Paulas Popwoche: Pornslop

Was Paula Irmschler nach drei Staffeln „Euphoria“ und über Ikkimels Album „Poppstar“ zu sagen hat.

Es ist geschehen: Ich habe nochmal komplett „Euphoria“ geguckt, und zwar weil mich einige Fragen umgetrieben haben. War die Serie wirklich mal gut? War es einer dieser vernebelten Corona-Hypes, auf die man heute etwas beschämt zurückschaut? Ist es wirklich so, dass man auf Supercreep Sam Levinson reingefallen ist und es schon immer eine Shitshow war? Oder war es doch mal genial, aber das war nur ein Versehen?

Tatsächlich fand ich die Serie beim nochmaligen Gucken sogar noch besser als beim ersten Mal. Ich fand sie genial. Das Endprodukt, das da über meinen Fernseher flimmerte, war nahezu perfekt. Egal, ob Zufallstreffer oder nicht, was auch immer hinter den Kulissen los war, wer da was wie wem geklaut hat oder wessen Nepobaby wer ist: Staffel 1 und zu 80 Prozent auch Staffel 2 sind meiner Meinung nach herausragend. Und man kann auch dahinterkommen, wieso das so ist, obwohl der Typ, der die Serie maßgeblich geprägt hat, so ein Lump ist, der für kein gutes Arbeitsklima gesorgt hat, die dumme Serie „The Idol“ mitzuverantworten hat und sich natürlich an der Kunst anderer bedient hat. Genau an Letzterem liegt es nämlich.

„Euphoria“ ist so genial, weil sie, wie fast alles, eben nicht auf dem Mist eines GENIES gewachsen ist, sondern weil ganz viele Leute an einer solchen Serie mitarbeiten. Da haben Leute super gecastet, tolle Klamotten besorgt, irre geschminkt, hammermäßig ausgeleuchtet, wunderbare Bilder erzeugt, fantastische Musik fabriziert, bei der Entwicklung der Geschichten geholfen und vor allem unfassbar geschauspielert.

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Die Zurichtung

Nun mag jeder etwas anderes an der Serie toll gefunden haben. Für mich ist vor allem die Zurichtung, die Mädchen und junge Frauen durch Pornografie und Romantikvorstellungen erleben, selten so zutreffend thematisiert worden, ohne dabei irgendetwas geschont zu zeigen. Fast alles im Leben dieser Mädchen dreht sich darum, sich dem patriarchalen Kapitalismus gefügig zu machen. Es gibt für sie auch keine Zukunft, es geht einzig und allein um den Wert, den sie im Jetzt und Hier haben, und der besteht darin, die „Früchte“ von performter Porno-Sexyness einzufahren. Die Früchte: männliche Blicke, männliche Gewalt, Aufmerksamkeit im Internet, ein bisschen Geld. Deswegen glauben sie auch, sie müssten das gut finden, weil es funktioniert, weil ihnen erzählt wird, dass es sich lohnt, und vor allem weil die Alternativen fehlen.

Die Einzige, die nicht daran teilnimmt beziehungsweise nicht teilnehmen kann, ist die drogensüchtige, depressive Rue, die lesbisch ist und, weil sie am hyperpornosexuellen Treiben nicht teilnehmen kann, zwischendurch auch mal als asexuell gilt. Obwohl sie sehr wohl Lust und Begehren (zum Beispiel gegenüber Jules) verspürt, das aber in dieser Welt, die zu vollgestopft mit Porno und Trauer ist, gar nicht ausleben kann.

Auch sonst gibt es kaum Aussicht auf eine bessere Welt. Rue bekommt nicht die psychische und medizinische Hilfe, die sie braucht, ihre und die Familien der anderen offenbar auch keine soziale. Sie wirken alle total allein gelassen und isoliert. Jeder wurschtelt sich durch, alle agieren ihre Zurichtungen aneinander aus. Im Zuge dessen versucht Rue deshalb auch immer wieder religiös zu werden – um von den Drogen wegzukommen, die ihr zwar helfen, wegen denen ihre Liebsten aber um sie fürchten müssen –, erst auf Anraten ihres Sponsors, dann aber auch immer wieder selbst. Die Gottsuche zieht sich bis in die dritte Staffel, bis ins siebte Euphoriajahr, bis in ihre 20er. Es rettet sie aber auch nicht.

