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Riot-Grrrl-Alben: Die wichtigsten Platten der Bewegung

Von Bikini Kill über Huggy Bear bis Big Joanie – diese Riot-Grrrl-Alben sollte jede:r kennen.

Kein Bock auf Macker: 1991 trafen sich in Olympia, heute Pilgerort für Grunge-Fans, Frauen aus Washington (dem Bundesstaat am Pazifik) und Washington (der Stadt am Atlantik), um über den Sexismus in ihren lokalen Punkszenen zu sprechen. Die Probleme, mit denen Frauen und Queers an den unterschiedlichen Küsten konfrontiert waren, ähnelten sich auffällig. Gewachsen ist daraus die Riot-Grrrl-Bewegung: Vernetzung, Shows, Zines, Diskurse – und natürlich Musik. Die Szene blieb kurzlebig; hochkommerzialisierter „Girl Power“-Pop dominierte bald die Charts weltweit. Ihr Einfluss aber blieb für immer – Revolution Girl Style Now!

Die Gründer:innen

Bikini Kill – Pussy Whipped (1993)

„Rebel Girl“ überstrahlt natürlich alles. Doch es wäre schade, den Rest des Albums – und ehrlich gesagt auch den Rest des schmalen Outputs von Bikini Kill – darüber zu übersehen. Kathleen Hanna, Tobi Vail und Kathi Wilcox schreiben kollaborativ und wechseln bei Shows, die sie heute wieder spielen, auch die Positionen in der Band. Hierarchien auflösen, das Konzept Band neu denken und FLINTA*-Personen inspirieren, selbst Musik zu machen: Die REVOLUTION GIRL STYLE NOW – Slogan der Band und Titel ihrer ersten Kassette – ging weit über die Inhalte der Texte hinaus. Ein Klassiker, der bis heute frisch geblieben ist, genauso wie ihr späteres Werk REJECT ALL AMERICAN.

Sechs Sterne

Sleater-Kinney – Dig Me Out (1997)

Ist DIG ME OUT wirklich noch ein Riot-Grrrl-Album, oder ist es zu spät erschienen, um noch unter das Banner zu fallen? Völlig egal: Die Band von Carrie Brownstein (zuvor Excuse 17, danach Portlandia und Hollywood) und Corin Tucker (zuvor Heavens To Betsy) sowie wechselnden Drummer:innen gehört zu den wichtigsten Bands der Bewegung, und DIG ME OUT markierte ihren internationalen Durchbruch. Den Achtungserfolg von CALL THE DOCTOR würden sie kaum übertreffen können – so dachten die Kritiker:innen. Weit gefehlt: DIG ME OUT ist bis heute ein feministischer Klassiker. Nach einer zehnjährigen Pause veröffentlichen Sleater-Kinney seit 2015 wieder regelmäßig neue Alben.

Sechs Sterne

Bratmobile – Pottymouth (1993)

DIY-Kultur trifft B-52’s trifft Rage: In einer gerechten Welt hätten Bratmobile denselben popkulturellen Status wie die Sex Pistols. Da wir im Patriarchat leben, bleiben Bratmobile eine Lieblingsband für Auskenner:innen – auch okay. Fünf Alben veröffentlichten sie bis 2002, dazwischen gab es einen legendären Breakup mitten auf der Bühne, Heartbreak und was eben so dazugehört zum Leben einer Punkband. Welches ihr bestes Album ist, lässt sich wunderbar diskutieren – für mich bleibt es der rohe, unbearbeitete Sound von POTTYMOUTH.

Fünf Sterne

Heavens To Betsy – Calculated (1994)

Rassismus, Sexismus, Body Shaming, Rape Culture, Queerness, sexualisierte Gewalt: Gegründet von den Kindheitsfreundinnen Corin Tucker und Tracy Sawyer, war Heavens To Betsy eine der zentralen Bands der Bewegung – zumindest bis zur Trennung in jenem Jahr, in dem ihr einziges „offizielles“ Album erschien. Die Songs von CALCULATED mit Tuckers einzigartigem Gesang gehen auch über 30 Jahre später noch außerordentlich hart.

Fünfeinhalb Sterne

Team Dresch – Personal Best (1995)

Queercore forever: Team Dresch ist die queerfeministische Antwort auf den Macker-Hardcore der Neunziger. Der Opener „Fagetarian & Dyke“ vom Debütalbum PERSONAL BEST gehört noch immer zu den besten Post-Hardcore-Songs aller Zeiten.

