Phat Penguin: Vienna Calling … again!
Ein Déjà-vu, aber ein angenehmes: Die beste deutschsprachige Gitarrenmusik kommt aktuell aus Wien. Genauer: vom Label Phat Penguin, das sich irgendwo zwischen Postpunk, Indie-Rock und Pop ein Haus mit vielen Zimmern gebaut hat. Grund genug für einen Besuch in der österreichischen Hauptstadt.
Selbst als Besucher aus der Ferne bemerkt man es schnell: Mitglieder der Bands The Leftovers, Julia Effekt, Anda Morts, Salò und Buntspecht füllen das Gasthaus Wolf mit seinen Resopaltischen – auf denen kurz zuvor Beuschel, Hirn und ähnliche Spezialitäten standen –, dazu sehr gute Biere, Pastis und Schnäpse, und führen die Diskussionen draußen weiter. Beglückend ist das, weil es eines zeigt: Die Musiker:innen, die hier als Abordnungen ihrer Gruppen sitzen, sind nicht nur alle bei Phat Penguin unter Vertrag. Sie sind, zumindest an diesem Abend, eine Gang.
Und: Sie singen in erster Linie auf Deutsch. Nicht auf Wienerisch – das ist ein Unterschied. Eint sie der Umgang mit der Sprache? Anda Morts muss es wissen; er ist der versierteste Geschichtenerzähler auf dem Label. „Der Balkan beginnt kurz hinter Passau“, sagt der Songwriter, der der gleichnamigen Band vorsteht, und fügt an, dass man das schon immer hören würde. In den Songs der Großen, von Wolfgang Ambros, Ludwig Hirsch und Georg Danzer. Aber auch in denen, die er und seine Labelfreunde aufnehmen. Dabei haben die mit dem Sound genannter Altvorderen nicht viel zu tun – Anda Morts ist da selbst das beste Beispiel.
Er spielte vor einigen Monaten als Support von Element Of Crime in der Wiener Philharmonie. Als ihn eine Radio-Eins-Moderatorin vor dem Konzert fragte, ob er sich in der „Punker-Schublade“ gut aufgehoben fühle, antwortete er mit einem „Nee“. Auf die Frage, was er denn für Musik spielen würde, antwortete er freundlich: „Schon eher Punk.“
Morts veröffentlichte 2025 sein Debütalbum ANS. Darauf finden sich Songs, die von ihrer Unmittelbarkeit leben; ob sie Punk sind, bleibt angenehm unklar. Der Nachfolger ist in der Mache, der Produzent: Sven Regener.
Offener Klang statt Heimatkunde
Wo die letzte Generation an deutschsprachigen Bands aus Österreich sehr dezidiert an der eigenen Geschichte andockte, ist der Klang der meisten Acts auf Phat Penguin offener. Man hört bei den meisten, wo sie herkommen – das kann man feiern. Aber sie alle berühren auch dann, wenn einem Wiener Schmäh und Artverwandtes völlig egal sind. Das ist sicher einer der Gründe, warum sie in den letzten Jahren auch in Deutschland auf sich aufmerksam machen konnten. Egal, in welchem Bereich von Indie-Rock man unterwegs war: Irgendein Phat-Penguin-Act dürfte einem begegnet sein.
Punk mit Fußnoten
Da sind zum Beispiel die Leftovers. Sie gewannen 2024 ihren ersten Amadeus Award – das ist der österreichische Grammy – in der Kategorie „Hard & Heavy“, verkauften die Wiener Arena aus und spielten zuletzt als Wanda-Support. Ab Juni sind sie mit den Toten Hosen auf deren „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour unterwegs.
Das passt auf den ersten Blick gut, denn wie Campino und die seinen scheint Alkohol eine zentrale Rolle im Werk der Band zu spielen: „Zwei Bier (La La La)“ heißt einer der Songs auf dem dritten, aktuellen Album ES KANN SEIN DASS ALLES ENDET. Was Look and Feel angeht, mögen die Leftovers eine klassische Punkband sein. Hört man genauer hin, ist diese Genreeinordnung jedoch vorschnell: Denn tiefhängende Grunge- und Alternative-Rock-Gitarren mit 1990er-Schlagseite sind ebenso Teil des Stilmixes – also die Musik ihrer Elterngeneration. Bemüht man dennoch die Deutschpunk-Schublade, dockt die Band eher am widerborstigen Weltschmerz der Boxhamsters an als an den Toten Hosen.
