Reeper Bahn Festival: pop’n’politics: präsentiert vom Rolling Stone
mehr erfahren



Spezial-Abo

Ranking: Lana Del Reys Alben im Überblick

von

Seit einem Jahrzehnt ist die Künstlerin Lana Del Rey aus der Musiklandschaft nicht mehr weg zu denken – trotz zahlreichen Kritiker*innen, die ihr zu Beginn ihrer Karriere Gegensätzliches prophezeit haben. Kurz nach dem gigantischen Hype ihrer Debüt-Single „Video Games“ (ihr erstes Album LANA DEL RAY A.K.A LIZZIE GRANT (2010) sowie BORN TO DIE – PARADISE EDITION werden in dieser Auflistung weggelassen) fand sich die Sängerin – die mit bürgerlichem Namen Lizzie Grant heißt – im Kreuzfeuer der Medien wieder, die ihr aufgrund ihrer wohlhabenden Familie, einer potenziellen Lippenvergrößerung und einem mittelmäßigen Auftritt bei „Saturday Night Live“ die Existenzberechtigung in der Popwelt absprechen wollten.

Sechs Alben später müssen sich jedoch wohl auch ihre härtesten Kritiker*innen eingestehen: Hier war nicht nur Durchhaltevermögen im Spiel. Lana Del Rey hat sich über eine Zeitspanne von zehn Jahren zu einer der besten Songwriterinnen unserer Zeit entwickelt. Ihr von Nostalgie-getränktes Bild der USA und eine stark ausgeprägte Hollywood-Romantik haben ihr zunächst Spott eingebracht – heute wird sie für ihre atmosphärischen Beobachtungen des untergehenden amerikanischen Traums gelobt. Für ihre realitätsnahen Beschreibungen von toxischen Beziehungen und unterwürfigem Verhalten musste sie sich lange gegen den Vorwurf wehren, Missbrauch zu glorifizieren – obwohl sie stets beteuerte, nur über persönliche Erfahrungen zu schreiben.

Und auch wenn man die vielen Fettnäpfchen und Shitstorms, in denen sich die Künstlerin in letzter Zeit verfangen hat (sei es eine durchlöcherte Strass-Maske oder defensive Kommentare über Rassismus) nicht ignorieren kann, so ist es dennoch wichtig, ihren künstlerischen Wert anzuerkennen. Kaum eine Sängerin aktuell versteht sich so gut darin, Poesie und Musik zu einem atmosphärischen Konglomerat zu verweben und hat sich so stark musikalisch weiterentwickelt wie Lana Del Rey. She’s here to stay: Das hat die Künstlerin ihren Kritiker*innen mit ihrem hochgelobten neuen Album CHEMTRAILS OVER THE COUNTRY CLUB jüngst erst wieder bewiesen. Welche Alben aus ihrer Diskographie besonders stark waren und welche sich eher am hinteren Ende der Liste aufreihen, zeigt das folgende Ranking.

6. Lust For Life (2017)

LUST FOR LIFE ist Lana Del Reys Befreiungsschlag, ihr Manifestum gegen alle Anschuldigungen, sie sei keine politische Künstlerin. Und nein, ein „The Revolution Will Not Be Televised“ ist auf der Platte nicht zu finden – dafür aber mehr soziopolitische Beobachtungen als je zuvor auf einer LDR-Platte. „In the next morning / They put out the warning / Tensions were rising over country lines“ singt sie über die nuklearen Spannungen zwischen den USA und Nordkorea in dem Song mit dem irreführenden Titel „Coachella – Woodstock In My Mind“. „God Bless America – And All The Beautiful Women In It“ kann als Del Reys Solidaritätsbeitrag zur zeitgleichen „Me Too“-Bewegung interpretiert werden und in dem letzten Song der Platte „Get Free“ stellt sie selbstreflektiert fest: „I never really noticed that I had to decide / To play someone’s game or live my own life / And now I do“. Vorbei ist die Zeit des überschwänglichen Pathos, der selbstgewählten Opferrolle – das symbolisiert nicht nur ihr strahlendes Gesicht auf dem Cover von LUST FOR LIFE.

