Xavier Naidoo: Faktenlage zu Verschwörungstheorien und Epstein-Fall
Was Epstein-Dokumente belegen und was Xavier Naidoos Verschwörungstheorien davon unterscheidet.
Xavier Naidoo, einst gefeiertes Gründungsmitglied der Söhne Mannheims, geriet während der Corona-Pandemie massiv in die Kritik. Der R&B-Sänger verbreitete in zahlreichen Videos Theorien über eine angebliche Weltverschwörung. Seine Behauptungen: Eliten würden weltweit Kinder entführen und diese in satanistischen sowie kannibalistischen Ritualen missbrauchen. Diese Aussagen führten zu seiner gesellschaftlichen Ächtung und dem Verlust wichtiger Engagements.
Was als kritische Haltung zu Corona-Maßnahmen begann, entwickelte sich zu immer extremeren Behauptungen. Naidoo stellte nicht nur Schutzmaßnahmen infrage, sondern verbreitete Narrative, die an die QAnon-Verschwörungstheorie angelehnt waren. Die öffentliche Reaktion war eindeutig: Der Sänger wurde aus der ARD-Show „Deutschland sucht den Superstar“ entfernt, Konzerte wurden abgesagt.
Aktuelle Forderungen spalten die Musikszene
Mit der Veröffentlichung der neuen Epstein-Dokumente hat sich die Diskussion neu entfacht. HipHop-Journalist Marcus Staiger erklärte im Podcast „kommonjunt“: „Müssen wir uns bei Xavier Naidoo entschuldigen? Auf eine gewisse Art und Weise: Ja, müssen wir.“ Staiger, der Naidoo zuvor scharf kritisiert hatte, bezieht sich dabei ausschließlich auf die durch die Epstein-Akten bestätigten Fälle sexueller Gewalt.
Staiger argumentierte, der Sänger und andere Rapper würden seit Jahren „Themen auf den Tisch bringen“, die nicht ernst genommen würden: „Es wird gesagt: Die haben eine Psychose, die sind verrückt. Für diesen Teil muss man sich tatsächlich bei ihnen entschuldigen.“
Auch Rapper Manuellsen meldete sich via Instagram zu Wort: „Er wollte uns ans Licht führen, aber wir haben es vorgezogen, blind zu bleiben.“ In sozialen Medien fordern weitere Stimmen eine Stellungnahme jener Medien, die Naidoo als Verschwörungstheoretiker bezeichnet hatten.
Naidoos Reaktion: „Müssen uns bei den Kindern entschuldigen“
Der Sänger selbst äußerte sich kürzlich in einem mittlerweile gelöschten TikTok-Video zur Debatte. Seine Botschaft: „Ich wollte euch nur kurz sagen, dass sich bei mir überhaupt niemand entschuldigen muss.“ Stattdessen müsse man sich bei „den Kindern“ entschuldigen.
Naidoo weiter: „Wir alle müssen uns bei den Kindern entschuldigen. Und wir müssen alles daransetzen, die Kinder, die noch in den Klauen dieser Monster sind, zu befreien.“ Um welche Kinder oder „Monster“ es sich konkret handelt, spezifizierte der 54-Jährige nicht.
Naidoos umstrittene Aussagen: Eine Chronologie
Xavier Naidoos problematische Äußerungen reichen weiter zurück als die Corona-Pandemie. Bereits 2012 sorgte er mit einem Video für Empörung, in dem er behauptete, die Bundesregierung habe „keinen Friedensvertrag“ und sei „nicht legitimiert“. 2014 folgte ein Song mit dem Titel „Raus aus dem Reichstag“, der als Anspielung auf die Reichsbürger-Bewegung interpretiert wurde.
Während der Pandemie intensivierten sich seine Aussagen dramatisch. Im März 2020 veröffentlichte Naidoo ein Video, in dem er weinend von „satanischen Ritualen“ und „Kindern, die gequält werden“ sprach. Er behauptete, Eliten würden „Adrenochrom“ aus dem Blut gefolterter Kinder gewinnen – eine zentrale Erzählung der QAnon-Bewegung.
In weiteren Videos verbreitete Naidoo die Behauptung, Angela Merkel sei Teil einer „pädophilen Elite“. Er sprach von unterirdischen Tunnelsystemen, in denen Kinder gefangen gehalten würden. Diese Narrative übernahmen verschwörungsideologische Muster, die in rechtsextremen und antisemitischen Kreisen kursieren.
Seine Aussagen führten 2024 zu einer Anklage wegen Volksverhetzung. Laut Anklageschrift soll er im März 2021 über einen Telegram-Kanal „antisemitische und den Holocaust leugnende Inhalte“ verbreitet haben. Eine rechtskräftige Verurteilung liegt bislang nicht vor, ein vorheriger Prozess endete ohne Urteil.
