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Die Toten Hosen: Warum sie wirklich unsterblich sind

Die Toten Hosen sagen nach 44 Jahren Tschüss, aber bestimmt nicht leise. Ein letztes Album, eine wohl auch letzte Tour, dann soll Schluss sein. Ein Rückblick auf die erstaunliche Karriere einer Band, die sich kaum verändert hat, dabei aber immer größer wurde – und was das mit Deutschland zu tun hat.

Wird ja auch Zeit, werden die einen sagen. Die anderen: Was soll bloß aus mir werden? Ohne Die Toten Hosen?

Ja, die Hosen bringen ihr letztes Album heraus. Ihr allerletztes Album. Versprochen, meinen die einen. Angedroht, finden die anderen. Denn eins ist klar: Auch TRINK AUS! WIR MÜSSEN GEHEN wird die ganze Bandbreite an Gefühlsäußerungen auslösen, die diese vielleicht größte Rockband des Landes seit vielleicht nicht jeher, aber schon sehr lange begleiten.

Dieses Jeher dauert jetzt seit 44 Jahren an. Dass es nun enden soll, enden wird, vielleicht auch enden muss, ist ein guter Grund, mal zurückzublicken. Und da stellt man fest, behaupten wir jetzt mal, dass sich Die Toten Hosen – nach Unmengen an Alkohol und Drogen, vielen Hits und wenigen Flops, nach unzähligen grandiosen und einigen peinlichen Augenblicken, nach Karnevalsumzügen und Kanzlerinnenanrufen, nach unzähligen Konzerten und ungezählten Knochenbrüchen – nicht wirklich verändert haben. Auch angesichts nationaler Bedeutung und internationalen Erfolgs sind Die Toten Hosen von heute gar nicht mal so anders als die von 1982.

Tatsächlich erzählt ihr erstaunlicher Werdegang von der aus der Zeit gefallenen Fun-Punk-Chaos-Truppe mit wilden Frisuren und bunten Second-Hand-Klamotten zur staatstragenden Rock-Institution gar nicht mal so viel über die Band, sondern viel mehr über das Land, in dem sie diese sensationelle Erfolgsgeschichte geschrieben haben – auch wenn der Vorturner ein halber Engländer ist. Als wüsste sie das selbst am besten, steht die Band auf dem Cover des neuen und letzten Albums um denselben Opel Rekord herum, an dem sie auf dem ersten Album OPEL-GANG herumschraubte – nur diesmal in Szene gesetzt von einem Andreas Gursky. Der ist langjähriger Freund der Band, mittlerweile aber auch einer der berühmtesten Fotografen der Welt. Was man wohl so interpretieren darf: Campino und Co. sind sich treu geblieben. Wir ergänzen: Das Land um sie herum aber hat sich verändert.

1982: Wende, Punk und ein Opel

Nur mal zur Erinnerung: Im Jahr 1982 fanden sich Die Toten Hosen in Düsseldorf zusammen, aus den Ruinen einer damals bestenfalls semibedeutenden, heute als legendär geltenden Punkband namens ZK. Diese Gründung der Toten Hosen mag heute, im Rückblick, ein bedeutendes Ereignis sein. Damals war man sich dagegen einig, dass das wichtigste Event des Jahres 1982 ein Regierungswechsel war: Helmut Schmidt verliert ein Misstrauensvotum, ein anderer Helmut wird Bundeskanzler und sollte es sehr lange bleiben. Man nannte es damals „Die Wende“, sieben Jahre bevor ein anderes, noch wesentlich wichtigeres Ereignis von gar weltpolitischer Tragweite den Begriff kapern sollte.

Die Ära Kohl wird 16 Jahre dauern. Wenn man so will: ein Vogelschiss in der nahezu, jedenfalls in Punk-Relationen, tausendjährigen erfolgreichen Geschichte der Toten Hosen. Hätte man den Hosen damals angekündigt, dass sie Helmut Kohl überdauern, hätten sie es natürlich nicht geglaubt. Niemand hätte es geglaubt. Aber sie hätten es gut gefunden. Denn niemand stand so wie Kohl für das Deutschland, gegen das Die Toten Hosen rebellierten, indem sie verzweifelt ihre Gitarrensaiten und noch intensiver ihre Lebern malträtierten.

