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Die 50 besten Alben des Jahres 2016

von

Ging das echt nur auf diese harte Tour? Ende 2016 haben wir einen Bowie, einen Cohen und einen Prince zu wenig. Und einen Trump zu viel. Wir fühlen uns umstellt von Lügnern, Buhmännern, Schwanzeinkneifern. Deshalb kann unser Jahresrückblick 2016 nicht nur ein Rückblick sein. Er soll vielmehr als Appell gelesen werden, sich zu wehren gegen den ganzen Schwindel. Und wir sind nicht allein: Beyoncé, The Yes Men, Jan Böhmermann, Alicia Keys, Toni Erdmann, Anohni, Maurice Summen und Dr. Dylan helfen uns! Unter anderem.

Eine wichtige Sache bleibt uns jedoch trotz aller Katastrophen erhalten: Unsere alljährliche Liste mit den 50 besten Platten des Jahres. Enjoy!

Platz 50: Kendrick Lamar – UNTITLED UNMASTERED

Interscope/Universal (11.3.)
Der Vorjahressieger hat es dieses Jahr knapp auf die Liste geschafft, allerdings mit einem Album, das mehr ein Making‑of von TO PIMP A BUTTERFLY darstellt als einen „richtigen“ Nachfolger. Der rohe, naturtrübe Sound sorgt dafür, dass die acht tief im Jazz verwurzelten Stücke von UNTITLED UNMASTERED noch radikaler klingen als das Album, für das sie einst vorgesehen waren. Lamar war bei den Sessions so gut in Form, dass selbst seine B‑Ware aufwühlender, relevanter und auch erfolgreicher ist als das beste Material anderer Rapper. Ivo Ligeti

Platz 49: JaKönigJa – EMANZIPATION IM WALD

Buback/Indigo (29.7.)
Das Land stinkt nach Dung und Perspektivlosigkeit am weiten Horizont – und ist doch urbaner Sehnsuchtsmagnet. Wie schön, dass die nun tatsächlich „ins Grüne“ hinausgentrifizierte Hamburger Familienkreis-Kapelle den Platz zwischen diesen Stereotypen mit frischen Fantasien füllt. Klar ist dieses Unterholz, durch das wir da mit Sängerin Ebba als staunendem Getier krabbeln, metaphorisch aufgeladen. Die fein swingenden, breit instrumentierten Stücke haben was von Theater. Aber Scheinwerfer gibt es nicht, und Applaus mag diese Musik nicht leiden. Oliver Götz

Platz 48: Danny Brown – ATROCITY EXHIBITION

Warp/Rough Trade (30.9.)
Nicht nur stimmlich ist der 35-Jährige die exzentrischere Version des ohnehin alles andere als unaufdringlichen, nur sechs Jahre älteren André 3000. Während seine geistigen Vorreiter Outkast seit Jahren lahmen, dehnt der hysterische Detroiter das Genre HipHop aus, teilweise bis es reißt. Das nach einem Stück von Joy Division benannte vierte Album des im Vergleich zur Raserei seiner eklektischen Musik grotesk alltäglich benamsten Rappers ist nur ein weiterer Höhepunkt in seinem Schaffen. Da kann Busta Rhymes in seinem Schaukelstuhl sitzen bleiben. Stephan Rehm

Platz 47: Anderson .Paak – MALIBU

Steelwool/Membran/Sony (15.1.)
Das Naturgesetz, gemäß dem jedem von Dr. Dre entdeckten Künstler eine rosige Zukunft bevorsteht, scheint sich wieder zu bestätigen: War Anderson .Paak letztes Jahr noch auf dem Album seines Mentors zu hören, bringt er jetzt selbst eine der besten Soulplatten des Jahres raus. Musikalisch ist MALIBU mit seinen üppigen Bläserarrangements ein gut gelaunter Gegenentwurf zum scheuen Sound von Frank Ocean, inhaltlich rekapituliert .Paak seine nicht immer leichte Kindheit. Ein Nachfolgealbum ließ nicht lange auf sich warten: NXWORRIES erschien im Oktober. Ivo Ligeti

