Jan Müller übers Rauchen: Reflektor-Kolumne über Sucht und Musik

Jan Müller blickt in seiner Reflektor-Kolumne auf seine Raucherzeit zurück – und auf die Zigarettenkultur der Hamburger Szene der 90er.

Achtung, Triggerwarnung: The Cigarettes, Fluppe, Die Cigaretten und Rauchen. Es ist nicht so, dass es keine Verbindung zwischen dem Rauchen und der Musik gibt – das schlägt sich mitunter auch in Bandnamen nieder, wie die eben erwähnten Beispiele beweisen. Die bekannteste Band mit Tabak im Bandnamen sind zweifellos Cigarettes After Sex. Die Tatsache, dass sie mit ihrem schönen Dream Pop so derart erfolgreich sind, lässt mich hoffen, dass die Welt doch noch nicht gänzlich verloren ist.

Im Song „Holding You, Holding Me“ singt Greg Gonzales: „Give me just a little more, just a little more, just a little more to calm me.“ Genau das dachte ich seinerzeit bei jedem einzelnen Zug, den ich aus meinen Zigaretten saugte. Ich bin heilfroh, dass ich schon vor über 20 Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe. Es waren nur zehn Jahre, die ich dem Tabak aktiv verfallen war. In dieser Zeit habe ich es allerdings reichlich übertrieben: vor dem Frühstück, während des Essens, nach dem Sex, vor dem Sex – und währenddessen.

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Erst peinlich, dann provozierend – oder doch anpassend?

Nein, Letzteres war nur Spaß. Spaß war es im Grunde auch, mit dem Rauchen anzufangen. Als Teenager fand ich Rauchen bescheuert – was es ja auch ist. In der kleinen Hamburger DIY- und Hardcorepunk-Szene, in der ich mich rumtrieb, galt das Rauchen als peinlich. Kurz nach der Gründung von Tocotronic sollte sich meine Haltung allerdings ändern. „Ich rauche jetzt schon“, sagte Arne eines Tages zu mir und blickte mich mit Zigarette in der Hand streng an. Das fand ich dermaßen witzig, dass ich mir nicht etwa eine Zigarette schnorrte, sondern gleich eine ganze Packung selbst kaufte – „Marlboro“ natürlich, aus Provokationsgründen.

In Wirklichkeit war es vermutlich ein Akt der Anpassung oder gar Unterwerfung, mit dem Rauchen anzufangen. Denn in der Hamburger Underground-Musikszene der 90er-Jahre rauchten alle. Die Second-Hand-Anzugträger der Goldenen Zitronen, Les Robespierres etc. rauchten „Eckstein“ oder ähnlich kuriose Arbeitermarken. Bei den Ostfriesen vom Neuen Brot und Jungen Montag waren eher „Ernte 23“ und „HB“ angesagt. Myriam Brüger von Lado rauchte „West“, Jochen Distelmeyer: „Lucky Strike“ ohne Filter. Bernd Begemann sah man ab und zu mit Zigarillo.

Rauchen ja, kiffen eher nicht

Erfreulicherweise hat in dieser Szene kaum einer gekifft. Einige Zigarettenautomaten auf St. Pauli waren tatsächlich mit Packungen der Marke „Gold Dollar“ bestückt – die fand ich damals gar nicht übel. Manchmal vergaß ich sogar für einen Moment, wie lächerlich es ist zu glauben, man könne sich über eine Zigarettenmarke Identität verschaffen.

Eigentlich wollte ich recht bald wieder aufhören zu rauchen, merkte jedoch, dass ich abhängig war. Für mich kein Spaß. Ein paar Jahre zuvor war mein Bruder an Krebs gestorben. Es war eine meiner dümmsten Ideen gewesen, aus ironischen Gründen Raucher zu werden. Unbewusst wird es für mich gewiss noch weitere Gründe gegeben haben. Schließlich geht es beim Rauchen darum, sich einer schädlichen und vollkommen sinnlosen Sache hinzugeben – die Gründe dafür können nur selten positiv sein.

Beeindruckend bis kurios

Serge Gainsbourg, Marlene Dietrich und Marianne Faithfull sahen rauchend beeindruckend aus. Hans Fallada soll 150 Zigaretten am Tag geraucht haben. Jonathan Richman hingegen galt damals als kurios, weil er bei seinen Konzerten das Rauchen untersagte. Das Aufhören wurde uns schwergemacht, weil man fast überall rauchen durfte: im Club, im Taxi, im Restaurant, im Zug, im Flugzeug (manchmal) und bei fast allen Leuten zu Hause. Sogar im „Oase“-Kino auf der Reeperbahn durfte man rauchen.

Wenigstens habe ich mir nie bei einem Konzert meiner Band eine Zigarette an den Hals meines Basses geklemmt – das war mir dann doch zu peinlich. Aber ich habe auch weitergeraucht, wenn ich krank war. Erst eine schwere Grippe brachte mich dazu, das Rauchen aufzugeben. Diese Formulierung finde ich schön: Ich habe aufgegeben, vielleicht sogar kapituliert. Stolz bin ich nicht, mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Einen Moral-Apostel hat es aus mir aber nicht gemacht.

Meine rauchenden Freund:innen liebe ich ganz besonders – am meisten, wenn sie rauchen. Toll sehen sie dann aus. Trotzdem hoffe ich, dass sie bald aufhören: Ich will, dass sie noch lange gesund bleiben. Aber sie dazu drängen? Niemals!

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