Blue-Dot-Fever: Warum Konzerte nicht mehr ausverkauft sind
Kaytranada spielte statt in der Uber Arena im Tempodrom – ein Symptom des Blue-Dot-Fevers? Warum Fans weniger Tickets kaufen.
Klar, viele Künstler:innen spielen gerne kleine Venues, weil sie so schön „cozy“ sind und Fans sich ihren Held:innen auf engem Raum direkt viel näher fühlen. Doch ein Kaytranada-Konzert, das in einer Arena für 17.000 Menschen angesetzt war, fand jetzt in einer Location statt, in der maximal 4.200 Menschen Platz haben. Das liegt sicherlich nicht allein an den atmosphärischen Vorteilen.
Der montrealer DJ Kaytranada sollte am 4. Juni eigentlich in der Berliner Uber Arena auftreten, war dann jedoch im Tempodrom zu hören. Vielleicht hatte sich der Produzent in seiner Bekanntheit in Deutschland schlicht verschätzt – oder ihn trifft eine Krankheit, die gerade viele Live-Performer:innen zu spüren bekommen: das Blue-Dot-Fever. So nennen Konzertgänger:innen auf TikTok und Co. das Phänomen der nicht ausverkauften Stadien. Auf Plattformen wie Ticketmaster werden freie Plätze als blaue Pünktchen im Kontrast zu den grauen, vergebenen Sitzen angezeigt. Diese blauen Stecknadelköpfe breiten sich gerade weiter aus: Immer mehr Künstler:innen haben Probleme mit zu geringen Ticket-Verkäufen, sodass sich ihre Welttourneen nicht mehr rentieren. Einzelne Konzerte oder ganze Touren werden abgesagt – oder herunterverlegt, wie im Fall von Kaytranada.
Bekannte Namen, leere Reihen
Unter den Infizierten des Blue-Dot-Fevers finden sich auch bekannte Namen wie die Pussycat Dolls, die mehrere ihrer geplanten Auftritte wegen enttäuschender Verkaufszahlen strichen. Erstaunlich viele Künstler:innen kürzten in jüngerer Zeit ihre Live-Shows. Nicht immer waren zu geringe Ticketverkäufe der genannte Grund. Doch in sozialen Medien bemerken Fans häufig, dass Absagen mit erstaunlich hohen Restticketbeständen korrelieren. Dazu gehört Post Malone, der laut eigener Aussage mehr Zeit in seine neue Musik investieren will. Meghan Trainor, die ihre gesamte Nordamerika-Tour zurückzog, wollte mehr Zeit für ihre wachsende Familie haben.
Was tatsächlich hinter abgesagten Tourneen und Konzerten steckt, lässt sich oft schwer beurteilen. Die genannten Gründe der Artists sind letztlich valide. Doch steckt hinter Welttourneen und gebuchten Stadien nicht ein so großer Aufwand, dass andere Prioritäten wie Musikproduktion oder Familienplanung vorher hätten abgewogen werden können?
Warum die Nachfrage sinkt
Eine weitere Blindstelle bleibt: Woran die abnehmende Ticket-Nachfrage liegt. Eine vollständige Selbstüberschätzung so vieler Künstler:innen erscheint eher unwahrscheinlich. Eine mögliche These lautet, dass es nach Corona einen großen Hype um Live-Veranstaltungen gab. Denn während der Pandemie war es lange nicht möglich gewesen, mit anderen Menschen gemeinsam Live-Musik zu erleben. Dieser Trend hat sich mittlerweile wieder normalisiert. Ein weiterer Faktor könnten die kletternden Kosten sein: Fans haben durch steigende Mieten und Lebensmittelpreise am Monatsende weniger Geld übrig, das sie für Kunst und Kultur ausgeben können. Also wird gespart. Gleichzeitig werden Konzerttickets immer teurer, auch durch die angespannte Wirtschaftslage. Aber manche Musik-Fans finden die Preissteigerung unverhältnismäßig, besonders bei großen Künstler:innen.
Keine Lust mehr auf lange Zeit in Online-Warteschlangen und überteuerte Tickets. Ist die kaputte Industrie Schuld an der Ticket-Pandemie? Woran die sinkende Nachfrage auch liegt, die Musiker:innen bekommen es durch blauen Pusteln zu spüren.