Platz 46: Klaus Johann Grobe – SPAGAT DER LIEBE

Cargo (6.5.)
In der blumigen Fantasiewelt des Schweizer Duos mit dem irren Namen ist „retro“ kein Schimpfwort, sondern eine Einladung zum Abheben. Ihr zweites Album ist ein Trip an einen ulkigen Ort namens Imagination. Die einwandfreien 60s-Grooves (funky Krautrock, Farfisa-Orgel, Schmuse-Disco) folgen nie nur dem Wunsch nach Eskapismus, sondern dem Fabulierungswillen der Macher. Es pulsiert in dieser Musik, es leiert und es zirpt. Dazu diese schrulligen Dada-Texte, die „Lust am Frust“ und „schöne Schnitzel“ besingen. Annett Scheffel

Platz 45: Warpaint – HEADS UP

Rough Trade/Beggars/Indigo (23.9.)
Ja, ist das jetzt Disco? Die Frage, die die dritte Platte der Artrock-Band umgab, war wunderbarer Quatsch: Die Single „New Song“ war eher Ablenkungsmanöver – vielleicht eine Antithese, um dann besser auf den Punkt zu kommen. Denn wie immer spielen die vier smarte Gitarren-Slowjams: entschleunigt, assoziationsreich. Nichts steht im Vordergrund, alles zerfließt zwischen verwegenen Rhythmusspuren, Elektronikwabern und verhallten Gitarren im weiten Raum der Möglichkeiten. Warpaint, die Kriegerinnen der testosteronfreien Zwischentöne! Annett Scheffel

Platz 44: Róisín Murphy – TAKE HER UP TO MONTO

PIAS/Rough Trade (8.7.)
Acht Jahre lang war die Pause zwischen dem gescheiterten Charts-Eroberungsfeldzug OVERPOWERED und ihrem 2015er Comeback HAIRLESS TOYS. Für das hatten Róisín Murphy und Eddie Stevens allerdings so viel hervorragende Musik aufgenommen, dass sie gleich noch dieses Album nachschieben konnten. Keine Ahnung, ob die Mehrheit in dieser Künstlerin nur eine ins Extravagante abgerutschte 90s-Dancemaus sieht. Aber für ein so großartiges, den Pop abstrahierendes und gleichzeitig voll auslebendes Werk würde man anderen Sänften zimmern. Liegt es an dieser Gleichzeitigkeit, zu viel Persönlichkeit und Witz – oder woran?! Oliver Götz

Platz 43: Hinds – LEAVE ME ALONE

Lucky Number/Rough Trade (8.1.)
Indierock ist tot, klar, aber ein bisschen Leben steckt noch drin. Die Mädchen von Hinds aus Madrid, ehemals Deers,  nach Namensstreitigkeiten nun aber auf die weibliche Seite des Hirsches gewechselt, steuern einen beachtlichen Beitrag zum Fortbestehen dieses bedrohten Genres bei. Schrammelten sie sich im vergangenen Jahr noch mehr schlecht als recht durch die Clubs europäischer Hauptstädte, darf man ihnen heute attestieren: Ihr habt euch ganz schön weiterentwickelt! Und euer quirliges Debüt macht mit euren neuen Bühnenskills noch mehr Spaß. Jördis Hagemeier

Platz 42: Wild Beasts – BOY KING

Domino/GoodToGo (5.8.)
Verstörend war die Pose, die Hayden Thorpe in Text und Video zu „Get My Bang“ auspackte: Der Mann als Tier, sein Verlangen ungestillt. Fletscht, heult, wimmert. So weit zum Klischee wie zum Kern der maskulinen Sache – ehedem das Hauptthema dieser Selbstzerfleischungsspezialisten. Doch so eindeutig wie auf ihrem fünften Album waren sie noch nie, auch musikalisch: BOY KING ist Elektrofunkrock nahe an Nine Inch Nails. Alles Filigrane abgeschlagen. Ein konsequentes Konzeptalbum. Wobei „Alpha Female“ aber auch ebenso deutlich macht, was die Beasts denken. Oliver Götz

