Linus Volkmanns Kolumne: Warum wir es lieben, Frauen zu hassen – „Bitch Hunt“ auch im Pop?
Ein Buch, das Finger in die Wunden legt. Tut weh und ergibt Sinn. Linus Volkmann sprach in seiner Kolumne mit Veronika Kracher über „Bitch Hunt“.
Veronika Kracher lebt in Berlin, sie ist Journalistin, Autorin („Incels“), Millennial und hat gerade beim Verbrecher Verlag eines der meist diskutiertesten Sachbücher des Frühjahrs veröffentlicht. Es geht in „Bitch Hunt – warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ vor allem um digitale Kampagnen gegen Frauen. Digitale Kampagnen, die ganz konkret in die analogen Welten der Betroffenen reichen.
Woher der Nährboden dafür stammt, das ist uns eigentlich allen bewusst. Die Epstein Files, der Pelicot-Fall und zuletzt Fernandes vs. Ulmen – bei dem Thema patriarchaler Gewalt handelt es sich um keine gruselige Nische, im Gegenteil. Sie durchzieht, beeinflusst, bestimmt viel eher den gesamten Alltag. Auch der bunte Popbetrieb ist davon nicht ausgenommen. Wie sollte er auch?
Das nehme ich zum Anlass, in dieser Kolumne Veronika Kracher zu Wort kommen zu lassen. Das möge dem herrschenden wie gleichermaßen vergifteten „Diskurs“ einen konstruktiven Beitrag an die Seite geben.

„Sich feministisch zu fühlen, nur weil man beim Joggen mal Ikkimel hört, das reicht noch nicht“ – Ein Gespräch mit Veronika Kracher
Ganz einfache erste Frage, wie geht es dir heute?
VERONIKA KRACHER: Ich kann mich natürlich darüber freuen, dass die erste Auflage von „Bitch Hunt“ bereits nach so kurzer Zeit ausverkauft ist. Trotzdem fühlt sich mein Alltag oft an wie der Filmtitel der aktuellen Thomas-Pynchon-Verfilmung, die zwar amüsant ist, aber den Oscar für den besten Film echt nicht verdient hat: Es ist one battle after another, wenn man eine linke Autorin ist, die sich gegen Antisemitismus positioniert – und dafür auf Social Media immer wieder mit Diffamierungen konfrontiert wird.
Das klingt sehr unbequem. Von Außen habe ich allerdings den Eindruck, es läuft gerade richtig gut bei dir. Die erste Auflage innerhalb eines Monats verkauft und auf der Buchmesse in Leipzig saßt du auf diversen Podien, hattest etliche Lesungen, es gab auch darüber hinaus viel Aufmerksamkeit für „Bitch Hunt“. Erzähl uns doch mal etwas über dieses Buch. Wie kam es dazu?
Zu dem Thema digitale Misogynie arbeite ich jetzt seit über zehn Jahren. Für das konkrete Buch war der Auslöser der Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard. Das führt zurück nach 2022, da wurde diese Auseinandersetzung in Form eines öffentlichen Spektakels und Schauprozesses ausgestrahlt. Das fand statt in Fairfax, Virginia und sah sich von einer gnadenlosen, misogynen Schmierenkampagne begleitet. Ich war damals entsetzt davon, zu sehen, mit welcher Begeisterung sich große Teile der Welt an einer Frau abgearbeitet haben, die letztendlich ein Opfer häuslicher Gewalt ist. Sie sollte von den Anwälten Johnny Depps als Lügnerin und Täterin dargestellt werden – und das fiel auf überaus fruchtbaren Boden. Eine Armada aus Männerrechtlern, Johnny-Depp-Fans und rückgratlosen Influencer:innen, die einfach nur Profit mit generischen Frauenhass machen wollen, klinkten sich ein. Dazu kamen viele Mitläufer:innen, die ihre misogynen Ressentiments endlich nicht mehr länger verbergen mussten. Meiner Betrachtung nach hat dieser Prozess Rape-Culture-Mythen verfestigt und auch die Debatte um häusliche Gewalt um Jahre zurückgeworfen. Das Ganze lässt sich zudem als Backlash gegen die MeToo-Bewegung lesen. Es geht darum, alle Personen, die sich eben gegen diese patriarchale Gewalt zur Wehr setzen, zu bestrafen – und zwar längst nicht nur die Opfer selbst. Das alles soll quasi auch als Warnung für andere gelten, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.
Shelby Lynn fiele mir da ein – und was für ein Stahlgewitter darauf folgte, nachdem sie ihre Erlebnisse von dem Rammstein-Konzert geschildert hatte.
Ja, wir leben in einer Zeit, die permanent Nachrichten von systematischer, patriarchaler Gewalt ausspuckt. Sei es Pelicot, Vergewaltiger-Netzwerke auf Telegram, die Epstein Files … Diese großen Fälle stellen natürlich lediglich bloß die Spitzen dar – in der Alltäglichkeit von geschlechtsspezifischer Gewalt.
Zuletzt hat der Fall Collien Fernandes das Thema wieder sehr emotionalisiert. Wie hast du das gesehen?