Zwar kann Del Reys viertes Album textlich somit als Meilenstein angesehen werden, doch leider hapert es dafür musikalisch an einigen Stellen: Die zwei A$AP-Rocky-Features sind ungefähr zwei zu viel, das dröge „Summer Bummer“ und poppige Titelstück mit The Weeknd erinnern ein wenig zu stark an ihre BORN TO DIE-Ära. Und immer mal wieder wirft Lana Del Rey mit banalen Nichtigkeiten um sich, wie etwa in dem Track „Beautiful People, Beautiful Problems“ mit Stevie Nicks. Die Highlights: Das wunderbar poetische „13 Beaches“ über die Crux des Berühmtseins („With dripping peaches / I’m camera ready / Almost all the time“), die elektronisch angehauchten Stücke „Cherry“ und „In My Feelings“, in denen Del Rey vor sich hinflucht, dass es nur so eine Freude ist und die Vorabsingle „Love“, in der die Künstlerin ihre jugendlichen Fans zu mehr Gelassenheit aufruft. „Back to work or the coffee shop / Doesn’t matter ‚cause it’s enough / To be young and in love.“ Stimmt.

5. Born To Die (2012)

Es ist kein Geheimnis, dass Lana Del Reys Debütalbum BORN TO DIE von der Presse verrissen wurde: Pitchfork verglich ihr Debüt mit einem „vorgetäuschten Orgasmus“ – und das war noch eine der freundlicheren Kritiken. Und ja, Del Reys erste Major-Label-Produktion weist zweifellos Mängel auf, doch die Relevanz ihres ersten Werkes sowohl für zahlreiche Künstler*innen als auch ihre eigene Weiterentwicklung sollte nicht heruntergespielt werden. „Video Games“ und „Blue Jeans“ avancierten zu modernen Klassikern, welche die Retromanie des damaligen Zeitgeists präzise auf den Punkt bringen. Auch „Carmen“ und „Born To Die“ sind exemplarische Beispiele für Del Reys Talent als Songwriterin. Und das heimliche Meisterstück des Albums – „Million Dollar Man“ – stellt in typischer Lana-Manier die geniale Frage: „You’re screwed up and brilliant / Look like a million dollar man / So why is my heart broke?“

Neben vielen Schmuckstücken, die das Album zu bieten hat, ist auf BORN TO DIE allerdings auch einiges an Nonsens zu finden: Was etwa sollen Zeilen wie „Diet mountain dew, baby, New York City / Never was there ever a girl so pretty / Do you think we’ll be in love forever?“ in dem Song „Diet Mountain Dew“ aussagen? Und der Track „National Anthem“ enthält seltsam-groteske Lyrics wie „Money is the reason we exist / Everybody knows it, it’s a fact / Kiss, kiss“. Auch Songs wie „Radio“, „Lolita“ oder „Dark Paradise“ können getrost geskippt werden. Trotz einiger textlicher Fehltritte und musikalischer Inkonsequenz hat BORN TO DIE einige sehr gute Songs zu bieten. Zudem ist die Platte der Beginn einer Karriere, die auf dem Erfolg ebendieser fußt. Und allein dafür verdient es Applaus.

4. Honeymoon (2015)

Wäre der obligatorische James-Bond-Song ein Album, wäre es wohl dieses hier. HONEYMOON ist eine Hommage an das alte Hollywood, an lügende und mordende Gangster und kühle Drinks in der kalifornischen Mittagshitze. Es geht (wie so oft bei Del Rey) um Liebe – ob vergangen, obsessiv oder für immer andauernd. Anders als ihr Debütalbum BORN TO DIE ist es bei HONEYMOON jedoch die unterschwellige Atmosphäre, die das Album trägt – und die unironische Hingebungsgabe ins Innere ihrer Kunstperson wird dadurch ertragbar, dass sie sich musikalisch voll und ganz der Thematik hingibt. So ziehen sich lange Streichersequenzen durch das Werk, orchestrale Höhepunkte wie in „24 Hours“ oder „Salvatore“ bringen Spaß und lassen einen gänzlich ins Lana-Land eintauchen. Zeilen wie „Sometimes I wake up in the morning / To red, blue, and yellow skies / It’s so crazy I could drink it like tequila sunrise“ oder „When I’m down on my knees, you’re how I pray / Hallelujah, I need your love“ sind so dick aufgetragen, dass sie sich gegenseitig aufzuheben scheinen.

Auf HONEYMOON macht Lana Del Rey das, was sie am besten kann: Atmosphären erschaffen. Dadurch passiert es jedoch auch, dass sie sich zeitweise in Monotonie verfängt. Songs wie „Freak“, „Religion“ oder „Art Deco“ funktionieren als Füllmaterial, jedoch auch nicht viel mehr. Die wahren Juwelen ihres vierten Studioalbums sind die Balladen, die sich einem zart einprägen: „Terrence Loves You“ ist zum Weinen schön, „Honeymoon“ treibt dahin wie ein Floß auf dem Mississippi-River und „God Knows I Tried“ brilliert aufgrund von minimalistischer Dichte. Die generelle Ruhe, die auf HONEYMOON dominiert, wird einzig von der emanzipierten und wahnsinnig lässigen Vorabsingle „High On The Beach“ wirklich gebrochen, welche die elektronisch angehauchte Richtung des Nachfolgeralbums LUST FOR LIFE ankündigt.

