Popkolumne, Folge 46

Mit Gurr, Odd Couple und Paris Hilton: Die Popwoche im Überblick

Irgendwie auch nett, das Popjahr mit ein paar kleinen, feinen, guten Nachrichten beschließen zu können. Unser liebster Silberrücken Kollegah kassierte beim Gericht eine Absage mit seinem Wunsch, man möge einen Podcast, in dem es um eine kritische Recherche zu seinem „Alpha“-Mentoring-Programm geht, doch bitte löschen. Die ewig unterschätzte Mariah Carey steht mit ihrem (ein Vierteljahrhundert alten) Weihnachtshit „All I Want For Christmas Is You“ erstmals an der Spitze der „Billboard Hot 100“. Und immer dran denken: Es gibt seit vergangenem Jahr ein Weihnachtsalbum von William Shatner, das allen Ernstes SHATNER CLAUS heißt und eine grandios bescheuerte „Jingle Bells“-Version mit Henry Rollins enthält. Thank me later.

Konzert der Woche: Gurr

Vor den ersten Akkorden das bekannte, geliebte Geklingel, das einen sofort an Kindheit, Weihnacht und bessere Zeiten denken lässt: Ein süßer Twist, dass Gurr ihr Konzert allen Ernstes mit der Titelmelodie von „Harry Potter“ beginnen. Andreya Casablanca und Laura Lee Jenkins sind ins Berliner Columbia Theater gekommen, um uns zum Jahresabschluss noch einmal zu demonstrieren, was sie von so vielen anderen Bands unterscheidet, die sich ihren Reim auf Garagenrock und Postpunk machen: Gurr referenzieren sich, von den jangelnden Gitarren im Auftaktsong „She Says“ über ein rabiates Cover von Nirvanas „Territorial Pissings“, stilsicher durch die Musikgeschichte, verorten sich und ihr Schaffen aber klar in ihrer Generation. Nach der Harry-Potter-Ouvertüre suchen Gurr nach „Muggel“ im Publikum, singen Gwen Stefanis „Hollaback Girl“ mit dem Publikum und führen ein Tänzchen auf, das sie „auf TikTok gefunden haben“.

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Aber irgendwie ist es seltsam: Obwohl von der Setlist bis zu den Zwischenansagen alles liebevollst und liebenswert ist, scheinen Gurr und ihr Publikum am Anfang zu fremdeln. Ausgerechnet in Berlin, vielleicht aber auch: gerade in Berlin. Schließlich haben sie in den kleinsten Clubs der Stadt begonnen, sind aber längst zum internationalen Phänomen gereift. Mit ihren Raver- und Shag-Frisuren sehen Gurr mittlerweile gründlich glamourisiert aus; die Rockstar-Gesten sitzen. Ein wenig fühlt es sich an, als kämen zwei Weitgereiste an Weihnachten in die Heimatstadt – und müssen beim Glühweintrinken mit den ehemaligen Mitschülern erst einmal tastend abgleichen, wie viel man sich noch zu sagen hat. Als Andreya sich bei ihren Freunden, die Teil der Crew geworden sind, für die jahrelange Unterstützung bedankt, passiert’s schließlich: Die Tränen fließen. Und mit ihnen, so scheint es, verfliegt auch die Anspannung. Gurr spielen furiose Coverversionen und den Titelsong ihres Debüts IN MY HEAD, Andreya lässt sich vom Publikum auf Händen tragen. Schön und seltsam berührend, vor den Feiertagen, die trotz aller Harmoniewünsche so viel Konfliktpotential bergen, noch einmal vorgesungen und -performt zu kriegen: Das mit dem Nachhausekommen kann so wunderbar sein.

Video der Woche: Odd Couple – Fahr ich in den Urlaub rein



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