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Immer noch mehr

Dass die dritte Staffel nun so karikaturhaft ist, passt irgendwie auch. Die Verzweiflung wird einem nur noch mehr ins Gesicht geschmiert. Es gibt noch mehr Porno, noch mehr Sexindustrie, noch mehr Opfer, die zu bringen sind, noch mehr Gewalt, noch mehr Bescheuertheiten. Die Gesichter sind noch fratzenmäßiger und bemühter, die Klamotten müssen noch doller zusammengehalten werden, und das funktionale Rumgeficke wird noch infantiler und verkrampfter.

Es ist mir einigermaßen wurst, wie beabsichtigt hier noch irgendetwas ist, denn selten wurde meiner Meinung nach augenscheinlicher dargestellt, was für eine Einbahnstraße diese kapitalistische Form des Sexpositivismus ist und dass Porno sterben muss, damit wir leben können. Keine der Frauen ist glücklich oder auch nur okay, alle sollen aber irgendwie Sexindustrie-Girlbosse sein.

Ikkimels „Poppstar“

Und damit zum neuen Ikkimel-Album „Poppstar“. Ich weiß, dass die meisten Popfans und -kritiker:innen angeblich nicht mehr darüber reden wollen und es dann doch die ganze Zeit tun. Here I am! Aber wenn etwas immer wieder Fragen aufwirft, ist es vielleicht nicht egal, auch wenn ich ein großes Interesse daran hätte, Ikkimel-Alben einfach irgendwelche lustigen Alben sein zu lassen, für Leute, die Spaß daran haben. Doch die Repräsentantinnen von als „sexpositiv“ gelabelter Musik sind längst wirkungsmächtig geworden – Ikkimel tritt zum Beispiel auch für die Partei Die Linke auf. Also kann man niemandem verübeln, da genauer hingucken zu wollen, vor allem wenn anhand von ihr die große Feminismusfrage gestellt wird.

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Die Irritation liegt wahrscheinlich darin, dass Ikkimel eine Frau ist, die die freche Pornosprache benutzt, die die Generation vorher nur von frechen Comedymännern kennt (also außerhalb von Porno). Weil viele immer noch so tun, als sei Porno in einer geheimen schmuddligen Ecke und hätte nicht längst Sprache, Mode, Musik und sowieso Sexualität durchzogen.

Ikkimel tut aber im Grunde etwas ganz Normales: Sie reproduziert genau das, was viel zu viele Menschen längst konsumieren. Eingeschnürter Körper, piepsige Stimme, unterwürfige Blicke und Posen, abgedroschene Abspritzpraktiken, you name it. Also im Ernst, you name it, weil ich hab keinen Bock drauf. Sie macht etwas total Marktkonformes, im Grunde regelrecht Braves, etwas, was Daddy Kapitalismus schon lange honoriert: Spaß haben an dem, was eh mit einem gemacht wird, es mal frech „umdrehen“, als sei diese Umdrehung nicht auch längst Teil der Erzählung. Aber kapitalistische Logik ist so stark und hat so viel durchdrungen, dass wir uns kaum noch eine Welt ohne Porno vorstellen können, sondern maximal einen „spielerischen“, „ironischen“ Umgang damit. Deshalb wirkt es direkt progressiv.

Wer eignet sich hier was von wem an?

Und das wird dann als „reclaimen“ beziehungsweise „aneignen“ bezeichnet. Aber wer eignet sich hier was von wem an? Frauen wurden längst genauso mit Porno vollgeballert wie Männer, von Kindesbeinen an. Sie hängen da mit drin. Es gibt also gar keinen reinen, unpatriarchalen „female gaze“ oder eine reine „weibliche Lust“.

Aneignung scheint hier nur zu heißen, dass alles so weitergeht wie bisher, nur dass man es gut findet und selber macht. Die Gewalt aber, die bleibt im Sex. Der Sex wird nicht befreit von Herrschaft. Sex ist in den Songs von Ikkimel immer noch ein Gegeneinander, ein Machtspiel. Es ist also nicht feministisch, kann es gar nicht sein.

Das muss es natürlich auch nicht. Ikkimel ist eine Künstlerin, die Songs macht, und keine Person, die politische Manifeste schreibt oder Kinder unterrichtet. Aber vormachen muss man sich da trotzdem nichts. Sie hat Spaß und verdient Geld mit der Zurichtung und affirmiert diese Kultur.

Deswegen funktioniert für mich „Euphoria“ als Provokation einfach besser, weil sie mehr durchrüttelt, weil mir aus jedem Frame, sogar in der ungeliebten dritten Staffel, ins Gesicht springt: Das muss aufhören. Das ist albern. Das ist gefährlich. Das ist nicht frei. Vielleicht ein Zufallstreffer für Sam Levinson und seine Leute, aber immerhin einer.

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.