Kolumne

Linus Volkmanns Kolumne: Sommer, Sonne, Untergang – rettet die Indie-Festivals!

kleinere Festivals stehen in dieser Saison vor dem Kollaps. Kosten, Ticketmisere, Wolfram Weimer, gekürzte Förderungen und einiges mehr. Ist das das Ende der Indie-Community, wie wir sie kennen?

„Wie leider viele liebevoll kuratierte kleine und mittelgroße Festivals steht auch das OBS derzeit vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Abgesehen von der schleichenden Geldentwertung sind in den vergangenen Jahren nahezu alle Kosten rund um die Festivalproduktion stark gestiegen. In fast allen Bereichen kalkulieren wir inzwischen mit bis zu 30 % höheren Ausgaben als noch 2022.“
(Orange Blossom Festival, in einem Blogpost 2026)

„Während wir am Zeitplan feilen und den Aufbau vorbereiten, wird uns einmal mehr klar: Die Zeiten haben sich verändert, das Festival und unsere Arbeit daran müssen es auch. 2027 wird das Immergut Festival anders aussehen.“
(Immergut Festival via Instagram, am 2. Mai)

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Die jährliche Einmaligkeit von Festivals verwischt oft die Probleme hinter den Kulissen. Sieht man als Fan, dass das Großprojekt im Sommer dann doch irgendwie noch über die Bühne geschoben wurde, verlässt es mitunter auch schon wieder das Blickfeld. Nur befinden wir uns in einem Jahrzehnt, in dem man nicht mehr einfach davon auszugehen kann, dass es für alle Open Airs am Ende doch immer wieder gutgehen wird. Dieses Jahr findet beispielsweise das Maifeld Derby nicht mehr statt, es musste nach 15 Jahren aufgeben. Die Lage ist ernst – die Gründe dafür sind vielfältig. Ich habe sie hier mal gesammelt, damit wir alle auf der gleichen Seite sind.

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Foto: Linus Volkmann

In Schwierigkeiten

Knapp kalkuliert
Viele Veranstaltung, die nicht auf Venture Kapital sondern Herzblut fußen, besitzen keine großen Gewinnspannen, erwirtschaften jedes Jahr mühsam das, was es für die berüchtigte „schwarze Null“ benötigt. Das heißt, es gibt im Hintergrund selten Reserven.

Die verdammten Kosten
Rembert Stiewe vom Orange Blossom Festival hat es uns hier ja bereits eingangs mitgegeben, aber hätte er gar nicht müssen. Denn den aktuellen Teuerungsflashmob spürt ohnehin jede:r. Tafel Schokolade kostet mittlerweile zwei Euro? Danke Merkel! Okay, wenn es nur das wäre, dann könnten Bands an der Autobahnraststätte Würfelzucker im Restaurant klauen, statt sich Snickers zu kaufen. Aber die stark gestiegenen Preise für beispielsweise Logistik und Kraftstoff kommen natürlich direkt bei den Festivals an.

Die Verzagheit
Der Vorverkauf ist die letzten Jahre nicht nur immer wichtiger geworden für Acts, er entscheidet längst schon über die Durchführung von Events. Aus vielen nachvollziehbaren Gründen ist die Motivation nun aber bei vielen Besucher:innen spürbar gesunken, sich lange vorher mit einem Ticketkauf auf ein Festival zu committen. Die fehlende Planungssicherheit durch weniger im Vorfeld abgesetzte Karten geht den Macher:innen von Open Airs dieser Tage besonders an die Substanz. Denn auch wenn gesellschaftliche und ökonomische Umstände hier eine große Rolle spielen, bezieht man fehlende Besuchszusagen natürlich immer auch auf sich persönlich.

Polykrisen
Wenn man 2026 die Nachrichtenportale abgrast, will man danach keine Festivaltickets kaufen, sondern lieber einen Bunker bauen und Prepper werden.

Die Konkurrenz, die Konkurrenz
Die großen Veranstalter schließen immer öfter Exklusivverträge ab mit Künstler:innen. Das bedeutet, dass ein Act, der für eines der Big Player Events gebucht wird, Monate danach und davor in einem Umkreis von hunderten Kilometern nicht auftreten darf. Das fungiert unter dem martialischen Terminus „Gebietsschutz“. Viele Bands werden so für kleinere Events im Sommer „unbookbar“.

Und noch mehr Konkurrenz
Ein bezeichnender Satz für das Outdoor-Livegeschäft 2026 ist folgender: „The stadium acts eat the festivals‘ lunch“. Stadionkonzerte nehmen Festivals die Butter vom Brot, so würde ich das mit meinem begrenztem Wortschatz mal übersetzen. Mega-Events (wie Taylor Swift oder zuletzt auch Oasis) verlangen den Fans so viel Budget ab, dass bei Musikfans für kleine und mittlere Festivals deutlich Geld zur Verfügung steht.

Die Sache mit den Förderungen
Das Orange Blossom legte in seinem Post offen, dass es zuletzt mehr Mittel durch eine Bundesförderung besaß, die 2026 nicht mehr gewährt wurden. Natürlich sind liebevoll kuratierte Festivals förderwürdig, gerade auch weil sie nicht einfach nur Kultur als Kommerz anbieten. Doch der aktuelle Kulturstaatsminister Wolfram Weimer steht für einen konservativen Kulturkampf, zudem versucht die AfD-Fraktion im Bundestag gerade beim Thema Förderungen mit unzähligen „kleinen Anfragen“ alle möglichen alternativen Projekte zu diskreditieren, zu skandalisieren. Wie finster es mittlerweile um Kultur und Gemeinschaft steht, kann man zum Beispiel an folgendem Beispiel herauslesen: Im Jahr 2022 hatte die Rapperin Ikkimel eine Projektförderung von der Initiative Musik erhalten – daraus konnte heute die AfD-Bundestagsabgeordnete Carolin Bachmann für ihre Klientel, den rechten Internet-Mob und darüber hinaus einen Social-Media-Skandal stricken. Sowas bleibt in der Ballung nicht ohne Folgen für die Förderkultur in Deutschland.