Verwirrenderweise spielt im Kosmos der Band aber auch noch ganz andere Musik eine Rolle: Bassistin Anna Grob führt Ende April in Wien ihre erste Rockoper „Circle of Light“ auf.
Support für die Leftovers auf ihrer letzten Deutschlandtour waren wiederum Julia Effekt. Beim jüngsten Signing des Labels hält das Austropop-Papperl am schlechtesten – der Grund ist einfach: Sänger Konstantin Mues-Boeuf kommt aus Karlsruhe und ist halber Franzose. Was der Band an Wien gefällt: Die Stadt verfügt über eine musikalische Szene, die man so in Deutschland nicht finden würde. „Als wir unser erstes Konzert im B72 spielten, waren 150 Leute da“, sagt Ana-Maria Herzog, die ebenfalls aus Deutschland stammt und in der Band den Bass bedient. „Und es gibt in Wien gerade viele Bands, die interessant sind!“ VENT!L führt sie an – mit ihrem kühlschrankkalten, aber kraftvollen Sound irgendwo zwischen Wave und Postpunk sind sie tatsächlich eine Entdeckung. Auf dem „St. Marx für immer“-Festival auf einem Freiraum im gleichnamigen Stadtteil habe man neulich Glut gesehen, die seien auch toll gewesen.
Buntspecht sind schließlich die Odd Ones Out – das zeigt schon ihre Discogs-Beschreibung. IndiePopFolkSwing steht da; das letzte Album, KONSTRUKT 5, wird zudem mit den Begriffen Bossa Nova, Gipsy Jazz, Klezmer, World und Country verschlagwortet. „Es sind unsere Fleetwood Mac“, wird Hannes Eder vom Label am nächsten Tag sagen. Die Band umweht etwas Gauklerhaftes, aus ihren Songs fließt eine sehr analoge Energie, die lustvoll Umwege verfolgt. Der Jam ist erlaubt, die Rätselhaftigkeit, das große Gefühl – das gar nicht unbedingt benannt werden muss. Diese Band verströmt eine Melancholie, die am ehesten mit der von Element Of Crime vergleichbar ist. Wobei dieser Vergleich spätestens dann scheitert, wenn man die neue Single „Probably“ anhört: Die ist nicht nur der erste von der neuen Cellistin Antonia Luksch geschriebene Song, sondern auch auf Englisch gehalten.
Man meint, die Ahnenlinie herauszuhören
Der Katerspaziergang am Morgen führt unter anderem an einem Haus vorbei, das eine Gedenktafel schmückt. Die besagt: Hier lebte Falco, schrieb seinen Welthit „Der Kommissar“. Ein gutes Viertel für das Büro einer Plattenfirma. Phat Penguin ist das Label von Hannes Eder und Benjamin Brüst. Eder war viele Jahre lang CEO von Universal Österreich, auch Brüst kommt vom Major – wobei diese Information in die Irre führt: Eders Vergangenheit liegt auch im Punk. Er weiß um in Deutschland völlig unbekannte Bands aus den 1970er- und 1980er-Jahren wie Willi Warma, Intimspray oder Die Böslinge, erzählt von Konzerten in Lost Places und besetzten Häusern und von der „graubraunen, fucked-up Nachkriegsstadt“, die Wien damals war. Gerade bei Anda Morts und den Leftovers meint man diese Ahnenlinie herauszuhören – vielleicht auch, weil bei Letzteren Eders Sohn Leon trommelt.