Was war sonst los im Jahr 1982? Mit dem Commodore 64 kommt der erste Computer für den Hausgebrauch auf den Markt, „E.T. – Der Außerirdische“ will nach Hause, ABBA trennen sich. Michael Jackson tanzt mit Zombies, die Deutschen zur „Polonäse Blankenese“. Toni Schumacher geht nicht ins Krankenhaus, in das er Patrick Battiston geschickt hat, der hässliche Deutsche reckt mal wieder sein Haupt. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ deckt Misswirtschaft und Korruption im Wohnungsbaukonzern Neue Heimat auf und die Spider Murphy Gang immerhin einen „Skandal im Sperrbezirk“. Boy George fragt „Do You Really Want To Hurt Me“, Olivia Newton-John wird „Physical“, alle machen Aerobic und tragen Schweißstirnbänder. Ralph Siegel gewinnt endlich den Eurovision Song Contest, Nicole singt „Ein bisschen Frieden“. In Bonn demonstrieren 350.000 gegen die NATO-Nachrüstung und für den Frieden, in Bochum hören 200.000 zu, als Harry Belafonte, Miriam Makeba und Udo Lindenberg für den Frieden singen, und Joseph Beuys „Sonne statt Reagan“ will. 1982 ist gerade mal drei Tage vorbei, da schickt Nena „99 Luftballons“ auf die Reise in Richtung Friede, Freude, Eierkuchen. Neun Monate später erscheint OPEL-GANG und Campino singt in „Geld“: „Es gibt keinen Platz, der mir gefällt.“ Und ein Refrain, den heute noch Kindergartenkinder unfallfrei mitsingen können, entwickelt sich zu einem kleinen Aufreger: „Ficken, Bumsen, Blasen / Alles auf dem Rasen.“

Kurz gesagt: Es war kuscheliger damals, aber das Thema Frieden war schon im Jahr 1982 ziemlich groß, Punk dagegen komplett tot, verstorben an akuter Kommerzialisierung. Allein die Idee, eine Punkband zu gründen, zudem eine Fun-Punk-Band, war vollkommen bescheuert. Aber klar: Bescheuertheit hat bekanntlich noch keinen Punk aufgehalten. Außerdem dachten die frisch gegründeten Toten Hosen das Ende schon mit: „Und wenn einmal der Abschied naht / Sagen alle, das hab’ ich schon immer geahnt.“ Hat halt ein wenig länger gedauert als gedacht.

Überleben als größtes Wunder

Wenn man sich heute in die Geschichte der Toten Hosen vertieft, wenn man die diversen Bücher liest, die über sie geschrieben wurden, die Podcasts hört und die Filme sieht, die anlässlich der vielen Jubiläen erschienen sind, die sie schon gefeiert haben, dann wundert man sich vor allem darüber, dass es diese Jubiläen überhaupt gab. Denn nicht nur, dass die Band nach dem tragischen Tod einer 16-Jährigen beim bis dahin größten Konzert ihrer Karriere 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion beinahe zerbrochen wäre. Das noch größere Wunder ist, dass die Jugendfreunde Andreas „Campino“ Frege, Andreas „Kuddel“ von Holst, Andreas „Andi“ Meurer, Michael „Breiti“ Breitkopf und ihre verschiedenen Schlagzeuger das alles zusammen überlebt haben. Zugegeben, das stimmt so nicht ganz, denn einer dieser Drummer, Wolfgang „Wölli“ Rohde, ist gestorben, genauso wie der langjährige Manager Jochen Hülder. Aber das war später, erst nach den vielen Geschichten und Anekdoten, in denen viel Alkohol, Kokain, Speed und Tinnitus vorkommen, geschrottete Autos, angerissene Stimmbänder, mindestens ein Hörsturz und eine Menge sehr unvernünftiger Sprünge von Balkonen und Dächern in die Menge. Und so wurde der Beweis angetreten, dass das Prinzip Selbstzerstörung auch zu großem Erfolg führen kann. Zu so großem Erfolg, dass ein CDU-Generalsekretär nach einem Bundestagswahlsieg dann „Tage wie diese“ auflegt und die gesamte Parteispitze dazu dermaßen ungelenk über die Bühne tanzt, dass ein paar Tage später eine gewisse Angela Merkel bei der Band anruft, um sich dafür zu entschuldigen.

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Davon konnte damals, als OPEL-GANG erschien, natürlich noch nicht die Rede sein. Aber das alles, die Massentauglichkeit, ja auch die bisweilen gefährlich kryptische Art zu texten, die zu einer großartigen, aber eben auch riskanten Kraft führt, gesellschaftliche und sogar politische Lager zumindest für ein paar Minuten zusammenzuführen, das alles war schon angelegt auf dem Debütalbum von 1983. Beispiel: Der Titelsong, der sich eigentlich lustig macht über die Jungs, die am liebsten an ihren Opels rumschrauben. Die Ironie ging schnell verloren, „Opel-Gang“ wurde zur Hymne mit Wirgefühl, die Band kaufte sich dann selbst Opels, als sie ein bisschen Geld verdient hatte.