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Wenn die AfD an die Macht kommt, darf man sich schon auf Marschmusik freuen oder zumindest das Ende von Popkulturförderung. Was für eine trostlose Aussicht.

Die Sache mit den Förderungen II
Die Journalistin Saskia Timm legt in einem Artikel zum Thema die Zahlen auf den Tisch: „2025 wurden laut der LiveMusikKommission 575 Anträge bei dem Förderfonds für Festivals gestellt, mit einem Anteil von 94 Prozent von kleineren Festivals mit weniger als 15.000 Gästen. Lediglich 127 davon wurden genehmigt.“

Und nun die Wettervorhersage
So, endlich mal ein Punkt, der einen nicht komplett zur Verzweiflung treibt. Wetter gab es immer – und stellt immer einen Faktor für Outdoor-Events dar. Da die Wetter-Prognose für die aktuelle Woche so mies ist, führe ich es hier auch mal auf. Und vor allem auch um das Meme abzubilden, dass meine Kollegin Vicky Hytrek gebastelt hat:

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Meme: Vicky Hytrek

too toll to die!

Je weiter man scrollt, umso mehr Doom kommt einem zu Gesicht. Hier in dieser Kolumne soll es das jetzt aber gewesen sein. Es folgt viel eher ein Reminder, warum es Indie-Festivals weiterhin braucht, warum sie so liebens- und schützenswert sind.

Chancen
Nirgendwo kommt man so leicht mit Musik von Bands in Berührung, die man höchstens mal übers Hörensagen wahrgenommen hat oder noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Stets lodert auf dem Acker also die hinreißende Möglichkeit, sich in einen neuen Act Schock zu verlieben (schreibt man das so? Na, ihr wisst, was ich meine).

Austausch
Es spielt sich aber längst nicht alles bloß auf den Bühnen ab. Auf Indie-Festivals sind grundsätzlich erstmal alle deine friends (so sehe ich das jedenfalls) und es ist einfach nicht zu verhindern, dass man hier immer wieder Leute über die gemeinsame Leidenschaft Musik kennenlernt. Alle einsammeln, adden und zur Sicherheit gleich noch ein Selfie machen. Möglicherweise gehört die (Social-Media-)Welt nur noch Meta und anderen Digital-Hitlern, da sollte man seine Bubble im Trockenen (beziehungsweise Analogen) haben. Am besten wieder Freundschaftsbücher mitbringen auf den Zeltplatz. Mein Ernst!

Transfer
Festivals bedürfen Platz, am besten auch Natur und möglichst keine Anwohner:innen drumherum. Dementsprechend sind viele tolle Open Airs auch jenseits der Metropolen zu finden. Wenn die Menschen nach Jamel, Haldern oder Neustrelitz pilgern, bedeutet das aber auch für das Umfeld etwas. Betten werden belegt, Brötchen verkauft, Taxi-Services genutzt. Festivals pushen gerade auch strukturschwache Regionen.

Utopie
Für mich persönlich der entscheidendste Faktor. Konsequenterweise zitiere ich mich daher auch mal selbst: „Festivals können utopische Orte sein, bieten dir an, dieses andere gemeinsame Zusammenleben einfach mal auszuprobieren. Respektvoll, nachhaltig, aufregend, hedonistisch. Solche Begegnungsstätten sind aktuell wichtiger denn je, wo das gesellschaftliche Klima gerade eher ganz reale dystopische Orte schafft.“

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Was nun?

  • Man kann leider nicht eigenhändig die Indie-Festival-Welt retten. Aber wenn man wartet, dass der Markt alles regelt, dann passiert genau das. Denn der Markt ist ein kommerzieller Widerling, der will, dass sich alles ausschließlich um Geld und beschissene Musik dreht. Schwöre!
  • Auf welchen Festivals wart ihr über die Jahre mal? Besucht doch aktuell mal deren Social-Media-Auftritte. Hinterlasst Likes, Kommentare und vielleicht lacht euch ja was so sehr an, dass ihr dort mal wieder hingehen mögt.
  • Kauft die Tickets im Vorverkauf.
  • Und wenn ihr Tickets habt, postet sie in euren Storys, macht ein wenig Welle. Vergesst nie: Wo ihr seid, da ist die Party. Und das gilt ja wohl erst recht bei einer Open Air Veranstaltung.
  • Der Rest ist Mundpropaganda, erzählt anderen von euren Plänen. Denn Festivals haben ebenfalls die Schwierigkeit, dass ihre Reichweite sie nur mit den eigenen Fans verbinden kann (und wer die ungnädigen Algorithmen kennt, weiß, dass es oft nicht mal dazu reicht). Ihr erreicht noch mal andere Leute, jeder Hinweis hilft – und wenn ihr eh für ein Festival schwärmt, dann tut das öffentlich.
  • Wenn ihr könnt, besorgt euch Soli-Tickets und wenn es noch passt, holt euch Merch der Bands oder des Festivals vor Ort. Tragt es mit Stolz oder verschenkt es mit Herz.

Wir sehen uns irgendwo da draußen. Bis dahin!

Linus Volkmann schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.