Kolumne

Aidas Popkolumne: Wozu noch Pop, wenn die Welt in Flammen steht?

Aida ist überfordert von der Nachrichtenlage und kommt nicht mehr mit. Ist es so gesund, dass wir uns in Memes und Rabbitholes flüchten, wenn die Welt brennt?

Wie kann man in diesen Zeiten eine Kolumne über Pop schreiben, wenn die Welt brennt? Vielleicht erst recht – allein die letzten zwei Wochen bieten mehr als genug Material. Und zwar so viel, dass wir gar nicht damit hinterherkommen, eine Diskussion zu Ende zu führen: Wie war das noch mal mit Gil Ofarim, seinem Gerichtsverfahren und seinem von RTL angestoßenen Comeback durch das Dschungelcamp? Hat Xavier Naidoo wirklich vor ein paar Tagen auf einer Demo behauptet, wir alle würden Menschenfleisch essen – und damit bewiesen, dass er mit dem Schwurbel nie aufgehört hat? Und warum zeigt sich Kid Rock jetzt als Sauna-Gänger gemeinsam mit US-Gesundheitsminister Kennedy? Vielleicht um davon abzulenken, dass der einstige Kämpfer für niedrige, faire Ticketpreise inzwischen bis zu 5.000 US-Dollar pro Ticket bei seinen Konzerten nimmt?

Haben wir dazwischen überhaupt mitbekommen, dass das Berliner Goethe-Institut im Exil – das die Arbeiten von Autor:innen, (Pop-)Musiker:innen und anderen Kunstschaffenden gezeigt hat, die als Geflüchtete in Deutschland leben – plötzlich ohne Angabe von Gründen dicht gemacht wurde? Oder dass jemand beim britischen Filmpreis BAFTA das N-Wort gerufen hat, was im Gegensatz zu einem „Free Palestine“ nicht aus der Fernsehübertragung geschnitten wurde? Kommt noch jemand bei den Enthüllungen in den Epstein-Files mit – und vor allem bei den Diskussionen darüber, was aus den Unterlagen herausgezensiert wurde? Habt ihr mitbekommen, dass auf einem Außenlager des KZ Buchenwald Rechtsrockkonzerte und Grillpartys rechter Gruppierungen stattfinden? Und was war auf der Berlinale los? Wie kann es sein, dass ein Kulturstaatsminister in einer freien Demokratie versucht, in Kulturveranstaltungen hineinzuregieren?

Ich sage euch ehrlich: Ich komme selbst schon nicht mehr mit, obwohl es mein Job ist, als Journalistin halbwegs den Überblick über das kulturelle Weltgeschehen zu behalten. Und jetzt erst recht nicht, seit am Samstag der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran ausgebrochen ist. Also: acht Monate nach dem Zwölf-Tage-Krieg letzten Sommer – und schon am ersten Tag ist der mächtigste Mann im Iran, das geistliche und politische Oberhaupt Ali Khamenei, tot. 37 Jahre, nachdem er – als bloße Zwischenlösung gedacht – die Macht übernahm und nicht mehr losließ, ein Terrorregime aufbaute, das auf Mord, Folter, sexualisierter Gewalt, Angst und Unterdrückung fußte und ein ganzes Land ausbluten ließ. Hat dann nicht mal 24 Stunden gedauert, bis ihn die Bomben fanden. Schade ist es um den Diktator nicht, aber ein Gerichtsverfahren, bei dem alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgedeckt und aufgearbeitet werden – vor dem Internationalen Gerichtshof – wäre wünschenswert gewesen. Aber so weit kommen wir gar nicht zu denken, denn der nächste Knaller steht bestimmt schon bereit. Zynische Memes, die im nächsten Moment auch schon wieder vergessen werden, sind vermutlich unser einziger Weg, mit irgendetwas klarzukommen.

Pop als Rückzugsort – und als Diskursraum

Popkultur ist der Raum, in dem wir gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren und verarbeiten – aber zugleich der Rückzugsort, in den wir uns verkriechen, wenn alles zu viel wird, wenn wir versuchen, mit einer Welt im Chaos klarzukommen. Noch dazu einer, in der wir wegen KI-Slop und Desinformationskampagnen gar nicht mehr wissen, was eigentlich stimmt und was nicht. Ein Weg damit umzugehen kann sein, alles nur noch mithilfe von Memes ins Lächerliche zu ziehen – vielleicht damit nichts mehr wirklich wehtut. Ein anderer scheint das Gegenteil zu sein: alles obsessiv bis ins letzte Detail diskutieren und dabei gerne mal ins Verschwörungsrabbithole fallen, wie wir es beim Thema Epstein-Files gerade erleben. Sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung Minderjähriger scheinen nicht schlimm genug zu sein: Fast täglich lese ich auf Social Media irgendeine neue, weitergehende Verschwörungstheorie, gerne gewürzt mit einer Prise Rassismus, Antisemitismus oder sonstiger Hassideologie. Vielleicht weil angesichts überbordender Monstrosität so mancher kluge Kopf die Bodenhaftung verliert und sich das Gedankenkarussell immer weiter dreht? Oder weil Gewalt gegen Frauen und Machtmissbrauch extrem reicher Menschen allein nicht genug kickt? Oder eine Kombination aus allem? Ich weiß es nicht. Aber dasselbe Prinzip scheint bei allen Themen zu greifen: Jede Nachricht wird zum popkulturellen Happening, und der Diskurs dazu wird auf Social Media zum konsumierbaren Entertainment – das der Logik der Plattformen nach immer krasser präsentiert werden muss, um noch Aufmerksamkeit und Klicks zu generieren.

The Only Way Is Through

Gibt es einen Weg hier raus? Die kleine Aida möchte aus dieser Realität abgeholt werden – diese Timeline schmeckt mir nicht, sie ist mir zu brutal, zu menschenfeindlich und zu dämlich. Aber wie so oft im Leben: the only way is through.

Also lege ich das neue Mitski-Album auf, das mit seiner Paranoia und seinem Selbstbewusstsein den aktuellen Moment so gut trifft, drehe die Lautstärke auf Anschlag und singe mit: „Wheeeere’s my phooone?“

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.