3. Chemtrails Over The Country Club (2021)

Wer nach der Veröffentlichung ihres Magnum Opus NORMAN FUCKING ROCKWELL! im Jahr 2019 noch gedacht hat, dies sei ein einmaliger Glücksgriff gewesen, der muss enttäuscht werden: CHEMTRAILS OVER THE COUNTRY CLUB, Lana Del Reys sechstes und jüngstes Album, übertrifft alle Erwartungen. Und die waren hoch. Sehr hoch sogar. Dass Del Rey so lange von Kritiken verschmäht wurde hat ihre Musik zu einer Beweisprobe werden lassen. Ein Album ist gut? Na, mal schauen wie lang das noch anhält. Ein Album ist nicht so gut? Siehste, war doch nur ein Glücksfall. Man kann die Fans von Lana Del Rey schon fast erleichtert aufatmen hören, während sie durch die ausschließlich positiven Reviews zu CHEMTRAILS OVER THE COUNTRY CLUB scrollen.

Doch was macht das Album so gut? Wie durch ein Wunder schafft es die Künstlerin, ihren roten Faden beizubehalten und dennoch fast alle musikalischen Komponenten zu eliminieren, die sie bekannt gemacht haben. Noch immer sucht Del Rey die Liebe, fährt in schnellen Sportwagen den Highway entlang, singt von abgelegenen Plätzen in Arkansas, Nebraska oder dem Topanga Canyon. Dennoch hat sich etwas grundlegend verändert: Weg mit dem Streichquartett, weg mit den Trip-Hop-Beats, weg mit Dekadenz. Was bleibt, sind intensive Nahaufnahmen ihrer Stimme (sowieso ihre größte Stärke!), sanft gezupfte Gitarren und klopfende Drums, die alles miteinander zu verschmelzen scheinen.

Natürlich ist nicht alles heruntergefahren – „Wild At Heart“ ist mit seinem aufbauenden Crescendo und romantischen Text („If you love me, you’ll love me / ‚Cause I’m wild, wild at heart“) ein Lana-Song durch und durch und bei „Tulsa Jesus Freak“ kommt zum ersten Mal Autotune zum Einsatz. Dennoch dominieren auf CHEMTRAILS OVER THE COUNTRY CLUB die sanften Töne; sei es „Not All Who Wander Are Lost“, das wunderschöne „Yosemite“ oder „White Dress“, in dem sich Del Reys Stimme in der Höhe vor intensiven Erinnerungen fast schon überschlägt. Diese Platte beweist vor allem eins: Lana Del Rey ist auf dem Höhepunkt ihres Schaffensprozesses angekommen. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es ab jetzt bergab geht.

2. Ultraviolence (2014)

Nach dem Welterfolg von BORN TO DIE und den eher gemischten Kritiken ließ sich Lana Del Rey zu der Aussage hinreißen, dass sie bereits alles gesagt hätte, was sie sagen wollte. Wie sich herausstellen sollte, war dies glücklicherweise nicht der Fall. Als ULTRAVIOLENCE – das in Zusammenarbeit mit Dan Auerbach von The Black Keys entstanden war – im Jahr 2014 endlich erschien, wirkte es, als hätte Del Rey eine 180-Grad-Wendung vollführt. Westerngitarren statt HipHop-Vibes, flirrende Bass-Sequenzen statt einer kindlich hochgepitchten Stimme und psychedelisch anmutende Layer-Vocals dominierten die Platte, von der alle so wenig erwartet hatten. Und das Ergebnis ist unglaublich.

ULTRAVIOLENCE ist ein Einblick in Lana Del Reys dunkles Innenleben, „I like my candy and your heroin / And I’m so happy, so happy now you’re gone“ singt sie in „Cruel World“, in dem titelgebenden Song heißt es später „Jim raised me up / He hurt me but it felt like true love“. Sie ist die Mätresse, seine „bad bitch on the side“, aber „when he calls, he calls for me and not for you“. Alles ist tragisch, düster und in dunkelrote Farbe getränkt wie Rotwein oder schwere Seidenvorhänge. Doch trotz der Kitsch-Falle, in die das Album schnell tappen könnte, bleibt es in den meisten Fällen aus. Warum? Dies liegt einerseits an Dan Auerbach, der Lana Del Rey auf das reduziert, was sie am besten kann: Geschichten erzählen. Im Mittelpunkt der Produktion liegt ihre Stimme – mal flimmert sie sehnsuchtsvoll, mal umhüllt sie einen mit einer samtig weichen Tiefe.