Die Geburtsstunde von Phat Penguin liegt im Jahr 2017. „Wir haben uns angeschaut, was gerade am Markt unterwegs war“, sagt Brüst. „Haben uns YouTube-Videos hin- und hergeschickt, noch unentdeckte Musik. Eigentlich wollten wir nur Management machen, bemerkten dann aber schnell, dass unser Herz labelmäßig programmiert ist. Und wir haben auch bald gemerkt, dass wir gar nicht wussten, zu welchem Label wir mit unseren jungen Künstlern überhaupt gehen sollten!“ Den deutschen Markt hatten sie von Anfang an im Fokus: „In Österreich kannst du von der Musik leben, wenn du Seiler und Speer bist. Aber wenn du Musik jenseits des Mainstreams machst, musst du den deutschen Markt beackern – oder erobern, das ist noch besser.“
Deswegen sei ein weiterer Gesichtspunkt wichtig, so Eder: „Uns war von Anfang an klar: Wir nehmen keine Bands unter Vertrag, die gute Livebands sind. Wir nehmen nur Bands unter Vertrag, die scheißgute Livebands sind. Die uns selbst nach 50 Shows nicht langweilen.“ Brüst fügt an: „Wir versuchen, bei den Bands etwas zu entdecken, das sehr eigen ist. Und darum versuchen wir dann etwas zu bauen.“ Bauen bedeutet etwa, dass Buntspecht auf den letzten Touren in Clubs wie dem Münchner Milla spielten – jetzt ist es die Muffathalle. Anda Morts hingegen spielt zweimal hintereinander im Berliner SO36.
Salò: Rockstar-Phänotyp
Ein paar Stunden später schneit Salò herein. In Deutschland ist er der bekannteste Act des Labels – und ein neues Signing. Zwei Alben erschienen zuvor bei Universal; dazu kamen unter anderem Features mit Ikkimel und Mia Morgan.
Salò entspricht aus dem gesamten Labelportfolio am ehesten dem Phänotyp des Rockstars. Er füllt den Raum, wirkt selbstbewusst, aber nicht mackerhaft. Er sagt Sätze wie: „Meine Musik mache ich für mich selbst. Ich find nix so geil wie meine eigenen Songs.“ Man sieht es ihm nach. Würde man auf einer Bergwanderung einem angriffslustigen Bären begegnen, hätte man gerne Salò dabei – auch wenn unklar ist, ob er den Bären verhauen oder mit ein paar freundlichen Sätzen dazu überreden würde, lieber einen Topf Honig auszulecken.
Salò war schon recht viel unterwegs – weil er von Anfang an von seiner Musik lebt. Die früheste Lieblingsband war Tic Tac Toe, das erste von eigenem Geld gekaufte Album war PUNKROCK von den Goldenen Zitronen; weitere Säulenheilige der Jugend sind NOFX und die Dead Kennedys. All das findet sich im Klang, wenn auch auf verschiedenen Alben. Wo er in den Anfangsjahren noch als Vertreter der Neuen Neuen Deutschen Welle durchging, krempelte er den Sound bald zu ruppigem Punk um.
Das neue Album HARDCORE geht diesen Schritt konsequent weiter. Zentral ist dabei ein neuer Gitarrist, der sich Johnny from The Rotten nennt und mit selbstgebauten Effekten operiert. Dass ein Song „ROTTEN.COM“ betitelt wurde, sei, so Salò, ein Zufall und habe nichts mit der Personalie zu tun. Vielmehr ist der Track eine Reflexion darauf, wie man früher für Schockinhalte eine spezielle Website besuchte – und wie diese einem heute nonstop ausgespielt werden. „Ich weiß nicht, was schlimmer ist“, sagt er. „Dass du mit all diesen Bildern bombardiert wirst oder dass du sie wegswipst wie in einer App – für Palestine oder für Israel!“
Erst nach dem Interview wurde der Schreiber dieser Zeilen darauf aufmerksam gemacht, dass Salò sich im letzten Jahr in den sozialen Medien deftige Kritik anhören musste, weil er Teil des Line-ups eines Solidaritätskonzerts für Palästina war. Das wiederum wurde angesetzt, als ein Auftritt der Band Kneecap in Wien auf Druck unter anderem der FPÖ abgesagt wurde, nachdem bekannt geworden war, dass die Nordiren auf einem ihrer Konzerte mit einer Hisbollah-Fahne herumgewedelt hatten. Die Macher:innen distanzierten sich zwar von der Terrororganisation, aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Der gesamte Diskurs war ein Lehrstück darüber, warum sich politische Diskussionen nicht auf Instagramkacheln führen lassen.
