Kolumne

Paulas Popwoche: Ich träum‘ doch nur von Liebe

Irgendwann habe ich mal gesagt, ich will nie wieder etwas zum Thema Grooming und Missbrauch an Teenagerinnen schreiben. Das ist hiermit passé. Also: Content Warning!

Vor ein paar Tagen landete ein Video in meiner Timeline, das Paris Hilton zeigte. Sie sprach sich in Washington für einen Gesetzesentwurf aus, der Opfern von KI-Pornografie mehr rechtlichen Schutz geben soll. Dabei erzählte sie, dass sie selbst bereits unzählige Male Opfer davon geworden ist, und sprach auch über das SKANDALVIDEO, das sie einst berühmt(er) machte. Es erschien vor über 20 Jahren und zeigte sie mit ihrem damaligen Partner beim Sex. Er über 30, sie 19.

„People called it a scandal, it wasn’t. It was abuse“, sagt Paris heute dazu.

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Es gab viele dieser „Sextapes“, vor allem nachher, weil dieses so gut lief. Es gab Nacktfoto-Leaks berühmter Frauen, es gab natürlich immer noch mehr Pornos, noch mehr dazugehörige Internetseiten, Revenge-Porn, das Bloßstellen von Exfreundinnen, das Teilen privater Fotos von Frauen im Umfeld, heimliche Aufnahmen in Umkleiden und Toiletten, dann Fotomontagen, Deepfakes und nun KI. Oft sind die Opfer besonders jung.

Das liegt daran, dass Männer gern „kein Alter sehen“, wenn ihr weibliches Gegenüber unter 20 ist. Wenn es über 30 ist, erlangen sie diese Fähigkeit aber auf magische Weise wieder, bei über 50 haben sie dann plötzlich Adleraugen 5000.

Kurze Wutpause mit diesem Kracher von Demi Lovato.

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Beschämt wird das Opfer

Der Hilton-Fall ist wirklich einer der vielen besonders grausamen Fälle, weil sie im Zuge dieses Missbrauchs auch noch von der kompletten Klatsch-Öffentlichkeit beschämt wurde. Nicht der erwachsene Mann, der eine Teenagerin ausgebeutet hat, sollte sich schämen, nein, sie. Nicht all jene, die sich das angeschaut haben und sich dadurch zu Mittätern gemacht haben, müssen sich schämen, nein, sie. Wir, die wir selbst Mädchen zu der Zeit waren, sahen das und lernten daraus – aber nichts Gutes. Irgendwie soll es seine Richtigkeit haben, dass wir uns von erwachsenen Männern anbaggern lassen, uns mit ihnen in sexuelle Beziehungen begeben, das sei natürlich, so wurde es zumindest suggeriert. Aber wir werden dafür beschämt, wenn es sichtbar wird. Und auf dieses Beschämen holen sich dann trotzdem noch Männer einen runter. Es folgt Missbrauch auf Missbrauch auf Missbrauch.

Zu der Zeit, als das Video herauskam, hatte ich meinen ersten Freund. Selbstverständlich war er älter als ich, so musste es nun mal sein. Eines Abends schleppte er tatsächlich dieses Video an, das „Sextape“ von Paris Hilton. (Es sind immer die Frauen, die genannt werden, denn sie sind das Produkt, das „gefickt“ wird, der Mann ist der Schwanz, das Werkzeug, der Täter – das wissen und wollen Pornokonsumenten ja so.) Wo mein Freund das Video herhatte, wieso, warum – das waren alles keine Fragen, die ich mir stellte. So sollte das alles wohl sein mit diesem Sex. Man muss alles ausprobieren, man muss sein Sexleben aufpeppen, man muss offen sein, cool bleiben und darf nicht prüde sein, man muss Pornos gut finden, Pornos imitieren. Guter Sex ist so wie in den Filmen. Habt ihr auch manchmal die Fantasie, dass ihr in eure Vergangenheit reinlatscht und eurem Vergangenheits-Ich ein paar Takte erzählt und der Person neben euch einen Schuh gegen die Birne klatscht? Naja!

Alles war Porno

Es waren die Nuller. Ich war 16. Ich hatte noch nie einen „richtigen“ Porno gesehen, wollte das auch nicht, aber alles um mich herum war ja längst Porno. Meine Popstars, ebenfalls Teenagerinnen, die auf dem Boden herumkrochen, die Mode, die unbequem und einschnürend war, die Sexszenen in Filmen und Serien, all die Wünsche und Vorstellungen, mit denen gleichaltrige und eben ältere Männer auf uns Mädchen zukamen. Alles war Porno, alles war Gewalt, alles war Ausbeutung, alles war das Spiel mit echter oder imaginierter oder erwünschter Macht. Nichts war unsere eigene Sexualität, nichts war spielerisches Ausprobieren. Alles war Porno.

Noch ein Lied!

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Ach, die liebe Wut. Über diese Schweine, über die Öffentlichkeit, über all die Leute, die diese Formen von Missbrauch verteidigen. Über all jene, die den Mädchen dann auch noch eine Mitschuld geben wollen an dem, was ihnen angetan wurde. Sie haben doch mitgemacht, Ja gesagt, vielleicht sogar etwas initiiert. Darüber, was junge Mädchen angeblich immer so initiieren, könnte ich 100 Seiten schreiben, und darüber, was Mädchen so alles wollen, glauben zu wollen und wo sie das herhaben.