Es ist ein Album, in das man eintauchen und darin gedankenverloren umhertreiben möchte. „Cruel World“ ist ein bewusster Schritt zurück von Del Reys unerträglicher Unterwerfung auf BORN TO DIE, in dem sie selbstbewusst klarstellt „You’re dancin‘ circles around me / You’re fuckin‘ crazy, you’re crazy for me“. „Shades Of Cool“ ist wie der Bond-Song, den man sich von Lana Del Rey wünscht, „Brooklyn Baby“ bringt ein wenig Leichtigkeit in die tiefen Abgründe und in „Money Power Glory“ und „Fucked My Way Up To The Top“ mockiert sich die Künstlerin über ihr eigenes Image. Zwar textlich nicht immer stark brillieren auch „Pretty When You Cry“, „Sad Girl“ und „West Coast“ aufgrund ihrer musikalischen Intensität. Das Juwel des Albums ist jedoch das Titelstück, in dem Del Rey eine toxische Beziehung aus der Sicht eines Missbrauchsopfers portraitiert (was zumeist falsch verstanden wird!). Mit ULTRAVIOLENCE legte Del Rey ihren Status als Kurzzeitphänomen der Popkultur ab und schaffte ein Werk, das bis heute stark unterschätzt wird.

1.Norman Fucking Rockwell! (2019)

Kein Zweifel: Mit NORMAN FUCKING ROCKWELL! hat sich Lana Del Rey endgültig als ernstzunehmende Songwriterin etabliert. Kein schwacher Track, keine cringy Songtexte, keine Lana-Überdosis. Schon die erste Zeile des Albums zeugt von Del Reys Stärke, die Dinge präzise auf den Punkt zu bringen: „God damn, man-child / You fucked me so good that I almost said, ‚I love you’“, singt Del Rey trocken resigniert auf dem titelgebenden Opening-Track und bezeichnet ihren Lover dann als „Self-loathing poet, resident Laurel Canyon know-it-all“. Lana Del Rey hat die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen.

Das wird auch in späteren Songs deutlich: In der Vorabsingle „Mariners Apartment Complex“ beschreibt sie sich selbst als „the bolt, the lightning, the thunder / Kind of girl who’s gonna make you wonder / Who you are and who you been“ und in „Hope Is A Dangerous Thing For A Woman Like Me To Have But I Have It“ meint sie so selbstreflektiert wie noch nie: „Don’t ask if I’m happy, you know that I’m not / But at best I can say I’m not sad“. Neben dem fantastischem Songwriting ist auch Jack Antonoff zu danken, der für die Produktion des gesamten Albums verantwortlich ist. Del Reys frühere Devise „Mehr ist mehr“ wird hier mit viel Minimalismus gebrochen; die unglaublich gute Dynamik des Albums entsteht aus der Verknüpfung von Del Reys Freigeist und Antonoffs klarem Kopf, der die Produktion wieder in die richtigen Bahnen lenkt.

Das Ergebnis ist eine Platte voller Experimente – sei es der Lana-esk beginnende Track „Venice Bitch“, der ab der Hälfte plötzlich in einem mehrminütigen Instrumentalteil abtaucht oder der bereits erwähnte Song „Hope Is A Dangerous Thing…“, in dem sich Del Rey nur mit ihrer Stimme bewaffnet in einen philosophischen Monolog über Wahnsinn und Ruhm begibt. In „Happiness Is A Butterfly“ befreit sich die Sängerin von ihrer Wut, nur um in „Bartender“ wieder friedlich-kindliche Töne einzuschlagen.

Der beste Song der Platte (und vielleicht sogar beste Song ihrer gesamten Diskographie) ist jedoch „The greatest“ – wie ein Feuerwerk explodiert der Refrain, wenn Del Rey verzweifelt singt „I’m wasted / Don’t leave, I just need a wake-up call“ und kühlt wieder ab, als die Sängerin sich in trüben Gedanken zur aktuellen Zeit verliert: „Hawaii just missed a fireball / LA’s in flames, it’s getting hot / Kanye West is blond and gone / Life on Mars ain’t just a song / I hope the lifestream’s almost on“ singt sie, wird immer leiser, wird sich der Sinnlosigkeit ihrer Erregung bewusst, während die Welt unterzugehen scheint wie die brennende Stadt hinter ihr auf dem Cover.


Roskilde Festival 2021 findet nicht statt – Veranstalter verschieben auf nächstes Jahr
Weiterlesen