Kolumne

Kolumne: Was „Marty Supreme“ und Donald Trump gemeinsam haben

Julia Friese erklärt, warum der Narzissmus gerade nicht nur im Kino Einzug hält.

Drei Beobachtungen:

1. everybody wants to rule the world

Josh Safdie erzählt in „Marty Supreme“ (2025) eine Geschichte lose basierend auf Marty Reisman, einem Pingpong-Spieler aus der New Yorker Untergrund-Tischtennis-Szene der 50er. Safdie macht sich Reisman zu eigen, indem er ihn Marty Mauser nennt und dessen Freundin Rachel Mizler. Mauser und Mizler leben sich cartoonesk durch die Katastrophen, die dadurch entstehen, dass Mauser den Aufstieg nach ganz oben nicht sucht, sondern wie selbstverständlich erwartet. Mauser will nicht Pingpong spielen ohne die Royale Suite im Ritz.

Mizler, eine Tierhandlungsangestelle, unterstellt Mauser – noch mal: es sollen die 50er sein – Narzissmus. Der Bekanntheitsgrad der Ego-Diagnose „Narzissmus“ steigt laut Google Trends seit 2010 und erlebt im Februar 2017 – also in den ersten Wochen der ersten Präsidentschaft Trumps – seinen Einzug ins Mainstream-Vokabular. Aber damit der bewussten Anachronismen nicht genug: Safdies Bilder sind die 50er, ein analoges Miteinander in Schweiß, Blut und Sperma. Darüber legt er die kalt-sauberen Synthies der 80er Yuppie-Ära. „Everybody Wants To Rule The World“ (1985) von Tears For Fears bleibt einem nach dem Film am längsten im Ohr, während man wieder scrollt, liest: Donald Trump möchte Venezuela vorerst selbst regieren. Möchte Grönland kaufen.

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Man liest Donroe- statt Monroe-Doktrin. Bewusste Anachronismen sind typisch für unsere Gegenwart. Alles wird egozentrisch auf den eigenen Point-of-View zugeschnitten. 50er-Nostalgie dürfte der 1984 geborene Safdie nicht haben. Aber als „Everybody Wants To Rule The World“ im Radio lief, war er ein Kleinkind, konnte also selbst unherausgefordert denken, er sei das Zentrum der Welt.

2. it’s my own desire

Marty Reisman war Sohn eines Taxifahrers, der in den alle Schichten mischenden Tischtennis-Clubs auf sich selbst gewettet hatte, und dann gesperrt wurde, der auch in Mixed-Konstellationen an den Weltmeisterschaften für die USA teilnahm. Marty Mauser vertritt im Alleingang die USA im Finale gegen Japan.

„Marty Supreme“ ist co-finanziert vom Mauser darstellenden Schauspieler Timothée Chalamet – bisher eher Typ kultiviert elegantes Frettchen –, der den Film überproportional für seinen eigenen Image-Wandel nutzt. Er will nun als Player gesehen werden. Steigt auf die Mehrzweckhalle „Sphere“ in Las Vegas, macht sie zu einem gigantischen Ball, denn er, Chalamet, hat balls, lässt sie regnen in Social-Media-Videos, in denen er sagt, er sei ein „clit commander“ – also ein Klitoris-Kommandant. Er wird nicht müde zu bekräftigen, dass er „one of the greats“ sein will, also breitbeinig Preise einheimsen, an der Seite seines „Billion Dollar Babys“, Kylie Jenner.

3. e pluribus unum

Der Film und sein Hauptdarsteller-zentrisches, den Film an sich übertrumpfendes Marketing, erzählen also weniger eine schillernde Trickster-Figur, sondern mehr einen gegenwärtigen Vibe: Die Main-Character-Energy eines Individuums im Kapitalismus, das glaubt, einer besonderen Berufung Rechnung tragen zu müssen, die es berechtigt, alle anderen über die Klinge springen zu lassen. Das Nicht-Ich muss doch ohne besonderes Ziel sein, und damit automatisch dem Ich verpflichtet. Es ist die westliche iPhone, myspace, YouTube induzierte Ego-Ära, die nun so normal ist, dass jüngere Medien ohne Possessiv auskommen: TikTok, Gemini, ChatGPT.

Längst ist klar, dass wir ihre Sklaven sind, während sie vorgeben, unsere Sklaven zu sein. Ein Effekt, perfekt mehrdeutig gebrochen in dieser einen Serie, die alle schauen: Vince Gilligans „Pluribus“. Der Titel entstammt dem alten Wappenspruch der USA: E pluribus unum. Aus vielen wird eines. Hier kämpft ein zynisches Individuum – lustigerweise eine Autorin, die ihr Romantasy-Werk verachtet, da sie so gerne zu Größerem, zu LITERATUR, berufen wäre – gegen die Menschheit, die durch einen Virus zu einem Organismus geworden ist, der sich dieser Einheit nun auch bewusst ist. Kunst, Wettkampf und Selbstbehauptung sind überflüssig geworden, in einer Welt, in der alle alles wissen, alles können und glücklich im Einklang miteinander den abgetrennten, wenigen Individuen dienen. Individuen, die das Schwarmbewusstsein seltsam bemitleidet …

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 3/2026.