Die Zahlen zu Gewalt gegen Frauen steigen seit Jahren kontinuierlich an – und dass über diese Themen dann geredet wird, geredet werden muss, das geht immer auch mit einem krassen Backlash einher. Bei Collien Fernandes und Christian Ulmen ist wieder das gleiche Playbook zur Aufführung gekommen. Wie bei Amber Heard geht es vornehmlich erstmal darum, der Frau Glaubwürdigkeit abzusprechen. In der Folge wird sie diffamiert – sie wird von einem Teil der Öffentlichkeit sogar bedroht, weil sie es gewagt hat, darüber zu sprechen, dass ihr Partner – ein berühmter Mann – ein Täter sein könnte. Um so einen mutmaßlichen Täter reinzuwaschen, muss die betroffene Person als Lügnerin dargestellt werden. Dass dabei vor allem so viele Männer mitmachen, hat vor allem einen Grund: Sie denken, ‚Wenn ein Mann wie zum Beispiel Christian Ulmen Täter sein könnte, dann könnte auch ich einer sein‘ – und das ist etwas, mit dem sich Männer in der Regel nicht gerne beschäftigen wollen.
Das Problem sind Abwehrreflexe?
Ja, und daran wie in unserer Gesellschaft mit Opfern von geschlechtsspezifischer Gewalt umgegangen wird, kann man deutlich ablesen, dass die Scham eben noch nicht die Seite gewechselt hat. Es ist immer noch stigmatisiert, betroffen zu sein. Man sieht bei prominenten Fällen wie den Epstein Files zudem, dass eine Lust am Voyeurismus, am True-Crime-Faktor mehr wiegt als ein sensibler Umgang mit dem eigentlichen Gegenstand – nämlich systematische sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder.
Wir sprechen ja hier für ein Musikmagazin, daher interessiert mich deine Einschätzung, wie du die Verfasstheit der aktuellen Popszene bewertest. Aktuelle Mega-Stars sind in großer Zahl weiblich: Taylor Swift, Rosalia Olivia Rodrigo, Billie Eilish …
… ich würde da auch noch jemand wie Kim Petras reinnehmen, Kim macht als trans Person inzwischen so eine Welle in der Popmusik, das ist einfach richtig fucking cool. Wendy Carlos würde stolz auf sie sein!
Du würdest also für eine emanzipative Kraft von Pop sprechen?
Ich würde eher sagen, dass Popkultur immer etwas Ambivalentes ist. Wir müssen uns hier vor Augen halten, dass es stark um eine Vermarktbarkeit von Acts geht – und gerade bei weiblichen Artists ist Vermarktbarkeit an eine Performance von Weiblichkeit gekoppelt und erschafft eine starke Objektifizierung. Was mir auffällt im Pop, wie sehr man es hier mit Doppelstandards zu tun hat. Die Betrachtung von weiblichen oder nicht-binären Künstler:innen unterscheidet sich meiner Einschätzung nach deutlich von der männlicher Artists. Ein gutes aktuelles Beispiel ist der Umgang mit der lesbischen Musikerin Chappell Roan. Letztens wurde von einem brasilianischen Fußballspieler behauptet, sie hätte ihren Security Guard auf sein Kind in einem Hotel gehetzt, weil es sie beim Frühstück gestört hätte. Das wurde von einem digitalen Mob sofort geglaubt, übernommen und weiterverbreitet. Dabei spielte es eine Rolle, dass sie nicht nur eine Frau ist, sondern eine Lesbe, die es immer schon mal gewagt hat, Grenzen zu setzen. Das stellt heute noch ein No-Go dar für eine Frau, die in der Öffentlichkeit steht. Als sich dann herausgestellt hat, dass die Geschichte sich in der behaupteten Form so nicht zugetragen hat, war der PR-Schaden natürlich schon angerichtet. Das ist etwas, das ich auch in meinem Buch ausführe, wie viel sadistische Freude im Spiel ist, wenn es gegen Frauen auf einem gewissen Erfolgslevel geht. Hier wird jeder vermeintliche Fehltritt noch unter dem Mikroskop seziert. Das ist etwas, was bei männlichen Künstlern nicht der Fall ist. Als Frau kannst du dafür gecancelt werden, nicht genug zu lächeln und als Mann stehst du immer noch auf Bühnen, auch wenn du Lieder hast, in denen du Hitler glorifiziert oder wenn es Vorwürfe der Vergewaltigung gegen dich gibt. Das ist ein Doppelstandard, der im patriarchalen Kapitalismus immer wieder auftaucht.
Wie stehst du zu aktuellen female Acts, die sehr offensiv Körperlichkeit und Sexualität zum Thema machen?
Das halte ich für eine coole Entwicklung. Weibliche selbst bestimmte Lust, die es dabei noch wagt, polemisch zu sein. Ikkimel und der ganze Fotzenrap wirbeln da sehr viel Staub auf. Auch wenn ich als Millennial feststellen muss, dass ich mich hier manchmal schon zu alt fühle. Nichtsdestotrotz stellt das für viele ganz junge Frauen und Queers eine zeitgemäße Form von Empowerment dar. Aber hier sollte man auch ergänzen, dass es wichtig ist, dieses Empowerment nicht nur in einem bloßen Konsum zu belassen. Sich einfach irgendwie feministisch zu fühlen, nur weil man beim Joggen mal Ikkimel hört, das reicht nicht. Das sollte dann auch in konkrete feministische Praxis übersetzt werden.
Veronika, danke dir für das Gespräch.

Die nächsten Veranstaltungstermine von Veronika Kracher:
- 19.04. Dresden, Buchhandlung König Kurt
- 21.04. Mainz, DGB-Haus
- 28.04. Wien (Vortrag „It’s just not boys’ fun – Zum Geschlechterverhältnis in der radikalen Linken“)
- 30.04. Tübingen Universität
- 20.05. Frankfurt/Main, Café KoZ
- 28.05. Jena, Buchhandlung Jena-Süd
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.