Platz 41: Beginner – ADVANCED CHEMISTRY

Vertigo/Universal (26.8.)
Die Verweildauer von Deutschrap in den Charts beläuft sich heute auf etwa zwei Wochen: eine an der Spitze, die zweite im unteren Mittelfeld. Die große Ausnahme stellte in diesem Jahr das größtmögliche Comeback im Genre dar. Drei Monate hielt es die erste Platte der Veteranen von der Reeperbahn in den Top 40 aus. Die Single „Ahnma“ befindet sich seit Juni in den Top 60. Mit Eleganz und Leidenschaft war den Beginnern das Kunststück gelungen, an dem fast jeder Vintage-Act scheitert: ihrem Sound treu zu bleiben und ihn dennoch zu modernisieren. Stephan Rehm

 

Platz 40: The Lemon Twigs – DO HOLLYWOOD

4AD/Beggars/Indigo (14.10.)
In manchen Momenten auf dieser Platte  kann man sich nicht vorstellen, dass The Lemon Twigs eine heutige Band sind. Da stellt man sich vor, wie die 1975 bei „Top Of The Pops“ auftreten, zum Beispiel nach Sailor. Aber seien Sie beruhigt: Die 70er-Jahre sind hier häufig Stichwortgeber, aber nicht die Dominante. Die ist der eklektische Arbeitsansatz der blutjungen Brüder Brian und Mike D’Addario. Ähnlich wie MGMT oder Foxygen denken sie beim Songwriting nicht nur um Ecken, sondern sie denken die Ecken einfach weg. Bisweilen krude, dabei stets hochinteressant. Jochen Overbeck

Platz 39: D. D. Dumbo – UTOPIA DEFEATED

4AD/Beggars/Indigo (11.11.)
Nach Gotye noch ein australischer Lap-Popper mit Sting-Stimme? Im direkten Vergleich steht Oliver Perry eher in der Tradition von Yeasayer und so in der eines mit afrikanischer Musik experimentierenden Paul Simon. In seinem Heimatkaff versuchte er über drei Jahre, seine Vision von 80s-Pop mit surrealistischen Zwischentönen und exotischen Rhythmen und Instrumenten – dem Sound derer, die er nicht auftreiben konnte, näherte er sich mit Effektgeräten an – auf Platte zu bannen. Mit dem Ergebnis ist der Perfektionist natürlich nicht ganz zufrieden. Wir schon. Stephan Rehm

Platz 38: Kaytranada – 99,9%

XL/Beggars/Indigo (6.5.)
Aus den Tiefen des Internets kam dieses Soundcloud-Wunderkind 2016 in unser nach Schweiß und Alltag müffelndes Leben. Zu den schwirrenden Future-Beats konnte man leicht durch den Tag driften. Kaytranada gleitet so ausgefeilt von House hinüber zu HipHop, von 80s-Funk zu Synthie-Soul, dass die Produktionen zu schweben scheinen. Es gibt ein wunderbar schummriges „Glowed Up“ mit Anderson .Paak und einen spirituellen Jazz-Ausflug mit BadBadNotGood („Weight Off“). Und immer klopft die Kickdrum ganz dicht und warm am Ohr. Annett Scheffel

Platz 37: Roosevelt – ROOSEVELT

City Slang/Universal (19.8.)
Wenn man sich für eine Sache viel Zeit nimmt, wird sie am Ende richtig scheiße oder richtig gut. Marius Lauber zum Beispiel ließ nach seiner EP  „Elliot“ 2013 nicht mehr allzu viel von sich hören, tourte dagegen viel, nahm sich für sein Debütalbum sehr viel Zeit, und das ist am Ende: genau, richtig gut geworden. Mit viel Hall in der zierlichen Stimme schwummert Lauber sich darauf sanft durch die Elektronik seiner Tracks, die melodisch so eingängig sind, dass es als Kompliment verstanden werden sollte, wenn man dem Sound Simplizitätspop unterstellt. Jördis Hagemeier

Platz 36: Wild Nothing – Life Of Pause

Bella Union/[PIAS]/Coop/Rough Trade (19.2.)
Jack Tatum hat sich vom Dreampop verabschiedet, und dieser Abschied tut gut: der Hörerschaft, die nach zwei Schluffisound-Alben endlich mal was Frisches konsumieren darf, und sicher auch Tatum selbst, dessen Musik plötzlich ganz lebendig wirkt. Obwohl das Verträumte, Sphärische nicht verschwunden ist, kann man LIFE OF PAUSE als drastische Popmusik bezeichnen. Die Gitarren sind dringlicher, die Melodien entschlossener, Tatum ist hochmotiviert, begeistert, alles andere als eingeschlafen oder trantütig. Jördis Hagemeier