Gefangen in der Ironie
„Ich bin gefangen in der Ironie. Ich kann ohne ironische Distanz über gar nichts reden“, sagt Salò. Zu dieser Distanz kommt eine Liebe zur Popkultur und deren postmoderne Verwurstung in all ihren Facetten – nachzuhören in „Jello Biafra“, das sich auf „Lynch Your Landlord“ von den Dead Kennedys bezieht, in „Ich will dein Hündchen sein“ oder in „Richard Lugners Frau“. Dieser Song ist auf dem Album insofern eine Ausnahme, als er einem Theaterstück entstammt: Salò sind die Band in Stefanie Sargnagels „Opernball“. Richard Lugner, so sagt Salò, wäre ein zu einfaches Opfer gewesen. „Aber das Konzept dieser nach Tieren benannten Frauen fand ich immer interessant“, sagt er.
Der Fundus an Themen scheint in dem Land unerschöpflich – ein Glücksfall für Künstler:innen, oder? Salò lacht. „Absolut. Österreich ist eine Bananenrepublik. Es ist klein, und deswegen gibt es diese Freunderlwirtschaft“, erklärt er. „So etwas Komödiantisches wie die Ibiza-Affäre könnte ich mir in Deutschland nicht vorstellen.“ Das gehe Hand in Hand mit einem originelleren Sprachgebrauch. „Ich finde generell Österreicher etwas lustiger. Ich merke, dass ich mich im Gespräch mit Deutschen manchmal etwas anpasse. Das ist wie eine Fremdsprache, man reguliert sich ein bisschen – vor allem mit der Morbidität.“
Es ist Nachmittag geworden, und man kehrt ins nahe Café Rüdigerhof ein – einem der Hangouts des Labels. Am Nachbartisch sitzt ein älteres Paar aus der Schweiz: Er ist Bildhauer, sie ebenfalls aus der Branche, wie man später erfährt. Ohne große Scheu hören sie dem Mittagsgespräch zu. Bevor sie das Lokal verlassen, suchen sie das Gespräch. Das Wirkprinzip moderner Unterhaltungsmusik scheint ihnen fremd zu sein; unter anderem fragen sie Hannes Eder, ob die Acts denn bei Konzerten den Hut rumgehen lassen würden. Eder lächelt höflich: Nein, den Hut lasse man nicht herumgehen. Man verlange schon Eintritt für die Konzerte.
Schön, dass so viele bezahlen.
Fünf Acts, fünf Songs
Five Fast Hits aus dem Angebot von Phat Penguin
BUNTSPECHT – „Way Down Alley“
„Wer braucht schon Songs in Major, wir ha’m doch Songs in Moll“, heißt es zu schleichenden Streichern. Wie gut, dass das nur die halbe Wahrheit ist: Die Melancholie des Sextetts wird immer auch positiv abgefedert.
ANDA MORTS – „Freitag“
So energetisch wie gescheit: „Freitag“ ist das Love Child von Vicki Vomits „Arbeitslos und Spaß dabei“ und dem Post-Mod-Sound des großen Schweizer Punk-Poeten Guz.
SALÒ – „Jello Biafra“
„Miete wird nicht teurer / Miete wird teurer gemacht“: Zu einem kaputten Glamrock-Riff knurrt Salò bissbereit den Kapitalismus an und huldigt gleichzeitig den Dead Kennedys und ihrem „Let’s Lynch The Landlord“.
JULIA EFFEKT – „Nachtparkett“
Die dunklen Gräf:innen des Labels. Dark Wave, Postpunk und eine Schippe Pathos – als wären Killing Joke zugleich im 5. Bezirk zu Hause und Pariser Situationisten.
LEFTOVERS – „Absturz“
Ein kleines Gitarrenmotiv, umso größer in Szene gesetzt. Hingeschnodderte Textzeilen wie „Ich mach jetzt einen Handstand. Ich kann noch immer keinen Handstand“. Dann Krach. Die Leftovers packen ihre Essenz in diese drei Minuten.






