Paulas Popwoche: Love sucken an Tagen wie diesen
Warum Naïka an Fettes Brot erinnert, wie Robyn Liebe als Widerstand besingt & was „Heated Rivalry“ kann.
Auf Instagram zu sein ist bekanntermaßen sinnlos – aller Jubeljahre wird einem da aber mal ein Video eingespült, das einen dann doch interessiert.
Diesen Song von Naïka zum Beispiel, den hab ich von daher.
Der Song ist ein Banger, und die Message sowieso: Während all das Elend passiert, das eben gerade so passiert, macht „die Welt“ einfach weiter, als wäre nichts. Ich weiß immer nicht so ganz, ob diese oft grassierende Erzählung stimmt, ob die meisten wirklich „einfach so“ weitermachen. Ich sehe viel Trauer, viele Kämpfe, viele qualmende Köpfe, die überlegen, wie es besser sein könnte – und sowieso viel zu viel Betroffenheit. Aber dieses Gefühl der Ohnmacht, den Eindruck von Verrohung und Ignoranz kann ich trotzdem nachvollziehen. Ausbeutung wird immer brutaler, aber dabei immer bunter; der Kapitalismus weiß das von ihm produzierte Elend immer besser zu „sugarcoaten“. Und das Patriarchat führt einen ganz offensichtlichen Krieg gegen Frauen, Kinder und das Leben.
Das Lied von Naïka erinnert mich an einen Superhit, der schon über 20 Jahre alt ist – ihr kennt ihn vermutlich alle noch auswendig, er wurde vielen von uns via VIVA täglich ins Kinder- oder Jugendzimmer geballert.
Sogar der Titel ist ähnlich: an Tagen wie diesen, what a day. Zwei Jahrzehnte mindestens gibt es dieses Gefühl von: Es gibt ein taubes Wir und ein betroffenes Die. Bei Fettes Brot fahren die imaginierten Panzer in die friedliche Idylle, ins normale, geordnete Leben. Naïka, die haitianischer Herkunft ist, kennt politische Gewalt aber nicht nur von Bildschirmen – sie ist Teil ihrer Familienerzählung.
Überhaupt sind wir längst in einer globaleren Welt angekommen, in der sich das Elend mittlerweile „besser“ verteilt hat. Die „Steine im Magen“, von denen Fettes Brot 2005 noch singen – Zeugnis jener Nullerjahre-Erzählung, dass es vielen so gut gegangen sei und jeder Zugang zu Überkonsum gehabt hätte –, wirken heute fast zynisch, hungern doch hierzulande ebenfalls Menschen. Man denkt an „Heal the World“, „Feed the World“ und überhaupt die „Kinder in Afrika“, denen US-Stars immer wieder helfen wollten. Heute ist das kaum noch denkbar, wo doch die Menschen auf ihren eigenen Straßen sterben und vielen nichts anderes übrigbleibt, als sich mit Fentanyl zu betäuben.
Auch die Ausmaße von Kriegen bekommen viele im Westen nun nicht mehr nur mit, weil sie zum Bäcker gehen und dort die Zeitung liegt, sondern weil man morgens auf sein Handy glotzt, das mit der ganzen Welt verbunden ist, weil die Schweine woanders auf der Welt die Schweine hier ganz direkt beeinflussen – die bereitwillig auch jede Sozialpolitik zurückfahren zugunsten von noch mehr nationalstaatlicher Konkurrenz –, und weil, ach ja: Stichwort Spritpreise.
Das abgeschottete Vergnügungspark-Idyll, das Fettes Brot besungen haben, hat es natürlich nie wirklich gegeben, und auch nur eine kleine Anzahl von Leuten konnte es einander vorspielen (es gab auch schon damals Radio und Bücher, Jungs…). „An Tagen wie diesen“ war trotzdem ein guter Song – und zwar genau für die Welt, für die er wohl geschrieben wurde: für VIVA. Und es war auch gut, dass der Song von Naïka mich dort erwischt hat, wo er einen erwischen soll: beim Durchscrollen irgendwelcher Scheiße auf Instagram.
Was also tun? Lieben, sagen manche.
Robyn zum Beispiel – für Popfans eh gerade Chefin vom Dienst. Während die einen verhärten (Männer), auch weil es von ihnen verlangt wird, werden Frauen weicher. Die einen gegeneinander und gegen uns, die anderen füreinander. Sagen viele und besingen manche.
„If you’re scared, say you’re scared“ und: „I used to have thicker skin, but I chose to let you in“.
Oder Daniel Schreiber, Chef von weichen Essays. Er schreibt über Liebe, und man denkt kurz: aha, ja, schon wieder? Bis einem auffällt, dass es tatsächlich aus der Zeit gefallen wirkt, weil irgendetwas passiert ist, was wir nie hätten zulassen dürfen. Nämlich die Verächtlichmachung von Liebe, das „outdated“-Anfühlen von Liebe, der Umstand, dass einem das Wort nur noch ideologisch aufgeladen und instrumentalisiert über den Weg läuft.
„Liebe! Ein Aufruf“ ist persönlich und historisch und politisch und wichtig, weil wir das einfach nicht liegenlassen dürfen. Denn hinter der Liebe steckt Solidarität – und nur die kann uns retten.
Und nun doch kurz was über „Heated Rivalry“
Von einem Hype zu reden, ist absolute Untertreibung – mehr unter-die-Nase-Reibung gab es selten. Wer es noch nicht gesehen hat: Es geht um zwei Hockeyspieler, wie sie einander begehren, und um die Probleme, die das mit sich bringt. Bisschen Romeo & Julia, aber mit anderem Ausgang. Ich bin nicht der größte Fan, weil ich sehr gelangweilt bin von diesen glatten, schlanken, jungen Körpern und deren pornoinspirierten Anbahnungen. Es ist zwischendurch immer so ein bisschen wie auf den Bildschirmschoner vom Hotel-Fernseher glotzen und dabei dissoziieren. Die guten Schauspieler reißen es dann aber immer wieder raus. Sie SIND die Serie – so viel ist sicher.
Auch wenn viele die Sexszenen so loben, habe ich eher das Gefühl, dass die Begeisterung darüber nur zeigt, wie sehr Sexualität zugerichtet ist. Dass viele das jetzt schon als besonders schön wahrnehmen, irritiert mich. Ich sehe verkrampfte Gesichter, ich höre, wie einer dem anderen sagt, er solle niederknien, ich nehme wahr, dass man zwar nachfragt, ob etwas in Ordnung ist, aber am Ende erwartet ihn natürlich das Ja. Es ist auch mal zärtlich, es ist auch mal spielerisch – aber immer wieder eingewoben in Erlerntes, Gesehenes, Kämpferisches. ABER: Die beiden wuseln sich da auch immer wieder raus, und ich vermute, das ist es, was vielen Leuten gefällt. Denn da gibt es irgendwann echte Vertrautheit, endlich ZEIT, endlich wirklich Raum füreinander. Vielleicht ist das die Sehnsucht der Leute, vielleicht ist das, wonach man strebt, nachdem man jetzt ein Jahrzehnt komplett zugerichtet wurde durch Datingapps und Social Media. Vielleicht passiert ja was. Vielleicht kommen wir ja alle wieder zusammen. Wir Sucker.
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