Platz 35: Voodoo Jürgens – ANSA WOAR

Lotterlabel/Broken Silence (30.9.)
Der Erfolg von Bilderbuch und Wanda leuchtet die österreichischen Randgebiete aus: Eine Platte wie diese wäre noch vor zwei Jahren achselzuckend durchgewinkt worden. Dabei funktioniert ANSA WOAR („Einserware“) auch jenseits des Hypes. Voodoo Jürgens, bürgerlich: David Öllerer, mag Erinnerungen an das Wienerlied, an Qualtinger, vielleicht auch an Ambros und Hirsch wachrufen. Seine süffigen Geschichten aus einem Lebensraum zwischen Rinnstein, Kneipe und Gefängniszelle sind aber auch ein Geschenk für all die, die sonst Tom Waits hören. Jochen Overbeck

Platz 34: Metronomy – SUMMER 08

Because/Warner (1.7.)
Auch auf dem fünften Metronomy-Album, wieder mehr Richtung Track und Club gebaut (Signaltitel der ersten Single: „Old Skool“), scheint jedes Geräusch auf ein anderes sexy pophistorisches Geräusch zu verweisen. Doch so clever Joe Mount klaubt und baut und arrangiert, so verschossen ist er auch in den Pop als Gefühlsträger. Der forsche, Kuhglocken schlagende, bissl frivole und ironische Hedonistenposen-Joe übergibt auf dieser NIGHTS OUT-Erinnerungsplatte immer wieder fliegend an sein romantisches, gar sentimentales Selbst. Oliver Götz

Platz 33: Moderat – III

Monkeytown/Rough Trade (1.4.)
Die Supergroup aus Berlin ist genau das, was man sich 2016 unter dem perfekten Hybriden aus Techno und Band vorstellt. Die Tracks: durch und durch elektronisch. Pure Tanzmusik, die in kaum einem Hauptstadtclub groß aus der Reihe purzeln würde. Strömt dann der poppige Gesang hinzu, wird es aber plötzlich so viel mehr. Moderat machen Alarm mit Understatement. Ihr drittes Album wirkt unscheinbar und doch leidenschaftlich zugleich, sodass man sich gar nicht recht entscheiden kann, ob man das Trio für seine offensichtliche Techno-Bescheidenheit oder seine heimliche Pop-Hingabe bewundern soll. Jördis Hagemeier

Platz 32: Xenia Rubinos – BLACK TERRY CAT

Anti/Indigo (3.6.)
Eine der Überraschungen, die dieses Jahr für uns bereithielt: Das zweite Album der Afro-Latina ist einer dieser Fälle, in denen sehr viel groovy Geschmeidigkeit mit sehr viel freier Schnauze zusammengehen. Tief bohrt sie mit dem lyrischen Finger in den eigenen und den amerikanische Identitätsschichten: Sie zitiert zwischen HipHop, Punk-Funk und Jazz die Aktivistin Abbey Lincoln, durchleuchtet die Klassengesellschaft und stellt viele laute Fragen („How do you spell ‚angry brown girl?‘“). Dabei klingt sie immer funky, hellwach, wendig – und sehr, sehr ehrlich. Annett Scheffel

Platz 31: Andy Stott – TOO MANY VOICES

Modern Love/Rough Trade (22.4.)
Einen Track auf seinem fünften Album hat Andy Stott „New Romantic“ genannt. Doch mit dem neuen Romantizismus in der elektronischen Musik hat TOO MANY VOICES nichts zu tun. Der Produzent aus Manchester bewegt sich weiter im Koordinatensystem Dub-Techno, Avantgarde und Experiment. Stott filetiert die Bestandteile der zeitgenössischen elektronischen Musik mit dem Skalpell; wenn die Tracks zu normal zu werden drohen, verfremdet und zerschneidet er sie, lässt sie leiern, verzögern und beschleunigen. Es bleibt: der mächtige Bass. Albert Koch

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