Fünf Sterne

Die Brit:innen

Huggy Bear – Taking The Rough With The Smooch (1993)

Riot Grrrl war kein Phänomen, das auf den US-amerikanischen Pacific Northwest und vielleicht noch Washington D.C. beschränkt blieb – auch in Großbritannien griffen junge Feminist:innen wütend zu den Verstärkern. Allen voran die gemischtgeschlechtlichen Huggy Bear, die nur drei Jahre aktiv waren. In dieser Zeit veröffentlichten sie ein Album und eine Reihe Singles, darunter eine gemeinsam mit Bikini Kill. TAKING THE ROUGH WITH THE SMOOCH versammelt all diese B-Seiten, Singles und EP-Songs: eine herrliche Sammlung ungeschliffener Punk-Diamanten.

Viereinhalb Sterne

Die Nicht-Riot-Grrrls

Hole – Live Through This (1994)

She is NOT a Riot Grrrl! Auch wenn Bikini Kills Kathleen Hanna mit ihrem Ehemann Kurt Cobain befreundet war, konnte Courtney Love nie viel mit der Riot-Grrrl-Bewegung anfangen. Zu niedlich sei die, zu gleichförmig – und bei der Arbeit am zweiten Hole-Album hatte sie keinen Bock, noch eine Punkplatte wie alle anderen zu machen. Ihr wurde vorgeworfen, ein Sellout zu sein – was die meinungsstarke Musikerin unberührt ließ. LIVE THROUGH THIS war ein Erfolg, kommerziell wie bei den Kritiker:innen, und bleibt ein Klassiker der feministischen Popkultur, Riot Grrrl hin oder her.

Fünf Sterne

Die Vormütter

The Slits – Cut (1979)

Was lässt sich über sie erzählen, was noch nicht erzählt wurde? Die Band von Ari Up, Palmolive, Viv Albertine und wechselnden Mitgliedern – darunter Neneh Cherry – war die erste Frauen-Punkband. CUT ist ein stacheliger Mix aus Punk, Reggae und Einflüssen aus aller Welt.

Vier Sterne

X-Ray Spex – Germ Free Adolescence (1978)

Poly Styrene forever! Neben Siouxsie Sioux und Kim Gordon hat kaum eine Künstlerin die Riot Grrrls so geprägt wie die Sängerin von X-Ray Spex. Als schwarze Frau und ewiger Misfit ebnete sie den Weg. GERM FREE ADOLESCENCE erweiterte den Punk um das Saxofon und ausgelassene Lebensfreude.

Vier Sterne

Das Folgeprojekt

Le Tigre – Le Tigre (1999)

Nach Bikini Kill und einem Soloexkurs unter dem Pseudonym Julie Ruin – 2010 sollte daraus eine ganze Band werden, gemeinsam mit Bikini-Kill-Kollegin Kathi Wilcox – hatte Kathleen Hanna Lust auf einen anderen Sound: elektronischer Dance-Punk mit Sixties-Charme und Indietronica-Vibe. „Hot Topic“ und „Deceptacon“ sind Songs für die Ewigkeit, und die Themen – etwa auf „What’s YR Take On Cassavetes“, der Frage also, wie man auf das Werk problematischer Künstler blickt – sind bis heute aktuell.

Fünf Sterne

Die Erb:innen

Big Joanie – Back Home (2022)

Nicht ohne Grund engagierten Bikini Kill die Londoner Band Big Joanie als Support für ihre Reunion-Tour 2019: Die queerfeministische, antirassistische und machtkritische Band ist nicht nur politisch gefestigt, sondern hat über die Jahre einen eigenen Sound entwickelt – auf dem zweiten Album irgendwo zwischen DIY-(Post-)Punk und Synthpop, mit Einflüssen aus Alternative Rock und R&B. Vor allem zeigt sie, wie man den feministischen Punk der Neunziger konsequent weiterdenkt, gerade im Hinblick auf seine Leerstellen bei Aspekten wie Race und Geschlechtsvielfalt. Das Ganze klingt dazu noch unglaublich gut.

Fünf Sterne

Peaches – No Lube, So Rude (2026)

Riot Grrrl’s not dead! Ebenso wenig wie das Label Kill Rock Stars, das bis heute spannende Musik veröffentlicht – etwa Peaches‘ erstes Album seit 2015. Die Themen: Lust, Liebe und das Älterwerden. Das richtige Album zur richtigen Zeit.

Fünf Sterne

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.