globalen Seuche. Ändert natürlich trotzdem nichts daran, dass er auf EARTH zwischen euphorisierend pumpender Madchester-Nostalgie (u.a. „Brasil“) und filigranem akustischen Seventies-Folk im Harmoniegesangsverbund mit Laura Marling („Cloak Of The Night“) ein Debüt vorlegt, das durchaus Lust auf mehr macht.
Vier Sterne
Atoms For Peace – Amok (25. Februar 2013)
Am Anfang dieses Projekts stand Thom Yorkes Idee, sein Solo-Debüt THE ERASER mit (weitgehend) analogen Mitteln auf die Bühne zu bringen. Und so kam eine Band zustande, die mit Flea von den Red Hot Chili Peppers, Nigel Godrich, dem Drummer Joey Waronker und dem Percussionisten Mauro Refosco Prominenz und Talent vereinte. Was von ihr bleibt, ist eine schwer in die Hüften fahrende Platte, die zum Besten zählt, was der erweiterte Radiohead-Kosmos hergibt: Afrobeat-Neuinterpretationen („Before Your Very Eyes“), feinteilig-fluffige Funkyness („Stuck Together Pieces“) oder ein Titelsong von selten hypnotischer Qualität – all das steht hier für eine wahre Sternstunde in Sachen kunstvoller Tanzmusik.
Fünf Sterne
Die Soundtracks
Jonny Greenwood und Paul Thomas Anderson, das ist seit dem Ölförderer-Drama „There Will Be Blood“ von 2007 eine künstlerische Beziehung, wie sie symbiotischer kaum sein könnte. Hat Greenwood mit sechs weiteren Kinofilmen und einer Netflix-Produktion („The Power Of The Dog“) doch alles untermalt, was Anderson seither auf die Leinwand gebracht hat.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie perfekt seine avantgardistisch geprägten Klassik-Kompositionen und sein Geschick bei der Auswahl von Fremdmaterial von Ella Fitzgerald („The Master“) bis Can („Inherent Vice“) mit Andersons kühner Bildsprache korrespondieren. Um es mit den Worten von Leonardo DiCaprio im „NME“-Interview zu „One Battle After Another“ zu sagen: „Diese Musik wirkt wie eine zusätzliche Figur im Film. Sie trägt enorm zur Spannung bei.“
Wäre es nach David Fincher gegangen, der sich 1999 mit „Fight Club“ in die Filmgeschichte einschrieb, so hätte Thom Yorkes Karriere als Soundtrack-Komponist bereits mit der berühmten Prügelorgie begonnen. Der jedoch hing nach OK COMPUTER schwer in den Seilen – und sagte ab. Umso schöner also, dass knappe 20 Jahre später mit dem Score zu Luca Guadagninos Remake des Horrorfilmklassikers „Suspiria“ doch noch Filmmusik aus dem Hause Yorke erschien.
Inspiriert von der Sci-Fi-Düsternis des „Blade Runner“-Soundtracks und der Verfrickelung der Musique concrète, bietet diese zwar meist keinen leicht verdaulichen Hörgenuss jenseits der Bilder – mit der Schauerballade „Suspirium“, dem Slow-Motion-Krautrock von „Has Ended“ oder dem ätherischen „Unmade“ jedoch auch Tracks von größter Anmut.
Weniger bekannt ist hingegen Thom Yorkes zweiter Soundtrack zu Daniele Luchettis Thriller „Confidenza“ von 2024. Entstanden in Zusammenarbeit mit dem London Contemporary Orchestra und einem Jazz-Ensemble, dem auch Tom Skinner von The Smile angehört, tritt Yorke hier eher kompositorisch denn als Sänger in Erscheinung. Für ein fragiles Lullaby wie „Knife Edge“ ist zwischen Drone-lastigen Verweisen auf die Neue Musik und Referenzen auf Meister wie Duke Ellington („Prize Giving“) aber immer noch Raum.
Bleibt mit Philip Selways Soundtrack zu Polly Steeles Familiendrama „Let Me Go“ von 2017 noch ein kleines Meisterwerk der Melancholie, das in seiner bittersüßen Schwere auch jenseits des Bildschirms wunderbar funktioniert. Zwischen filigranem Folk („Wide Open“), wogenden Streichern und dem Sound einer singenden Säge versammelt Selway hier vierzehn Tracks, die auch Steine zum Weinen bringen dürften.







