Kolumne

Stop the count: Der schlimmste Song 2026 ist da!

„Hört mal zu, ihr Gender Jünger / ich geb' euch einen Rat“ ... Linus Volkmann kürt begeistert das schrecklichste Stück des Jahres. Gegen diese Kolumne kann euch niemand mehr helfen.

Uhrenvergleich! Wir befinden uns im Juni, die Mitte des Jahres ist fast erreicht. Das heißt, bald tanze ich schon wieder nackt im Wald zu hypnotischen Trommeln rund um das Feuer der Sonnenwendfeier. Natürlich läuft das Jahr danach weiter, doch auch wenn 2026 sicher noch einige (Gift-)Pfeile im Köcher haben dürfte, kann eines schon jetzt konstatiert werden: Das Rennen um den allerschlimmsten Song ist für dieses Jahr gelaufen.

Alle weitere Einsendungen erübrigen sich, wir haben Gold (lies: unbesiegbaren Super-Stuhl) gehoben, beugt euch vor dem King. Mike Krüger hat uns „Die Gender Jünger“ geschenkt. Wie hat er das bloß geschafft? Ich habe versucht dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

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17 Dinge, die es für den schlimmsten Song des Jahres braucht

01 Ein schreckliches Thema
Will man mit Musik so richtig nerven, spielt natürlich die Themenwahl eine große Rolle. Denn unter Oberbegriffen wie Spaghetti-Eis oder Welpenstreichelgehege dürfte es schwer sein, hässlichste Feelings aufzukochen. Aber keine Sorge, daran hat das Stück gedacht – und was könnte 2026 ätzender sein als dieses rituelle Gelaber über‘s Gendern? Einfach nichts! Das weiß ich so genau, denn ich gendere zum Beispiel bei Podcast-Aufnahmen in der gesprochenen Sprache. Sorry an alle, die jetzt gerade vor Entsetzen ihr Getränk aufs Endgerät geprustet haben. Regelmäßig schreiben mir empörte Hörer:innen, wie schrecklich sie das finden und im Zuge dessen auch mich, mein Werk und meine gesamte Ahnenreihe. Doch es kommt noch schlimmer: Auch in der Heftform des Musikexpress kann gegendert werden seit den 2020er-Jahren. Manche Autor:innen nutzen das, manche nicht. Es besteht kein Zwang. Das hier ist immer noch ein freies Land – zumindest bis es Wagenknecht und die AfD dann endlich an Putin übergeben haben. Seit jener Genderoption im Musikexpress jedenfalls muss die Person, die unsere Leser:innenbriefe vorsortiert, sehr viel weinen. Denn wie oft geht es nicht um Musik, sondern einfach immer nur um dieses Thema beim Feedback?

„Ist doch egal, Hauptsache traffic!“, würde der tapfere Microsoft-Assistent Karl Klammer (R.i.P.) sagen, aber dass der bloße Wunsch nach einer Sichtbarmachung der weiblichen Form in der Sprache so unfassbar viel Hass auslöst, kann einen in dunklen Stunden schon mal runterziehen.

02 Stochern hinter dem Ablaufdatum
Außer der eigene Haushalt ist noch an löchriges ISDN angeschlossen, kann man sich sicher auf Folgendes einigen: Der Novelty-Aspekt des Themas Gendern ist seit etlichen Jahren komplett durch. Fantastische Idee also, das unbedingt jetzt trotzdem NOCH MAL aufzubröseln zu wollen. Hat etwas davon, in einem verschimmelten Joghurt nach einem Bissen zu stochern, der noch nicht grün, haarig und suppend ist.

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03 Auch die Optik darf natürlich nicht stimmen
Warum erscheint dieser Song eigentlich nicht auf einer echten Vinyl-Single, sondern nur im Streaming? Das gibt auf jeden Fall einen Minuspunkt in der Hundehütte der Fortschrittsfeinde! Aber auch digital kann man sich noch erschrecken, wenn einen der freche Boomerhabicht von seinem Cover anstrahlt.