Jeffrey Epstein: Missbrauch und Machtmissbrauch
Die neu veröffentlichten Epstein-Dokumente betreffen den US-Finanzier Jeffrey Epstein, der 2019 in Untersuchungshaft starb. Epstein wurde beschuldigt, jahrzehntelang einen Sexhandelsring betrieben zu haben, bei dem er minderjährige Mädchen missbrauchte. Die im Januar 2026 entsiegelten Gerichtsakten umfassen rund 900 Seiten und nennen zahlreiche prominente Namen aus seinem Umfeld.
Die Dokumente bestätigen, dass Epstein systematisch minderjährige Mädchen – teilweise im Alter von 14 Jahren – rekrutierte und diese an reiche und einflussreiche Männer vermittelte. Zu seinem Netzwerk zählten laut den Akten Geschäftsleute, Politiker:innen und Prominente, darunter Prinz Andrew. Die Aussagen stammen größtenteils aus Gerichtsverfahren, die von Epsteins Opfern angestrengt wurden.
Epstein nutzte seine Kontakte zur Elite, um seine Verbrechen zu verschleiern. Er pflegte Beziehungen zu Personen wie Bill Clinton, Donald Trump und weiteren Mächtigen – wobei die bloße Nennung in den Dokumenten nicht automatisch auf Beteiligung an Straftaten hinweist. Die Akten belegen jedoch das Ausmaß eines Missbrauchssystems, das über Jahre funktionierte.
Die Enthüllungen lösten weltweit Entsetzen aus und befeuerten Diskussionen über Machtmissbrauch in elitären Kreisen. Allerdings: Die Dokumente belegen organisierte Sexualverbrechen, nicht jedoch die von Verschwörungstheoretiker:innen behaupteten satanistischen Rituale oder Adrenochrom-Theorien.
Die Faktenlage: Wo liegt die Wahrheit?
Die Epstein-Akten bestätigen schwerwiegende Verbrechen an Kindern und Jugendlichen durch einen Finanzier mit Kontakten zu Mächtigen. Sie belegen jedoch nicht die spezifischen Behauptungen, die Xavier Naidoo verbreitete: keine satanistischen Rituale, keine Adrenochrom-Gewinnung, keine kannibalistische Praktiken.
Kritiker:innen der Rehabilitationsforderung betonen diese Differenzierung. Während Epsteins Verbrechen real sind, bleiben Naidoos Verschwörungsnarrative unbewiesen. Die antisemitischen Untertöne seiner Aussagen – etwa die Rede von einer „globalen Elite“ – folgen zudem problematischen Mustern.
Expert:innen warnen davor, reale Missbrauchsfälle mit Verschwörungsmythen zu vermischen. Dies schade den tatsächlichen Opfern und verharmlose die realen Strukturen sexueller Gewalt, die sich fundamental von phantastischen Ritualmord-Szenarien unterscheiden.
Gerichtliche Auseinandersetzungen
Die juristischen Konsequenzen für Naidoo sind noch nicht abgeschlossen. Im Juni 2024 wurde erneut Anklage wegen Volksverhetzung erhoben. Der Vorwurf: Verbreitung antisemitischer und Holocaust-leugnender Inhalte über Telegram im März 2021.
Bereits zuvor gab es eine Anklage in mehreren Fällen, die jedoch ohne rechtskräftige Verurteilung blieb. Die aktuelle rechtliche Situation des Sängers bleibt damit ungeklärt. Rechtsexpert:innen sehen die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Volksverhetzung in diesem Fall als komplex an.
Für Naidoo steht viel auf dem Spiel. Eine Verurteilung könnte nicht nur rechtliche, sondern auch weitere berufliche Konsequenzen nach sich ziehen. Seine Verteidiger argumentieren mit Meinungsfreiheit und Gesellschaftskritik.
Eine differenzierte Betrachtung bleibt notwendig
Die Forderungen nach Rehabilitation Xavier Naidoos bleiben umstritten. Während die Epstein-Dokumente reale Verbrechen an Minderjährigen durch einflussreiche Personen belegen, decken sie sich nicht mit den spezifischen Verschwörungsnarrativen des Sängers.
Eine pauschale Entschuldigung erscheint angesichts der Faktenlage nicht gerechtfertigt. Gleichzeitig wirft der Fall Fragen auf: Wie geht die Gesellschaft mit tabuisierten Themen wie Machtmissbrauch und organisierter sexueller Gewalt um? Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik und verschwörungsideologischem Denken?



