David Byrne live im Berliner Tempodrom: Ein Weltraum-Funk für bessere Zeiten
Nichts muss logisch, nur tanzbar sein: Ein Konzert, das im All-Szenario mit Vogelgezwitscher beginnt und in einer Blockfeierei ausartet. Mit David Byrne geht es in eine andere Umlaufbahn.
Seit 2018 war er nicht mehr in der Hauptstadt. Und endlich ist es so weit. Unter leisem Vogelgezwitscher haben alle 3.000 Anwesenden ihren Platz eingenommen (ausverkauft!) und können den Blick noch bis kurz nach 20 Uhr am Abend des 12. Februar in Ruhe schweifen lassen. Drei Leinwände präsentieren eine Mondlandschaft. Sind wir bei einem Live-Gig oder doch in einem XL-Screening von Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gelandet?
Die Antwort folgt sogleich, als David Byrne und sein Ensemble – alle in satt-blauen Anzügen – die Stage betreten. Und ja, was damit anrollt, sind keine ewig-gestrigen Rocker-Posen oder fett-durchröhrende Gitarrenwände. Vielmehr gibt es eine Expedition. Eine Übung in Leichtigkeit in schlechten Zeiten. Ein Dauermitmach-Training mit Instant-Wohlgefühl.
Mobil im All – aber mit Konzept
Elf Musiker:innen bewegen sich da herrlich frei über die Bühne. Keine Kabellei, keine Monitore, keine fest installierten Instrumente. Trommeln, Keyboards, Gitarren: alles geschultert, umgehängt, getragen, ohne dass es aber nach Bandscheibenvorfall aussieht. Selbst das Schlagzeug ist in Einzelteile zerhackt und verteilt. Das Ergebnis wirkt wie eine irre-erträumte Mischung aus Marching Band, Theater und Kunst-Kollektiv.
Jeder Move ist dabei durchchoreografiert, nichts dem Zufälligen geschenkt – und doch fühlt sich alles fluffig-leicht an. Vielleicht liegt das aber auch am Linedance-Setup an einer und an der Polonäse an anderer Stelle. Kein Wunder also, dass die Sitzplätze bald lediglich für die Winterjacken, Schals und Mützen herhalten und ansonsten der Dance-Part des Gigs spätestens nach Song 3 eröffnet ist. Auch in den Gängen, nah an der Stage, werden die Körper in Bewegung versetzt.
Talking Heads, aber neu verkabelt
Was allen im Raum (mit dieser wirklich guten Akustik) schnell klar wird: Der Ex-Talking-Heads-Mastermind, Architekt des flirrigen New Yorker Art-Punk der Siebziger, hat die Tempodrom-Crowd hiermit zum Rundflug durch fünf Jahrzehnte Popgeschichte und somit zum ordentlich Mitbewegen eingeladen. Was insgeheim besonders freut: 9 der insgesamt 21 Tracks werden aus dem Talking-Heads-Fundus aufgefrischt.
„Slippery People“, „This Must Be the Place“, „Once in a Lifetime“ oder auch „Burning Down the House“ – sie funktionieren auch mehr als 40 Jahre später. Und gerade auch „Psycho Killer“ steht die neue, etwas humorige Vortragsart gut zu Gesicht. Einleitend weiß David Byrne noch zu berichten, dass er einst mit Norman Bates verwechselt wurde. Oh ja, sein Storytelling an dem Abend ist on point.
„Love and kindness are punk“
Trotz des anfänglichen Abstands vom All auf die Erde geht es eben doch auch hier politisch zu. Aber ohne Prediger-Modus. Auf den Leinwänden erscheinen mal Slogans wie „Make America Gay Again“ in Regenbogenfarben oder auch die Worte „No Kings“. Später laufen Aufnahmen von ICE-Einsätzen und Protesten, während „Life During Wartime“ intoniert wird.
In den Ansagen übt sich David Byrne aber im Positiven, geht auf Liebe und Freundlichkeit als besten Widerstand ein, wörtlich: „Love and kindness are the most punk things you can do right now.“ Auch hierfür bekommt er mithilfe von zig wild-klatschenden Menschen nur Zustimmung.
Erst Berlin, dann die eigenen vier Wände
Das Visual-Game hat Byrne sowieso komplett drauf. Zwischen den Songs zeigt er auf den Screens Schnappschüsse aus der Hauptstadt: das Ampelmännchen, der Umlauftank der Technischen Universität, etwas Graffiti und die Museumsinsel. „Das ist also Berlin“, fasst der gebürtige Schotte schön süffisant zusammen.
Und dann wieder New York: Straßenszenen, aber auch eine eindrückliche Kamerafahrt durch sein helles Apartment in Manhattan mit den gut gefüllten Bücherregalen, einem lang gezogenen Holztisch, der Riesenlampe in der Mitte und etwas Kunst an der Wand. Dazu tönt er mit starker Stimme „My Apartment Is My Friend“ – ein Track vom aktuellen Album „Who Is The Sky“. Es ist seine Art der Liebeserklärung an einen Ort, der ihn mental fit bleiben ließ in der Pandemie, in der andere, wie er erzählt, sich draußen vor der Tür sogar mal mit Kartoffeln bewarfen.
Ekstase ohne Pause
Abgesehen vom anfänglichen „Heaven“, das zart eröffnet, und „Everybody’s Coming to My House“ im Gospel-Outfit bleibt es ein 100-Minuten-Konzert der Dauer-Tanz-Ekstase, bei der sich der 73-Jährige nie schont. Und doch nicht außer Puste wirkt. Selbst nach dem Cardio-Training-mäßigen Dauerspringen bei „Once In A Lifetime“ kann er noch ausführlich plaudern, singen, weiter mühelos seiner Choreografie folgen.
Er ist eben Profi-Entertainer, dessen Stimme an dem Abend komplett auf der Höhe ist, und der trotzdem Kunst auf eine Weise auf die Bühne bringt, dass sie sich nie anbiedernd anfühlt, sondern vielmehr so kitzelt, dass es nicht anders geht, als alles zu fühlen. Im Jetzt.







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