04 Keine Zeit verlieren
Sorry, aber du hast im Sangeswettstreit um den schlimmsten Song des Jahres nichts verloren, wenn dein Stück nicht schon mit der ersten Zeile jeden Zweifel an Zurechnungsfähigkeit ausräumt. „Gender Jünger“ löst das vorbildlich und eröffnet mit den Worten, die die Einleitung für jede Querulanten-Fan-Fiction gegen irgendeine Errungenschaft der letzten 500 Jahre sein könnte: „Ich sitze vor dem Radio und hör’n Kommentar“.

Klar, du sitzt vor einem Radiogerät und schreibst darauf empörte Post mit deinem angenagten Sparkassen-Kuli. Let’s get you back to bed, grandpa.

05 Jeder einzelne Witz muss scheitern
„Plötzlich heißt es nicht mehr Hosenträger, sondern Hosenträger*in“ – wer bei diesem Stück schmunzeln kann, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie irgendwann sogar von Mario Barth mitleidig angeschaut wird.

06 Musik als Last
Tolle Idee auch, die Musik von einer Gratis-Musik-KI-App machen zu lassen. Der Prompt dürfte gewesen sein: „Bitte erstelle einen storchigen Country-Song, der so klingt, wie Friedrich Merz aussieht“.

07 Humor als Strafe
In dem Podcast „Die Supernasen“, den Mike Krüger mit Thomas Gottschalk bis Ende letzten Jahres unterhielt, erzählt ersterer folgenden Witz: „Zu welchem Arzt geht Pinocchio? Zum Holz-Nasen-Ohren-Arzt“. Die peinliche Stille danach zeigte, das war jetzt selbst Thomas Gottschalk unangenehm. Noch mal langsam: Das war selbst Thomas Gottschalk unangenehm.

08 Jeder Reim muss sich anfühlen, als hätte ihn der Familienhund Seppel getextet
„Viele große deutsche Dichter, die dreh’n sich gerad im Grab / Und auch in unsern Nachbarländern lachen sie sich gerade schlapp“.

Ich muss gestehen, ich bin kein Nekrowissenschaftler oder Experte für prominente Totenruhe, aber ich glaube ja eher, die hier bemühten Dichter würden im Jenseits mit den Augen rollen, wenn sie die unverhältnismäßige Anzahl von Füllwörtern wie „gerade“ sähen, die hier Lücken in der Metrik stopfen sollen. Und wenn wir schon dabei sind: Goethe hätte geschossen bei unreimen Reimen wie Grab auf schlapp.

COVER Mike Krüger, Der Nippel
(Single-Cover 1980)

09 Müll muss reifen
Liest man den Text zu „Der Nippel“ (1980) von Mike Krüger durch, spürt man hier schon die zarte Knospe einer Ablehnung der Moderne. Über die Jahrzehnte von ihm gepflegt konnte sie nun zu der kapitalen Stinkfrucht reifen, die wir heute genießen dürfen.

10 Müll will wachsen
Für die Fortsetzung dieses Generationen-Hits empfehle ich als Texter den „BILD“-Kolumnisten Harald Martenstein, der die tiefe Lücke des letztes Jahr verstorbenen Franz Josef Wagner heute mit frischem Irrsinn füllt. Sein jüngster Text zum Thema Sprachwandel „Hallo, ihr Digger!“ erweist ihn auf jeden Fall als würdig.

11 Das Pippi muss hochstehen
Und noch mal der Podcast „Die Supernasen“. Auch hier ist das Thema Wut auf die Jugend (also alle unter 70) fest verankert. „Ich bekomme Pippi in den Augen“ wird dort zum Beispiel abfällig geframed als „wie die jungen Leute heute sagen“.

Ja, so kennen wir die Kids, wenn sie mit ihren Gamaschen, ihren Gehröcken zum örtlichen Walkmanhändler gehen, finden sie immer noch Zeit, zwischen zwei Hits Lachgas davon zu erzählen, wie sie „Pippi in den Augen haben“, weil mal wieder Reli ausgefallen ist.