Eine Band wie eine Fußballmannschaft

Es ist nicht der einzige Song auf dem Debüt, der Chöre besaß, die fürs Fußballstadion ebenso taugten wie für den Düsseldorfer Rosenmontagszug, an dem Die Toten Hosen zweimal mit einem eigenen Wagen teilnahmen. Da konnten die Gitarren sich mit dem Schrammeln noch so viel Mühe geben, es konnte dann doch jeder auf Anhieb mitgrölen. Später retteten sie ihren Heimatverein Fortuna Düsseldorf gleich mehrfach vor der Pleite. Und ließen keine Fußballmetapher aus, nicht nur auf AUSWÄRTSSPIEL, ihrem ersten Nummer-eins-Album auswärts (in Österreich).

Denn eigentlich sind die Hosen weniger eine Band, sondern eher eine Fußballmannschaft. Weniger Musiker, eher Kicker. Von der altmodischen Sorte, die noch an elf Freunde glauben. Nicht nur, weil sie selbst gerne gespielt haben – auch wenn sich der Nukleus der Band, Campino und Andi Meurer, einst beim Hockey in der Schule kennengelernt hat. Nicht nur, weil jeder zweite Song auch in einem Stadion funktioniert und Liverpool- und England-Fan Campino mit Jürgen Klopp befreundet ist. Nicht nur, weil die Band Hunderttausende Kilometer um den Erdball und Campino Tausende auf Bühnen an Laufleistung zurückgelegt haben. Nicht nur, weil die Hosen auch in Argentinien groß sind, wo bekanntlich der Fußball das Allergrößte ist.

Sondern vor allem, weil es, wenn sie über Musik reden, nicht so sehr um Kreativität oder Noten geht, die die meisten von ihnen schon aus Überzeugung immer noch nicht lesen können. Sondern weil dann immer Wörter fallen wie „Fitness“ oder „abliefern“, es geht um Energie und das Verletzungsrisiko und darum, alles zu geben, um Disziplin, um „100 Prozent“, eine Vorstellung von Musik als Leistungssport, um „die Fans“, die man nicht enttäuschen will, Formulierungen halt, die man sonst eher nach einem Bundesligaspiel hört. In einer Arte-Doku erzählt Campino, dass er eigentlich in jede Tournee mit dem ängstlichen Gefühl geht, dass sich die Band und vor allem er „besser vorbereiten“ hätte sollen, mehr Training nötig gewesen wäre. Dabei probt die Band vor jeder Tour mehrere Wochen lang. Sogar gleich zwei Monate lang üben Die Toten Hosen 2005 die Akustik-Versionen ihrer Songs für die nur zwei Auftritte, die dann als Livealbum NUR ZU BESUCH: UNPLUGGED IM WIENER BURGTHEATER erscheinen.

Punk als Synthese im Hegel’schen Sinne

Dass die Hosen werden konnten, was sie nun schon eine ganze Weile sind, hat sehr viel mit dieser sehr deutschen Arbeitsauffassung zu tun, aber auch – nennen wir es eine gelungene Synthese im Hegel’schen Sinne – dann doch wieder mit Punk, dessen Offenheit und aggressiver Ablehnung von allem Dogmatischen. Von außen mag es oft so ausgesehen haben, als müssten sich die Hosen verbiegen, als müssten sie über ihren Schatten springen. Dabei waren sie einfach das: Punk. Deshalb konnte die einige Jahre lang geführte Sell-out-Debatte schlussendlich so kratzerlos an den Hosen vorbeigehen. Während sich die ewigen Konkurrenten Die Ärzte mit dem Song „Ist das noch Punkrock?“ ganz explizit an dem Thema abarbeiteten, machten die Hosen sich zwar Gedanken, aber dann einfach weiter – und am Ende steht eine Geschichte, in der Geheimkonzerte in der DDR ebenso auftauchen wie traditionelle Weihnachtskonzerte, das Anti-Nazi-Festival „Rock den Förster“ in Nordwestmecklenburg oder eben Rock am Ring, in der Schlägereien mit Skinheads und Fußball-Hools gleichberechtigt stehen neben Campinos zeitweiser Talkshow-Rolle als gutes Gewissen der Nation, die Punk-Invasion von Helgoland neben einem Abo auf Nummer-eins-Alben.