Der Erwachsene muss das Kind schützen

ABER! Ich mache das nicht, ich zitiere hier lieber eine unglaublich tröstliche Stelle aus dem Film „After the Hunt“ (den so gut wie alle männlichen Kritiker verrissen haben, den ich aber sehr gut fand).

Die Protagonistin Alma (Philosophieprofessorin, gespielt von Julia Roberts) erzählt ihrem Mann Frederik (Therapeut, Michael Stuhlbarg) endlich die ganze Geschichte hinter dem, was sie als Teenagerin erlebt hat. Nämlich: sich in einen Freund ihres Vaters zu verlieben, der darauf „eingegangen“ ist, dann natürlich mit ihr Schluss gemacht hat, weil es nicht angemessen ist, natürlich nachdem er mit ihr Sex hatte, was natürlich immer erstmal angemessen sein muss. Für Sex sind die Mädchen natürlich immer reif genug, in Beziehungsfragen dann überraschenderweise nicht. Alma verteidigt bis zuletzt diese Beziehung, sagt, es sei von ihr ausgegangen, sie habe es gewollt, sie habe ihn geliebt (nachdem man zwei Stunden vorher im Film immer wieder gesehen hat, wie sehr ihr diese Geschichte geschadet hat). Und ihr Mann, der Therapeut (den man im Gegenzug zuvor hat struggeln sehen mit dieser ganzen Moral-Relativiererei der Philosophie-Studierenden), sagt:

„Young girls want adult things to happen to them sooner than they’re ready for them all the time. But it’s always the adult’s job to protect the innocence of a child.“

Und dann sagt sie: „No, I didn’t give him a choice.“

Und dann wieder er: „There’s always a choice. It doesn’t matter if you wanted him. It doesn’t matter if you threw yourself at him. He should have rejected you outright.“

REDE, Frederik. Man kann nämlich als erwachsene Person einfach  …  weggehen und ein Kind nicht sexualisieren und missbrauchen.

Guckt den Film!

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Männer haben immer eine Wahl

Um genau so eine Geschichte, in der ein erwachsener Mann diese Wahl hat, geht es auch in Jennette McCurdys neuem Buch „Half His Age“. Coverbild und die ersten Seiten machten mich zunächst ein wenig skeptisch, sie spielt nämlich genau mit diesen Lolita- und Femme-Fatale-Erzählungen, die so herumschwirren. Es geht von dem Mädchen aus. Er wird da reingequatscht. Sie bedrängt ihn. Wie soll er sich nur dagegen wehren? Außer nicht auf Teenagerinnen zu stehen, sie in Ruhe zu lassen und nicht mit ihr zu schlafen? Männer sind je nach Ausrede, die sie gerade brauchen, entweder wilde Tiere oder passive Stolperer, auch diese Tropes finden sich in diesem Buch.

Da ich McCurdys erstes (biografisches) Buch „I’m Glad My Mom Died“ schon so super fand, wusste ich, dass sie einen genau auf dieses Glatteis ziehen will, um einen genau dort umzuknocken. Das hat funktioniert. Das Buch ist unangenehm und deswegen auch sehr gut. Es geht vor allem um Waldo, die 17-jährige Protagonistin, wie sie geliebt werden will und was ihr alles so erzählt wurde darüber, was man dafür tun muss.

Missbrauch bleibt Missbrauch

Denn natürlich wollen Mädchen Liebe und Sex. Und in dieser Welt, in der wir so abhängig von Anerkennung gemacht werden, wird es leicht gemacht, uns auszunutzen, und wir werden so hingebogen, das auch noch für richtig zu halten. Wir geben dazu manchmal tatsächlich „Konsens“, also wenn man das Thema Konsens auf ein gesagtes Ja verkürzt. Aber auch wenn man zu Gewalt Ja sagt, bleibt es Gewalt. Missbrauch ist Missbrauch ist Missbrauch. Männer können ihn einfach nicht vollziehen, weder direkt noch als Konsument. Das ist, womit sie sich auseinandersetzen müssen: mit ihrem Blick auf Mädchen.

Das Einzige, was wir bisher aus diesen Erfahrungen mitnehmen sollten, war: Verschickt keine Nacktfotos, falls doch, dann nie mit Gesicht, zieht euch so und so an, stattet euch so und so aus, teilt euren Standort, gebt euch nicht her, aber gebt euch hin. Achtet darauf, dass euren Töchtern nicht das Gleiche passiert, FALLS es euch geschadet hat, was dann eure Schuld ist. Wenn es um unsere echten oder imaginierten Töchter geht, wird nämlich plötzlich alles klar: Natürlich will man sie nicht an der Seite eines erwachsenen Mannes sehen, natürlich ist ein „Sextape“ oder ein Porno mit ihr nicht gut  …  Aber men will be men.

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Aber es passiert mehr, zumindest auf der Seite von Mädchen und Frauen. Paris und Demi und Sofia und Jennette und ich wehren uns. Und Blond!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.