12 Mit allem souverän an der Zielgruppe vorbei
Okay, noch mal dieser Podcast, weil es so schön war: Der wurde eingestellt, angeblich weil die beiden Protagonisten immer wieder falsch verstanden wurden. Blickt man allerdings auf die Zugriffszahlen, könnte man auch dem Eindruck erliegen, dass das Projekt überhaupt nicht „am Markt angekommen“ ist. Tja, statt so verdächtig Gegenwärtiges wie einen Podcast zu bemühen, hätte vielleicht ein Kettenbrief („Wenn sie diesen Brief nicht an zehn Leute weiterschicken, dann wird Satan sie vom Antlitz der Erde tilgen“) oder Höhlenmalerei der Zielgruppe besser entsprochen.

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13 Irrelevanz ist Pflicht
Die bestgeklickte Episode von „Die Supernasen – der Podcast“ war die Allererste. Auf Spotify hat allerdings selbst diese nur drei Kommentare von Hörenden erzeugt. Einer davon war das Kotz-Emoji, ein anderer lautete „Bitte grüßt mich!“ Die restlichen (also einer) klang aber ganz positiv.

14 Grammatik sollte ebenfalls dein Feind sein
Im letzten Punkt hier findet sich das Gerundium verwendet. Gesehen? Es war von „die Hörenden“ die Rede. Das ist eine Möglichkeit, ohne Doppelpunkt oder Sternchen zu gendern. Auch daran hat der Song gedacht. Denn auch das gilt in der Lex Krüger offensichtlich als Schande und Krankheit. Im Songtext vertreten durch die Begriffe: Demonstrierende (sounds legit to me) beziehungsweise Apothekende. Letzteres ist natürlich kein Gerundium, sondern ein Scherz. Nun, wer von uns lacht nicht gern mal!

15 Ganz wichtig: Bitte bitterer Beigeschmack
Der schlimmste Spaß-Song des Jahres muss natürlich selbst überhaupt keinen Spaß verstehen und am Ende bitterer Ernst sein. Nicht auszudenken daher, wenn „Die Gender Jünger“ nur ein launiger Rentner-Gag wären, der mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Diese Sorge löst zum Glück ein anderer neuer Song von Mike Krüger in toxischem Speichel auf: „Wählt die EWP“ (keine 5000 Aufrufe auf seinem eigenen YouTube-Kanal). Dort postuliert er eine eigene Protestpartei, die unter anderem in Aussicht stellt „Man darf auch weiter Autos mit Vergaser fahren / Und wer gendert bekommt keinen Schulabschluss“. Na, also! Hier wird klar, es geht am Ende um Genderverbote und irgendwelche anderen hot topics, aus der Brainstorm-Session der AfD. Und sorry wegen der ganzen Anglizismen hier, Mike. Brainstorm heißt in dem Fall soviel wie Gehirnschlag. Nichts zu danken.

16 Diese Musik hören heißt sterben lernen
Mein persönlicher Take hinsichtlich dieses Auffahrunfallsongs ist übrigens folgender: Das Problem stellt ganz am Ende gar nicht das Gendern dar, sondern dass einem der verdammte Tod im Nacken sitzt und dass all die Veränderungen in der Welt ein Zeichen für die vergangene Zeit markieren. Gäbe es keine Veränderungen, bliebe alles beim Alten („weiter so wie immer“), dann wäre man immer noch jung und würde im Falle von Krüger bei Dieter „Thomas“ Heck in der ZDF-Hitparade mit bemühten Gag-Songs die Hitlisten knapp streifen. Stattdessen aber Gebrechlichkeit, Bedeutungsverlust und Tod. Hand aufs Herz: Wer wäre da nicht auch sauer aufs Gendern?!

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(Single-Cover 1984)

17 Keine Chance auf die Charts
Wer über die „Gender Jünger“ auf den Geschmack gekommen ist hinsichtlich der schlimmsten Songs von Mike Krüger, dem oder der sei eine Rubrik in dem abgewickelten Podcast „Die Supernasen“ nahegelegt. In ihr versuchte unser Protagonist alte Rohrkrepierer-Stücke von sich selbst noch mal ins Rennen zu werfen. Krüger nannte diese Rubrik: „Songs, die es nicht in die Charts schafften“. In der letzten Folge wundert sich Thomas Gottschalk, als er diesen Titel hörte und meinte, er hätte immer gedacht, die Rubrik hätte geheißen „Songs, die keiner hören wollte“. Wo er recht hat …

Linus Volkmann schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.