Diesen Glauben daran, dass Punk ist, wenn man macht, was gerade geht, illustriert ziemlich gut die Geschichte von „Wünsch Dir was“. Der Song wurde geschrieben als Replik auf das berühmte Helmut-Kohl-Zitat von den „blühenden Landschaften“ und unter dem Eindruck der ausländerfeindlichen Verbrechen in den Nachwendejahren, eine ironische Auseinandersetzung mit einer Wiedervereinigung, die zu misslingen schien. Doch dann freuten sich sehr viele Menschen, dass die Toten Hosen endlich mal einen vermeintlich positiven, optimistisch in die Zukunft blickenden Song gemacht hatten und sangen den Refrain begeistert mit: „Es kommt die Zeit, oh-ho, in der das Wünschen wieder hilft.“ Und die Band? Hatte zu dem Zeitpunkt längst gelernt, dass Lieder sind wie Kinder, die man gehen lassen muss, damit sie das Laufen lernen können. „So hab’ ich persönlich das Lied nie gesehen und gemeint“, erinnert sich Campino später in besagter Arte-Doku an das Missverständnis, „aber ich fand den Gedanken gut und hab’ gedacht: Okay, weg mit dem Zynismus.“

Weg mit dem Zynismus

Das ist es wohl. Weg mit dem Zynismus. Das ist zwar nicht cool, aber eben anschlussfähig. Und so zeigten die Hosen mit Songs wie „Sascha … ein aufrechter Deutscher“ oder „Willkommen in Deutschland“ einerseits zwar immer klare Kante gegen Rechts. Andererseits aber konnte einer ihrer Songs halt dann auch auf der Bühne einer Wahlparty der Christlich Demokratischen Union, der Partei von Helmut Kohl, landen. Denn „Tage wie diese“ ist nicht nur das erfolgreichste Lied unter den vielen sehr erfolgreichen Liedern, die die Toten Hosen herausgebracht haben, sondern auch das folgenreichste. Ein Lied, mit dem ein ganzes Land einen WM-Sieg feierte, als es 2014 nach dem Finale durchs Maracanã-Stadion dröhnte. Die Hosen leisteten es sich dann, die Einladung zur Siegesfeier am Brandenburger Tor auszuschlagen. Punk eben.

„Tage wie diese“ war auch das Lied, das einen Kreis schloss. Denn schließlich hatten die Hosen 1987 ihren ersten kommerziellen Erfolg als Die Roten Rosen gefeiert, die berühmte deutsche Schlager von Freddy Quinn bis Tony Marshall zum Punk zerschrammelten. NEVER MIND THE HOSEN – HERE’S DIE ROTEN ROSEN blieb 13 Wochen lang in den deutschen Charts, die von da an immer wieder gestürmt wurden. 31 Jahre später coverte Heino „Tage wie diese“, Helene Fischer spielte das Lied live. Späte Rache der deutschen Schlager-Szene oder freundschaftliche Umarmung?

Da sagte sich mancher: Waren die Hosen eigentlich nicht schon immer Schlager? Vielleicht. Aber anhaben konnte ihnen das schon lange nichts mehr. Genauso wenig wie der Shitstorm, den sich Campino dafür einhandelte, für den deutschen Ableger von Band Aid 30 den Statthalter von Bob Geldof zu spielen. „Do They Know It’s Christmas?“ war auch 2014 noch ein Scheiß-Song, da gab es richtig Haue, aber eben auch eine Menge Geld für einen guten Zweck. Und allen Zynikern, die das kritisierten, gab Campino kräftig Kontra. Denn Zynismus, wir erinnern uns, war vorbei.

Eine Ära geht zu Ende

Heute sind die Zeiten schlimmer, als sie lange waren. Zeiten, in denen die Mächtigen so zynisch agieren wie nie. Zeiten, in denen man Die Toten Hosen dann doch wieder ganz gut gebrauchen kann, weil sich sonst keiner solche Songs traut, die ganz unverstellt Hoffnung geben sollen.

Ja, die Songs werden bleiben. Aber eine Ära geht zu Ende. Vielleicht, weil sie schon viel zu lange dauert. Vielleicht auch vor der Zeit. Noch einmal ein Album, noch einmal auf eine lange Tournee gehen, noch einmal Stadien füllen, noch einmal alte Freunde in Südamerika besuchen, noch einmal Höchstleistungen in der Rock-Champions-League. 2027 könnten sich Die Toten Hosen dann wirklich für immer und ewig verabschieden. Aber jetzt erst mal Luft holen. Und dann noch einmal alle zusammen: Ohohoho! Ehehehe! Uhuhuhu! Oleoleoleola!